Coverstory 21-02 MAG 21-02

Von SAP APO zu SAP IBP

Interview: Intelligentes Supply Chain Management GIB
Interview: Intelligentes Supply Chain Management GIB
Geschrieben von E-3 Magazin

Ein Wechsel zu IBP ist im Moment noch nicht dringend erforderlich, richtig?

Patrick Boucek, SAP: SAP bietet für APO noch bis 2027 Support an. Es muss jedoch bedacht werden, dass es sich häufig um große Installationen bei global agierenden Unternehmen handelt. Um diese abzulösen, bedarf es nicht nur Anstrengungen der IT-Abteilung. Alle Stakeholder in den Fachabteilungen und in regionalen Tochtergesellschaften müssen im Rahmen eines Change-Prozesses, der oft auch organisatorische Veränderungen mit sich bringt, beteiligt werden. Das kann unter Umständen mehrere Jahre dauern.

Wäre es selbst in so einem Fall nicht ausreichend, im Jahr 2023 mit der Migration zu beginnen – schließlich blieben dann noch vier Jahre?

Georg Klinger, Consilio: Wir haben bereits APO-Projekte bei Großkonzernen durchgeführt, für die ein Zeitraum von vier Jahren viel zu kurz gewesen wäre – durch die weltweit notwendigen Change-Prozesse im Unternehmen, die Herr Boucek erwähnt hat, hätte der Zeitraum inklusive aller Rollouts nicht ausgereicht.

Bedeutet das, dass sich Großkonzerne beeilen müssen, Mittelständler mit kleineren APO-Installationen aber ruhig noch etwas abwarten können, beispielsweise bis 2023?

Klinger: Das stimmt zwar theoretisch, allerdings rechnen wir damit, dass sich viele Unternehmen so verhalten und es deshalb in den Jahren vor Auslauf des Supports zu einer kaum zu bewältigenden Menge an Migrationsprojekten kommen wird. Wir empfehlen dringend, schon jetzt zu handeln.

Boucek: Man kann sich vorstellen, was bei Hunderten von APO-Installationen allein in Deutschland in den nächsten Jahren für eine Projektwelle auf uns zurollt. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland nicht über viele so erfahrene IBP-Implementierungspartner wie Consilio verfügen.

Christoph Habla, Consilio: Das kann ich nur bestätigen – die Zahl der IBP-Projektanfragen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Wenn sich der Auslauf des APO-Supports nähert, wird es zwangsläufig Engpässe in der Beratungskapazität geben.

Wenn ich meine APO-Lösung dennoch einige Jahre weiternutzen möchte, solange der Support noch läuft, ist doch alles bestens?

Habla: Als „bestens“ würde ich es nicht bezeichnen. Unternehmen brauchen im Supply-Chain-Planungsumfeld nicht nur eine technisch funktionierende Lösung, sondern sollten auch von den neuesten Entwicklungen und Updates profitieren, wie zum Beispiel den Planungs- und Prognosealgorithmen.

Werden in APO keine neuen Algorithmen und sonstigen Features mehr eingespielt?
Boucek: Das ist richtig, so ist es tatsächlich. Der APO-Support bezieht sich auf die Lauffähigkeit der Lösung bis zu Ihrem Auslauf. Bei der Entwicklung neuer Features, Algorithmen und Verfahren liegt der strategische Fokus schon heute klar auf IBP.

Finden in IBP regelmäßig Updates statt, die neue Funktionalitäten beinhalten?

Boucek: Auch das ist korrekt. Alle drei Monate erfolgt ein Upgrade der IBP Cloud auf das neue Release. Dieses beinhaltet nicht nur Fixes und kleine Änderungen, es kommen auch ganz neue Funktionen und Apps hinzu. IBP ist die strategische Planungslösung von SAP für die nächsten Jahre. Es fließen eine Menge Arbeit und Innovationskraft hinein, um die Lösung kontinuierlich zu verbessern.

Bietet IBP schon heute Vorteile im Vergleich zu APO?

