Editorial Mag 22-03

Zerschlagt SAP

Editorial
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Die Integration in Form einer SAP-Funktion „Zurück zum Standard“ wird es nicht geben. Die R/3-Zeiten mit einer Datenbank und vielen App-Servern sind vorbei. Das dreistufige Client/Server-Modell ist tot.

SAP hat sich nie vom hierarchischen, streng formalen, dreistufigen Client/Server-Model eines R/3 mit AnyDB und AnyOS verabschiedet, obwohl zahlreiche Applikationen zugekauft wurden und dadurch aus der ERP-Hierarchie ein Netzwerk entstand. Dieses Netzwerk aus Cloud- und On-prem-Applikationen will SAP einfangen und in ein hierarchisches System auf der Hana-Datenbankplattform integrieren.

Die Integration ist mit viel Aufwand, Schweiß und Blut fast geglückt, aber eben nur fast. Marktbeobachter, die das Treiben von SAP-Chef Christian Klein, seinem Technikvorstand Jürgen Müller und Applikationsvorstand Thomas Saueressig mit viel Wohlwollen beobachten, werden immer skeptischer: Die Dynamik der digitalen Transformation lässt den berechtigten Integrationswunsch verblassen. 

Das Bemühen um Integration ist eine Sisyphusarbeit: Kaum ist Anwendung A mit B integriert, kommt Cloud C ums Eck und der ganze Vorgang beginnt von Neuem. Eine Microservices-Architektur und eine Container-Verwaltung sind von Beginn an darauf ausgelegt, alles zu integrieren – komme, was da wolle! Und es werden noch viele Innovationen die SAP-Community treffen.

SAP-Chef Christian Klein ist sehr bemüht und betont immer wieder seine Erfolge bei der Konsolidierung der zahlreichen Cloudsysteme, die sein Vorgänger, Bill McDermott, angeschafft hat. Vorrangig geht es naturgemäß um die Integration der vielen Cloudzukäufe. Jede App hat ihre Berechtigung. In der SAP-ERP-Welt haben sie aber nur Bedeutung, wenn ihnen ein gemeinsames Datenmodell zugrunde liegt. Die Integration wäre letztendlich der Mehrwert durch SAP.

Das dominierende Thema der vergangenen Jahre war für die drei Vorstände Christian Klein, Jürgen Müller und Thomas Saueressig die Integration der SAP’schen Innovation auf einen gemeinsamen Standard. Das Vorhaben ist weit gediehen und zeigt mittelmäßige Erfolge, dennoch muss die Frage gestattet sein: Ist es noch zeitgemäß? Die Informatik selbst beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Microservices und Containern, um große monolithische IT-Architekturen verwaltbar zu gestalten.

Letztendlich geht es um das Management von komplexen ERP-Landschaften. Die digitale Transformation erweitert das Themenspektrum kontinuierlich, sodass zu befürchten ist, Klein, Müller und Saueressig kommen mit ihren Bemühungen für eine finale Integration zu spät. Schon werden erste Rufe laut: Zerschlagt SAP! Damit ist nicht der Konzern selbst gemeint, sondern seine ERP-Architektur. 

Naturgemäß gleicht es einer Herkulesaufgabe, den Monolithen S/4 zu zerschlagen – aber es muss nicht unbedingt sofort geschehen und in einer revolutionären und radikalen Art. SAP könnte Hana und S/4 auch zurückbauen, filetieren und portionieren. Daraus könnte ab 2030 ein S/5 auf Basis von AnyDB inklusive Hana entstehen. Warum nicht S/5-Container auf Basis einer Graph-Datenbank mit einer dezentralen Blockchain-Struktur?

Zerschlagt SAP, um es noch besser neu aufzubauen – klingt verrückt und ist es wahrscheinlich auch. Aber Christian Klein, Jürgen Müller und Thomas Saueressig sind jung genug, um diese Herkulesaufgabe sowohl zeitlich als auch intellektuell zu stemmen! In den vergangenen Jahren haben sich einige Konzerne neu erfunden. Wenn es nicht SAP macht, werden es Start-ups machen. Celonis aus München könnte aus dem Wissen um Process -Mining eine neue ERP-Generation mit Machine Learning und verteilten Datenbanken (siehe Blockchain) schaffen.

Hat nicht einst der kleinere Autoproduzent Porsche versucht, den großen VW-Konzern zu übernehmen? Der Vergleich ist nicht seriös, weil im Hintergrund bei beiden Konzernen die Piëchs und Porsches die Fäden in der Hand hielten. Aber vorstellbar ist, dass der SAP-Aktienkurs weiter sinkt und Celonis seinen Erfolgslauf beibehält. 2030 heißt dann die Schlagzeile: Celonis kauft SAP! Also kurz vor dem Finale, wenn endgültig alle SAP-Bestandskunden das Hana-Customizing und die S/4- Conversion hinter sich haben, verliert SAP seine Eigenständigkeit.

Anfang dieses Jahres war SAP inklusive des Anwendervereins DSAG sehr verstimmt bezüglich der Majestätsbeleidigung: Wie zeitgemäß ist S/4? Wie kann es das E-3 Magazin wagen, Hana und S/4 hinsichtlich des zeitgemäßen Nutzens und der Innovation infrage zu stellen? Was beide Institutionen übersehen haben: Ob S/4 noch zeitgemäß ist, stellt sich weniger zu Beginn des Customizings als dann beim Produktivsetzen in einigen Jahren.

Der aktuelle Stand der S/4-Technik auf Basis einer In-memory-Computing-Datenbank und Cloudfunktionalität ist robust und ausreichend. Auf der grünen Wiese lässt sich S/4 Hana schnell, effizient und erfolgreich customizen.

In ein paar Jahren dürfte die S/4- und Hana-Technik nicht mehr zeitgemäß sein. Zerschlagt SAP, damit die SAP-Bestandskunden eine Zukunft haben. Der ERP-König ist tot, es lebe der ERP-König. Aus aktueller Sicht wären Microservices, Container, Blockchain und Machine Learning eine Antwort – noch wichtiger ist, dass Christian Klein mit seinen Vorständen die Beharrung aufgibt und mit einer ergebnisoffenen ERP-Diskussion beginnt: Ähnlich wie es einst Professor Hasso Plattner am HPI in Potsdam vorführte, woraus dann vor vielen Jahren Hana und in der Folge S/4 entstanden.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
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