Editorial Mag 22-07

Train Wreck in Slow Motion

Editorial
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Die Katastrophe ist unausweichlich. Seit zwei Jahren kann die SAP-Community den Niedergang von SAP beobachten. Im Zentrum stehen Professor Hasso Plattner und CEO Christian Klein.

Auf SAP-Executive-Ebene macht jeder, was er will, einige machen nichts und viele verlassen den Konzern. Wie in Zeitlupe bewegt sich der ERP-Weltmarktführer auf seinen Niedergang zu: langsam, aber mit definiertem Ende – ähnlich dem Sterben eines Sterns. Wo steht SAP aktuell? Mit zahlreichen Zukäufen in den vergangenen Jahren hat sich SAP – sternentechnisch – zum Roten Riesen aufgebläht, was aber lediglich eine Vorstufe zum unvermeidlichen Ende als kleiner Weißer Zwerg ist – bis zum mächtigen Schwarzen Loch wird es SAP aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schaffen. Damit existiert die Möglichkeit, dass ein alter Plan reaktiviert wird: Microsoft übernimmt den kleinen Weißen Zwerg SAP.

Aktuell ist es für die SAP-Community offensichtlich: a catastrophe wherein the failure is obvious to everybody while it is happening. Es ist schmerzhaft, im fünfzigsten Jahr des Bestehens von SAP diese Analyse abgeben zu müssen. „Train Wreck in Slow Motion“ wird auch gern umschrieben mit: something (a person or situation) that is slowly destroying itself.

Hierbei ist es uninteressant im Nachgang zur SAP-Hauptversammlung, ob Professor Plattner noch zwei, drei oder vier Jahre der Aufsichtsratsvorsitzende bleibt. Entscheidender ist die Problemlösungskompetenz, die der Aufsichtsrat und Vorstand von SAP haben. Wichtige Personen sind aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden, ebenso wie viele Topmanager das Unternehmen SAP verlassen haben. Der Know-how-Verlust bei SAP ist die entscheidende Komponente, nicht die Tatsache, ob irgendeine Altersgrenze über- oder unterschritten wurde.

Alles ist erlaubt, nur nicht Reparaturdienstverhalten. Aktuell arbeitet der SAP-Vorstand rund um CEO Christian Klein an zahlreichen Reparaturen im SAP-Universum. Aber nicht das Reparieren von Baustellen sollte Beschäftigung für den Vorstand sein, sondern eine Analyse, warum es diese Baustellen überhaupt gibt. Strategisches Denken sollte dieses Reparaturdienstverhalten ablösen. Es geht um die Zukunft von SAP und nicht um die Anwenderzahlen von Rise und Hana.

Wie konnte es so weit kommen? Ich bin seit über zwanzig Jahren aktiv in der SAP-Community engagiert und die kurze Antwort: Man erntet, was man sät!

Eine SAP-Anwendervereinigung, die perfektes Service für die Basis liefert, aber nie kritisch und ausdauernd das Handeln des SAP-Vorstands hinterfragte. Wer würde bei einem Konflikt und einer disruptiven Meinungsverschiedenheit die nächste Keynote auf den Vereinsveranstaltungen halten, wenn der Verein den Hersteller attackiert – vielleicht sogar den Umgang mit SAP-Softwarelizenzen vor die Kartellbehörde in Bonn bringt?

Im Bereich der SAP-Partnergemeinde ergibt sich kein besseres Bild: Es wurde sehr engagiert versucht, einen Verein zu gründen, der die Stimmungen und Meinungen der SAP-Partner konsolidiert, um dann mit einer Stimme gegenüber SAP zur Diskussion zu bringen. Diesen Verein gibt es, aber die Mehrzahl der SAP-Partner beschränkt sich auf die Maximierung des eigenen Umsatzes – ein Engagement für die Allgemeinheit und die Belange der Community hat hier kaum noch Platz. Wenn SAP stirbt und damit auch die SAP-Partnerlandschaft nachhaltigen Schaden erleidet, wird sich jeder selbst Rechenschaft geben müssen – es gibt keine Schuldigen außerhalb der SAP-Community!

Auch die SAP-Bestandskunden sind nicht frei von Schuld: Viele engagieren sich mit großem Einsatz in den Veranstaltungen des SAP-Anwendervereins. Diese Basis gedeiht und lebt. Es gab den Versuch, mit einem CIO-Arbeitskreis auch auf Executive-Ebene die Geschicke der SAP-Community zu steuern, aber dieser Versuch verlief im Sand. Kaum ein CIO getraut sich öffentlich gegenüber SAP seine Rechte einzufordern. Wenn nun SAP-CEO Christian Klein glaubt, alles sei bestens, kann ihm das nicht vorgeworfen werden.

Die einzige öffentliche und kritische Stimme in der SAP-Community ist die vierte Gewalt – der Journalismus. Es kann nicht oft genug die wertvolle und hervorragende Arbeit von Christof Kerkmann beim Handelsblatt und von Eva Müller und Christina Kyriasoglou beim Manager Magazin gelobt werden. In der Juli-Ausgabe veröffentlichte Frau Kyriasoglou einen sehr lesenswerten Text: „Der fragwürdige Führungsstil der SAP-Spitze wird zum Risiko. Beim wichtigsten europäischen Techkonzern kippt die Stimmung. Mangelnde Visionen und ungelöste Compliance-Affären vertreiben gute Leute. Und Vorstandschef Christian Klein schürt den Frust noch zusätzlich.“

Es scheint ein Kommunikationsproblem in der SAP-Community zu existieren. MM-Autorin Kyriasoglou zitiert einen Informanten und bringt es auf den Punkt: „Keiner traut sich mehr, Christian die Wahrheit zu sagen.“ Damit ist SAP-CEO Christian Klein nicht von aller Schuld befreit, aber es gibt keine Schuldigen außerhalb der SAP-Community!

Früher war nicht alles besser – natürlich nicht, aber ich selbst habe es erlebt: Unter einem SAP-Chef Professor Henning Kagermann wurde offener, diverser, engagierter und fairer diskutiert. Es existierte eine eigene SAP-Diskussionskultur. Noch wäre Zeit, den Zug durch richtige Kommunikation auf ein anderes Gleis zu lenken. Die Katastrophe ist für alle sichtbar, sie muss aber nicht eintreten – fast wie in einem schlechten Hollywoodfilm, oder?

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter pmf@b4bmedia.net | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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