Information und Bildungsarbeit von und für die SAP®-Community
5. September 2022

Resilienz und vernetzte Systeme

Supply Chain Management ist eine organisatorische und technische Herausforderung im Schatten von ERP – was nicht gerechtfertigt ist. Die aktuellen Shutdowns, zwischenstaatliche Konflikte und das divergierende Wirtschaftsinteresse zeigen die hohe Bedeutung des Lieferkettenmanagements. Ohne spezifische IT-Unterstützung ist die Aufbau- und Ablauforganisation einer Lieferkette nicht mehr zu handhaben
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SAP war nicht nur Pionier auf dem betriebswirtschaftlichen Gebiet des ERPs, sondern hat auch SCM, Supply Chain Management, mitrevolutioniert. Damals war Professor Hasso Plattner noch aktiv im SAP-Vorstand tätig, als der in der SAP-Community legendäre APO konstruiert wurde. APO steht für Advanced Planer und Optimizer und seine Aufgabe war die Perfektionierung und Koordination von Produktion und Logistik. Die APO-Geburtsstunde liegt viele Jahrzehnte zurück, aber schon damals waren die Herausforderungen kaum zu beherrschen, sodass der Advanced Planer und Optimizer bei der damaligen Computerleistung nur sehr zögerlich brauchbare Ergebnisse produzierte. Plattner hatte die rettende Idee: APO bekommt eine eigene In-memory-Computing-Datenbank – und SCM funktionierte! Somit ist auch geklärt, wer die vollständige Bereitstellung einer Datenbank im Hauptspeicher eines Computers erfand und SAP Hana vorbereitete.

In den vergangenen Jahren hat sich SCM zu einer spezialisierten IT-Wissenschaft entwickelt und das komplexe Thema wird von SAP und Partnern innovativ weiterentwickelt. In der Allianz-Arena des FC Bayern veranstaltete SAP-Partner Consilio einen Kongress, gemeinsam mit Referenzkunden und SAP selbst. Consilio ist ein unabhängiges, international tätiges Beratungsunternehmen und bietet Lösungen für betriebswirtschaftliche Herausforderungen von der Strategie über die fachliche und technische Konzeption bis hin zur vollständigen Implementierung mit pragmatischer Umsetzung an. Das Unternehmen unterstützt bei der Weiterentwicklung von Geschäftsstrategien und deren Digitalisierung mittels SAP-Standardsoftware wie zum Beispiel SCM und IBP, Integrated Business Planning for Supply Chain.

Consilio Führungsebene

In der Allianz-Arena des FC Bayern trafen sich (v. l.): Christoph Habla, Leitung IBP und Senior SCM Solution Architect bei Consilio, Ulrich Mast, Product Manager für Supply Chain Planning bei SAP, Jürgen Löhle, Gründer und CEO bei Consilio, Bernhard Trebels, Chief Product Owner S/4 Production Planning bei SAP und Georg Klinger, Partner und Branchenverantwortlicher für die Prozessindustrie bei Consilio.

Einer der Consilio-Referenzkunden ist das Traditionsunternehmen Teekanne. Harald Liedtke als Leiter Corporate Process Management für die Teekanne-Gruppe verantwortet die gruppenweite Standarddisierung der Planungsprozesse mit ihren Wechselwirkungen zwischen Vertrieb, Produktion und Einkauf und die dafür erforderliche Einführung der cloudbasierten Planungssoftware SAP IBP, um für mehr Transparenz in der gruppenweiten Supply Chain zu sorgen, siehe auch Fachbeitrag „Supply Chain Planning“ auf den folgenden Seiten. Mit der Einführung von Integrated Business Planning will Teekanne seine Prozesse verbessern und weiteres strategisches Potenzial der Digitalisierung erschließen. Teekanne erfährt mit IBP den Zugriff auf Planungswerkzeuge, um Ziele wie Rückverfolgbarkeit, Resilienz und Vernetzung von Verkauf, Produktion, Lager und Logistik sicherzustellen.

Die Einführung von IBP garantiert dem Teehersteller neben deutlich erhöhter Transparenz entlang der gesamten Supply Chain auch mehr Flexibilität bei der passgenauen Reaktion auf veränderte Marktsituationen. „Teekanne erhält mit der Einführung von SAP IBP den Zugriff auf innovative IT-Planungswerkzeuge für Produktion, Distribution und Beschaffung, mit denen sich künftige Herausforderungen erfolgreich bewältigen lassen“, erläuterte Christoph Habla, Leitung IBP und Senior SCM Solution Architect bei Consilio.

Wo und warum etablieren Unternehmen eine Daten- und Analytics-Strategie? Quelle: IDC.

Komplexe Planbarkeit

Was im ersten Moment trivial und simpel erscheint, ist in der Praxis, aber auch in der Theorie eine hochkomplexe Herausforderung, weil sich SAP-Bestandskunden eben nicht mit der Weisheit aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper zufriedengeben können: Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch ’nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.

