MAG 21-04 Management

Wimmelbild oder Daumenkino

Geschrieben von Eckhard Moos, Kern AG

Sehr geehrter Herr Färbinger, mit dem Schönheitspreis für die beste Modellierung und Visualisierung von Geschäftsprozessen setzen Sie Ihren Autor ganz schön unter Druck. Was sollte ein kleines Kerzlein aus dem südwestlichen Zonenrandgebiet schon gegen die hellen Lichter der Großstadt ins Feld führen?

Noch dazu, wenn sich die Gedanken des Verfassers auf Altvorderes wie den Betriebsabrechnungsbogen stützen. Zugestanden, die Sätze der Altgriechen um Pythagoras gelten noch heute. Aber zu behaupten, die Prozessmodellierung nach den visualisierten Gedanken von Subjekt, Prädikat und Objekt sei der Entscheidungsprozesskette und ihren Derivaten überlegen, das kann ja wohl nicht wirklich seriös sein!

Insofern ist es gewiss irrelevant, methodisch und erkenntnisästhetisch anzumerken, dass der Entscheidungs- beziehungsweise Prozessablauf von einer Aktivität zur nächsten etwas anderes sind als der Austausch von Informationen, die mit der Aktivität selbst entstehen.

Suse

Kurz vor zwölf ziehe ich mich in den Prozess „Mittagessen“ zurück und sehe: Der horizontale Informationsfluss zwischen Mutter und Sohn ist tatsächlich etwas anderes als der vertikale Prozessablauf von Aktivität zu Aktivität. Von oben nach unten fallen die Entscheidungen, während zwischen den beteiligten Spielern die Informationen fließen – und manchmal redet man sogar mit sich selbst.

Nun bleibe ich knurrend am Schreibtisch sitzen, bemerke aber am Unterzucker, dass sich trotzdem nichts ändert: Dieses Beispiel aus der Kinderstube des Denkens kann wohl kaum ein Fingerzeig sein, dass erwachsene Prozesse bei Stahlkochern, Pillendrehern, Kalkbrennern, Karbonbäckern, Siliziumgießern … mit genau diesem Muster treffgenauer und verständlicher zu modellieren sind als unter dem Label Process Mining oder Business Process Intelligence.

Mittlerweile frage ich mich, wie ich auf die verwegene Idee kam, der Anregung der Neuen Zürcher Zeitung zu folgen: „Der Kampf um das Wort ist der Kampf um den Gedanken.“ Und schon fällt der nächste Sinnspruch über mich her, denn weil „ein Bild mehr sagt als tausend Worte“, steigt der Maßstab für die Suche nach dem besseren Erklärungsmodell weiter an.

Akzeptieren wir diese Prämissen als leitend für Bewertungen, dann hat das E-3 Magazin keineswegs den unernsten Con­test um „Germany’s Next Process Model“ ausgerufen, sondern einen echten Wettbewerb im Sinne der Neuen Zürcher Zeitung. Übrigens auch im Sinne des schelmischen Zürcher Exilanten mit den fliegenden grauen Haaren: „Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“

In diesem Moment des Schreibens wage ich, Sir Karl Raimund Popper als Schiedsrichter im Videokeller der Wissenschaftstheorie anzurufen: Theorien sind wissenschaftlich, wenn sie die Verhältnisse besser erklären. Eine wissenschaftliche Theorie liegt nur dann vor, wenn sie so klar und dabei systematisch artikuliert ist, dass sie falsifiziert werden kann.

Ich weiß, ich drohe schon wieder ins ernste Fach abzugleiten, statt leichte Kost zu reichen. Aber, lieber Herr Färbinger, Sie laden nun mal ein zum Match mit Spielern, die als Beteiligte ihre Spielzüge machen, also Entscheidungen fällen und Aktivitäten ausführen, auf die dann Informationsflüsse folgen. Der handelnde Spieler (= Subjekt) führt seinen Spielzug aus (= Aktivität). Als Folge initiiert er einen Informationsfluss an den Empfänger, von dem die nächste Aktivität erwartet wird.

Diverse Beteiligte (passive Mitspieler, Zuschauer, Schiedsrichter, Trainer, Scouts, Spieleragenten, spätere Entscheider) erhalten nachrichtlich Informationen. Von dem Empfänger (nur einer kann den Ball haben!) wird der nächste Spielzug mit Entscheidung und Handlung erwartet. Auf einen Spielzug folgt der nächste; ein Spieler bringt den nächsten ins Spiel. Manchmal kickt ein Spieler sogar sich selbst die Vorlage, stellt sich also selbst die nächste Aufgabe.

