MAG 21-05 No/Name - Kolumne

Verschläft SAP das Internet?

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Geschrieben von no-name

Um die Jahrtausendwende war die SAP-Community in Sorge.
Die mySAP.com-Produkte sollten mit ihrem bunten Auftritt alles kaschieren, waren aber ein Desaster. Besser wurde es erst mit Hana von Professor Hasso Plattner.

Es war eine graue und traurige Zeit. SAP hatte mit R/3 das beste Black-Box-ERP der Welt, aber keine Affinität zu Offenheit, Agilität und Master Data Management. Zusammengefasst wurde die Bunkermentalität mit der Frage: Verschläft SAP das Internet?

Die bunte Antwort der SAP war: mySAP.com. Es war naturgemäß keine Antwort, sondern lediglich ein billiger Marketinggag. Das mehrfarbige mySAP-Logo wurde auf Mousepads und Visitenkarten gedruckt. Die R/3 Enterprise nachfolgenden Releasestände mySAP ERP 2004/2005 waren unbrauchbar. Der damalige Support aus Indien eine Katastrophe.

Für die jüngere Generation meiner Leser: Nach dem desaströsen mySAP ERP 2004 und 2005 konsolidierte SAP das Chaos mit dem ECC 5.0 und dem heute noch in Verwendung stehenden ERP/ECC 6.0, auch genannt SAP Business Suite 7.

Letztendlich versucht SAP diese schwierige Zeit aber vergessen zu machen, blendet sie aus und lässt auf R/3 nun S/4 folgen. Über das Dazwischenliegende wird gerne der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Was wird aus der Suite 7 mit AnyDB?

Meine Leser kennen mich als Manager-Magazin-Abonnenten und Bewunderer von MM-Redakteurin Eva Müller. Nun hat Kollegin Christina Kyriasoglou im Manager Magazin ein Interview mit SAP-Topmanagerin Sindhu Gangadharan veröffentlicht, darin berichtet sie, wie sie als Chefin der SAP Labs Indien weitere Innovation für den Konzern antreiben will.

Gleich vorweg: Die Innovation, die Sindhu Gangadharan als Beispiel anführt, war ein schauderhaftes Déjà-vu. Vor über einem Jahr habe ich diese „Innovation“ als TV-Werbung eines Optikers und im Internet gesehen – was hinlänglich beweist, dass SAP wieder einmal nicht innovativ ist, sondern dem Mainstream hinterherläuft, oder mit den Worten von Sindhu Gangadharan im MM-Interview: „Mit einem Start-up aus unserem Accelerator haben wir für eine Optikerkette das Einkaufen im Geschäft digital abgebildet. Mit Augmented Reality, AR, können die Kunden ihre neue Brille auf dem Sofa zu Hause ausprobieren. Für solche Zukunftstechnologien wie AR haben wir 2020 in Indien ein Innovation Center Network eröffnet. Da schauen wir, wie wir neue Technologien mit einem Entwicklungshorizont von drei bis fünf Jahren in unseren Produkten einsetzen können. Wir arbeiten etwa viel mit künstlicher Intelligenz.

Nun mag es schon so sein, dass deutsche TV-Programme in Indien nicht empfangbar sind, und man kann Sindhu Gangadharan nur raten, bei ihrem nächsten Besuch bei SAP in Deutschland für ein paar Stunden im Hotelzimmer das TV-Gerät aufzudrehen.

Es ist typisch für unsere SAP: ohne jede Not sich immer wieder zu blamieren! Damit bleibt Professor Hasso Plattner die wirklich alles überragende Persönlichkeit. Er scheint mit sehr weitem Abstand der einzige Innovator zu sein und zu bleiben.

Einen Aspekt aus der Antwort von Sindhu Gangadharan könnten wir in der SAP-Community aber gut gebrauchen: Entwicklungshorizont von drei bis fünf Jahren. Ich und meine Freunde von der DSAG und ASUG würden uns über SAP-Roadmaps mit einem Horizont von drei bis fünf Jahren sehr freuen. Was passiert mit AnyDB und Hana bis 2027/2030 und wie geht es danach weiter mit S/4?

Verschläft SAP das Internet, Kryptowährungen, künstliche Intelligenz, Blockchain, Machine Learning, IIoT, Cloud und Edge Computing und vieles andere mehr? Ja. SAP beschäftigt sich mit all diesen Themen, aber lediglich aus zweiter Hand. In Form von Kooperationen versucht man dem IT-Zeitgeist zu folgen. Originäres ist aber bei SAP nicht zu finden, oder?

Die bislang letzte Innovation war Plattners In-memory Computing. SAP machte daraus die Datenbank Hana. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang das vor zehn Jahren produzierte und inszenierte Youtube-Video „Hasso on Hasso“. Am Ende prophezeit der Professor als nächste Informatikrevolution neue Programmiersprachen, was mit der No-Code/Low- Code-Entwicklung auch eingetreten ist. Und was macht SAP daraus?

Lizenziert zuerst Mendix von Siemens, erfindet dann Ruum, kauft Signavio und übernimmt AppGyver. Auf der SAP’schen PKL finden sich somit gleich vier Angebote für No-Code/Low-Code- Programmierwerkzeuge. Ist das ein vierfaches Mittel gegen Verschlafen? No answer.

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Unser geheimnisvoller, anonymer Kolumnist.

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