MAG 21-10 Management

Nicht ohne Zucker

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Geschrieben von Tanja Kaak

Ohne Zucker wäre das Leben höchstens halb so süß. Damit die Produkte pünktlich in den Supermärkten eintreffen, hat Nordzucker gemeinsam mit Logistikanbieter Leogistics ein cloudbasiertes System eingeführt.

Das neue Logistiksystem bei Nordzucker setzt auf IoT und aufgrund von Geofences weiß Nordzucker schon eine Stunde im Voraus, welcher Transport pünktlich ist. So wird automatisch die richtige Ware rechtzeitig an der richtigen Rampe im Logistikzentrum bereitgestellt: Staus und Ineffizienzen auf den Werksgeländen gehören der Vergangenheit an. Zudem gelang eine signifikante Reduktion der Zeitfensterlänge für den Aufenthalt der Lkw auf dem Hof.

Seit 1838 fertigt das Braunschweiger Unternehmen aus Zuckerrüben unter anderem Puder-, Würfel- und Kristallzucker. Eigentlich ist Napoleon Bonaparte verantwortlich dafür, dass in Deutschland überhaupt eine maßgebliche Zuckerproduktion begann: Durch seine Kontinentalsperre fiel der Import von Rohrzucker aus Übersee aus. Doch richtig groß wurde die Branche erst ab den 1830er-Jahren, damals entstanden viele der heutigen Nordzucker-Standorte. Vor allem im größten deutschen Werk in Uelzen befindet sich ein großes Servicecenter für verpackte Waren, die monatlich von rund tausend Lkw abgeholt werden – eine besondere Herausforderung für Kommissionierung und Lager.

Wir stehen bei unserem Ziel, möglichst viel Ware in kürzester Zeit reibungslos zum Kunden zu liefern, vielen logistischen Herausforderungen gegenüber“, berichtet Michael Jansen, Head of SAP Standard Applikation bei der Nordzucker AG. Dazu zählt insbesondere die Transparenz darüber, wann welcher Lkw ankommt, um welche Ware abzuholen. 

In Spitzenzeiten kam es auf den Werksgeländen durchaus mal zu Engpässen, je nachdem, ob Lkw aufgrund der Verkehrs-lage pünktlich sind und ob die Bereitstellung aus dem Lager reibungslos gewährleistet werden kann.

Eine saubere Planung war schwer, da diese Transparenz in Echtzeit über die Lkw und die Verkehrssituation erfordert“, erklärt der SAP-Verantwortliche. Das bestehende externe System konnte den Anforderungen nicht mehr gerecht werden. In einem Auswahlprozess nahm man deshalb verschiedene Lösungen unter die Lupe.

Als wir uns für Leogistics entschieden haben, ging es nicht nur um die Auswahl eines Software-Lieferanten, sondern eines strategischen Partners“, berichtet Michael Jansen. Es sollte eben nicht nur um Einsparungen gehen. Ganz wichtig war dem Unternehmen mit Hauptsitz in Braunschweig auch die Vision einer zukunftsfähigen Logistikplanung.

Mit viel Innovationsgeist ging Nordzucker dementsprechend in den letzten Jahren in vertrauensvoller Zusammenarbeit gemeinsam die digitale Transformation mit einer ganzen Reihe von Produkten aus dem Leogistics-Portfolio an. 

Digitalisierung mit Echtzeitdaten 

Die Praxis hatte gezeigt: Von den ersten Zeitproblemen frühmorgens an baute sich häufig über den Tag eine Verschiebung des gesamten Planes auf, sodass die ursprüngliche Planung von der Realität überholt wurde. Schnell war dem Projektteam klar, dass die Echtzeitverfolgung der Lkw mittels Track-and-trace ein Must-have ist, auch um die Zeitfenster und damit das Antriggern der Bereitstellung aus dem Warehouse-Management entsprechend agil anpassen zu können.

