Infrastruktur Mag 22-06

Schlummerndes Potenzial

Geschrieben von Gerd Hagmaier, Capgemini

Die SAP-Community bleibt skeptisch: Schon die erste Umfrage in der SAP-Community im Jahr 2021 deutete an, dass sich der große „Move“ von SAP ECC 6.0 zu S/4 Hana in der Cloud über die Initiative „Rise with SAP“ nicht so einfach vermitteln lassen würde.

Zwei Drittel der amerikanischen wie deutschen Anwender der entsprechenden SAP-Anwendergruppen ASUG und DSAG konstatierten im letzten Jahr, dass sie SAP Rise entweder nicht kennen oder nicht vertraut damit sind. Bis heute hat sich, glaubt man den aktuellen Ergebnissen des Investitionsreports 2022 der DSAG, nur unwesentlich etwas an der Situation geändert. Auf der Haben-Seite kann SAP bisher lediglich sieben Prozent der SAP-Anwender verbuchen, die entweder bereits einen Vertrag geschlossen haben oder wahrscheinlich das neue Angebot nutzen werden. Alle anderen zögern – insgesamt nutzt bislang nur eine kleine Minderheit S/4 aus der Cloud.

Allerdings bedeutet Rise dennoch einen „Quantensprung“ für SAP, um Unternehmen in die S/4-Cloud zu bekommen – wenn es richtig verstanden wird. Deshalb ist es für Unternehmen wichtig, ihre Chancen durch Rise vorab auszuloten – eine Initiative, die auch als Transformation as a Service bezeichnet wird. So etwa ein Dax-Konzern aus dem Gesundheitsbereich, der alle seine 29 SAP-Systeme in die Cloud überführen will. Nach einem Zwischenschritt, zunächst auf die Business Suite 7 on Hana umzusteigen, visiert der Konzern im weiteren Schritt den Einsatz von S/4 aus der Private Cloud an. Ein anderer Kunde aus dem Automotive-Umfeld zieht seine vier SAP-Systeme direkt in die Private Cloud um. Konsolidierung der Systeme, mehr Geschwindigkeit und ein zunehmender Cloud-Fokus sind häufig genannte Motivationen der Unternehmen.

Cloud-Evolution

Welche Migrationswege im Rahmen von Rise grundsätzlich für Unternehmen bestehen, veranschaulicht die Grafik, die auf der x-Achse die SAP- und auf der y-Achse die Cloud-Evolution erfasst. Den traditionellen SAP-Bestandskunden, der ECC 6.0 im Einsatz hat, befördert Rise von links unten nach oben rechts in der Grafik. In diesem Fall würden sowohl die Infrastruktur, die Datenbank Hana und die Anwendungen wie S/4, BTP etc. in der Cloud abgebildet. Die meisten Kunden, die diesen Schritt gehen, haben zunächst zweierlei im Sinn: Sie wollen ihr Unternehmen in die Public oder Private Cloud bringen und in einem Infrastructure-as-a-Service-Ansatz das Subskriptionsmodell nutzen, also Software auf Monatsbasis abonnieren und sich damit von Lizenzen lösen. Softwarekosten werden dann als operative Kosten erfasst. Im Gegensatz zu Capex bietet das Modell der wiederkehrenden Betriebskosten Opex den Unternehmen die Chance, Ausgaben flexibel zu gestalten und unmittelbar an Bedarfe anzupassen.

Rise bringt die Systeme in die Cloud, bietet über die Business Suite 7 on Hana einen Steigbügel in die Cloud, verwandelt Capex in Opex und verabschiedet nach und nach das leidige Lizenzthema. So weit, so nachvollziehbar. Wo aber kommen die Verständnisprobleme in der SAP-Community her? Die Herausforderungen liegen oft im Detail. SAP-Ressourcen: Unternehmen wollen wissen, was SAP im Rahmen von IaaS für sie macht und was nicht. So gibt es etwa 1000 definierte Aufgabenpakete, die im Rise-Angebot teilweise enthalten sind, als Option mit angeboten werden oder aber nicht mit dabei sind. Ungeklärt ist zudem zunächst, wer die Interaktion zwischen Rise- und Nicht-SAP-Systemen übernimmt. Zuletzt fehlt CIOs eine Einschätzung, wie viele SAP-Ressourcen künftig nötig sein werden.

Funktionsumfang: Das Standardpaket von Rise enthält mit SAP S/4 den „digitalen Kern“, die Entwicklungsplattform Business Technology Platform (BTP), das Einkaufsnetzwerk Business Network (ehemals Ariba) und Prozesstools wie etwa Signavio. Unternehmen, die nicht sämtliche Funktionen benötigen, können nicht abspecken. Zudem beruht die BTP im Rise-Paket lediglich auf Basisfunktionalitäten, die nicht immer ausreichen, und Personalfunktionalitäten (HCM, SuccessFactors etc.) sind in Rise nicht enthalten. Es ist nötig, sehr genau hinzuschauen und zu analysieren, ob sich das „Gesamtpaket“ letzten Endes rechnet.

