Coverstory 2006 MAG 2006

Technologie 4.0 braucht Transformationskultur 4.0

Franz Gruber
Geschrieben von Franz E. Gruber, Forcam

Die Folgen der Covid-19-Pandemie sorgen für neue Prioritäten auf Chefetagen. Die Digitalisierung ist dabei Teil der Lösung. Doch Grundsatz bleibt: Die digitale Transformation gelingt nur nach der Formel „Erst Menschen motivieren, dann Maschinen optimieren“.

Die Shutdowns in nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften im Zuge der Covid-19-Pandemie werden gravierende Folgen haben. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Weltwirtschaft insgesamt im Jahr 2020 um drei Prozent schrumpfen wird, „viel schlimmer als während der Finanzkrise 2008/09“. Die entwickelten Volkswirtschaften soll es demnach mit einem Minus von im Schnitt 6,1 Prozent treffen.

Für die Industrie gilt im Coronajahr 2020 ganz unsentimental: Manager müssen ganz schnell die Kosten senken, weil Umsätze weggebrochen sind und laufende Ausgaben hoch bleiben. „Cash is king“ lautet die Priorität. Dem kurzfristigen Kostenmanagement müssen sich alle anderen Pläne unterordnen.

Die Krise als Chance

Krisen bergen aber auch die Chance auf Veränderung zum Besseren. Und es gibt eine Zeit nach Corona, die verantwortliche Manager im Blick halten müssen. Eine digitale Transformation mit einem nachhaltigen Plan jenseits des reinen Kostenfokus ist nötig.

Dabei gilt der bewährte Grundsatz moderner Managementlehren, ob KVP, TPM oder anderer: Jedes Projekt benötigt zwei Flügel, damit es fliegt. Für die digitale Transformation lautet die Formel: Erst Menschen motivieren, dann Maschinen optimieren.

Manager von erfolgreichen digitalen Change-Projekten bestätigen gleichlautend: Die Smart Factory gelingt nur mit einem umfassenden Change-Prozess und moderner Management-Kultur. Daher ist die Smart Factory Chefsache – und nicht ein IT-Projekt unter vielen.

Technologie 4.0 in der Produktion benötigt Transformationskultur 4.0 im ganzen Unternehmen. Zunächst müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter glaubwürdig überzeugt werden, dass der technologische Fortschritt Sinn macht – auch in ihrem Sinne. Erst danach kann die gemeinsame Aufgabe angegangen werden, Prozesse und Produkte mit neuer Technologie zu optimieren.

Offen sein, Ängste adressieren

Sind wir ehrlich: Der Computer ist heute eigentlich allen physischen Sinnen und Fähigkeiten des Menschen überlegen – er kann besser rechnen, sehen, tasten, schmecken, riechen, schlussfolgern, heben, sich fortbewegen.

Ängste vor mehr Technologie sollten daher ernst genommen werden. Aber Ängsten kann mit Fakten begegnet werden. Zum Beispiel: Digitale Technologie arbeitet für den Standort und für die Arbeitsplätze eines Unternehmens, nicht gegen sie.

Kuka-Manager Heinrich Munz hat in seinem Vortrag bei einer Industrie-4.0-Veranstaltung von Forcam eindrucksvoll mit Zahlen belegt, dass international gesehen immer dort die Arbeitslosenquoten signifikant niedrig sind, wo die Anzahl der Roboter je Arbeitnehmer in der Fertigungsindustrie groß ist – Südkorea und Deutschland beispielsweise. Heinrich Munz’ Fazit: „Wir brauchen Industrie 4.0 für unser Wohlergehen und für die Zukunft unserer Kinder.“

Standortsicherung durch Eigenverantwortung

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Firmen wollen eine Smart Factory, damit sie die Produktivität steigern und die Kosten senken können. Auch in Deutschland konnten schon Standorte erhalten oder Produktionsbetriebe zurückgeholt werden, weil sie ihre Produktivität durch ­Change-Prozesse und digitale Technologie signifikant erhöht haben, zum Teil um mehr als 30 Prozent.

Zu solchen Erfolgen können die Teams in Fabriken direkt beitragen. Darin müssen sie geschult werden. Bildung ist auch bei jeder digitalen Transformation der Schlüssel.

Es bedeutet mehr Eigenverantwortung, wenn der Mensch Prozesse und Produkte in seinem Aufgabenbereich per Touchscreen, Tablet und Smartphone präzise entlang unbestechlicher Analysen steuern kann.

Es bedeutet mehr Wertschätzung, wenn der Mensch die Aufgaben an teuersten Anlagen leichter und besser erledigen kann. Es bedeutet mehr Motivation, wenn der Mensch dazu beitragen kann, dass das Equipment auf dem Shopfloor optimal genutzt und der ROCE – der Return on Capital employed – verbessert wird.

So wird digitale Transformation zu einer Standort- und Arbeitsplatzsicherung aus den eigenen Reihen heraus. Dann bietet sie beste Chancen dafür, kurzfristig Kosten zu senken, mittelfristig produktiver zu fertigen und langfristig die Zukunftsfähigkeit zu erhalten.

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Über den Autor

Franz E. Gruber, Forcam

Franz E. Gruber ist Founder und Senior Advisor bei Forcam

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