Chefredakteur-Blog

SAP Fiori: Schönheit vor Schnelligkeit

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Geschrieben von Simone Sailer

Mit dem Antwortzeitverhalten von Programmen am Computerbildschirm sind die wenigsten Anwender zufrieden.

In grauer Vorzeit der digitalen Transformation, als Mainframes die bestimmende Architektur der IT waren und die Anwender vor IBM-3270-Terminals saßen, war die Herausforderung relativ einfach: Der Anwender wusste um das behäbige Verhalten der IT und klopfte seine Zahlen in die Tastatur – ohne sichtbares Ergebnis am Schirm. Mit der Tabulatortaste sprangen die Profis von Eingabefeld zu Eingabefeld. Der Tastaturpuffer arbeitete die Zahlenreihen ab und die Bildschirmmasken liefen hinterher. Ein Schluck aus der Kaffeetasse und tief durchatmen – das System war wieder synchron und der nächste Datensatz konnte bearbeitet werden.

Dann änderte SAP die User-Interaktion: Der Tastaturpuffer wurde stillgelegt und Daten konnten nur eingegeben werden, wenn auch das Eingabefeld sichtbar am Bildschirm war. Die Empörung der Profis war lautstark, weil sich die SAP’schen Bildschirmmasken nur sehr langsam aufbauten und bis zum Ende der Traktion zahlreiche Zwischenschritte notwendig waren – die Prozesse verlangsamten sich merklich!

Mit der neuen Programmoberfläche Fiori wurde bei SAP vieles bunter. Wurde es auch besser? Vorerst naturgemäß nicht, denn die grafischen Verzierungen der bunten Fiori-Oberfläche verbrauchten viel Rechenleistung, die auf Smartphones und Tablets nicht immer vorhanden ist. Eine Lösung wäre gewesen, jedem SAP-Anwender einen Gamingcomputer mit potenter Grafikkarte zu geben, was aber im Geschäftskontext eher kontraproduktiv erscheint.

Die langsame Schönheit von Fiori war nun doppelt irritierend, denn SAP besaß im Hintergrund die schnellste verfügbare Datenbank. Das In-memory-Computing von Hana war beeindruckend schnell, nur kam diese Geschwindigkeit nicht bei den Endanwendern an. Der ERP-Motor war performant, aber die Verbindung zur Straße mangelhaft.

Auf diesen Widerspruch angesprochen, erklärte SAP-Technikvorstand Jürgen Müller auf den DSAG-Technologietagen in Düsseldorf dieses Jahr, dass in den vergangenen Monaten viel in die Fiori-Technik investiert wurde, damit die Fiori-Apps nicht weiterhin das Nadelöhr zwischen Hana und den Anwendern sind. Somit sollte die nächste Version von Fiori schön und schnell sein – den SAP-Anwendern ist es zu wünschen.

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Simone Sailer

1 Kommentar

  • Die Diskussion Oberfläche versus Geschwindigkeit ist eine sehr alte. Wenn am Anfang eines Projekts oder im Rahmen von Erstschulungen Key-User und Anwender erstmalig am SAP-Bildschirm arbeiten, wird natürlich viel geschimpft über die Umständlichkeit, die vielen Codes und Varianten, die man zur Bedienung lernen muss. Da wäre perfekte Bedienbarkeit besser, das Antwortzeitverhalten spielt da noch nicht die große Rolle. Wenn aber Einkäufer n Bestellungen, der Verkaufsinnendienst x Kundenaufträge, der Rechnungsprüfer 100 Eingangsrechnungen und der Debitorenbuchhalter 80 Zahlungsausgleiche pro Tag macht, ist ihm die Oberfläche oder Bildschirmwechsel egal – schnell muss alles gehen. Wir haben einmal mit Rechnungsprüfer einen Test gemacht , denen die Bildschirme weggedreht und eine Abteilungscompetiton gemacht, wer mehr Eingangsrechnungen sozusagen “blind” ohne Fehler erfassen kann (nur per Maustabulator und Enter-Taste). Der Rekord war bei 26 Rechnungen ohne einmal auf den Bildschirm zu schauen. Und das noch in einer affenartigen Geschwindigkeit. Da erübrigt sich jede Diskussion über Oberflächengestaltung.
    Ich habe auch Manager eingeschult, die bisher sich alle Infos von ihren Sekräterinnen bringen ließ – z.B. täglicher Finanzstatus oder Reports / Einzelpostenberichte für Kostenstellen / Projekte, Reports für Auftragseingang / Auftragsstand. Denen muss man individuelle Anwendungsmenüs mit spezifischen Varianten und Layouts einrichten, ihnen mit der Schulung eine detaillierte Anwenderdoku übergeben und am Anfang selbstinitiativ nachfragen, ob alles passt oder ob sie Verbesserungsvorschläge haben. Natürlich zeigt man ihnen auch das EXCEL-Download, dann können sie die Ergebnisse dort speichern und weiter analysieren. Wenn das im “native” SAP schneller geht, bevorzugen auch mittleres Management die klassischen Oberflächen als die Fiori-Apps.
    Und für Bereichsleitung und Geschäftsführung werden Berichte ohnehin mit speziellen,(SAP-Modulen (z.B. BW oder SAC, oder Fremdprodukten..) aufbereitet.
    So gesehen überlassen wir im operativen Bereich (Anwendung und Controlling) die Entscheidung, ob und wenn ja, welche Fiori-Apps die einzelnen Anwender verwenden, und somit die Entscheidung Oberfläche versus Geschwindigkeit gerne diesen. Ein Appell an die SAP in diesem Zusammenhang: Bitte liefert alle klassischen Transaktionen im Leitfaden aus und unterdrückt diese nicht, nur weil es dazu eine Fiori-App gibt.

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