MAG 20-07 SAPanoptikum & Short Facts

SAP – zeig(t) Empathie

[shutterstock.com: 777040270, Alex Veresovich]
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Geschrieben von E-3 Magazin

Köln, 13. Mai 2020: Offener Brief an SAP-Chef Christian Klein von Guido Schneider, SLC365

Sehr geehrter Herr Klein,

manchmal braucht es eine Krise, um sich seiner Stärken zu erinnern. In Zeiten der Coronapandemie zeigt sich, wer eine gute Führungskraft und ein guter Krisenmanager ist und unternehmerische wie volkswirtschaftliche Verantwortung übernehmen kann.

Das gilt für Kommunen und Regierungen und selbstverständlich auch für globale Unternehmen wie die SAP. Die Maßnahmen, die Sie, Herr Klein, in der aktuellen Situation als alleiniger CEO treffen, erinnern an die glorreichen Zeiten der SAP. Vor knapp 48 Jahren wurde SAP mit einem klaren Ziel gegründet: die Abläufe der weltweiten Wirtschaft und das Leben von Menschen zu verbessern. Bis Ende der 90er-Jahre ist das der SAP auch gelungen. Der Konzern war damals mehr als ein Software-Hersteller, bei dem man seine ERP-Software kaufte; er war ein Partner. Das galt auch für den internen Zusammenhalt. Wer den Führungsstil von Hasso Plattner persönlich erlebt hat, weiß wovon ich rede. Daher freut es die Community, dass die SAP in der Coronakrise die Chance nutzt, um das Band zu Partnern und Kunden wieder zu stärken. Mit Ihrer Strategie, sich auf die Integration der zugekauften Software-Produkte in Zukunft zu konzentrieren, haben Sie, Herr Klein, sich zu Recht an die Spitze der SAP gesetzt.

Ein Reigen an Sofortmaßnahmen

Die Liste der Maßnahmen, die Sie bereits getroffen haben, ist lang und die hier genannten Beispiele ließen sich beliebig fortführen. Da sind die schnellen Maßnahmen zum Schutz Ihrer Mitarbeiter und die Gewährleistung des weltweiten Betriebs und Supports, mit der die SAP ihrer Vorbildfunktion gerecht wurde.

Da ist die Unterstützung von Bund und Ländern mit kostenlosen Plattformen. Am 12. März 2020 sorgte die SAP mit dem kostenlosen Zugang zu SAP Ariba Discovery und TripIt für Bestands-, Neu- und Nicht-Kunden („Offen für alle“) dafür, dass Lieferketten aufrechterhalten werden konnten. Zu nennen ist auch der kostenlose Zugang zur Lernplattform openSAP. Über die „SAP Live Class“ können kostenfrei alle SAP-Schulungen im Home­office belegt werden. Mit den Partnern EY und Qualtrics unterstützt die SAP Regierungen auf der ganzen Welt, damit diese „die dringlichsten Aufgaben im Umgang mit den Pandemiefolgen“ bewältigen können. Zu den angebotenen Tools gehört unter anderem „Covid-19 Pre-Screening and Routing“, ein Online-­Fragebogen für Menschen, die befürchten, erkrankt zu sein.

Erwähnt werden sollte auch die Umsetzung der neuen Smartphone-App, um die Rückholaktion deutscher Urlauber zu unterstützen. Im Auftrag der Bundesregierung nehmen Sie und die Deutsche Telekom eine weitere wichtige Aufgabe mit der Entwicklung der „Corona-App“ wahr. Das schafft Vertrauen und Zuversicht.

Der Coronapandemie wird, so die Meinung einiger Wirtschaftsexperten, eine weltweite Rezession folgen. Kurzarbeit und die Insolvenzen von zahlreichen Firmen sind schon heute an der Tagesordnung. Deswegen werden oder sind wahrscheinlich auch einige SAP-Kunden in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Um nicht Insolvenz anmelden zu müssen, müssen deren Vorstände und Manager die Kosten schnell senken. Das ist angesichts laufender Zahlungsverpflichtungen aus SAP-Verträgen aber nicht einfach. Darüber hinaus sind die Kunden der SAP weiterhin auf Rechtssicherheit angewiesen, um sich in diesen Zeiten nicht auch noch (ungewollt) strafbar zu machen.

