Mag 22-05 TippS/4Success

Pro und kontra SAP – mit oder ohne S/4

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Geschrieben von Johannes N. Szalachy

Unternehmen stehen vor der Entscheidung bezüglich einer ERP-Transformation. Bestandskunden sind aus verschiedenen Gründen mehrheitlich für die neue SAP-Technik, bei Neukunden ist die Entscheidungsfindung mehrschichtiger.

Als Grundlage und Ausgangssituation für eine Transformation wird üblicherweise die Unternehmens- und IT-Strategie herangezogen, wobei auch die Systemarchitektur (On-prem, Cloud oder Hybrid) eine große Rolle spielt. Für alle Varianten hat sich der ERP-Markt in den vergangenen Jahren massiv verändert. Viele lokale Anbieter im Mittelstand konnten durch Cloudstrategien und neue Technologien auch größere, internationale Unternehmen erreichen.

Aber auch internationale US-Anbieter wie Salesforce, ServiceNow und Oracle haben den Weg nach Europa gefunden und ihr Portfolio breiter aufgestellt. Aus diesem Grund ist es angebracht, aus den vielen Informationen, Kundengesprächen und Projekterfahrungen eine Bestandsaufnahme der SAP-Positionierung im aktuellen Marktumfeld zu machen. Zum heuer 50. Bestandsjubiläum darf sich SAP nach wie vor als ERP-Weltmarktführer bezeichnen. Was sind nach wie vor die Gründe für den Erfolg und wo ist dringender Handlungsbedarf?

SAP hat sich mit dem ersten Release R/2 und dem „Customizing“ eine starke Marktposition geschaffen. Mit der Client-Server-Technologie im Release R/3 begann die Erfolgsgeschichte so richtig Fahrt aufzunehmen, von deren langjährigem Erfahrungsschatz die Kunden bis heute profitieren können.

Einen großen Anteil hat die tiefe, gesamtheitlich betriebswirtschaftliche Ausrichtung in der Entwicklung der Standardsoftware über alle Module hinweg. Das Ziel zum Weltmarktführer hat SAP durch die Programmierung und laufende Betreuung aller lokalen wirtschafts- und steuerrechtlichen Gesetzgebungen für über 100 Länder und in deren Sprachen erreicht. Diese Internationalisierung wurde auch für viele Branchenlösungen vollzogen. Aus meiner persönlichen Sicht und Erfahrung ist das eine der größten Stärken von SAP gegenüber den am Horizont auftauchenden Konkurrenten.

SAP hat auch schon sehr früh erkannt, dass für einen Softwareentwickler die Kundenkommunikation für die Qualitätssicherung ganz entscheidend ist. Dafür wurde sehr früh das „Online Service and Support System“ (OSS) entwickelt und in der Folge im Solution Manager (SM) erweitert. Ich denke, dass SAP mit dieser umfangreichen Erfahrung einen großen Vorsprung am Markt hat und diese Lösung für alle Kunden unerlässlich ist. 

Dieser Erfolgsstory stehen leider auch negative Entwicklungen gegenüber. Viele Kunden haben das subjektive Gefühl, dass SAP durch die Marktposition und Größe nicht nur an Bodenständigkeit, sondern mit der Hana-Strategie auch an Kundennähe verloren hat.

Mit den vielen Zukäufen, um das notwendige Wachstum zu erreichen, wurde das ursprüngliche Erfolgsmerkmal einer vollintegrierten Standardsoftware vorerst im S/4-Umfeld vergeben. Die nun folgende S/4-Hana- und Cloud-Integration kostet noch immer viel Zeit und Geld.

Der notwendige S/4-Technologiewechsel mit den Simplifizierungen der Datenfelder und die neue Programmierlogik haben große Auswirkungen auf die Eigenentwicklungen. Im Zuge dessen wurde es aber leider verabsäumt, die Vereinheitlichung aller Softwareoberflächen vorzunehmen. Das ist im Anbietervergleich nicht State of the Art und kommt bei den Kunden nicht gut an. Bei der S/4-Transformation werden veraltete Technologien mitgenommen und ihre Umsetzung selbst ist sehr komplex und langwierig, was auch oft zu Hinterfragung der Wirtschaftlichkeit führt. Die vielen S/4-Hana-Releases führen zur Verunsicherung wegen der unbekannten ERP-Strategie von SAP danach.

SAP lebt derzeit von der „alten Generation“ der Bestandskunden, wobei die „junge Generation“ der Neukunden auch für Konkurrenzlösungen offen ist. Bei den diversen ERP-Marktstudien wären die Hintergründe der Kundenbindung zu SAP interessant: Sind die Kunden mit SAP wirklich zufrieden? Oder fehlen nur gleichwertige Alternativen? Oder ist ein Anbieterwechsel einfach zu teuer?

Über den Autor

Johannes N. Szalachy

ist SAP-Berater und DSAG-Arbeitsgruppensprecher Österreich. Sein Unternehmen ist auf S/4-Projektarbeit spezialisiert.

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