Die Meinung der SAP-Community MAG 21-02 No/Name - Kolumne SAPanoptikum & Short Facts

Weclapp versus SAP

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Geschrieben von no-name

Die Frage zu Jahresbeginn: Können die drei SAP-Musketiere das Unternehmen retten? Das Paradoxe am Integrationsdiskurs: Alle Wege, die SAP anbietet, können für die ERP-Konsolidierung verwendet werden, aber auch für Alternativen.

Ich war mir lange sehr unsicher, dann redete ich Ende vergangenen Jahres mit ein paar SAP-Execu­tives aus dem Umfeld von Christian Klein, weil mir der junge SAP-Chef einen interessanten Denkanstoß gegeben hat: Klein will mit seiner SAP zurück zu den bewährten Pfründen des ERP-Weltmarktführers. Und er will die anerkannte Kompetenz und den USP weit über die Grenzen der SAP-Community hinausschieben. Einerseits will sich Klein an den SAP-Gründern und deren Vision orientieren, andererseits wird er die neuen IT-Errungenschaften wie Cloud, Open Source, KI/ML, Blockchain etc. nutzen, die es zur Geburtsstunde von SAP alle noch nicht gab.

Das klassische SAP-ERP-Modell ist bekannt: konsistente Datenhaltung und Integration sowie Verschränkung aller Funktionen, auch um jede Redundanz zu vermeiden. Aufgrund der zahlreichen Cloud-Zukäufe ging dieser einzigartige Wettbewerbsvorteil verloren. Schnittstellen und redundante Datenhaltung wurden notwendig, damit die Funktionsmodule (on-prem und cloudbasiert) miteinander arbeiten konnten. Was teilweise und überraschend gut funktioniert, war dann aber letztendlich nicht viel besser als die Cloud-Angebote von IBM, Oracle, Amazon und Microsoft.

Nun haben sich die drei SAP-Musketiere, Christian Klein, Thomas Saueressig und Jürgen Müller, zum Ziel gesetzt, das Konglomerat an guten Apps einzufangen und zu konsolidieren. Aber aus den existierenden SAP’schen On-prem- und Cloud-Angeboten soll kein neues R/3 werden, das perfekt alle Funktionen integriert und die Daten konsistent vorhält, aber letztendlich eine Blackbox war – wenn man vom Z-Namensraum absieht mit seinen zahlreichen Abap-Modifikationen.

Die neue SAP soll integriert, multifunktional und offen sein. Ob sich alle Ziele nach dem alten R/3-Modell mit einer zentralen „Datenbank“ erreichen lassen, ist natürlich mit Vorbehalt zu erwarten. Selbst zu R/3-Zeiten bedurfte es für den APO einer eigenen (versteckten) Datenbank, sodass hier bereits das stringente, dreistufige Client/Server-Modell aufgeweicht wurde.

Die neue SAP-Welt soll auf Standards beruhen wie etwa O-Data und reichlich Gebrauch von Open-Source-Produkten machen. Gleichzeitig soll dieses Konstrukt den Komfort eines R/3 mit der Offenheit von Web-Applikationen besitzen – also maximale Inte­gration und Datenkonsistenz, gepaart mit maximaler Offenheit. Der Plan könnte funktionieren.

Christian Klein und seine beiden Vorstandskollegen Müller und Saueressig verkaufen ihre Idee als SAP-Integration, die weit über die klassischen ERP-Grenzen hinausreicht – das ist vernünftig, aber auch gefährlich. Um Offenheit und Innovation zu vermitteln, muss Klein sich auf sehr dünnes Eis begeben. Meine Freunde in Walldorf haben es mir bestätigt! Dieser innovative Integrationsgedanke hilft nicht nur SAP, ihren Bestandskunden und Partnern, sondern natürlich auch dem Mitbewerb, dem hier ein lukratives Einfallstor geboten wird.

Die SAP-Mitbewerber werden in diesem offenen, digitalen und innovativen Marktumfeld immer zahlreicher, wie auch zu Jahresbeginn auf der Website des Manager Magazins zu lesen war: „Und das Marburger Weclapp konkurriert mit SAP: Gründer Ertan Özdil ging mit seiner cloudbasierten ERP-Software 2013 an den Markt; jüngst habe ein süddeutscher Automobilkonzern unterschrieben, der eine große Abteilung auf das agilere System setzen wolle. ,Die Angestellten wollten nicht mit SAP arbeiten‘, so Özdil. Der Unternehmer plant für 2021 den Börsengang.“

Zur Integration gehört Offenheit mit Open Source, denn die selbst verschuldete Integrationsmaschine „SAP Data Hub“ verschwindet momentan in der Versenkung. Open Source ist aber nicht nur für SAP eine große Chance und auch Notwendigkeit, sondern auch für Mitbewerber ein komfortables Spielfeld.

Hier erwächst die zweite Herausforderung für Christian Klein: Die SAP’sche Integration, Konsolidierung und Transformation auf Hana und S/4 dürfen für uns Bestandskunden nicht teurer werden als ein kompletter Systemwechsel. Wenn die S/4-Conversion gleichbedeutend mit einer ERP-Neueinführung ist, dann mach ich noch einmal eine ERP-Ausschreibung, lizenziere ein alternatives ERP-System und übergebe das Customizing meinem Nachfolger.

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