Coverstory 21-04 MAG 21-04

SAP vereinfachen und veredeln

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Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Gut, wenn es Experten gibt, die etwas Wertvolles noch wertvoller machen können. Tobias Moosherr und Christian Steiger verstehen sich auf das Veredeln von SAP-Systemen. Sie arbeiten im Standard und blicken über den Tellerrand. Das Ergebnis überzeugt: SAP-Systeme, die machen, was der Anwender erwartet. Eine Empfehlung für jeden SAP-Bestandskunden.

Eine gute und erprobte IT-Handwerkskunst in der SAP-Community nennt sich Customizing. Von Beginn an bestand die Idee, dass ein SAP-System eine halbfertige Ware ist, die mittels Abap-Tabellen customized werden muss. Zu diesen Anfängen vor vierzig Jahren passte auch der Projektansatz Plan-Build-Run – aber auch IT-Leben ist Veränderung.

Plan, Build and Run wurde in einer Zeit etabliert, in der der Aufwand zu kommunizieren und zu kollaborieren deutlich höher als heute war“, beschreibt Tobias Moosherr, Vorstand bei ­Solutive, und er präzisiert im E-3 Gespräch: „Sich schnell mit den Beteiligten auf neue Dinge abstimmen, eine Websession hier, schnell per Instant-Messenger eine Nachricht verfassen, um neue Ideen und Bedürfnisse einzubringen: Das ist heute Realität.

Ähnlich, wie es in modernen Rechenzentren oder in der Cloud keine Sicherungsfenster mehr gibt, weil ein 7-x-24-Stunden- Betrieb die Norm ist, hat sich auch die Ausgangslage beim Customizing eines SAP-Systems verändert. „Monatelange Designphasen, um in geschütztem Umfeld Dinge zu realisieren, deren Anforderungen sich vielleicht schon wieder überholt hatten, das war lange die Normalität“, weiß Tobias Moosherr aus eigener Erfahrung.

Nach der Abnahme wurde die Software dann praktisch zu einer Wand gebracht, mit der zwischen Entwicklung und Betrieb getrennt wurde, darübergeworfen und vergessen. Auf der anderen Seite wurde sie vollkommen entkoppelt in Betrieb genommen und als abstrakter Teil eines IT-Systems betrieben.

Wände überwinden

Das Bild, das Moosherr hier zeichnet, ist typisch für die Anfänge der SAP-Community und ein Anwender sieht vor seinem geistigen Auge auf dieser Wand wahrscheinlich noch meterlange „Aris-Tapeten“ für das Business Process Management. Aber Plan-Build-Run und Aris von Professor Scheer sind Vergangenheit.

Um wettbewerbsfähig zu sein, gilt es, die Time to Market zu verkürzen“, postuliert Tobias Moosherr. „Dabei ist jede Mauer, jedes Silo ein großes Hindernis. Verändert hat sich aber neben der zunehmenden Möglichkeit der Kommunikation auch die Arbeitsmethodik – und damit gibt es völlig neue Möglichkeiten.“ Solutive hat dazu auch die passenden Werkzeuge entwickelt.

Für den SAP-Bestandskunden hingegen gilt es genau hinzusehen und mit Partnern wie Solutive nicht nur die richtige Vorgehensweise, sondern auch die richtigen IT-Werkzeuge auszuwählen, siehe Aris. „Der Anschein, dass die klassische Technik wie der SAP NetWeaver nicht mithalten kann, ist nur bedingt richtig. Auch dieser Teil des Maschinenraums kann mit dem richtigen Feintuning sehr wohl Fahrt aufnehmen. Plan-Build-Run sollte heute einfach Teil eines iterativen Application Lifecycle sein.“ In einer moderneren Sprache ausgedrückt, heißt es: Pimp my SAP System!

Aber seit einigen Jahren scheint der operative SAP-Betrieb nicht mehr zur Ruhe zu kommen: Sind das Erscheinungsformen einer dynamischen Wirtschaft, komplexer Aufbau- und Ablauforganisationen oder einfach nur das Resultat schlechter Planung? Also eines falschen Plan-Build-Run-Projektmanagements?

Sowohl als auch“, meint Solutive-Vorstandskollege Christian Steiger. „Meiner Meinung nach wurde es versäumt zu verstehen, dass die Innovationen, die aus dem Geschäftsbetrieb kommen, immer mehr durch die stetig stärker werdende und zentrale Rolle der IT umgesetzt werden müssen.

