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Rise and Fall with SAP

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Sapphire ist die Jahresbilanz der SAP gegenüber der Community. In den Keynotes wird analysiert und die Zukunft beschworen. Diesmal war es anders: Die Vergangenheit wurde nicht bilanziert, sondern verdrängt. Der visionäre Blick in die Zukunft war beherrschend.

Jede Rise-Transformation sollte mit einer datengetriebenen Analyse der Geschäftsprozesse beginnen, hofft SAP. In einer Anfrage erklärte SAP: „Signavio Process Intelligence und SAP Process Insights sind die idealen Werkzeuge, um diese Reise zu beginnen. SAP Process Insights ist auf die Bedürfnisse einer S/4-Transformation zugeschnitten und nutzt unser tiefgreifendes Know-how darüber, wie Prozesse in S/4 ablaufen sollten. SAP BPI, das sich aus den Signavio-Lösungen und SAP Process Insights zusammensetzt, ist die strategische Wahl für jeden Kunden, der im Rahmen von Rise in die Zukunft geht.

Naturgemäß verwirren die jüngsten Aktionen die SAP-Bestandskunden. Stand doch das Process-Mining-Werkzeug Celonis jahrelang auf der SAP-Preisliste (PKL). Celonis wurde vor einigen Jahren von Professor Hasso Plattner in Potsdam selbst als zukünftiges Analysewerkzeug gelobt.

Celonis ist kein SAP-Partner mehr“, heißt es jetzt anlässlich der Sapphire, „aber natürlich werden wir die bestehenden Verträge honorieren und erfüllen. Wir sehen jedoch einen klaren Vorteil für unsere Kunden in der Nutzung der BPI-Lösungen für die S/4- und Rise-Reise und werden ihnen daher helfen, den Wechsel von Celonis zu unseren eigenen Tools reibungslos zu vollziehen.

Wechsel und Visionen

Es war das zweite, inoffizielle Thema der Sapphire: Wechsel – was stört mich mein Geschwätz von gestern. SAP hat auf ihrer Kundenkonferenz das Business Network vorgestellt. Es soll den ersten Schritt zur Gründung neuer Business Communitys bilden. Das neue Netzwerk soll Unternehmen helfen, effizienter zu arbeiten, sich besser auf geänderte wirtschaftliche und geopolitische Rahmenbedingungen einzustellen, und zu mehr Nachhaltigkeit beitragen.

SAP hat also eine Reihe von Innovationen angekündigt, die Kunden helfen sollen, ihre Geschäftsprozesse zu optimieren, ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern und ihr gesamtes Potenzial auszuschöpfen. Die Frage, was in der Vergangenheit geschah, wurde ausgeblendet.

Professor Hasso Plattner: „Cloud bedeutet eine gigantische Verbesserung.“
SAP-Chef Christian Klein: „Wir entwickeln keine Technologie um deren selbst willen.“

Unternehmen sollen mit SAP Process Insights als Teil des Portfolios Business Process Intelligence (BPI) ihre realen Geschäftsprozesse analysieren und verbessern. EY, Deloitte und Infosys Limited sind erste strategische Partner, die mit dem auf Signavio basierenden Portfolio BPI arbeiten, um Unternehmen bei ihrer Transformation zu unterstützen.

Naturgemäß darf das Thema KI nicht fehlen: Eine neue Verify-Funktion, ein Service von Concur, nutzt künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, um mögliche Probleme und Unstimmigkeiten in Spesenabrechnungen zu erkennen. Die KI-Modelle basieren auf der Analyse von Reisekosten in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro und vielen Millionen Spesenbelegen.

Verify ist in der Lage, Spesenabrechnungen zu genehmigen, die keine Probleme aufweisen, und gleichzeitig auf Unregelmäßigkeiten hinzuweisen. Durch diesen KI-gestützten Prozess verschwenden Auditoren keine Zeit mit der Prüfung von Spesenabrechnungen, die den Reisekostenrichtlinien entsprechen, und können einfacher Probleme bei der Einhaltung der Richtlinien oder Betrugsfälle entdecken.