Boucek: Die regelmäßigen Upgrades der Cloud wurden bereits genannt. Die Cloud bietet aber noch weitere Vorteile, zum Beispiel eine Entlastung der IT-Abteilung auf Kundenseite, eine Einsparung bei den Betriebskosten und nicht zu vergessen: Jedem Kunden wird ein Customer Success Manager zur Seite gestellt, der zusätzlich zum Beratungspartner bei einer erfolgreichen Einführung und schnellen Problembehebung unterstützt.

Klinger: Aufgrund unserer IBP-Implementierungserfahrung können wir bestätigen, dass das Konzept mit einem Customer Success Manger funktioniert. Je nach fachlicher und technischer Fragestellung werden zum Beispiel Kontakte zu SAP-Mitarbeitern hergestellt und Web-Meetings aufgesetzt, an denen auch der Implementierungspartner teilnehmen kann. Die Bearbeitung von Tickets erfolgt wesentlich schneller als im On-Premises-Betrieb von APO.

Habla: Neben den Vorteilen der Cloud stecken auch etliche verbesserte Features in IBP. Da sind zunächst die Excel-Integration und die Möglichkeit zur Nutzung von Fiori-
Apps.

Klinger: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. APO wurde immer als Tool für Experten wahrgenommen, das nicht von allen Stakeholdern bedient und auch nicht von allen genutzt werden konnte. Mit IBP ist eine intuitive, vertraute Bedienung in Excel möglich, die auch Mitarbeiter aus anderen Fachbereichen anspricht. Über Fiori-Dashboards kann sich das Management schnell einen Überblick über die Planungssituation verschaffen. Der Know-how-Aufbau in der IT-Abteilung erfolgt schneller, auch die User-Experience ist neu und deutlich verbessert.

Habla: Das ist richtig und es gibt noch viele weitere Funktionen, die dem Kunden einen deutlichen Mehrwert bieten. Im Folgenden ein Überblick der aus meiner Sicht wichtigsten Funktionen: Vereinfachte kollaborative Planung mit Lieferanten und Kunden über die Web Based Planning App, Excel oder z. B. die SAP-Ariba-Schnittstelle; einfache Anbindung von Nicht-SAP-Systemen und anderen Lösungen wie SAP TM; neue Verfahren wie Demand Sensing und Machine-Learning-Algorithmen; einfach einzurichtende, regelbasierte Planungsverfahren für die Supply Chain; Lean-Planning-Verfahren, wie z. B. Demand Driven Replenishment; einfache, voll integrierte Finanzplanung; verbesserte Unterstützung bei der Abbildung eines S&OP-Prozesses; bessere Kooperation mittels SAP-JAM-Einbindung; bessere Performance durch Hana-optimierte Lösung; Multi-Level Inventory Optimization; verbessertes Alerting im Supply Chain Control Tower; und optimierte Simulationsmöglichkeiten mit What-If-Szenarios. An dieser Liste sieht man, dass sich bis heute schon viel bei IBP getan hat. Und es kommen mit jedem Release noch weitere Funktionalitäten hinzu, wie man der IBP Roadmap entnehmen kann.

Könnte man sagen, dass schon heute der Wechsel auf IBP erfolgen sollte, um wichtige Trends und Neuerungen in der Supply-Chain-Planung nicht zu verpassen?

Habla: Das ist vielleicht etwas überspitzt, grundsätzlich würde ich diese Aussage aber unterschreiben.

Boucek: Da möchte ich mich aus SAP-Sicht anschließen – die Zukunft der Digital Supply Chain liegt ganz klar in IBP, APO-Anwender sollten möglichst bald den Anschluss finden. Und das am besten mit der Unterstützung eines erfahrenen Beratungspartners.

Wenn also vieles für einen Wechsel auf IBP spricht, muss dann nicht zuerst das ECC-System auf S/4 Hana migriert werden?

Habla: Das ist leider ein weitverbreitetes Missverständnis. IBP ist mit einem klassischen ECC-System ebenso integrierbar, wie mit einem S/4 Hana-System. Das ERP-Add-on, die CPI-DS-Schnittstelle und SDI für die auftragsbasierte Integration funktionieren genauso auf ECC.

Wir nutzen ein globales APO, das an mehrere lokale ECC-Systeme angebunden ist. IBP funktioniert aber nur mit einem einzelnen ERP-System, richtig?

