Infrastruktur MAG 1512

Wozu S/4-Add-ons?

2015

Prozess- und branchenspezifisch ist es oft sinnvoll, SAP-Produkte durch zusätzliche Funktionen und Oberflächen für die Produktionslogistik zu erweitern. Hier werden erste Erfahrungen beschrieben, dass man S/4 Hana um spezielle Planungsfunktionen erweitern kann.

SAP-Partner verfolgen sehr aufmerksam die Entwicklung von S/4 Hana. Dabei prüfen sie, ob sich vorhandene Partnerlösungen anbinden lassen. In diesem Kontext hat ein sechsköpfiges Team das Produkt S/4 in einer virtuellen Umgebung direkt nach Verfügbarkeit installiert und eine eigene durch SAP zertifizierte Schnittstelle zu SAP ERP an S/4 angepasst.

Für den anschließenden Test wurden nach einem Basis-Customizing zwei kleine, komplexe produktionslogistische Modelle (MM, PP-PI, SD) aufgebaut. Die Schnittstelle wurde syntaktisch geprüft und angepasst.

Abschließend wurde die angepasste Schnittstelle via Transportauftrag eingespielt und das Zusammenwirken der vorhandenen Add-ons mit S/4 für die Belange des Piloten inhaltlich getestet (lesen, extern neu anlegen und schreiben von geänderten Objekten).

Eine vollständige inhaltliche Prüfung der bisher nicht inhaltlich getesteten Objekte wird schrittweise beim Test weiterer Szenarien erfolgen. Die Aufgaben wurden innerhalb von drei Wochen erledigt.

Die bisherigen Erfahrungen mit S/4 mit zugefügten Planungslösungen zeigen, dass in der On-Premise-Edition vieles mit dem SAP ERP vergleichbar ist. Von 52 SAP-Objekten, die für die weiter unten geschilderten und weiteren Produktionslogistikanwendungen relevant sind, mussten bisher nur Kundenaufträge und Lieferungen überarbeitet werden.

Die Performance ist merklich höher als bei SAP ERP. Partner der SAP haben über viele Jahre Erweiterungen zu SAP Produkten bereitgestellt. Oft handelt es sich um umfangreiche Lösungen in C++ und anderen Sprachen, die in einer Reihe von Fällen mit einem Aufwand von mehreren Hunderten Bearbeitungsjahren entwickelt wurden.

Der Grundaufbau solcher Lösungen besteht meistens darin, über zertifizierte Schnittstellen die benötigten SAP-Objekte auszulesen, sie in einem eigenen Applikationsserver algorithmisch und händisch zu modifizieren, neue Objekte anzulegen und anschließend geänderte und neue Objekte wieder als SAP-Objekte zurückzuschreiben.

Für das Team der Autoren war es erfreulich, dass für S/4 die über viele Jahre für SAP ERP und SCM/PP-DS entwickelten und erprobten Add-ons weiterhin zumindest für S/4 on premise nutzbar sind.

Damit erhält man die Möglichkeit, hoch spezialisierte Lösungen sehr schnell bereitzustellen. Es wird Zeit gewonnen, diese Lösungen schrittweise auch für die Cloud zur Verfügung zu stellen. Im konkreten Fall wurden bisher die erweiterte Plantafel sowie Planungsmappen und dynamisches Pegging im Zusammenwirken mit S/4 getestet.

Erweiterte Plantafel

Eine erweiterte Plantafel dient als grafische Bedien-, Simulations- und Planungsoberfläche zu S/4. Es können aus Planaufträgen finit geplante mehrstufige Fertigungsaufträge angelegt werden.

Diese Fertigungsaufträge können mittels Drag-and-drop als Ganzes oder unter Beachtung der Anordnungsbeziehungen im Gantt Chart verschoben werden. Die Fertigungsaufträge, die aus Planaufträgen durch „Umsetzen“ entstanden sind, werden bei Bedarf automatisch finit eingeplant.

Gruppen von Fertigungsaufträgen können als Kampagnen gemeinsam verschoben werden, Reihenfolgen werden optimiert. Im SIM-Modus kann probeweise eingeplant werden, schrittweises Rollback ist möglich.

Im SAP-Modus wird dagegen bei jeder Veränderung eines Objektes an der grafischen Bedienoberfläche eine Transaktion in S/4 ausgelöst, die das Produktionsmodell aktualisiert. Gleichzeitig wird die Materialbedarfs- und -bestandsliste als Histogramm angezeigt.

Bei der Einplanung kann ausgewählt werden, ob die Materialverfügbarkeit beachtet wird oder nicht. ATP-Konflikte (nicht oder nur teilweise verfügbare Materialmengen) werden in den zugehörigen Fertigungsauftragstabellen angezeigt, Shelf-life-Verletzungen werden kenntlich gemacht oder algorithmisch vermieden.