Im Folgenden einige Ideen und Vorschläge, wie Sie, Herr Klein, Ihren Kunden in der Krise noch stärker helfen und die im Mai 2017 von Bill McDermott viel zitierte „Empathy to action“ zeigen könnten.

Weitere Corona-Unterstützung

Teilstilllegungen von Lizenzen sofort und uneingeschränkt ermöglichen: Verstärkt durch die Krise wird Software in einigen Branchen weniger genutzt beziehungsweise benötigt. Zusätzlich haben SAP-Kunden über die Jahre Shelfware in den Schrank gelegt, die sie bedingt durch die derzeitige Vertragspraxis der SAP nicht stilllegen können. Durch die bevorstehende SAP S/4-Hana-Migration können Kunden mittels der sogenannten „Con­tract Conversion“ ihre Investitionen 1:1 in neue Produkte wandeln. Dazu gehört auch die Shelfware – selbst, wenn es sich um die „falschen“, zu teuren User-Lizenztypen handelt, die nie benötigt wurden. Ich schlage vor, das „Auflösen“ der Altlasten vorzuziehen und Kunden Teilstilllegungen jetzt sofort und uneingeschränkt zu ermöglichen. Dadurch könnten die Wartungskosten für aktuell nicht mehr benötigte Lizenzen sofort gesenkt werden.

Audits aussetzen: Wenn IT- und Basis-­Administratoren wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, werden sie alle Hände voll zu tun haben, um den Betrieb ihrer SAP-Systeme sicherzustellen. Zeit und Nerven für ein Audit hat dann niemand. Durch die geringere Nutzung werden die Audits auch genau das feststellen. Daher schlage ich vor, den Audit-Zyklus bei allen Kunden einmal auszusetzen. Kunden, welche neue Projekte anfangen oder zu S/4 Hana migrieren wollen, werden das auch ohne Audit tun. Vertrauen Sie Ihren Kunden, Herr Klein, dann vertrauen Ihre Kunden auch Ihnen.

Rechtssicherheit verbindlich zusagen: Gerade in den letzten fünf Jahren hat das Ansehen der SAP meiner Wahrnehmung nach sehr gelitten. Das lag vor allem am aggressiven Auftreten zahlreicher Account Manager, die plötzlich und für viele Kunden oft nicht nachvollziehbar umfangreiche Nachlizenzierungen für Nutzungsszenarien gefordert haben, die nach dem Verständnis der betreffenden Kunden und deren jeweiligen Rechtsabteilungen Bestandteil der erworbenen Lizenzen sind. Die Preis- und Konditionenliste (PKL) ist an vielen Stellen unklar und lässt Raum für Interpretationen. Die Gewährleistung der Lizenz-Compliance ist auch für gewissenhafte und im SAM professionell aufgestellte Kunden in den letzten Jahren zum Roulette-Spiel geworden. Aus diesem Grund sind mindestens die folgenden Änderungen der PKL dringend empfohlen:

„SAP NetWeaver Foundation for Third Party Applications” ersatzlos streichen. Noch immer befindet sich dieser sachlich nicht gerechtfertigte Lizenztyp (Materialnummer 7009523 und 7009524) in der aktuellen PKL. Unter SAP S/4 Hana wird es diesen Lizenztyp nicht mehr geben. On-premises-Kunden sollten auf diesen Lizenztyp nicht mehr verpflichtet werden.

