Mag 22-06 Szene

Sapphire Vintage 2022

Sapphire Vintage 2022

Zum 50. Jahrestag präsentiert sich SAP auf der Sapphire-Bühne im Retro-Look. Mit Fotos aus der Vergangenheit wird sichtbar, dass sich der ERP-Konzern in den vergangenen 20 Jahren kaum weiterentwickelt hat. Willkommen zu mySAP.com!

Der offizielle Titel der alljährlichen SAP-Veranstaltung lautet „Sapphire Now“, wesentlich treffender wäre „Sapphire Vintage“. Wikipedia schreibt, Vintage ist eine Stilrichtung in Mode und Design, bei der ältere, meist gebrauchte Kleidungsstücke, Möbel, Musikinstrumente, Schmuck, Accessoires, Bilder, Fahrzeuge oder andere Gebrauchsgegenstände wiederverwendet oder nachgeahmt werden.

Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group belegt: 80 Prozent der Unternehmen setzen auf digitale Lösungen, um ihre aktuellen geschäftlichen Herausforderungen zu adressieren – jedoch verwirklichen nur knapp 30 Prozent eine erfolgreiche digitale Transformation ihres Geschäfts. Mit zahlreichen Ankündigungen auf der Sapphire 2022 in Orlando versuchte SAP, ihre Bestandskunden zu unterstützen, endlich erfolgreich zu werden – bevor sie zu Mitbewerbern wie Salesforce, ServiceNow, Workday, Oracle und Microsoft abwandern. Mit einer SAP’schen Transformationsreise sollen innovative und cloudbasierte Lösungen für die wichtigsten End-to-End-Geschäftsprozesse entstehen. Letztendlich war aber die Veranstaltung in Orlando lediglich alter Wein in neuen Schläuchen.

Unter den von SAP angekündigten Innovationen waren neue iOS-Apps, die die digitale Lieferkette optimieren sollen. Die ersten beiden Apps, Warehouse Operator und Direct Distribution, sind ab sofort im Apple App Store verfügbar. Also stand Apple schon wieder auf der Sapphire-Bühne. Die jungen SAP-Vorstände lobten diese Zusammenarbeit, weil sie offensichtlich die Vergangenheit nicht kannten: Bereits 2016 gab es zwischen Apple-Chef Tim Cook und SAP-Chef Bill McDermott eine intensive Freund- und Partnerschaft.

Cook und McDermott
Apple-Chef Tim Cook (l.) und Ex-SAP-Chef Bill McDermott freuen sich über die gemeinsame Entwicklung von S/4-Apps (Mai 2016).

„Seit 50 Jahren helfen die unternehmenskritischen Lösungen und fundierte Branchenexpertise der SAP Organisationen weltweit, ihr Bestes zu geben“, erklärte SAP-Chef Christian Klein etwas hölzern und verklausuliert. Er stellte in Orlando auch die rhetorische Frage, was SAP so besonders macht. Seine Antwort: „Sie! Unsere Community, unsere Partner, unsere Kunden aus aller Welt. Die Gemeinschaft gibt mir die Energie und Motivation, mich jeden Tag für den Erfolg unserer Kunden einzusetzen. Unser Ziel ist wichtiger denn je: Make the world run better. Wir werden weiterhin marktbestimmende Innovationen liefern.“

Mit der neuen SAP-Liebe zu den Partnern verhält es sich aber nicht viel anders als mit der Apple-Liaison – alter Wein in neuen Schläuchen: In den vergangenen 50 Jahren wurden die Partner immer wieder hochgelobt und Accenture, Siemens, Lenovo, IBM, InfoSys, McKinsey, Ecovadis etc. auf die Sapphire-Bühne geholt – solange SAP daraus Profit ziehen konnte.

„Mit unserem SAP Business Network bauen wir das LinkedIn der B2B-Welt auf“, versuchte Klein auf der Sapphire Vintage die wenigen Besucher und Partner zu überzeugen. „Sie erhalten durchgängige Transparenz über Ihre gesamte Lieferkette. Unser Business Network macht Ihre Lieferkette widerstandsfähig, transparent und agil.“

Naturgemäß braucht SAP für diese Herausforderungen ein funktionierendes Partnernetzwerk, das auch in Orlando immer wieder heraufbeschworen wurde – aber: Es ist und bleibt ein Running Gag, kommt ein SAP-Partner nach Walldorf, wird er mit den Worten begrüßt: „Was können Sie für SAP tun?“

Wo profitiert nun SAP von den Partnerschaften? Anlässlich einer Meldung von IBM zur Sapphire lässt sich das Muster erkennen: Im Rahmen einer erweiterten Partnerschaft wird IBM auf S/4 migrieren, um Arbeiten in mehr als 120 Ländern, 1000 Legal Entities und zahlreichen IBM-Geschäftsbereichen für Software, Hardware, Beratung und Finanzen durchzuführen. Das Projekt, das sich auf die Verbesserung der Geschäftsprozesse mit Rise with S/4 Cloud Private Edition konzentriert, wird letztendlich mehr als 375 TB Daten auf IBM Power on Red Hat Enterprise Linux in die IBM-Cloud verlagern, wobei IBM-Consulting für sich selbst als Rise-Premium-Anbieter fungiert. SAP-Partner IBM wird bester Rise-Kunde – auch so geht Partnerschaft.