Bei der Einplanung können automatisch alternative Ressourcen ausgewählt werden (Backtracking). Dazu müssen keine Fertigungsversionen gepflegt werden.

Planungsmappen und dynamisches Pegging

Aus einer erweiterten Plantafel kann man automatisch hierarchische Planungsmappen zur Grobplanung mit dem vorhandenen Feinplanungsmodell ableiten. In diesen Planungsmappen werden tageweise/wochenweise über die gesamte logistische Kette hinweg Bedarfe, Sekundärbedarfe, Produktionsmengen, Kapazitätsauslastung und Bestände angezeigt.

Im Hintergrund werden dafür Materialbedarfs- und -bestandslisten und Ressourcenbelegungslisten diskretisiert, sodass man für die Grobplanung keine eigenen Datenstrukturen braucht, sondern Fertigungsaufträge nur anders darstellt.

Ändert man in den Zellen der Planungsmappe Produktionsmengen, so aktualisieren sich automatisch per statischem oder dynamischem Pegging die anderen Zellen entlang der logistischen Kette.

Dabei wird in Kapazitätsangebot/Kapazitätsnutzungen kundenbezogen Zeit in Stück umgerechnet und angezeigt. Erkennt man in einer Stufe Überlasten, so wird diesen Überlasten mit drei Methoden entgegengewirkt.

Man kann das Kapazitätsangebot erhöhen, man kann störende Fertigungsaufträge verschieben oder man kann alternative Fertigungsversionen wählen. Die beiden letzteren Möglichkeiten sind zwar dem „Vor-sich-Hertreiben einer Beule in einem Blech mit dem Holzhammer“ vergleichbar, aber trotzdem wirksam.

Im Gegensatz zu ähnlich aufgebauten Excel-Lösungen hat man hier den Vorteil der direkten Anbindung an S/4. Die Planungsmappe dient damit auch als Be­dien- und Interpretationsoberfläche zu SAP.

Die Zusammenstellung der Zeilen für solche Planungsmappen kann fest oder dynamisch erfolgen. Bei einer dynamischen Zusammenstellung wird ein Pegging eingesetzt, bei dem ausgehend von einem Material all die Ressourcen und Materialien als Zeilen einer Planungsmappe angezeigt werden, die im Peggingbaum enthalten sind.

Damit ergibt sich insbesondere die Möglichkeit, CTP-Lösungen zu erstellen. Die hier kurz beschriebenen Funktionalitäten sind als SAP ERP Add-on bei circa 80 Konzernen und großen mittelständigen Kunden in unterschiedlichen Ausprägungen im Einsatz und arbeiten nun auch korrekt mit S/4.

Einordnung und Ausblick

Produktionslogistik ist eine Kernkompetenz von SAP. Ein Großteil der oben genannten Funktionalitäten wird künftig schrittweise von SAP bereitgestellt werden. Wie sinnvoll es ist, im Zusammenhang mit einer S/4-Einführung temporär Partnerlösungen für die Produktionsplanung zu etablieren, wird wohl projektweise zu entscheiden sein.

Die Erfahrung der Autoren aus den letzten 20 Jahren zeigt, dass es aber stets eine Reihe von Aufgaben zu lösen gibt, die so komplex sind, dass sie schwer in einem Standardprodukt abzubilden sind.

Als Beispiele seien solche Aufgaben wie Netzwerk-/Kampagnenplanung, semikontinuierliche Planung, Kuppelproduktionsplanung, Behältermanagement und Tankplanung genannt. Interessant erscheint es, Lösungen zu erstellen, bei denen Objekte aus mehreren Modulen zusammengeführt und algorithmisch verknüpft werden.

Dabei erhält man Lösungen zur simultanen Labor- und Produktionsplanung (PP-PI + QM), simultanen Projekt- und Produktionsplanung (PS + PP), simultanen Instandhaltungs- und Produktionsplanung (PP+PM) und Einbindung von prozessorientierter in teileorientierte Planung [Härtereien, Gießereien] (PP + PP-PI).

Weiter wünschen sich viele Nutzer die Abbildung komplexer Planungsabläufe (z. B. Zuweisung von Chargen zu Fertigungsaufträgen [einschließlich einer Mischungsoptimierung], betriebsübergreifende CTP unter Einbeziehung von Schnittoptimierung).

Aus diesen Gründen wird die Technologie, ein Produktionslogistikmodell aus S/4 auszulesen und dort für Optimierungen, Planungen und Simulationen zu nutzen, weiterhin interessant bleiben.

Über den Autor

Dirk Schmalzried, ORSoft

Dr. Dirk Schmalzried ist Entwicklungsleiter und Mitglied der Geschäftsführung von ORSoft.

Über den Autor

Winfried Jänicke, ORSoft

Dr. Winfried Jänicke hat 1990 ORSoft gegründet.

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