Information und Bildungsarbeit von und für die SAP®-Community

"oder" oder "und"

Hieß es früher „SAP oder Non-SAP“, so höre ich aktuell immer öfters „SAP und Non-SAP“. Für uns Bestandskunden ist es erfreulich. Für SAP könnte es zu einem Problem werden. Der ERP-Weltmarktführer ist auf Kooperation nicht eingestellt.
27. September 2022
NoName
avatar

Es gibt viele Ratschläge und Sprüche zum Thema „gemeinsam sind wir stärker“. Lange Zeit wurde dieses kooperative Denken durch technische Hürden in der IT verhindert. Das erfolgreiche SAP R/3 war eine Blackbox und die Schnittstellen ein Eigenbau der SAP. Natürlich war es möglich, Daten zu importieren und exportieren – notfalls mittels Excel.

Open Source hat eine mentale Wende eingeleitet, nicht nur was die Entwicklung und die Kosten von Software betrifft. Open Source hat auch den Blickwinkel verändert, der weit über diese Bewegung und deren Software hinausgeht. Im privaten und beruflichen Bereich werden kaum mehr Geräte akzeptiert, die keine öffentlichen Schnittstellen haben, ein Browser-Interface und Update-Funktionen etwa mittels USB. Der erste Audi A3 meiner Frau hatte noch ein Audio- und Navigationssystem, dessen Firmware sich nicht updaten ließ. Mein Erstaunen und meine Empörung waren fast grenzenlos. Das Auto kostete damals immerhin fast 60.000 Euro.

Mittlerweile gibt es kaum noch Geräte, die keine IP-Nummer haben. Damit lässt sich im Netzwerk mittels Web-Browser fast alles erreichen und administrieren – von der Kaffeemaschine über den Videobeamer und Drucker bis hin zum Server. Die daraus resultierenden Security-Probleme will ich hier aussparen, aber auf einen Umstand hinweisen. Wenn selbst die Kaffeemaschine über das Firmennetzwerk gewartet wird, dann würde einem Eindringling das Ethernetkabel auch dieser Maschine ausreichen, um im ersten Schritt mit einem Notebook physischen Zugang zum Netz zu bekommen. Wenn die Kaffeemaschine für ein paar Minuten nicht mehr online ist, würde das niemandem auffallen. Meine Security-Spezialisten haben mir jedoch versichert, dass sehr akkurat beobachtet wird, welche Geräte mit welchen internen Adressen an welchen IP-Ethernet-Ports hängen.

Lange Zeit agierte SAP und speziell der Vertrieb nach den Prinzipien: Entweder du bist Freund der SAP, akzeptierst die PKL und Systemvermessung oder du fliegst raus (lernst die Rechtsanwälte der SAP kennen). Weil im Rahmen der digitalen Transformation die IT einen immer größeren Raum einnahm, war dieses SAP’sche Herrschaftsdenken nicht aufrecht zu halten. SAP hat es verabsäumt, mit geeigneten Initiativen ihren Einflussbereich auszuweiten. Die Herausforderung betrifft die gesamte SAP-Community und besonders SAP: ein Paradigmenwechsel von „oder“ zu „und“, von monolithisch zu kooperativ.

Interessanterweise vollzieht SAP im Datenbankbereich genau das Gegenteil. Mit Hana baut SAP ein absolutistisches und monolithisches System auf. Das AnyDB mit IBM und Oracle und Microsoft gehört in der SAP-Community der Vergangenheit an. Dieser Datenbankanspruch ist vorerst unwiderruflich, aber in zehn Jahren könnte die IT-Welt schon wieder ganz anders aussehen, darauf müssen wir Bestandskunden uns einstellen.

Im Applikationsbereich gelingt SAP dieser absolutistische Anspruch nicht. Hier muss sich der ERP-Weltmarktführer das IT-Budget der SAP-Bestandskunden immer öfters mit Microsoft, Workday, Salesforce, ServiceNow und vielen anderen Anbietern teilen. Auf Anwendungsebene hat sich ein deutliches „und“ etabliert und die offenen Schnittstellen ermöglichen eine nahezu fugenlose Kooperation.

Für SAP selbst ist natürlich diese neue Offenheit eine Gefahr, weil die Organisation nicht auf Wettbewerb eingestellt ist. Die Releasewechsel der Vergangenheit waren eine Selbstverständlichkeit im geschützten Bereich des SAP-Hoheitsgebiets. Über Preise musste nicht verhandelt werden, weil es keine Alternativen gab. Das Oder-Zeitalter mit seiner Offenheit in alle Himmelsrichtungen bedingt ein Umdenken, eine Umorganisation und auch ein Überdenken der Budgets – SAP muss sparen: Die Sparpolitik macht sich aktuell bei der Beschaffung bemerkbar. So erzählte mir ein Freund aus Walldorf, dass keine Notebooks für mehr als 2000 Euro genehmigt werden. Die erwähnte Hana-Datenbank auf einem Billignotebook ist eine amüsante Vorstellung. Letztendlich geht es um etwas Ernsteres: SAP-Finanzvorstand Luka Mucic muss die Renditeziele sicherstellen! Die Rendite ist für Professor Hasso Plattner und die SAP-Investoren eine entscheidende Kennzahl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

magnifiercrosschevron-down