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Transparenz und Zuverlässigkeit noch nicht erreicht!

[shutterstock.com: 596722127, HQuality]
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So wird der digitale Zugriff transparent und zuverlässig, lautete der Slogan, mit dem SAP die Lizenzierung der indirekten Nutzung 2018 bewarb. Ein Jahr später lancierte SAP mit dem Digital Access Adoption Program ein Angebot, um die Verbreitung zu beschleunigen.

Doch wie ist die Akzeptanz des SAP-Digital-Access-Lizenzmodells und bietet das Digital Access Adoption Program (DAAP) hinreichend Anreiz für eine Umstellung? Die Teilnehmer der im Zeitraum Juni bis August 2020 durchgeführten Umfrage kommen mehrheitlich aus dem deutschsprachigen Raum (86 Prozent) und aus den Branchen produzierendes Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (93 Prozent).

Die meisten Teilnehmer gaben an, dass sie bereits länger als zehn Jahre SAP-Kunden sind (86 Prozent). Die Teilnehmer stellen einen Querschnitt durch unterschiedliche Größen dar, mit: unter 1000 SAP-Usern (42 Prozent); zwischen 1000 und 5000 SAP-Usern (33 Prozent); und über 5000 SAP-User (25 Prozent), davon 12 Prozent mit über 25.000 Nutzern.

Wissensstand gestiegen

Die Mehrheit aller Befragten (86 Prozent) gab an, sich bereits mit dem Thema indirekte Nutzung beschäftigt zu haben und auch das SAP-Digital-Access-Lizenzmodell zu kennen (82 Prozent). Dabei ist auch ein Anstieg im Vergleich zu den 2015 und 2018 durchgeführten Umfragen bei den Unternehmen zu beobachten, die der Meinung sind, dass für die Nutzung der SAP-Software in ihrem Haus der Tatbestand der indirekten Nutzung gemäß der SAP-Definition vorliegt. Die Tabelle zeigt die Antworten im Zeitverlauf.

Winshuttle

Gründe für die zunehmende Erkenntnis, ob indirekte Nutzung vorliegt oder nicht, könnten einerseits die umfassende Öffentlichkeitsarbeit von SAP und DSAG sowie die vielen Publikationen und Vorträge zum Themenbereich sein, in denen die unzähligen Anwendungsfälle und oftmals unklaren Formulierungen in den Vertrags- und Nutzungsbedingungen (PKL) dargestellt und diskutiert werden.

Keine Regelung für die indirekte Nutzung

Trotz der mittlerweile weitverbreiteten Bekanntheit der Lizenzierungsforderungen der SAP hat aktuell etwa die Hälfte der befragten SAP-Bestandskunden noch keine Regelung bezüglich der indirekten Nutzung mit SAP getroffen. Bei bestehenden Vereinbarungen prädominieren hingegen die alte Lizenzierungsform (Named-User- und Order-Processing-Lizenzen) beziehungsweise individuelle Regelungen. Die Lizenzierung auf Basis von SAP Digital Access haben wenige der Befragten (12 Prozent) vereinbart.

Folglich lässt sich festhalten, dass in der Lizenzierung der indirekten Nutzung noch ein großes, unausgeschöpftes Umsatzpotenzial für die SAP besteht. Eine vertriebs- wie auch auditseitige Forcierung sind daher zu erwarten.

Intransparenz und Zweifel an Rechtmäßigkeit

Als Hauptgründe für die geringe Akzeptanz des Digital-Access-Preismodells auf Kundenseite werden die mangelnde Transparenz im Zusammenhang mit der Vermessung und Auswertung der Dokumententypen und -anzahlen und die rechtliche Unsicherheit angeführt. Weitere Nennungen betreffen die zu hohen Kosten und fehlende Budgetplanung für eben diese. Ebenfalls ist die Bedarfsermittlung an vielen Stellen noch nicht abgeschlossen.