Auch eine weitere Mutation von Low-Code/No-Code-Lösungen (LCNC) gab es auf der Sapphire. Nach der Aufnahme von Mendix (Siemens) vor vielen Jahren in die PKL, der Vorstellung von Ruum auf der SAP TechEd 2020, der Übernahme von Signavio inklusive LCNC-Werkzeugen und der kurz danach erfolgten Übernahme von AppGyver (eine weitere LCNC-Lösung) nun also SAP Upscale Commerce, eine No-Code-Lösung für den Onlinehandel, die es mittelständischen Einzelhändlern ermöglicht, innerhalb weniger Minuten ein nahtloses Einkaufserlebnis über alle Kanäle hinweg zu schaffen.

Wiederum mithilfe integrierter künstlicher Intelligenz können Einzelhandelsunternehmen personalisierte Angebote erstellen. Die Grundlage dafür bilden Stimmungsanalysen in sozialen Medien und Einkaufsdaten, die ein umfassendes Bild der Kunden bieten.

Dank Headless-API-Architektur können Händler ihren Kunden über sämtliche Kanäle Echtzeitinformationen zu ihrem Einkauf und zur Lieferung zur Verfügung stellen. Upscale Commerce ist natürlich in S/4 integriert, sodass alle für Kunden sichtbaren Funktionen mit dem Finanzwesen sowie der Logistik und Auftragsabwicklung im Back-End verknüpft sind, um ein nahtloses Kundenerlebnis zu gewährleisten.

DSAG-Chef Jens Hungershausen: „Rise soll die SAP-Kunden in die Cloud bringen.“
SAP-Vorstandsmitglied Julia White: „Nicht nur Apps in die Cloud transferieren.“

Der Fokus der Sapphire lag aber eindeutig auf Rise with SAP in die Cloud: „Während viele unserer Kunden eine Übergangszeit zu unserer Private Cloud haben werden, wird Rise ihre Reise beschleunigen. Wir hatten die Gelegenheit, mit einer beträchtlichen Anzahl von Kunden zusammenzuarbeiten, und in den meisten Fällen überwiegt die Gesamt-TCO-Reduzierung bei Weitem die Überschneidung mit den Lizenzgebühren während der kurzen Übergangszeit.

Rise or Fall

Anlässlich der Sapphire kommentierte Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe, die aktuellen Veröffentlichungen: „Rise with SAP verbindet den Ansatz von SAP, ihre Kunden in Cloud-Szenarien zu bringen, mit weiteren Angeboten, die mit dem Thema Business-Transformation abgedeckt werden. Durch die Art und Weise, wie Business Process Intelligence verfolgt wird oder wie Geschäftsprozesse mittels bestehender -Business Networks wie Ariba umzusetzen sind, sollen die Kunden dieser Strategie folgen.

Für SAP-Anwender kann das durchaus den einen oder anderen positiven Anstoß geben, der sich in der Realität allerdings noch bewähren muss. Die geplanten Industriepakete etwa für Automotive, Handel, Konsumgüter, Maschinenbau, Komponentenfertiger und Energieversorgung klingen interessant. Gleiches gilt für die Erweiterungen rund um das Personalwesen (Human Experience Management) und das modulare Cloud-ERP. Aber all dies sind auch Eingriffe in bestehende IT-Landschaften, die nur möglich sind, wenn die angesprochenen Lösungen im gesamten SAP-Ökosystem verstanden und entsprechende Projekte anhand tragfähiger Business Cases umgesetzt werden können. Wir sind gespannt auf die ersten Erfahrungen, die Unternehmen im DACH-Raum mit Rise machen werden, und stehen SAP als Sparringspartner für Realitäts-Checks zur Verfügung“.

Professor Hasso Plattner war bei diesem SAP-Online-Event überraschend präsent und so äußerte er sich naturgemäß auch zum Thema BPI, das durch den Fokus auf Process Mining neuen Auftrieb bekam: -„Business Process Intelligence gibt es schon seit Jahrzehnten. Wir haben in den 90er-Jahren mit Professor Scheer zusammengearbeitet, um unsere Systeme komplett mit dieser Technik zu modellieren, aber die Modelle waren statisch. Wir haben die Modelle immer noch in S/4 Hana, aber jetzt arbeiten wir auch mit der Firma Qualtrics zusammen, um Feedback von unseren Anwendern zu bekommen und es zu verarbeiten, und vor Kurzem haben wir Signavio übernommen – wenn man all diese Faktoren kombiniert, haben wir jetzt aktive Modelle. Eine enorme Prozesstransformation ist nun möglich.

