MAG 1603 Szene

Prozessorientiertes Informationsmanagement

2016
Geschrieben von E-3 Magazin

Wir stecken tief im Prozess einer digitalen Transformation. Dort, wo strukturierte ERP-Daten auf unstrukturierte Social-Media-Daten stoßen, sind hybride Geschäftsmodelle on-premise und in der Cloud gefragt. Ein Interview mit Roger Illing, Vice President Enterprise Sales EMEA bei OpenText.

Sehr geehrter Herr Illing, vor einem Jahr haben Sie in der OpenText-Keynote gemeint, dass wir am Beginn einer digitalen Transformation stehen. Nun meinen Sie, dass wir bereits mittendrin sind. Was hat sich in diesem einen Jahr verändert?

Roger Illing: Vor einem Jahr war selbst der Begriff der Digitalisierung oder digitalen Transformation noch nicht sehr verbreitet. Es herrschte immer noch die Diskussion über das Für und Wider der Cloud vor, der die Unternehmen im deutschsprachigen Raum eher skeptisch gegenüberstanden.

Nur zwölf Monate später hat sich das fundamental geändert. Das Thema Digitalisierung ist zum festen Bestandteil des Sprachschatzes in den Führungsetagen geworden. Mehr noch: Ein grundlegender Bewusstseinswandel ist eingetreten. Wer sich nicht digitalisiert, und zwar schnell, wird schon bald aus dem Markt gedrängt werden.

Wo liegt die Herausforderung der digitalen Transformation – im Organisatorischen, Betriebswirtschaftlichen, Technologischen?

Illing: Die größte Herausforderung besteht für die Unternehmen sicherlich in der Entwicklung eines digitalen Geschäftsmodells. Die Digitalisierung ist ja kein Selbstzweck. Und doch müssen sie mit der digitalen Transformation beginnen, bevor die Antwort auf die Frage nach dem künftigen Geschäftsmodell vorliegt.

Winshuttle

Analoge Unternehmen können einfach kein digitales Geschäftsmodell entwickeln. Sie müssen jetzt die technischen Grundlagen für ihre eigene Digitalisierung legen. Dabei müssen sie einen Ansatz wählen, der einen betriebswirtschaftlich bezahlbaren Weg in die digitale Welt ermöglicht.

In den allerwenigsten Fällen dürfte eine radikale Umstellung sinnvoll sein. Schließlich müssen die Unternehmen ihre Mitarbeiter und Partner auf diesem Weg mitnehmen. Denn die Nähe der Hersteller zum Endkunden wird zunehmen und der Automatisierungsgrad steigen.

Es gilt daher, Mitarbeitern und Partnern Chancen zu eröffnen, durch die sie die neue Ära auch zu ihrem eigenen Erfolg machen können.

Was ist der Beitrag von OpenText zur digitalen Transformation?

Illing: Das digitale Unternehmen ist informations- und prozessgesteuert. Prozessorientiertes Informationsmanagement inklusive Content Analytics ist unsere Kernkompetenz. Wir wissen, wie sich Prozesse entlang der Wertschöpfungskette unternehmensintern und -übergreifend digitalisieren und optimieren lassen.

Wir verbinden nahtlos die Welt der Daten und der Informationen. Wir stellen die Infrastruktur für digitale Unternehmen bereit und helfen bei der Transformation.Wir geben unsere Erfahrung in Digitalisierungs-Workshops weiter.

Auch bei SAP versucht man die Digitalisierung voranzubringen, etwa mit Mobile, Cloud und in-memory. Wo arbeiten Sie mit SAP zusammen? Wo ergänzt man sich?

Illing: Nicht alle Geschäftsprozesse und nicht alle ihre Teile werden von SAP vollständig abgedeckt. Im Wesentlichen verbinden wir die SAP-Welt mit der Welt der unstrukturierten Informationen und Nicht-SAP-Prozessen.

Wir tun dies einmal über Produkte und Lösungen, die auf der SAP-Preisliste stehen und von der SAP vertrieben werden. Zum anderen bieten wir Lösungen für Nicht-SAP-Umgebungen, für Infrastruktur, Integration und Geschäftsprozessmanagement.

Überall da, wo Content auf SAP trifft, sind wir zur Stelle – ob in mobilen Szenarien, in der Cloud oder bei In-memory Computing. Wir unterstützen die SAP-Strategie voll und ganz. Außerdem sind immer mehr unserer Lösungen auf Hana verfügbar.

Im März eröffnen Sie die OpenText Innovation Tour und werden einen Schwerpunkt auf das Thema Cloud legen, warum?

Illing: Die Cloud ist die Voraussetzung für die Digitalisierung. Unternehmensübergreifende Wertschöpfungs- und Lieferketten in digitalisierter Form, die bis zum Endkonsumenten reichen, lassen sich nur mithilfe der Cloud implementieren. Punkt.

Wie erklären Sie sich die unterschiedliche Cloud-Akzeptanz in den USA und Europa?

Illing: Ich sehe vor allem drei Gründe: Unterschiede in der Mentalität, der Gesetzgebung und der Knappheit. US-Unternehmen und -Verbraucher stehen technischen Innovationen aufgeschlossener gegenüber.