Nach der Implementierung von Warehouse-Management SAP WM und Leogistics Yard Management wurden das Zeitfenstermanagement und die Cloud-Lösung myleo/tnt umgesetzt. Eine zentrale Komponente des Yard Management bildet das Modul Trans, das zur effizienten Planung beiträgt: Die Transportdisposition verbindet zudem alle beteiligten Prozess-teilnehmer und sorgt für eine tiefe Integration in vor- und nachgelagerte SAP-Systeme. Erst diese Gesamtkombination ermöglicht durch die enge Vernetzung ein Höchstmaß an Effizienz. 

Agil und nah am Anwender

Für die Umsetzung des Projekts setzten die Experten trotz enger Zeitrahmen auf Elemente agiler Methoden. So wurde das ganze Projekt in „kleine Scheiben geschnitten“ und thematisch geclustert. In iterativen Schritten absolvierte man dann die Sprints und tauschte sich alle paar Wochen mit den Anwendern zu Usability und Funktionalität des jeweils erreichten Produktstands aus.

Mit vielen kleinen Meilensteinen zwischendurch wurde so immer wieder dafür gesorgt, dass das Projekt in den richtigen Leitplanken blieb und die Anwendung benutzerfreundlich konzipiert ist.

Heute profitieren schon die meisten Standorte vom Transportmanagement und der durchgängigen Track-and-trace-Lösung. „Wir haben mit der Piloteinführung an allen Standorten in Dänemark gleichzeitig begonnen. Mittlerweile ist der Roll-out dort und in den fünf deutschen Werken erfolgreich abgeschlossen. Bis Ende 2022 folgt noch Finnland, auch der Roll-out in Osteuropa steht an“, berichtet Michael Jansen. Pro Standort dauert die Einführung rund drei bis vier Monate. Die Auswahl der Systemkomponenten erfolgt gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort nach den jeweiligen Anforderungen. 

Zauberwort: Integration

Eine besondere Herausforderung bestand darin, eine sehr breite Vielfalt an Devices und Applikationen an das System anzubinden, damit die automatisierte Kommunikation zwischen allen Komponenten möglich ist. Dazu gehörten neben Desktop–Anwendungen auch unterschiedlichste Scanner und Hochregallager. Es galt zudem, viele Partner einzubinden: Mit rund 40 Speditionen wird allein in Deutschland zusammengearbeitet. In der Disposition musste geklärt werden, wo Belege „verheiratet“ und Touren gebildet werden, um anhand der Zeitfensterbuchung einen konkreten Slot an der Laderampe zu sichern.

„Gerade die Integration vom Zeitfenstermanagement und Warehouse-Management auf Basis von Geofences mittels Track-and-trace bringt sehr wichtige Vorteile für uns. Wir wissen schon im Vorfeld, ob ein Lkw pünktlich ist, und nutzen den Platz an der Verladerampe optimal aus“, sagt Michael Jansen, Head of SAP Standard Application bei Nordzucker. // Foto, von links: André Käber, CEO des SAP-Partners Leogistics, und Michael Jansen, Head of SAP Standard Applikation bei Nordzucker.

Gerade weil viel von den Logistikpartnern abhängt, wurde in der neuen Lösung mehr Verantwortung an die Logistikpartner abgegeben. Die Partner buchen selbst in einem Planungstool Zeitfenster und verschieben sie im Problemfall. Zu Beginn griffen die Fahrer noch proaktiv auf eine Handy-App zu, um ihre gesamte Tour zu verwalten. Mittlerweile sorgen Onboard-Units und Telematiklösungen für die automatische Erfassung und das Übermitteln der jeweiligen Position. So verfolgt das Track-and-trace-Modul myleo/tnt den Weg der Lkw vom Start zum Ziel.

Künftig wird dem Fahrer per Push-Benachrichtigung mitgeteilt, an welches Tor er auf dem Werksgelände fahren muss. In den skandinavischen Werken können die Lkw-Fahrer im Büro per iPad in einem Dialog schnell und einfach den Check-in und Check-out abwickeln. In Uelzen, wo es eine direkte Integration der Logistiklösung mit dem Hochregallager gibt, erfolgt der Check-in über das Waagensystem.