Auf den Kern gebracht zeigt das Modell in den Spalten die Spieler und deren Rollen im Geschehen. Die Aktivitäten sind in Zeilen angeordnet. Der vertikale Prozessablauf bildet die Abfolge der Entscheidungen und Aktivitäten ab. Der horizontale Informationsfluss visualisiert, wer mit wem interagiert. Der Doppelklick auf eine Zeile führt in den Detailprozess zur Aktivität.

Dort gibt es wieder Spieler und deren Aktivitäten; eine Abfolge von Entscheidungen und zwischen den Spielern fließende Informationen. Der Matchplan mit Spielern und Aktivitäten mit Drilldown zu Objekten und Sachkonten setzt sich fort über das Customizing bis zu den SAP-Tabellen. Dort Daten zu lesen und darüber zu berichten ist eine gute Sache – dann aber selbstverständlich nach den Regeln der International Business Communication Standards (IBCS).

Ein guter Matchplan versteht sich als Sammlung von Spielzügen mit möglichst wenig Ecken und Kanten (vertikal visualisiert als Prozessablauf) und klaren Informationsflüssen zwischen den Beteiligten. Ein kluger Matchplan ordnet das Geschehen sequenziell, top-down in Spielabschnitte, wobei jede nachfolgende Sequenz demselben Muster folgt mit Spielern, handelnden (Subjekt) und empfangenden (Objekt) Beteiligten, Spielzügen (Entscheidung sowie Handlung) und Informationsflüssen.

Ein effizienter Matchplan stellt Konsistenz sicher, sodass aus Wort und Bild sukzessive analoge sowie digitale Anweisungen für Mensch und Maschine werden. Ein effektiver Matchplan führt zu einem erfolgreichen Ergebnis.

Die Kern-Methode ordnet das Geschehen in zwei Flussgrößen: 1. Informationsfluss mit den Informationstypen Nachrichten (zum Beispiel Texte), Preis, Menge, Wert. 2. Prozessablauf als Schrittfolge von Aktivitäten mit Entscheidungen (and, or, xor) zur Durchführung der Aktivitäten.

Diese Ordnung lässt sich leicht auf die SAP-Welt anwenden, und plötzlich wird dieser Kosmos im Sinne von Einstein klar, einfach und schön. Das Prozessbild ist nach dem Muster Subjekt-Prädikat-Objekt geordnet. Jede Aktivität (Prädikat respektive Verb) zwischen Subjekt (Sender) und Objekt (Empfänger) lässt sich verfeinern. Der „Drilldown“ visualisiert den Mengenfluss, auf den via Sachkonten der Wertfluss folgt.

Mit diesem Leitgedanken schlage ich vor, die Satzbausteine unserer Wortsprache – Subjekt, Prädikat und Objektkonsequent – als Syntax einer Bildsprache für Geschäfts- und Buchungsprozesse zu nutzen. Mit diesem Wort- und Bildmuster können wir einfach und klar, konsequent und durchgängig sprechen, visualisieren, modellieren, wer was macht und (dann) mit wem interagiert. Nun lässt sich prüfen und bewerten, ob eine Sammlung von Wimmelbildern oder ein Daumenkino Erfolg versprechen hinsichtlich Klarheit, Intelligenz, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit.

SAP verfolgt die alte und neue Devise, eine Lösung für integrierte betriebswirtschaftliche Prozesse anzubieten. Selbstverständlich möchte niemand die Urzeiten von R/1, R/2 oder R/3 heraufbeschwören. Die Technik ist weit gesprungen, die Performance ist atemberaubend, neue User-Front­ends eröffnen Gestaltungschancen für eine effiziente und einladende Usability, an allen Ecken und Enden kommt etwas „on top“. Aber im Kern geht es unverändert um das eine: Wie können wir miteinander interagieren? Wie sprechen wir miteinander?

Welche Personen, Instanzen, Kontierungsobjekte, technischen Systeme sind an dem Prozess in welcher Rolle beteiligt? Welche Aktivitäten und betriebswirtschaftlichen Vorgänge führen sie aus? Welche Effekte entstehen für Preise, Mengen, Werte, Nachrichten? Mit welchen Transaktionen werden die Aktivitäten ausgeführt? In welchen Tabellen werden die Bewegungsdaten (Preise, Mengen, Werte) gebucht?

Mit etwas Abstand und dann als Ganzes besehen ist die Kern-Methode als Modell für die Visualisierung von Geschäftsprozessen selbstverständlicher Teil unseres Alltags – wir denken und sprechen ja schon immer so. Dadurch gewinnt diese Methode ihre überlegene Fähigkeit, komplexe Ereignisse reduziert nachzubilden, sprich: auf den Kern zu bringen.

Über den Autor

Eckhard Moos, Kern AG

Eckhard Moos ist Geschäftsführer der Kern AG

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