Die Transformation ist für das Supply Chain Planning ein Gemeinschaftswerk wie etwa eine Lösung für die Tankplanung zeigt. Tanks im Rahmen der Produktion in SAP-Systemen zu planen war bislang komplex und meist nur durch spezifische Kundenlösungen abbildbar. SAP adressiert dieses Thema nun mit Unterstützung durch den Partner Consilio und schafft eine Basis, um Lager- und Prozesstanks in die Planung einzubeziehen. Unternehmen aus der Prozessindustrie benötigen Unterstützung bei der Planung ihrer Tankressourcen: „Mit SAP-Software war das bislang nur eingeschränkt möglich, weswegen viele Chemie- und Getränkekonzerne einen Workaround mit eigenen Lösungen entwickelt oder auf alternative Softwareanbieter zurückgegriffen haben“, erläuterte Georg Klinger, Partner und Branchenverantwortlicher für die Prozessindustrie bei Consilio.

Die ersten Meilensteine auf dem Weg zur integrierten Tankplanung in SAP Manufacturing for Planning and Scheduling sind bereits erreicht. Die Herausforderung für die Entwickler von Consilio bei der Implementierung lag vor allem darin, die Komplexität und die Abhängigkeiten der Anforderungen innerhalb des SAP-Systems technisch zu realisieren und die Erweiterungen nahtlos ins System einzubetten.

Digitale Fabriken

Laut einer PwC-Studie investieren Industrieunternehmen weltweit jedes Jahr mehr als eine Billion Euro in den Aufbau digitaler Fabriken. Auch auf der Veranstaltung in der Allianz-Arena war diese Aufbruchstimmung zu beobachten. Trotz hoher Investitionen befindet sich mehr als die Hälfte der 700 von PwC befragten Unternehmen in einem sehr frühen Stadium der Implementierung digitaler Systeme und Technologien. Das geht aus dem Digital Factory Transformation Survey 2022 hervor, den die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC anlässlich der Hannover-Messe dieses Jahr veröffentlicht hat.

Wo früher Kostensenkung und Effizienz im Vordergrund standen, rücken heute Flexibilität und Resilienz in den Vordergrund. Anlässlich der Hannover-Messe hat der Digitalverband Bitkom erhoben, dass 65 Prozent der Industrieunternehmen ab 100 Beschäftigten spezielle Anwendungen für Industrie 4.0 inklusive SCM nutzen, und weitere 25 Prozent planen den Einsatz.

End-to-End- und SCM-Herausforderungen: Aufteilung der Verantwortung für IT und OT in Industrie-unternehmen (Rest zur Summe von 100 Prozent ist „Weiß nicht“). Quelle: IDC.

Die aktuelle Situation ist für produzierende Unternehmen von anhaltenden Krisen geprägt: Unterbrochene Lieferketten, große Nachfrageschwankungen und der akute Inflationsdruck sind nur einige der Herausforderungen, denen sich die Betriebe stellen müssen. Infolgedessen sind fast alle Unternehmen gezwungen, ihre Produktion flexibler zu gestalten und auf ein Wertschöpfungskettenmodell zu setzen, das Resilienz in den Fokus rückt.

Kostensenkung vs. Resilienz

Viele SAP-Bestandskunden investieren deshalb in ihre digitale Transformation – aber es ergibt sich ein differenziertes Bild, auf das SAP erst teilweise reagiert hat: Die globale Befragung von 700 Industrieunternehmen durch PwC zeigt, dass die Zahl der Unternehmen, die digitale Technologien zur Senkung von Kosten einsetzen, drastisch eingebrochen ist, während die Zahl der Unternehmen, die investieren, um ihre Flexibilität und Resilienz zu stärken, insgesamt um 76 Prozent gestiegen ist.

In einem herausfordernden Marktumfeld entwickelte SAP zwei Strategien: Cloud Computing und enge Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern, siehe das Beispiel Tankplanung. Consilio erhielt von SAP die Auszeichnung Recognized Expertise. Diese Auszeichnung erlaubt SAP-Bestandskunden, die Kernkompetenzen des Partners besser einzuschätzen. Die Auszeichnung SAP Recognized Expertise wird von SAP im Rahmen des Partner-Edge-Programms jedes Jahr neu vergeben. In einem Audit überprüfen die Walldorfer jedes Jahr den Status der Partner, der für eine erneute Zertifizierung erforderlich ist.

Wettbewerbsfähigkeit

„Durch eine konsequente Digitalisierung kann die Industrie sich zwei dringlichen Herausforderungen zugleich stellen: Digitalisierung macht die Unternehmen nachhaltiger und wettbewerbsfähiger“, sagte Christina Raab, Mitglied im Bitkom-Präsidium.