Folglich lässt sich konstatieren: Während die Kenntnis der SAP-Verantwortlichen gestiegen ist, ob indirekte Nutzung in ihrem Unternehmen vorliegt oder nicht, fällt es ihnen nach wie vor schwer, die Anzahl der Dokumente für Digital Access zu ermitteln. Es fehlt immer noch an Transparenz, was und wie genau gezählt wird.

Guido Schneider 2010

Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Befragten, neben der Forderung nach mehr Transparenz, eine rechtliche Klärung des Themas vermissen. Die Frage, ob SAP überhaupt berechtigt ist, zusätzliche Lizenzen für die indirekte Nutzung zu berechnen, ist auch heute – fünf Jahre nach der ersten Umfrage – noch nicht geklärt.

Im Übrigen gaben nur 50 Prozent der Befragten an, überhaupt Kenntnis von der kartellrechtlichen Beschwerde des Voice-Bundesverbands der IT-Anwender gegen die Lizenzierung der indirekten Nutzung zu haben. Voice wirft dem Softwarekonzern vor, dass die Lizenzbestimmungen der SAP rechtswidrig seien und der Monopolist seine starke Stellung im Markt für ERP-Software gegenüber seinen Kunden missbräuchlich zu deren Nachteil einsetze.

Außerdem schädige die SAP mit ihren Lizenzierungsforderungen den Markt für Hersteller von Third-Party-Applikationen. Die mittlerweile beim Kartellamt eingetroffene Stellungnahme von SAP befindet sich in der Prüfung. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist, ist weiterhin unklar.

DAAP greift nicht richtig

Das Digital Access Adoption Program wurde eigens dafür aufgelegt, um die Verbreitung unter den SAP-Kunden zu erhöhen. Das DAAP ist den meisten (63 Prozent) der Befragten zwar bekannt, scheint aber keinen Kaufanreiz darzustellen, da 67 Prozent angegeben haben, dass sie nicht sicher sind, ob das Angebot kommerziell attraktiv sei.

Bitte warten! Die SAP-Bestandskunden sind zurückhaltend, was Änderungen ihrer Lizenz-Infrastruktur betrifft. Auch der Einsatz von Drittanbietern zur Lizenzvermessung ist mäßig.

Immerhin haben von den Teilnehmern, die bereits Digital Access lizenziert haben, 57 Prozent das DAAP beim Erwerb der neuen Lizenzen genutzt. Es zeigt sich also, dass die aktuellen Vorbehalte hinsichtlich Transparenz und die Unsicherheit der Anwender, ob das Vorgehen der SAP überhaupt rechtmäßig ist, höher gewichtet werden als reine Kostenüberlegungen. Das DAAP entfaltet keine Wirkung in der Breite, da es die Kernkritikpunkte der SAP-Kunden nicht umfassend adressiert. Daran wird auch die Verlängerung des Programms bis Ende 2021 wahrscheinlich nichts ändern.

Nichtsdestotrotz setzen sich die SAP-Kunden mit dem neuen Digital-Access-Lizenzmodell auseinander. Von allen Befragten gab ein Drittel an, bereits eine Bewertung von SAP Digital Access durchgeführt zu haben. Ein weiteres Drittel plant die Bewertung, während ebenfalls ein Drittel keine Absichten hat, eine nähere Betrachtung von Digital Access vornehmen.

Die große Mehrheit der SAP-Bestandskunden plant, die Bewertung von Digital Access ohne Einbindung der SAP und ohne externe Berater durchzuführen. Daraus lässt sich schließen, dass es sich noch immer um ein sensibles Thema handelt, das Unternehmen lieber zunächst intern und mit eigenem Know-how untersuchen wollen.

Unternehmen, bei denen die Bewertung noch nicht auf der Agenda steht, verspüren derzeit vermutlich noch keinen Handlungsdruck von außen beziehungsweise bevorzugen bewusst eine gewisse Intransparenz hinsichtlich der indirekten Nutzung, um nicht zum Handeln gezwungen zu werden. Ein Vorgehen, das dann kritisch wird, wenn eine kurzfristige Entscheidung zur Lizenzierung zu fällen ist und die notwendige Datenbasis fehlt.