Celonis versus Signavio

Offensichtlich will SAP mit Signavio aufholen, was mit Celonis verabsäumt wurde: die aktive und automatisierte Gestaltung einer Aufbau- und Ablauforganisation. „Wir bekommen das Feedback nicht mehr wie früher durch die Beobachtung von Menschen und deren Arbeitsweisen, sondern wir können das jetzt mit Programmen machen“, erklärte Hasso Plattner anlässlich der Sapphire. „Wir können das System mit Signavio analysieren und dann das Consulting starten. Wir können es mit den Ergebnissen anderer Kunden vergleichen und auf Basis dieser Erkenntnisse die Prozesse verbessern […] SAP ist kein passiver Zuschauer. SAP sieht, was fehlt, und nimmt Änderungen an der Software vor. […] SAP ist für die effektivste Implementierung der Software verantwortlich, sowohl was die Effizienz der Prozesse angeht, die wir einbringen, als auch die eigentliche Implementierung.

Das neue Paradigma ist Transformation auf Basis von Rise. Das Vorstandsmitglied Julia White dazu: „Bei Rise mit SAP nehmen wir nicht einfach die gleichen Prozesse und transferieren sie in die Cloud. Wir helfen Kunden, ihr Geschäft zu transformieren. Das Feedback der Kunden hat gezeigt, dass sie mehr Funktionen in Rise benötigen.“ Julia White ist erst seit Kurzem bei SAP und kam von Microsoft. Ihr Auftritt bei der Sapphire und ihr perfektes Interview mit Hasso Plattner machten jedoch den Eindruck, als wäre Frau White ein SAP-Urgestein.

Zum Thema Transformation äußerte sich Julia White naturgemäß euphorisch: „SAP verfügt über Know-how in vielen verschiedenen Branchen. SAP-Lösungen können das Herzstück jeder Branche digital transformieren. […] Wir helfen unseren Kunden, Wettbewerbsvorteile durch unser umfassendes Geschäftsnetzwerk und unsere End-to-End-Prozesse zu erzielen. […] Disruption und neue Geschäftsmöglichkeiten zeigen sich schnell. Unternehmen, die bei der digitalen Transformation die Nase vorn haben, sind in einer besseren Position, um schnell zu reagieren und diese Chancen zu ergreifen, bevor sie vorübergehen.

Auf den Kritikpunkt an der aktuellen Situation ging SAP naturgemäß nicht ein: SAP hat kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Fast alles, was SAP macht, ist irgendwie richtig und korrekt – aber andere IT-Anbieter können es entweder genauso gut oder auch besser. Die Sapphire hat gezeigt, dass es nicht falsch sein muss, den weiteren ERP-Weg mit SAP zu gehen – aber es gibt auch keine zwingenden Gründe dafür.

Gigantische Verbesserung

Abschließend dazu die Worte des SAP-Chefs Christian Klein: „Wir entwickeln keine Technologie um der Technologie willen. Wenn Sie Ihre bestehende Systemlandschaft in die Cloud verlagern, ändert sich nicht ein einziger Prozess. Hier kommt -Business Process Intelligence ins Spiel. Wir und unsere Partner haben so viel Wissen, so viel Expertise, und BPI bringt dieses Wissen in ein Tool, das die Kunden nutzen können, um ihre Prozesse zu verbessern. Es beginnt immer mit Business Process Intelligence, und das ist auch der Grund, warum wir Signavio übernommen haben.

Dem sind nur noch die Worte von Professor Hasso Plattner hinzuzufügen: „Die ganze Idee der Cloud-Systeme bedeutet eine gigantische Verbesserung.“ Also stimmt es: Rise and Fall with SAP.

Über den Autor

Simone Sailer, e3zine.com

Simone Sailer ist zuständig für das Redaktionsmanagement der englischen Kanäle des E-3 Magazins, im speziellen www.e3zine.com

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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