MAG 21-12 Open Source Kolumne

Open Core widerspricht dem Geist von Open Source

Open-Source
Geschrieben von Klemens Merk, Instaclustr

Open Core klingt wie eine gute Idee: Open-Source-Technologien, angereichert mit individuellen proprietären Funktionen. Aber das Modell gibt zu denken, denn die Interessen der Anbieter können sich von denen der Community unterscheiden.

Technologien, die weit darüber hinausgehen, was proprietäre Lösungen bieten können: Nicht weniger ist das große Versprechen von Open Source. Per Definition ist Open-Source-Software frei und offen – das ist den Grundfesten proprietärer Anwendungen diametral entgegengesetzt. Daher stellt sich die berechtigte Frage: Kann Open Core den Idealen von Open Source überhaupt entsprechen?

Ein Interessenkonflikt

Das eng mit Open Source verwandte Modell Open Core setzt sich aus Open-Source-Technologien zusammen, zu denen Unternehmen proprietäre Funktionen hinzufügen. Aus dieser Mixtur erstellen sie dann eine kommerzielle Version der Software, die sie kontrollieren. Anbieter vermarkten diese Funktionen gerade im Enterprise-Kontext als Verbesserungen, obwohl die Realität stark davon abweichen kann. Zudem beinhaltet das Open-Core-Geschäftsmodell unweigerlich einen tiefen Interessenkonflikt.

Natürlich leisten auch Open-Core-Anbieter einen sinnvollen Beitrag zu Open-Source-Projekten, auf denen ihre Lösungen basieren. Das tun sie schon allein aus Eigeninteresse, da eine Verbesserung des Fundaments auch unweigerlich das eigene Produkt stärkt. Wenn allerdings nun die Interessen der Open-Core-Anbieter von denen der Open-Source-Community und den Mitwirkenden des entsprechenden Projektes abweichen, offenbart sich der Interessenkonflikt. Häufig kommt es vor, dass Open-Core-Anbieter ihren Einfluss geltend machen und ein Projekt in eine eher eigennützige Richtung lenken – manchmal sehr zum Nachteil der gesamten Nutzerbasis.

Die Community eines Open-Source-Projektes könnte beispielsweise planen, Funktionen einzuführen, die das Alleinstellungsmerkmal eines Open-Core-Anbieters kostenfrei verfügbar macht. Während diese neuen Funktionen für den Rest der Gemeinschaft von allgemeinem Nutzen sind, würde ein Anbieter der entsprechenden Open-Core-Lösung mit ziemlicher Sicherheit seinen Einfluss nutzen, um sich dem zu widersetzen. Der Konflikt zwischen dem Nutzen für die Community und den eigenen Geschäftsinteressen könnte nicht größer sein. Diese Umstände widersprechen dem Geist von Open Source.

Vorsicht bei der Anbieterwahl

Unternehmen, die sich von Open-Core-Lösungen abhängig machen, riskieren darüber hinaus negative Auswirkungen auf ihr Geschäft. Oft benötigen sie das Fachwissen externer Anbieter, um mit der Komplexität von Open-Source-Software zurecht-zukommen. Dieses Vertrauen missbrauchen Open-Core-Supportteams manchmal, um Kunden zur Verwendung von proprietären Lösungen zu drängen, statt auf kostenfreie Alternativen zu setzen – selbst dann, wenn das Ergebnis ein suboptimales Deployment ist. Im schlimmsten Fall ist der Code der Open-Core-Lösung nicht portabel, was zum Vendor-Lock-in und einer technischen Abhängigkeit führt. Unternehmen haben es dann schwer, den Anbieter zu wechseln oder auch nur Kontrolle über ihre eigene Lösung zu erhalten.

Vorsichtig sollten Unternehmen aber auch bei Managed Services von großen Cloud-Anbietern sein. Ihnen geht es in erster Linie darum, neue Nutzer auf ihre Plattformen zu locken. Überdies unterstützen sie Open-Source-Projekte selten im angemessenen Rahmen. 

All diese Probleme verdeutlichen, dass Unternehmen besser auf reine Open-Source-Lösungen setzen sollten. Insbesondere Managed Platforms bieten Infrastrukturen mit sehr großem Funktionsumfang, ohne, dass ein Vendor-Lock-in droht. Zudem ist die Community oft bereit, neue Features tatkräftig zu unterstützen – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Über den Autor

Klemens Merk, Instaclustr

Klemens Merk ist Senior Director DACH bei Instaclustr

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