MAG 21-07 Szene

Übersetzer und Navigator

[shutterstock: 1121248859 ByGurzoglu]
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SAP ist strebsam und fleißig. Der ERP-Weltmarktführer präsentiert
Innovationen und Transformationen am laufenden Band, was für viele SAP-Bestandskunden das Leben nicht einfacher macht.

Auf der Suche nach Orientierung und Roadmaps fand Jörg Dietmann, Vorstand Nagarro ES, Zeit für ein Interview, um der SAP-Community eine Anleitung an die Hand zu geben. Dieses E-3 Interview ist auch ein Update zur gemeinsamen Coverstory November 2020 mit dem Thema ERP-Conversion.

E-3: Sehr geehrter Herr Dietmann – aus Partnersicht, welches SAP’sche Transformationsprogramm empfehlen Sie den Bestandskunden: Move, Conversion oder Rise? 

Jörg Dietmann: Das ist eine Frage, auf die ich keine schnelle Antwort geben kann. Zuerst würde ich daher die Begriffe einordnen. Das SAP Movement ist ein Programm, um Kunden zu S/4 zu bewegen – dabei geht es um keine bestimmte Methode oder Deployment. Ziel ist einzig und allein der Weg zu S/4 Hana.

Eine Conversion – teilweise auch Brownfield genannt – bezeichnet hingegen eine Methode, das vorhandene ERP und die validierten und effizienten Prozesse auf SAP S/4 zu konvertieren. Rise with SAP ist das neueste Angebot in Bezug auf SAP S/4 Hana Cloud aus Walldorf und ist ein Bundle aus S/4 Cloud, BTP, SAP Business Network und Business Process Intelligence. So verschieden, wie jedes Unternehmen ist, so unterschiedlich ist auch der Weg zu S/4.

Insofern gibt es auch viele unterschiedliche Wege, deren spezifische Vorteile und Herausforderungen für jedes Unternehmen einzeln zu bewerten sind. Nur so viel ist klar: Wenn SAP-Kunden beim Anbieter bleiben wollen, ist S/4 Hana der nächste konsequente Schritt. 

E-3: Eine umfassende S/4-Transformation verändert nachhaltig die Aufbau- und Ablauforganisation der SAP-Bestandskunden. Was ist das Angebot von Nagarro in diesem speziellen Releasewechsel?

Dietmann: Wir verstehen unsere Rolle einerseits als Übersetzer und andererseits als Navigator. SAP baut mit S/4 ihre langjährige Marktführung und Erfahrung im Bereich ERP auf neue moderne Technologie um, die es dadurch ermöglicht, neue Möglichkeiten für Unternehmen zu erschließen.

Als SAP-Partner beschäftigen wir uns 24 x 7 mit SAP und haben durch unsere enge Partnerschaft nicht nur ein hervorragendes Netzwerk nach Walldorf, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Arbeitsweise und Sprache der SAP. Unser besonderer Mehrwert liegt dann aber auch im Blick über den SAP-Tellerrand, denn wir wollen Unternehmen in Richtung Intelligent Enterprise begleiten und zeigen, wohin der Weg gehen kann.

Hier setzen wir entweder direkt mit Roadmaps an oder wir gehen gemeinsam einen Schritt zurück und evaluieren durch einen toolgestützten Ansatz erst einmal, wo sich das Unternehmen aktuell befindet. Denn das ist essenziell bei der digitalen Transformation: alle Prozesse und Systeme auf den Prüfstand zu stellen und zu sehen, wo wir ein Delta zwischen Ist und Soll haben.

E-3: Wo sehen Sie für einen klassischen ECC-6.0-Anwender die größten
Herausforderungen? Im Betriebs-wirtschaftlichen, Organisatorischen,
Technischen oder Lizenzrechtlichen?

Dietmann: Wir betonen immer wieder, dass kein Unternehmen dem anderen gleicht. Insofern gibt es auch hier keine One-size-fits-all-Antwort. Die Herausforderungen sind heterogen. Betriebswirtschaftlich gesehen hat ein Deployment in der Cloud Vorteile. Es gibt inzwischen viele Ansätze, die digitale Transformation auch für Einsparpotenziale zu nutzen – gerade mit Hinblick auf EaaS-Modelle auf Subskriptionsbasis und den damit verbundenen Wechsel von Capex zu Opex.

E-3: Das leitet über zu den
Hyperscalern, oder?

Dietmann: Hyperscaler sind ein weiteres Trendthema. Wobei das nicht automatisch eine Kostenersparnis bedeutet, wenn ein Unternehmen seine gesamte Struktur auf Hyperscalern abbildet. Kunden sind gut beraten, mit einem Partner zusammenzuarbeiten, der einen ganzheitlichen Blick hat und das Beste aus allen Welten herausfiltert – kundenindividuell.

Aus technischer Sicht sind Unternehmen mit vollkommen neuen Möglichkeiten konfrontiert, die man mit S/4 als Grundlage nutzen kann, so wie Machine Learning, künstliche Intelligenz oder Robotic Process Automation. Durch automatisierte Prozesse wiederrum werden Freiräume geschaffen, um sich anderen Themen zu widmen oder das Unternehmen neu aufzustellen.

E-3: Und jenseits der Technik, was ist noch zu beachten?

Dietmann: Getrennt von der technischen Argumentation für den Umstieg auf S/4 Hana steht die lizenzrechtliche Diskussion mit ihren ganz eigenen Herausforderungen. Zunächst einmal gehört das Thema SAP-Lizenzen in die Erarbeitung jeder S/4-Roadmap. Nicht zuletzt deshalb, weil es eine zentrale Kostenkomponente der Transformation nach S/4 Hana ist.