Ein wenig argumentiert Christian Steiger gegen den Zeitgeist und gegen eine dezentrale IT-Organisation, wo die Fachabteilungen ihre Cloud-Apps buchen. „Die IT ist – anders als manchmal angenommen – ein signifikanter Innovationsbringer und muss als solcher auch die nötige Wertschöpfung erfahren“, weiß Christian Steiger von vielen erfolgreichen Solutive-Projekten.

Zentrale oder dezentrale IT, Cloud oder On-prem, Plan-Build-Run oder DevOps? Mittlerweile sind die digitalen Herausforderungen umfassend, sodass es kaum eine Antwort auf alle Fragen geben kann. „In den vergangenen Jahren ist mir bei Kunden immer wieder das eine, aber auch das andere begegnet. Der wichtige erste Schritt ist, sich selber und die Organisation ehrlich zu betrachten, ohne Angst zu haben, dass die eigenen Jagdgründe sich verändern. Der zweite Schritt ist, die Antworten auch hören zu wollen und neudeutsch ,blameless‘ aufzunehmen“, erklärt Christian Steiger im E-3 Gespräch und er ergänzt: „Häufig ist diese gefühlte Unruhe aber auch einfach eine Fragestellung der Arbeitsweise. Auch die ersten Schritte der Digitalisierung eines Business können zu sehr großer Unruhe im Betrieb führen, wenn alles ohne Ankündigung und Einbeziehung der wichtigen Stake­holder in den Abteilungen einfach über die magische Mauer geworfen wird.

Wie bereits angedeutet, auch IT-Leben ist Veränderung, was momentan ganz besonders für die SAP-Community gilt und die Nachfrage nach der Expertise und den Werkzeugen von Solutive schnell steigen lässt. Es gibt aktuell im SAP-Vorstand und in der Community einen Generationswechsel: Findet dieser auch in der Informatik statt? Also Hana- und S/4-Innovation versus R/3-Tradition? Abap versus Java? NetWeaver versus Container, Kafka etc.?

Christian Steiger antwortet: „Ja, es ist ein Trend, der in den vergangenen Jahren vorherzusehen war. Als ich 2011 am SAP Train Race teilgenommen habe, von Paris nach Madrid zur TechEd, waren das Thema SAP-Gateway und die hybride Welt schon im Fokus. Aktuell kommt es bei der Community verstärkt an und es gibt keinen Zweifel mehr, dass wir auch in Zukunft zunehmend ein Verschmelzen der Welten vorfinden werden. Dies lässt auch der SAP-Community immer mehr Spielraum und Souveränität bei der Wahl ihrer Lösungen und zielt unter anderem auf einen Best-of-Breed-Ansatz ab.

Vorstandskollege Tobias Moosherr meint dazu, dass dieser Generationswechsel aber nicht nur in der Community, im SAP-Vorstand oder in der Informatik stattfindet. „Der maßgebliche Treiber dieses Umbruchs ist der Endkunde“, betont Moosherr. Es stellt sich somit die Frage: Wie kann ein SAP-Partner wie Solutive auf die Bedürfnisse der SAP-Bestandskunden reagieren? Und worauf muss der Fokus liegen – abseits der notwendigen Technologie?

Schon 2016 hatte ich mir auf einem Forum zur digitalen Transformation Folgendes notiert: In einer Welt der digitalen Interaktionen werden Organisationen ihre innovativen Geschäftsmodelle durch Software liefern. Jedes Unternehmen wird ein Softwareunternehmen“, definiert Tobias Moosherr die Erkenntnis aus der Vergangenheit.

„Ich denke, gerade im SAP-Umfeld ist diese digitale Disruption mittlerweile sehr präsent. Und die Unternehmen suchen die Antworten auf diese Herausforderungen, explizit auch mit den bestehenden Systemen und Technologien in Kombination und nicht ersetzt durch völlig andere Technologien.“

„Wir sind Software“

Die digitale Disruption in der SAP-Community hat viele Ausprägungen und die damit geforderte Agilität bedingt auch, viele bisher manuelle Schritte zu automatisieren. Das Ausrollen eines SAP-Systems muss immer mehr durch passende Werkzeuge und Automatisierung vereinfacht werden.