Christina Raab, Bitkom
Zwei dringliche Herausforderungen: Digitalisierung macht die Unternehmen nachhaltiger und wettbewerbsfähiger. Christina Raab, Mitglied des Präsidiums, Bitkom

Das größte Hemmnis, Industrie 4.0 zu etablieren, sind nach Selbstauskunft der Unternehmen gegenüber Bitkom fehlende finanzielle Mittel. Für 58 Prozent ist das Thema zu komplex. Rund die Hälfte sieht in fehlenden Fachkräften ein Hindernis. Christina Raab: „Jedes dritte Unternehmen hat nach Angaben seines Managements schlicht keine Zeit, um sich mit der Digitalisierung zu befassen. In Zukunft ist das industrielle Geschäft zu annähernd 100 Prozent digital. Digitalisierung gehört ganz oben auf die To-do-Liste jedes Managers und jeder Managerin.“

SAP Integrated Business Planning, IBP, ist ein sehr mächtiges Planungswerkzeug und bietet für manchen Anwender Funktionalitäten, die er vielleicht vordergründig noch gar nicht benötigt, siehe Bitkom-Umfrage. Eine Einstiegslösung und einen ersten Schritt in Richtung digitale Transformation und damit Digital Twins bietet das Consilio-SAP-Add-on Embedded Sales und Operations Planning (S&OP). Es adressiert die Kernprozesse für die integrierte Unternehmungsplanung, ermöglicht ein komplettes Planungsbild des Unternehmens und bezieht die Bereiche Unternehmensplanung, Vertriebs- und Absatzplanung, Supply Chain und Produktion mit ein. Sales und Operations Planning verfügt über frei definierbare Planungsebenen wie zum Beispiel Verkaufsregionen, Sparten oder Baureihen und bietet einen direkten Zugriff auf alle SAP-Daten. Damit lässt sich eine abgestimmte Planung mit Finanzwesen, Unternehmensplanung, Vertrieb und Marketing erreichen, Details auf den nächsten Seiten.

Lieferketten müssen in der Lage sein, Störungen zu absorbieren, sich an diese anzupassen und sich von ihnen zu erholen, wann und wo immer Störungen auftreten. Verbesserte dynamische Einblicke, Risikoerkennung und Lösungen zur Risikominderung befähigen Unternehmen, mit plötzlichen Veränderungen in der Lieferkette umzugehen.

Szenarioplanung sowie Risiko- und Chancenanalysen helfen dabei, sich an die Entwicklung von Angebot und Nachfrage anzupassen. Netzwerkmodellierung und -simulation, Stresstests, strategische Puffergrößen und Multi-Sourcing-Optionen ermöglichen es Unternehmen, Unsicherheiten zu bewältigen. Lieferketten müssen kundenorientiert und flexibel sein, damit sie sich schnell und kosteneffizient an Veränderungen der Nachfrage anpassen können. Der Übergang von zentralisierten, linearen Liefermodellen zu dezentralen Netzwerken mit On-demand-Produktion sowie in einigen Fällen die Verlagerung der Produktion näher an den Verkaufsort können Unternehmen helfen, Kundenerwartungen bei der Auftragserfüllung besser gerecht zu werden.


Industrie 4.0 sorgt für mehr Nachhaltigkeit in der Produktion und Logistik. Welchen der folgenden Aussagen im Zusammenhang mit Industrie 4.0 stimmen Sie allgemein zu bzw. nicht zu? Basis: Industrieunternehmen ab 100 Beschäftigten in Deutschland (n=553) | Prozentwerte für „Stimme voll und ganz zu“ und „Stimme eher zu“. Quelle: Bitkom Research 2022.

Digital Twins

Resilienz, Vernetzung und Transformation sind die Herausforderungen: Auf der Consilio-Tagung wurde eine duale Strategie deutlich. Mit Werkzeugen, wie SAP Integrated Business Planning, wird auf die aktuellen Schwierigkeiten reagiert, aber auch langfristig eine neue Aufbau- und Ablauforganisation geplant. Dieses Vorhaben kann jedoch nur mit modernen Konzepten wie Digital Twins erfolgen. Harald Liedtke als Leiter Corporate Process Management für die Teekanne-Gruppe skizzierte in seinem Vortrag, dass er gemeinsam mit Consilio nicht nur die existierenden Business- und IT-Strukturen optimieren, sondern auch neue Wege – beispielsweise etwa Digital Twins – prüfen will.

Laut der Capgemini-Studie „Digital Twins: Adding Intelligence to the Real
World“ setzen bereits 60 Prozent der befragten Unternehmen digitale Zwillinge als Katalysatoren ein, um sich operativ zu verbessern. Bitkom hat erhoben, dass digitale Zwillinge in jedem dritten Unternehmen eingesetzt werden. „Digitale Zwillinge sind digitale Kopien von Objekten der realen Welt – von Produkten und Maschinen bis zu ganzen Fabriken. Dank ihrer Hilfe lassen sich Produktions- und Wartungsprozesse massiv beschleunigen und im Einsatz fortlaufend optimieren“, erklärte Christina Raab auf der Hannover-Messe.

Supply-Chain-Fazit

Accenture veröffentlichte dieses Jahr eine Studie, die besagt, dass Lieferketten neu erfunden werden müssen, um einem Paradigmenwechsel gerecht zu werden. Lieferketten wurden in erster Linie zur Kostenoptimierung konzipiert. In der heutigen Welt müssen sie zudem jedoch widerstandsfähig und flexibel sein, um auf Versorgungsunsicherheiten reagieren zu können. Gleichzeitig werden sie zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil, um künftiges Wachstum zu ermöglichen.

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