Eine gründliche Abwägung bei der Auswahl der richtigen Lizenz-Conversion kann nicht nur potenziell Kosten sparen, sondern auch die Nutzung der SAP-Software deutlich optimieren. Ob nun Product Conversion oder Contract Conversion sinnvoll ist, muss kundenindividuell beurteilt werden.

E-3: Ein SAP-Bestandskunde, der Sie bittet, das Intelligent Enterprise zu erklären, was sagen Sie? Ein Nagarro-Elevator-Pitch!

Dietmann: Das Intelligent Enterprise ist eine Vision für Unternehmen, niemals ein Zielzustand. Unternehmen, die in Richtung Intelligent Enterprise gehen, fokussieren sich auf Integration, Effizienz und den Menschen im Mittelpunkt – sowohl Mitarbeitende als auch Kunden.

Das Intelligent Enterprise schafft mehr Freiräume für neue Themen und mehr Zeit. Im Kern des intelligenten Unternehmens stehen integrierte End-to-End- Prozesse, die einen echten Mehrwert bieten. Die gewonnene Effizienz schafft dann neue Möglichkeiten für Unternehmen, neu zu denken. Flexibilität und Individualität sind hier wichtig.

Denn Erfolg definiert sich nicht mehr ausschließlich über Gewinn und Umsatz – das zeigt nicht zuletzt die Pandemie. Vielmehr stehen Mitarbeitende samt Werten wie Nachhaltigkeit und sozialem Engagement heutzutage im Fokus.

E-3: Wie beurteilen Sie die Notwendigkeit und Funktionalität von Process Mining?

Dietmann: Process Mining bietet eine vollständige Transparenz über digitalisierte Geschäftsprozesse und ist geeignet für standardisierte Prozesse, die vollumfänglich in digitalen Back-End-Systemen ablaufen. Insofern ist Process Mining sehr hilfreich bei der Identifizierung von ineffizienten Prozessen.

Die Notwendigkeit hängt aber davon ab, was man erreichen möchte. Natürlich kann man seine Prozesse auch durch Berater auswerten lassen. Dann aber nie mit der Geschwindigkeit und Transparenz, wie man sie durch den toolgestützten Ansatz erreicht.

E-3: Wer ist besser: Celonis oder Signavio?

Dietmann: Das kann man nicht pauschal sagen. Sicherlich ist Celonis der Marktführer und der Pionier im Bereich Process Mining. Signavio ist aber sehr viel breiter aufgestellt, was das Thema Business Process Management angeht, und ist durch die Übernahme durch SAP für unsere Kunden sicher momentan präsenter.

E-3: Aus der Schweiz gibt es eine Umfrage, nach der 40 Prozent der SAP-Bestandskunden auf Hana gewechselt sind, aber erst ein kleiner Teil von S/4 überzeugt ist: Sehen Sie eine ähnliche Situation oder wo steht die S/4-Hana-Transformation?

Dietmann: Meine subjektive Einschätzung, geprägt durch die vielen Gespräche mit unseren Kunden, wird durch die aktuelle Lünendonk-Studie bestätigt. Wir sind hier an einem anderen Punkt. Die Pandemie hat vielleicht einige Unternehmen dazu gezwungen, ihre S/4-Hana-Projekte zu pausieren, trotzdem plant die Mehrheit der SAP-Kunden, ihre ERP-Modernisierung bis 2025 vollständig abzuschließen.

E-3: Ihre persönliche Erfahrung aus den Gesprächen mit SAP-Bestandskunden?

Dietmann: Was ich persönlich zur digitalen Transformation und der Akzeptanz von SAP S/4 Hana noch sagen will: Die Implementierung von S/4 als neuer zentraler Kern der IT-Landschaft ist eine so komplexe Angelegenheit für Unternehmen, dass die Notwendigkeit, die Belegschaft für die Transformation zu begeistern, oft übersehen wird.

Insbesondere der Faktor Mensch muss im Rahmen eines solchen Projekts berücksichtigt werden – fehlendes Vertrauen, mangelnde Motivation oder geringe und veraltete Kompetenzen stehen hier oft im Mittelpunkt. Mitarbeitende – egal ob End-anwender, Führungskräfte, Key User oder IT-Angehörige – sollen aktiv am Transformationsvorhaben mitwirken und fachlich wie auch kulturell in die neue Zeit begleitet werden.

E-3: Und das Ziel?

Dietmann: Nur so werden Akzeptanz und Know-how geschaffen und nebenbei auch eine größere Wirtschaftlichkeit des Projekts erreicht, indem die Probleme bei Schulungen oder sonstigen Informationsflüssen schon vor der Entstehung vermieden werden.

E-3: Können Sie die größten Herausforderungen für einen gelungenen S/4-Releasewechsel in den kommenden Jahren bis 2027/2030 skizzieren? Was gilt es zukünftig zu beachten?

Dietmann: Die wichtigste Botschaft für Anwender ist sicher, wenn Sie sich als SAP-Kunde noch nicht mit S/4 Hana beschäftigt haben: Holen Sie das schnell nach. Die meisten Unternehmen unterschätzen den zeitlichen Aufwand, da es sehr viele Vorprojekte geben kann.

Und inzwischen ist S/4 vom Reifegrad so elaboriert, dass es hier keine Bedenken mehr geben muss. Denn bedenken Sie: Der Beratermarkt wächst nicht und wer sich erst 2027 mit dem Thema beschäftigt, der wird sich fühlen wie samstags im Supermarkt um 22 Uhr an der Obsttheke.

E-3: Danke für das Gespräch.

https://e-3.de/partners/nagarro/

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Jörg Dietmann Nagarro ES

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