Somit gelang es auch einigen SAP Bestandskunden, trotz Reiseverboten und Distance Customizing SAP-Systeme global produktiv zu setzen. Das Change Management hat offensichtlich den Fokus beim Deployment verschoben: Welche Bedeutung hat etwa das Testmanagement?

Um der Geschwindigkeit des Marktes und der IT-gestützten Innovationen gerecht zu werden, ist es essenziell, ein gut funktionierendes Testmanagement zu etablieren“, spezifiziert Christian Steiger diesen für SAP-Bestandskunden sehr wichtigen Schritt zu einem erfolgreichen System. „Denn wer auch in Zukunft noch weiter vorne dabei sein möchte, kommt um neue Methoden und schnellere Softwarelieferungen nicht herum.

Damit die Qualität, Wartbarkeit und Stabilität im Betrieb aber auch weiter gewährleistet werden können, bedarf es nach Meinung der Solutive- Vorstände Christian Steiger und Tobias Moosherr auch des nächsten Schritts: das automatische Testen. „Hier spreche ich aber explizit nicht von den bisher bekannten Mitteln wie eCatts und diversen Robotic-Testing-Ansätzen“, beschreibt Christian Steiger die Situation.

Wir als Solutive haben einen Partner ins Boot geholt, der schon seit 2009 erfolgreich eine eigene KI Engine entwickelt hat. In Zukunft werden wir das automatisierte Testen über eine KI-gestützte Lösung auch in SAP abbilden.“ Es geht längst nicht mehr um das Ob, sondern nur um das Wann.

Fail fast, fail often

Nicht nur die Werkzeuge und die Art des Projektmanagements ändern sich aktuell in der SAP-Community, auch die mentale Einstellung gegenüber Fortschritt, Erfolg, Experimentieren und Scheitern wird neu vermessen. „Dank der massiven Erfolge von SpaceX und Tesla ist ,Fail fast, fail often‘ in aller Munde und scheinbar salonfähig“, bemerkt Tobias Moosherr mit Zufriedenheit. „Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Testmanagement und dessen Motivation – das Finden von Fehlern bei möglichst wenig Aufwand – dadurch obsolet werden und Fehler sogar erwünscht sind.“

Dabei denkt Tobias Moosherr an den Ursprung dieses Ansatzes: „Das Motto kommt aus dem Silicon Valley und den dort ansässigen Start-up-Schwärmen und wird häufig falsch verstanden. Das Ziel ist es eben nicht, zu ,failen‘, sondern zu iterieren. Um erfolgreich zu sein, muss eine Kultur des offenen Umgangs mit Fehlern bestehen.

Aber das Ziel ist ganz eindeutig, aus den Fehlern zu lernen und Anpassungen vorzunehmen, zu justieren oder vielleicht auch neu zu gestalten. Genau hier sollte ein strukturiertes und integriertes Testmanagement ansetzen, meint Moosherr. „Heute lassen sich mithilfe unserer KI-Agenten oder Prüftools bereits früh im Entwicklungsprozess die ersten Fehler finden und die Iteration früher beginnen“, erklärt der Solutive-Vorstand.

Continuous Improvement

Continuous Improvement klingt logisch, ununterbrochene Veränderungen bedeuten aber auch fortlaufendes Lernen, Schulen, Testen – oder? Sind DevOps, Scrum etc. eine nachhaltige Herausforderung oder IT-Modetrends? „Natürlich sind diese Ansätze gerade in aller Munde“, weiß Christian Steiger aus eigenen Beobachtungen.

Unsere ESM Suite ist ebenso ein Werkzeug, das all dies zulässt. Die Arbeitsweise muss sich dem allerdings auch anpassen, um das volle Potenzial ausschöpfen zu können. Hybride Ansätze sollten also auch nicht gescheut werden. Was ich an dieser Stelle anmerken möchte, weil es oft fälschlicherweise in einen Topf geschmissen wird: Flexibilität hat aber auch rein gar nichts mit Agilität zu tun! Das darf man nicht verwechseln!“ (Siehe auch Fachbeitrag von Christian Steiger und Tobias Moosherr auf den folgenden Seiten.)