Christian Klein meinte zu Rise auf der Sapphire-Bühne: „Man muss in einer Welt, die sich schneller denn je verändert, Schritt halten. Wie können wir jedes Unternehmen in ein intelligentes Unternehmen verwandeln? Unsere Lösung ist Rise with SAP. Eine echte Unternehmenstransformation wird nicht durch eine einfache technische Migration in die Cloud erreicht. Rise with SAP wird die ganzheitliche Transformationsreise auf Ihre Bedürfnisse zuschneiden.“ Aber die jüngste Umfrage des Anwendervereins DSAG zeigt, dass ein Großteil der deutschsprachigen SAP-Bestandskunden und DSAG-Mitglieder dem Angebot reserviert gegenübersteht oder auch unsicher ist. Vintage: Es hat sich nichts verändert in den vergangenen 23 Jahren. „Confused about Rise?“ – oder wie das Foto von der Sapphire Philadelphia 1999 zeigt: „Confused about mySAP.com?“

Sapphire Philadelphia 1999: Confused about mySAP.com? Und 2022: Confused about Rise?

Das aktuelle SAP-Vintage-Rätsel zur Sapphire Orlando 2022: Das große Foto mit Professor Henning Kagermann (l.) und Professor Hasso Plattner (r.) zeigt eine Präsentation aus Philadelphia von der Sapphire im Jahr 1999. Frage: Welche der zehn Gründe für SAP-Software gelten heute nicht mehr? Naturgemäß haben sich in vielen IT-Bereichen die Formulierungen verändert oder wurden adaptiert, aber die Kernaussagen bleiben über mehr als 20 Jahre gültig, oder? Diese Erkenntnis sollte den beiden Protagonisten, Kagermann und Plattner, zur Ehre gereichen und die jungen SAP-Vorstände motivieren, über viele Buzzwords und vorgebliche Innovation nachzudenken.

Sapphire 1999
Sapphire 1999: Henning Kagermann (l.) und Hasso Plattner auf der Bühne in Philadelphia.
Damals hieß Rise noch mySAP.com. Die Gründe für den Releasewechsel sind gleich geblieben.

„Wenn Sie sich für Rise with SAP entscheiden, erhalten Sie End-to-End-Verantwortung für Systemüberwachung, Leistung, Verfügbarkeit. Und das ist wichtig, denn es geht um Ihre geschäftskritischen Prozesse“, betonte Christian Klein – offensichtlich ohne Wissen über die SAP’sche Vergangenheit. Ein Eigentor war dann seine Aussage: „Wir haben 2000 Rise-SAP-Kunden nach einem Jahr, 60 Prozent davon sind Neukunden. Rise ist für alle da.“ Bei über 400.000 Kunden hat somit SAP lediglich ein halbes Prozent der Bestandsbasis überzeugen können und als Neukunde hat man kaum Chancen, dem Angebot Rise zu entkommen, somit erklären sich dann auch die 60 Prozent Trefferquote. Also mussten in Orlando wieder einmal die Partner für den SAP’schen Erfolg herhalten: Als erfolgreiche Rise-Beispiele wurden Atos, Wipro, Accenture, HCL, Fujitsu, IBM (siehe oben) und AMD genannt.

The Innovator’s Dilemma: Bereits auf der Sapphire 2014 gab es einen spannenden Diskurs zwischen Professor Hasso Plattner und Professor Clayton M. Christensen, siehe Foto. Christensen war ein US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der renommierten Harvard Business School und verstarb 2020 in Boston. Sein wahrscheinlich berühmtestes Buch ist „The Innovator’s Dilemma“, in dem sich der berüchtigte Satz findet: „Wenn ein Unternehmen versucht, eine disruptive Technologie so weit zu entwickeln, dass sie den Anforderungen der Kunden in etablierten Märkten entspricht ‒ was die meisten führenden Unternehmen tun ‒, ist ihr Scheitern so gut wie sicher.“ (Siehe auch Editorial.)

Professor Christensen
Professor Christensen widersprach 2014 auf der Sapphire Professor Plattner: Was ist Hana?

Auf der Sapphire-Bühne 2014 in Orlando war Hasso Plattner naturgemäß gegenteiliger Meinung, als er versuchte, seine SAP und seine Innovation Hana zu verteidigen – es kam auf offener Bühne fast zum Streit zwischen den beiden Professoren!

An der Aussagekraft des Satzes hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert und SAP hat eine große Chance vertan, nicht ausreichend genug über die Wirkmächtigkeit dieser Aussagen von Professor Christensen nachzudenken. Den Preis dafür zahlt nun Christian Klein: Immer wieder muss er sich für Hana, S/4 und Cloud rechtfertigen und mit billigen Taschenspielertricks wie Rise ein wenig Schwung in den festgefahrenen Karren bringen.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter pmf@b4bmedia.net | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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