Sie sehen zunächst die Chancen, weniger die Risiken, und sind viel schneller auch zu radikalen Veränderungen bereit. Sowohl die Einstellung zur Privatsphäre als auch die Gesetzgebung dazu ist eine andere. Das regt nicht nur die Fantasie zu neuen Geschäftsmodellen auf der Basis von Auswertungen von Kundendaten an, sondern ermutigt auch zu deren Implementierung, da die gesetzlichen Hürden ungleich niedriger sind.

Zentraleuropa ist die Region der Ingenieure. Alle großen Unternehmen haben personell gut ausgestattete und hoch kompetente IT-Organisationen. In den USA gehen gute IT-Leute ins Silicon Valley zu den Start-ups und Technologieikonen. Allein dadurch ist der Druck zur Cloud-Auslagerung viel größer.

Was könnte eine Empfehlung an die europäischen SAP-Bestandskunden zur Cloud-Strategie sein? Welches Angebot haben Sie auf der Innovation Tour für die SAP-Anwender?

Illing: Fangt jetzt an, aber brecht nichts übers Knie. Die Zukunft wird ohnehin hybrid sein, ein Alles-Cloud-oder-Nichts gibt es nicht. Mit unserem Angebot ebnen wir euch den Weg. Für euer Tafelsilber unterstützen wir euch mit Lösungen, die sich entweder on-premise oder in einer Private Cloud in einem unserer weltweit verteilten Rechenzentren implementieren lassen. Auch bei Hana können wir helfen.

Rechtssichere Archivierung von Altdaten und Stilllegung von Altsystemen senkt Kosten und macht die Mittel für Investitionen in Innovationen frei. Wir helfen euch bei der Integration unternehmensübergreifender Lieferketten. Wir managen und automatisieren den Informationsaustausch, der darin stattfindet.

Wir helfen euch, mit unseren Cloud-Lösungen Investitionskosten zu sparen, und machen die Betriebskosten plan- und kalkulierbar. Unsere Experten sorgen für die nötige Sicherheit. Zudem unterliegen wir als kanadisches Unternehmen nicht dem US Freedom Act.

Schließlich unterstützen wir euch mittels Content Analytics, um die Schätze, die in euren Unternehmensinformationen liegen, zu finden und zu heben.

Sie sprechen von einer digitalen Transformations-Economy. Was meinen Sie damit?

Illing: Die Unternehmen müssen sich durch Versuch und Irrtum in die digitale Welt vortasten. Je digitaler sie selbst sind, desto mehr Möglichkeiten stehen ihnen hinsichtlich digitaler Geschäftsmodelle offen. Nicht alle Ideen werden fruchten, aber digitale Unternehmen sind so flexibel, dass sie praktisch unverzüglich Fehler korrigieren und Neues ausprobieren können.

Die Analysten von Gartner sprachen schon vor drei Jahren von einem Digital Tsunami. Wo befindet sich die Economy heute?

Illing: Das Bild des Tsunamis passt genau. Auf dem offenen Meer ist die Welle praktisch nicht zu sehen. Erst wenige Meter vor dem Ufer türmt sie sich zu einer Wand auf.

Ich denke, unsere Wirtschaft befindet sich gerade da, wo die Welle auf das flache Wasser trifft. Sie beginnt sich also gerade aufzutürmen. Wer jetzt anfängt zu rennen, kann ihrer Zerstörungsmacht gerade noch entgehen.

Momentan erleben wir eine Hochphase an digitalen Innovationen. Aber auch SAP merkt, dass vielfach gilt: Lösung sucht Problem. Wird die digitale Transformation überbewertet? Braucht der Anwender von SAP- und OpenText-Software wirklich ein Realtime Enterprise, Hana und Cloud?

Illing: Wie heißt es so schön? Der Hunger kommt mit dem Essen. Wenn ein Unternehmen erst einmal über seine Produkte im Handel den direkten Kontakt mit dem Endkonsumenten aufnehmen kann, möchte es möglichst viel über ihn oder sie in Erfahrung bringen.

Die Datenerhebung fängt damit schon am Verkaufspunkt an und dauert über den gesamten Lebenszyklus des Produkts an. Das erzeugt ungeheure Datenmengen, die in Echtzeit ausgewertet und zugeordnet werden müssen.

Stellen Sie sich vor, ein Kunde kommt am Tag nach dem Kauf in den Laden und reklamiert. Dann müssen Sie in der Lage sein, dem Händler unmittelbaren Zugriff auf alle relevanten Informationen zur Transaktion vom Vortag zu geben, zum Beispiel auch zu einem Foto, auf dem das Produkt zum Zeitpunkt des Kaufs detailliert zu sehen ist. Dieser Informationsaustausch geht wiederum nur über die Cloud.

Abschließend, welchen Ratschlag können Sie einem SAP-Bestandskunden für 2016 mit auf den Weg geben?

Illing: Die Cloud-Technologien und -In­frastrukturen sind reif für die Digitalisierung. Unser Angebot ist reif für diese neue Ära. Das technisch Mögliche rechnet sich mittlerweile. SAP-Bestandskunden sollten diese Chance nutzen und unverzüglich mit ihrer eigenen digitalen Transformation beginnen.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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