Zum reinen Selbstzweck auf Managementebene oder weil es gerade Trend ist, werden aus diesen Ansätzen dann schließlich nachhaltige Herausforderungen. Aber Tobias Moosherr korrigiert: „Dabei ist ein anderer Blickwinkel sehr wichtig. Schon seit Anbeginn der Zeit waren die Menschen einem sich ständig verändernden Umfeld ausgesetzt, fortlaufendes Lernen ist der Schlüssel zur Anpassung gewesen. Dies gilt auch für Unternehmen, der Einsatz von agilen Methoden in Verbindung mit schlanken Techniken, Lean Startup, ermöglichte das schnelle Anpassen an Veränderungen.

SolMans Grenzen

Wo stößt der SolMan beim Releasemanagement, Continuous Improvement, Testing und Transportmanagement an seine Grenzen? „Der SolMan kennt eben kaum Grenzen – und darin steckt das Problem“, umschreibt Christian Steiger diplomatisch geschickt das Thema.

Das Niveau an Expertise und Fachwissen, das der SolMan in der Tiefe benötigt, ist immens und übersteigt vielfach die Möglichkeiten der Entwickler und vor allem die Sinnhaftigkeit für einen reibungslosen Betrieb. Der Aufwand der IT ist enorm, um dieses Werkzeug zu beherrschen – was ja eigentlich nur ein Werkzeug sein sollte. Wir haben uns auf die wesentlichen Aspekte konzentriert – Releasemanagement, Continuous Improvement und Testing sowie Transportmanagement und alle diese Funktionen sicher, beherrschbar und effizient in einer Lösung zusammengefasst.

Auch Vorstandskollege Tobias Moosherr schließt sich dieser Meinung an: „Wenn wir den SolMan betrachten, sehen wir nur wenige Grenzen – und genau das ist ein Pro­blem. Denn mit grenzenlosen Möglichkeiten kommt auch die Problematik eines verantwortungsvollen Umgangs. Zumal die Frage nach der Sinnhaftigkeit gestellt werden muss, wenn das eigentlich zur Erleichterung angelegte Werkzeug nach dem klassischen Ansatz Plan-Build-Run arbeitet. Unsere ESM-Suite haben wir auf dem Best-of-Breed-Ansatz entwickelt und damit eine innovative Standardsoftware geschaffen, die den Softwarelebenszyklus kontrolliert und beherrschbar begleitet.“

Im zurückliegenden R/3-Zeitalter war das Transportmanagement ein zentraler Bestandteil der IT-Architektur. Gilt das für eine DevOps-Umgebung auch noch? „Das Transportmanagement ist und bleibt ein signifikanter Bestandteil von SAP. Gerade die neu hinzukommenden Herausforderungen wie z. B. eben DevOps rücken Transporte wieder in den Fokus – da sich Abhängigkeiten bei der Delivery nicht mehr ausschließen lassen“, weiß Christian Steiger aus vielen erfolgreichen Solutive-Projekten.

Sein Kollege Tobias Moosherr ergänzt: „Ja, auch in Zukunft werden Transporte noch grundlegender Teil der SAP-Architektur sein. In einer auf Anpassung optimierten Organisation und reduzierter Time to Cash darf aber genau dort nicht der Bottleneck entstehen und kleinteilig auf Einzeltransportebene und/oder manuell gearbeitet werden. Hier gibt es häufig noch großes Optimierungspotenzial, dem wir mit den Transport- und Simulationslösungen unserer ESM-Suite begegnen.

Universalantwort: Templates

Templates waren einst eine Universalantwort: Wo positioniert man bei Solutive aktuell das IT-Management mittels Tem­plates? Christian Steiger: „Templates und ein Template Management sind zielführend und bringen in vielen Use Cases Mehrwert. Aber auch das ist keine Fire-and-Forget-Lösung. Heutzutage muss ein Template eine gewisse Flexibilität mitbringen, auch wenn die Abweichungen zum Teil nur wenige Prozent betragen. Auch gilt es, nach dem De­ployment dieses Template bzw. Hochrisikokomponenten gegen ungewollte Änderungen zu schützen. Eine flexible Gestaltung bei reduziertem Aufwand und der vollen Kontrolle über alle Änderungen ist ein effektiver Ansatz, um im Betrieb die Kosten deutlich zu drücken. Wir unterstützen gerade im Konzernumfeld mit unseren Lösungen diesen Ansatz sehr erfolgreich.

