Mag 22-05 No/Name - Kolumne

Zukunft der SAP

NoName
Game changer
Geschrieben von no-name

SAP-Chef Christian Klein bemüht sich redlich. Er hat viele Baustellen beseitigt. Er hat reorganisiert und einen neuen Führungsstil etabliert. Aber umfassender Erfolg und eine klare Strategie fehlen noch immer. Professor Hasso Plattner wird ungeduldig.

Ich hatte die Möglichkeit, ein paar Tage mit SAP-Executives zu verbringen, und musste feststellen, dass trotz nachweislicher Erfolge eine große Unsicherheit und Nervosität auf der SAP-Führungsebene herrscht.

Natürlich hat der geplante Weggang von Finanzvorstand Luka Mucic einige SAP-Pläne durchkreuzt, wenn nicht sogar zerstört. In der fünfzigjährigen Geschichte von SAP ist Mucic erst der dritte CFO. Diese Kontinuität sucht man in anderen Vorstandsbereichen vergeblich. Die meisten SAP-Vorstandsposten haben schon fast eine zweistellige Fluktuation.

Wirklich kommentieren wollte keiner meiner Gesprächspartner diesen für viele überraschenden Abgang. Natürlich wissen alle Beteiligten, dass Professor Hasso Plattner sehr unglücklich mit dem aktuellen SAP-Börsenkurs ist und seinen Unmut auch bei den Aufsichtsratssitzungen immer wieder zur Sprache bringt. Plattners Kritik mag richtig sein, denn es ist offensichtlich, dass der niedrige Aktienkurs nicht nur der aktuellen Weltlage geschuldet ist. Hier trägt SAP viel Eigenschuld und Eigenverantwortung. Dieser Umstand braucht ein Bauernopfer. Natürlich kann es auch sein, dass SAP und Luka Mucic sich einfach und simpel auseinandergelebt haben – soll auch in vielen Ehen vorkommen.

Christian Klein und Luka Mucic haben in der Vergangenheit immer wieder einen höheren Aktienkurs aufgrund der Erfolge von SAP eingefordert. Es mag sein, dass hier viele Finanzanalysten mit zweierlei Maß hantiert haben: Wäre SAP mit seinem Cloud-Angebot ein Start-up, könnte der Aktienkurs eventuell doppelt so hoch sein. Was SAP in jedem Fall zur Last gelegt werden muss, ist die sehr rudimentäre und mangelhafte Kommunikation. Gibt es für die Zukunft der SAP ein beeindruckendes Narrativ? Gibt es eine nachvollziehbare Strategie? Storytelling reduziert sich bei SAP auf drei Begriffe: Hana, S/4 und Rise.

Ich konnte bei meinen Gesprächen somit vernehmen, dass trotz aller zurückliegenden Erfolge Professor Plattner wenig zum Feiern zumute ist. Es hat in Hamburg in der Elbphilharmonie ein 50-Jahre-Fest gegeben und eine weitere Veranstaltung soll es in der SAP-Arena geben. Zum Ende seiner Amtszeit im SAP-Aufsichtsrat will er sich noch einmal für zwei Jahre zum Vorsitzenden wählen lassen. Implodiert ihm seine SAP? Der Finanzvorstand verlässt das (sinkende) Schiff, sein geplanter Nachfolger (Gerd Oswald) wird aller Wahrscheinlichkeit als Aufsichtsratsvorsitzender nicht zur Verfügung stehen, SAP hat eine schlechte Kommunikation, kein Narrativ, kein Storytelling für die Finanzanalysten und keine Produktstrategie für jenseits von Hana und S/4.

Bei meinen aktuellen Gesprächen klang es fast schon wie eine Entschuldigung: Aber wir haben versprochen, dass S/4 bis 2040 in der Wartung bleibt. Das ist eventuell eine schöne Botschaft für die vielen SAP-Bestandskunden, die erst jenseits von 2030 ihre S/4-Conversion abgeschlossen haben. Aber es ist keine Hilfe für mich. Ich muss in den kommenden drei Jahren für den eigenen Vorstand ein ERP-Zukunftskonzept erarbeiten – deswegen war ich auch für ein paar Tage mit SAP-Executives zusammen. Ich wollte Informationen über ein S/5, S/6 und S/7 bekommen und endlich erfahren, wie es mit Hana weitergehen kann, denn an ein Hana 3, wie Chefredakteur Färbinger, glaube ich schon lang nicht mehr.

In die verzweifelte Situation von Hasso Plattner kann ich mich nun gut hineinversetzen: Ich spürte die Sprachlosigkeit, das Fehlen eines Narrativs und die Orientierungslosigkeit. Alle meine Gesprächspartner waren bemüht und engagiert. Sie erschienen aber gleichzeitig überfordert und hilflos gegenüber einem niedrigen Aktienkurs, dem fortlaufenden Verlust von CRM-Marktanteilen an Salesforce und die Cloud-Bedrohung durch ServiceNow, Workday, Google und viele andere mehr.

Es muss auch gesagt werden, dass SAP viele strategische Fehler machte: Celonis fallen zu lassen und auf Signavio zu setzen, das mithilfe von Professor Scheer gerettet werden soll, ist keine Glanzleistung vom Rise-Erfinder Christian Klein. Und nicht einmal Rise bekommt SAP zum Fliegen. Die Nervosität und Unzufriedenheit haben also ihre Gründe. Das Ergebnis meines Besuchs war also nicht das Wappnen mit neuen Argumenten, sondern die Erkenntnis, dass die Zukunft von SAP momentan sehr diffus erscheint.

Über den Autor

no-name

Unser geheimnisvoller, anonymer Kolumnist.

1 Kommentar

  • Das ist wirklich sehr bitter. Ich habe viele Jahre für SAP gearbeitet – früher ein tolles Unternehmen mit schöner Kultur und klarer Vision. Heute intern wie extern sehr diffus unterwegs. Keine Produktstrategie oder Vision erkennbar, viele gebrochene Versprechen, dauernde Führungswechsel und in meinen Augen wandelt sich die Kultur immer mehr ins toxische, während extern ein Diversitäts- und New Work-Feuerwerk abgefackelt wird. Alles gut und wichtig, aber ohne ein gutes Produkt ist es vergebens. Ich habe meinen Glauben mittlerweile verloren.

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