„SAP NetWeaver OpenHub“ (7009506) und „SAP OpenHub for S/4 Hana“ (7019816) sollten ersatzlos gestrichen werden. „Mit diesen Nutzungsrechten dürfen Daten aus SAP BW asynchron und nicht in Echtzeit in SAP-fremde Softwareanwendungen exportiert werden.“ (Quelle: PKL Germany Q2/2020). Wenn man sein SAP BW ordnungsgemäß lizenziert hat, dann soll man zusätzlich für den Export von Daten, welche man vorher selbst erzeugt hat, eine zusätzliche Lizenz erwerben. Diese Lizenzpflicht steht nach Meinung einiger namhafter Rechtsexperten nicht im Einklang mit dem Urheberrecht. Kunden, die diese Lizenz gekauft haben, könnten diese jetzt stilllegen und später im Rahmen der S/4-Hana-Migration wandeln.

Indirekte Nutzung und Digital Access

Die Listenpreise für den sogenannten „Digital Access“ müssen entfallen oder zumindest signifikant gesenkt werden. Das Thema indirekte Nutzung ist bekanntlich der Hauptgrund, warum die SAP-Community in den letzten Jahren verunsichert und verärgert wurde. Auch hier ist die rechtliche Sachlage kompliziert. Sowohl aus urheberrechtlichen als auch aus kartellrechtlichen Gründen kann das Lizenzmodell infrage gestellt werden. Urheberrechtlich wurden bislang Gerichtsurteile durch kaufmännische Einigungen vermieden. Kartellrechtlich ist aktuell eine Beschwerde des IT-Anwenderverbandes Voice vor dem Bundeskartellamt noch anhängig. Wenn SAP-Kunden Third-Party-Applikationen ohne funktionalen Mehrwert vor ihre SAP-Systeme schalten, nur um SAP-Lizenzkosten zu sparen, handelt es sich sicherlich um eine nicht zu akzeptierende Lizenzumgehung, die von SAP so selbstverständlich nicht hingenommen werden muss. Dort, wo Third-Party-Applikationen einen funktionalen Mehrwert für den Kunden liefern, ist deren Kommunikation mit der SAP-Software jedoch eine bestimmungsgemäße Nutzung der SAP-Software, für die keine gesonderten Lizenzgebühren anfallen sollten. Software muss nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich interoperabel sein. „Interoperabilität“ ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Schlagwort. Mit Sicherheit wäre SAP-Software auch ohne die Erhebung von gesonderten Lizenzgebühren für die indirekte Nutzung wirtschaftlich erfolgreich am Markt, weil sie funktional überzeugt und technisch in der Lage ist, mit anderen Software-Komponenten Daten über Standardschnittstellen auszutauschen. Mit der PKL Q1/2017 hat die SAP den Preis für „­Sales & Service Order Processing“ um den Faktor 200 erhöht. Dabei ist dies das Pendant (Vorläufer) zum Digital Access. Jetzt wäre Gelegenheit, diese Preiserhöhung zurückzunehmen. Ändern Sie doch einfach den Block-Preis von 1000 auf 200.000 Dokumente (Faktor 200).

Das „Digital Access Adoption Program“ (DAAP) haben Sie bereits bis zum 31. Dezember 2021 verlängert, ansonsten hätte ich Ihnen auch dieses empfohlen.

Sehr geehrter Herr Klein, ich war erfreut, dass die eingangs erwähnten Maßnahmen an den Auftrag der SAP zum Zeitpunkt der Gründung erinnert haben. Mit einem Federstrich könnten Sie jetzt die Abläufe der weltweiten Wirtschaft und das Leben vieler Menschen verbessern. Stellen Sie sich einmal diese Schlagzeile vor: „SAP zeigt Empathie in der Krise – und begeistert seine Kunden“. Wie viel Vertrauen würden Sie zurückgewinnen? Wie vielen Kunden könnten Sie damit aus der Krise helfen? Der finanzielle Schaden für die SAP würde vermutlich überschaubar bleiben und durch einen steigenden Aktienkurs möglicherweise sogar wieder ausgeglichen werden. Und Sie wären nicht nur ein guter Krisenmanager, sondern ein echter Held für die gesamte weltweite SAP-Community. Und darüber hinaus.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Guido Schneider

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Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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