Traum und Wirklichkeit kommen bei den Themen Dynamik, Change und Agilität mit Compliance, Risk Management und Governance in einen Konflikt. Fortlaufende Veränderungen versus Stabilität? Der SAP-Bestandskunde ist gefordert, wenn es gilt, einen stabilen Betrieb gegen die Innovationen von SAP abzusichern.

„Diese Herausforderung sollte keine Kür, sondern die Pflicht sein“, betont Christian Steiger nachdrücklich im Gespräch. „Immer wieder erfahre ich von unseren Kunden, dass es zwei Prozesse gibt: den designten und den gelebten Prozess. Das ist ineffizient und unsicher und zudem wird die Compliance mit Füßen getreten.

Der Solutive-Vorstand ist somit überzeugt, dass Prozesse entsprechend der Compliance und Revisionssicherheit etabliert werden müssen, um einen Workaround zu vermeiden. Dazu sind End-to-End-Prozesse nötig, um den Audit-Trail unterbrechungsfrei zu haben und völlige Transparenz zu bieten.

Best Practice und Agilität

Wir unterstützen unsere Kunden bereits bei der Prozessdefinition, egal ob SOX, GAMP, FDA, DSGVO – in allen Bereichen haben wir Best Practices erarbeitet, auch teilweise mit den großen Wirtschaftsprüfungsunternehmen“, erzählt Christian Steiger aus seinem Arbeitsalltag. „Mit welchen Tools dann die Realisierung stattfindet, dazu geben wir ebenso Empfehlungen. Im Kern muss es kein Kompromiss mehr sein, denn Dynamik, Agilität und hybride Entwicklung können Hand in Hand mit Risk Management und Governance gehen. Auch zu diesem Thema sind wir im Bereich der KI gerade dabei, einen Digital CoWorker zu etablieren, der als Wächter für Revision, Governance und Compliance dienen soll.

Und Vorstandskollege Moosherr ergänzt: „Richtig, denn wichtig ist nach meiner Erfahrung die durchgängige Transparenz. Mit dem Abbau von Inselprozessen und Informations­silos und der breiten Streuung des Wissens um Compliance und Risk Management kann ein gemeinsames Bild über die Sinnhaftigkeit gestaltet werden.“

Compliance und SolMan

Das Thema Dokumentation und Compli­ance ist im E-3 Gespräch somit der nächste, logische Schritt: Fortlaufende Veränderungen erleichtern nicht die Führung einer präzisen IT-Dokumentation, oder? Braucht es hierfür dann vielleicht den SolMan? „Hier greife ich den Audit-Trail wieder auf“, erklärt Christian Steiger. „Etablierte digitale End-to-End-Prozesse sind der wichtigste Schritt für die Compliance. Die Dokumentation ist damit automatisch an Bord und auch absolut belastbar. Auch der SolMan ist bei der Dokumentation ein etabliertes Tool.

Für Solutive-Vorstand Steiger ist wichtig, dass die Unternehmensvision mit einer Strategie versehen wird, die sich in das gewohnte Arbeitsumfeld integriert. Denn aus Sicht von Solutive gibt es im laufenden Betrieb kaum eine größere Herausforderung, als ein Change Management der Arbeitsweise nur aus Compliance- Gründen durchführen zu müssen.

IT Service Management, ITSM, erscheint als universeller Problemlöser: Stimmt das? IT Service Management, sofern es vernünftig und passend etabliert ist, hat die Eigenschaft, auf vielen Ebenen als Beschleuniger zu wirken. Das gilt besonders für Prozesse, die im operativen Business angestoßen werden, und wirkt sich bis ins Deployment aus. Aber damit verlassen wir etwas das SAP-Umfeld, meint Christian Steiger: „Doch grundsätzlich kann ITSM meiner Meinung nach als Turbo wirken. ITSM-Prozesse benötigen Akzeptanz und Weitsicht, um sinnvoll implementiert zu werden.“

SAP-Deadline

Bis 2027/2030 sollten alle SAP-Bestandskunden auf Hana und S/4 konvertiert sein: Aus Sicht von Solutive, welche Herausforderungen bezüglich Change Management, ITSM, Testen und Transport ergeben sich daraus? „Wir haben in den vergangenen Monaten noch signifikante Details in unsere ESM Suite einfließen lassen, um den Unternehmen die Migration zu erleichtern“, beschreibt Christian Steiger die Situation.