Habla: Auch diese Bedenken hören wir von Kunden immer wieder. Ein Anschließen von mehreren ERP-Systemen an IBP ist jedoch problemlos möglich. In der Schnittstelle lassen sich ebenfalls Mappings für Cross-Company- und Inter-Company-Prozesse durchführen, ganz ähnlich wie in der APO-
Schnittstelle CIF.

Wir haben mehrere APO-Module im Einsatz, zum Beispiel APO DP und SNP. Ein Migrationsprojekt, bei dem beide auf einmal ersetzt werden, überfordert unsere Organisation und ist uns zu risikoreich. Müssen beide Module gleichzeitig migriert werden?

Habla: Solch ein „Big-Bang“ ist machbar und hat auch seine Vorteile. Die Migration würde schneller erfolgen, man könnte somit die Vorteile von IBP schneller in beiden Modul-Bereichen nutzen. Aber auch die Bedenken sind realistisch. Es besteht eine Möglichkeit, sequenziell vorzugehen. In diesem Fall wird im CPI-DS eine temporäre Schnittstelle zwischen APO und IBP eingerichtet, die so lange für die Kommunikation zwischen Bedarfsplanung und Supply-Chain-Planung sorgt, bis beide Module abgelöst und in IBP überführt wurden.

Müssten wir bei einer sequenziellen Vorgehensweise erst DP und dann SNP migrieren, weil der Planungsprozess mit der Bedarfsplanung beginnt? Dann wäre es ungünstig, wenn wir unser größtes Verbesserungspotenzial in der Supply-
Chain-Planung sähen und gerne mit dieser beginnen wollten.

Habla: Auch ein Start mit der Supply-Chain-Planung ist problemlos möglich. Die logischen und technischen Zwänge, die oft vermutet werden, existieren nicht. Es besteht die Möglichkeit, APO DP weiterlaufen zu lassen und zuerst SNP in IBP Response und Supply zu überführen. Hier liefert eine temporäre CPI-DS-Schnittstelle den Forecast von APO DP an IBP Response und Supply.

Wir haben im APO auch PP/DS und gATP im Einsatz. Was passiert damit, sobald APO DP und SNP in IBP migriert wurden? Wie wird das PP/DS mit einem Forecast versorgt und was geschieht mit gATP?

Habla: Hier sind verschiedene Szenarien möglich. Nehmen wir an, das PP/DS hat im APO eine Art „Constrained Forecast“ in Form von SNP-Planaufträgen erhalten, die dann im PP/DS detailliert einzuplanen waren. In diesem Fall erhält das PP/DS nun aus IBP Repsonse und Supply den Constrained Forecast über eine entsprechende CPI-DS-
Schnittstelle, sobald SNP migriert wurde. Gleiches funktioniert auch mit einem „Unconstrained Forecast“ aus IBP for Demand in Richtung PP/DS. Hierbei ist es egal, ob man einen Big Bang oder eine sequenzielle DP/SNP-Migration gewählt hat, alle Szenarien sind technisch umsetzbar. Das APO gATP ist von einer Migration zunächst nicht zwangsläufig betroffen, es kann zum Beispiel vorerst unabhängig von IBP weiter mit dem ERP-System bzw. den ERP-Systemen kommunizieren.

Ist ein Szenario sinnvoll, bei dem neben IBP mit Bedarfs- und Supply-Chain-Planung ein APO mit gATP und/oder PP/DS läuft? Ist das auf Dauer die richtige Architektur?

Habla: Auf Dauer ist es das nicht, denn man möchte APO zu einem späteren Zeitpunkt abschalten. Es kann aber eine Übergangslösung darstellen. In diesem Szenario besteht die Möglichkeit, beispielsweise nach einer S/4 Hana-Migration, zu embedded PP/DS zu wechseln und das gATP durch AATP in S/4 Hana abzulösen. Sind alle Module ersetzt, dann kann APO abgeschaltet werden. In IBP Response & Supply lässt sich optional eine auftragsbasierte Planung einführen, die mit embedded PP/DS in S/4 Hana integriert ist. Die erreichte Zielarchitektur ist dann für viele Jahre zukunftssicher.

Danke für das Gespräch.

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