Migrationspfad: SAP Rise nimmt den Unternehmen nicht die Überlegungen ab, wie die Migrationsstrategie letztlich aussehen soll. Entscheidungen über Green-, Brown- und Rightfield, also darüber, wie stark Prozesse angepasst werden sollen, welche Daten weiter genutzt, inwiefern die IT-Landschaft verschlankt, welche Systeme in der Cloud genutzt und wie die Roll-out-Strategie aussehen soll, müssen individuell getroffen werden. Voraussetzung ist also nach wie vor ein Gesamtbild für die Migration. Es ist also zunächst fundierte Vorarbeit nötig, um entscheiden zu können, ob und zu welchem Zeitpunkt Rise ins Spiel kommen kann.

Die Einsatzbereiche sind individuell. So dient die Private Cloud Edition (PCE) in der Regel etwa Großunternehmen als Zielarchitektur der Zukunft, während kleinere Unternehmen sowie Tochterunternehmen oder Verkaufsniederlassungen von Konzernen die Public Cloud nutzen, da ihnen die Standardfunktionalitäten ausreichen. Generell ist Rise sehr gut dafür geeignet, über den Standard die Commodity abzudecken und Unternehmen damit die Chance zu geben, sich auf Projektarbeiten zu konzentrieren, die dem Unternehmen echten Mehrwert bieten und den Unterschied zum Wettbewerb ausmachen.  

Viele Wege führen nach Hana und S/4, aber diese Wege sind verschlungen und komplex: Es stellt sich die Frage nach On-prem oder Cloud und ob es „Rise“ sein muss oder es auch etwas kleiner geht, damit aber mit anderen Optionen und mehr Freiheitsgraden. Die Conversion bleibt ein Mysterium.

Selektive Daten-Transition

Carve-out, selektive Daten-Transition und zweistufig zu S/4 Cloud: Beispiele aus der Industrie zeigen eine mögliche Conversion. Ein Automobilhersteller spaltet aktuell einen Geschäftsbereich ab. Im Rahmen dieses Carve-outs müssen die Logistik-, ERP- und Finanzsysteme aus der Konzern-IT herausgelöst und dem neuen autarken Geschäftsbereich zur Verfügung gestellt werden. Statt bestehende ECC-Systeme eins zu eins zu übernehmen, erfolgt nun zunächst ein Wechsel auf S/4. Im Rahmen einer Selektiven Daten-Transition (SDT) nutzt der SAP-Bestandskunde nur relevante Daten für die neue Unternehmung.

Bei einem Fertigungsunternehmen geht es darum, im Rahmen einer Cloud-
Strategie direkt auf S/4 zu wechseln und in diesem Zuge die Anzahl der ECC-Systeme von drei auf zwei zu reduzieren. Im Mittelpunkt stehen Finanz- und logistische Prozesse. Vorteil auch hier: Relevante kundenspezifische Codes werden über eine SDK übernommen und ECC-Lizenzen durch neue vertragliche Vereinbarungen abgelöst.

Ein Dax-Konzern aus dem Gesundheitsbereich setzt auf einen zweistufigen Weg zu S/4 und setzt im ersten Schritt Hana-Datenbanken ein und damit auf mehr Geschwindigkeit in der Verarbeitung von großen Datenmengen, ehe dann ein Wechsel seiner aktuell 29 SAP-Systeme auf S/4 Private Cloud vorgesehen ist. 

Wie sich an diesen Beispielen zeigt, erfordert der Umstieg auf S/4 eine gute Vorbereitung. Der Unterschied zur Vor-Rise-Ära: Der Umstieg auf S/4 wird mit Rise von SAP nun forciert. Die Erfahrungen zeigen, dass SAP ihren Bestandskunden aktuell gute Angebote macht, um auf Rise aufzuspringen. Als es kürzlich zu einer „Nachvermessung“ der Lizenzen bei einem Kunden kam, schnürte SAP ein individuelles Paket, das einen Einstieg in Rise vorsah und auf ein Lizenz-Update verzichtete. In der nächsten DSAG-Umfrage zum Thema wird sich zeigen, ob sich SAP genug einfallen lässt, ihre Kunden nun endlich für S/4 Hana in der Cloud zu begeistern.

Über den Autor

Gerd Hagmaier, Capgemini

Gerd Hagmaier ist Vice President Business Transformation für SAP S/4 Hana und stellvertretender Leiter der SAP Practice Deutschland bei Capgemini

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