Die Umstellung bringt auch Chancen, auf schlankere Prozesse und einen Standard auf Basis der Best Practice. Nicht nur das Projekt S/4 muss dabei betrachtet und kalkuliert werden, sondern auch der Betrieb danach. Aber Christian Steiger weiß auch, dass die guten Ansätze oft nicht dem Arbeitsumfeld der Realität entsprechen und so die Nutzer nach der Umstellung sich selbst überlassen sind.

Ein Beispiel ist der Requirement-to-Deploy-Prozess, dazu Christian Steiger: „Passt dieser nicht zu den aktuellen Prozessen, ist eine Anpassung nur schwer möglich. Wir haben hier eine nachhaltige Lösung im Portfolio, die ein hohes Maß an Flexibilität beibehält, sich im Anschluss auch um die Operations kümmert und somit nachhaltig den Lebenszyklus begleitet. Gepaart mit effizienten und vereinfachten Prozessen sind das zwei Fliegen mit einer Klappe: das S/4-Projekt und der Betrieb danach.“

Aufgrund der hohen Kosten einer S/4-Landschaft wird häufig auch eine Konsolidierung vorgenommen. Aber worüber häufig nicht gesprochen werde, meint Tobias Moosherr, sei die Gefahr durch einen Single Point of Failure.

Falls im Worst-Case früher ein System z.B. für ein Land nicht verfügbar war, konnten die anderen Systeme weiterlaufen und die anderen Standorte waren handlungsfähig. Was passiert aber, wenn es nur noch das eine One-SAP gibt?“, fragt sich Moosherr. „Ohne ein Umdenken der Arbeitsweise und das Anpassen des Tool-Sets kann aus dem erhöhten Schutzbedürfnis schnell eine Verlangsamung der Anpassungsfähigkeit der Organisation resultieren. Die paradoxe Situation – Erkenntnisse in Echtzeit gewinnen, aber nur im Schneckentempo darauf reagieren können –, wer mag sich das gerne ausmalen wollen?

Digitale Transformation, oder?

Zum Abschluss des E-3 Gesprächs die unvermeidliche Beurteilung des Gesamtbilds: Aus Sicht von Solutive, wo steht die SAP-Community beim Thema digitale Transformation? „Wir alle leben und lieben doch die digitale Transformation“, antwortet Christian Steiger ganz spontan und erklärt: „Ich muss zugeben, eine Portion Ironie kann ich mir dabei nicht nehmen lassen. Ich glaube, wir kennen mittlerweile sowohl Vor-, aber auch die Nachteile. Eines muss immer klar sein: Keine Digitalisierung funktioniert, wenn sich der IT-Leiter im gleichen Atemzug anhören muss, dass er bei den Budgets sparen muss. Digitalisierung bedeutet Investitionen in die Zukunft, und zwar in die IT! Die IT ist für mich ein ganz klarer Innovationstreiber und gehört als solcher auch in die Wertschätzung und nicht in den Maschinenraum, sondern ganz nach oben neben den Kapitän.

Vorstandskollege Tobias Moosherr springt Christian Steiger zur Seite und berichtet: „Gerade ging Folgendes durch die Presse: Eppelheimer Capri-Sun-Chef – Yacht von Hans-Peter Wild krachte in Hafensteg auf Karibikinsel St. Martin. Schuld an der Havarie war offenbar eine Fehlfunktion in der Computersteuerung. Der Kapitän spricht von einer Fehlkommunikation zwischen der Brücke, die mit 14 Computern bestückt sei, und dem Maschinenraum. Dieser Eindruck mag auch an manchen Stellen auf die SAP-Community zutreffen. Es darf nicht der Selbstzweck sein, der Aussagen herausbringt wie: We need to become more agile. We’re not lean enough. I want to see our culture shift to fail fast, fail often. Richtiger ist meiner Meinung nach: ein gemeinsames Bild aller Beteiligen, was digitale Transformation für das Unternehmen konkret bedeutet, und das Verständnis, auch mit SAP-Software eine Organisation aufbauen zu wollen, die schnell auf Anforderungen reagieren kann. IT muss und soll Innova­tionstreiber sein und nicht nur ein Kostenfaktor.

Danke für das Gespräch.

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Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
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