Es fehlt an Bildungsarbeit und Kommunikation! Weil sich SAP nicht entscheiden kann, offen und transparent mit der ganzen SAP-Community gleichzeitig zu kommunizieren, bleiben viele Projekte in einer Warteschleife bis zur Eskalation.

Lizenzerwerb trotz fehlender Datengrundlage

Eine solche Datengrundlage kann im Grunde nur das SAP Passport Tool liefern, das auch im Rahmen der Systemvermessung zum Einsatz kommt. Neben dem hohen Implementierungsaufwand bestehen Zweifel in der Community, ob das Tool überhaupt fertig entwickelt ist, ob die Ergebnisse des Tools verlässlich sind oder ob in Zukunft möglicherweise andere Belege gezählt werden müssen, als dies aktuell der Fall ist.

Auf die Frage nach dem Einsatz externer Lizenzmanagement-Tools (etwa Aspera LicenseControl for SAP Software, Flexera FlexNet Manager for SAP Software, Snow Optimizer for SAP Software oder Voquz samQ) gab über die Hälfte der Befragten (53 Prozent) an, dass sie keine der genannten Lösungen für die Abschätzung einsetzen wollen. Ein Trend, der sich im Übrigen seit 2015 fortsetzt.

Die schweigende Mehrheit verweigert sich! Nur ein geringer Anteil der SAP-Bestandskunden nutzt DAAP, etwa doppelt so viele Kunden versuchen es mit einem Drittanbieter.

In all diesen Fällen bleiben nur das Verlassen auf das eigene Bauchgefühl oder die Verhandlung mit der SAP. Beide Möglichkeiten sind riskant, weil sie erfahrungsgemäß arbeitsintensiv, ungenau und damit zumindest im Nachhinein oft kostspielig sind.

Von den Befragten, die angegeben haben, bereits Lizenzen für SAP Digital Access erworben zu haben, haben dies 71 Prozent im Rahmen des bestehenden ECC-Vertrags vorgenommen sowie 29 Prozent im Rahmen der SAP-S/4-Migration via Product Conversion. Erfahrungen mit der Vermessung (Audit) gibt es allerdings noch nicht hinreichend. Es lassen sich demnach auch keine Schlüsse ziehen, wie groß die Abweichungen von erworbener Anzahl zu benötigter Anzahl an Dokumenten-Lizenzen in der Praxis ausfallen.

Ziel (noch) nicht erreicht

Das Bestreben der SAP, das neue Preismodell SAP Digital Access für die Lizenzierung der indirekten Nutzung zu etablieren, ist noch nicht erfolgreich umgesetzt. Der Ruf der SAP-Kunden, die Lizenzierung transparenter zu gestalten, ist nach wie vor laut, die Zweifel an der grundsätzlichen Rechtmäßigkeit der SAP-Forderung nach zusätzlichen Gebühren für die indirekte Nutzung bleiben.

Gleichzeitig sind die Lizenzverantwortlichen bestrebt, im Rahmen der Bedarfsermittlung und Verhandlung mit der SAP mehr Sicherheit zu gewinnen. Sicher ist derzeit aber nur, dass von einem „transparenten und zuverlässigen Zugriff“ beim Digital Access (noch) keine Rede sein kann, und so wird es vorerst eine „lebenslange, aber stark eingeschränkte vertrauensvolle Beziehung“ bleiben.

Lösungen und Antworten zur indirekten Nutzung bekommt der SAP-Bestandskunde fast ausschließlich in individuellen Gesprächen mit seinem SAP- Vertriebsbeauftragten. Diese „Nebenabsprachen“ sind ein Problem für die Community, weil sie den Markt verzerren und kleine Kunden benachteiligen.
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Über den Autor

Felix Baran, Complion

Felix Baran ist Mitgründer und Senior License Expert bei Complion.

Über den Autor

Guido Schneider, Aspera

Guido Schneider ist SAP-Lizenzexperte bei Aspera.

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