Zeitfenstermanagement

Mit der Einführung der automatischen Auslagerprozesse verlässt der Lkw den Hof wesentlich früher, die Zeitfensterlänge hat sich signifikant verkürzt. „Gerade die ausgeklügelte Integration vom Zeitfenstermanagement und Warehouse-Management auf Basis von Geofences bringt sehr wichtige Vorteile für uns“, sagt Michael Jansen. Ist der Lkw eine Stunde Fahrzeit vom Werk entfernt, wird bereits durch die Überschreitung der ersten Isoline die Auslagerung in der Lagerverwaltung aus einem Hochregallager angetriggert. Dabei wird eine Fördertechnik angesprochen, um Paletten auf einen Kommissionierpunkt zu verbringen.

Da sich die Fläche vor den Verladetoren regelmäßig als Bottleneck erweist, muss man mit dem neuen System die knappen Kapazitäten zu diesem Zeitpunkt noch nicht belegen: Bei Verzögerungen sind nachgelagerte Lkw sonst schon da, das Tor mit der Ware vom vorigen Zeitfenster jedoch gegebenenfalls noch belegt. 

Dem Triggern des Auslagerungsprozesses liegt deshalb ein Regelwerk zugrunde, das den Prozess nur dann starten lässt, wenn auch ein Zeitfenster für die voraussichtliche Ankunftszeit gebucht wurde. Sobald der Lkw dann die zweite Isoline – 30 Minuten vom Werk entfernt – durchfährt, beginnt der zweite Kommissionierschritt. Jetzt werden die ausgelagerten Paletten mit dem Stapler zum Tor gefahren und für den Versand vorbereitet, da eine Verzögerung zu diesem Zeitpunkt recht unwahrscheinlich ist.

IDoc und SAP EWM

Nur durch die Schnittstelle, die beide Kommissionierschritte vorgibt, können der Status des Lkw und der Status der Lieferung im Warehouse-Management (WM) abgeglichen werden: Auf den Monitoren ist sofort ersichtlich, wenn es einen Verzug im Versand geben sollte. Sobald der Lkw jeweils die zwei vordefinierten Geofences passiert, wird automatisch das Warehouse-Management-System informiert. Per IDoc-Schnittstelle erfolgt das Antriggern des Hochregallagers, das die Ware automatisch auf die Bereitstellbahnen auslagert, sowie die Verbringung der Paletten an das Verladetor. Dann muss die Ware nur noch in den bereitstehenden Lkw gepackt werden. Eine komplexe Berechnung im Hintergrund ermittelt, wann genau das System für eine bestimmte Lieferung auf die Geofence-Information reagieren soll.

Während zuvor oft noch eine weitere Stunde nach Ankunft des Lkw verging, ist jetzt bereits bei dessen Ankunft alles vor Ort.

Im Rahmen eines Prototyps bekommen wir über einen Sensor mit relativ einfacher Technik und natürlich auch für schmales Geld ein Signal direkt in die Logistiklösung und in das ERP-System, das wir dann beim Beladen entsprechend weiterverarbeiten können. Was uns wirklich angesprochen hat, war die Einfachheit der Lösung“, erzählt der ERP-Experte begeistert. In der Integration mit dem Warehouse–Management-System werden so wichtige Status der Lkw automatisiert gesetzt. Mittels Track-and-trace als Kommunikationsplattform zu den Fahrern wird zukünftig der Abruf der wartenden Lkw an die jeweiligen Verladetore gesteuert. 

Das Team um Michael Jansen hat noch viele Pläne. Derzeit befasst sich Nordzucker im Bereich Logistic Execution mit der Integration der Zulaufplanung bei Zeitfenstern in der Siloverladung von loser Ware und einer integrierten „Minidispo“ bei der Cloud-Lösung. Nach der aktuellen S/4-Einführung soll zudem die derzeitig auf WM basierende Integration auf eWM migriert werden.

https://e-3.de/partners/leogistics-gmbh/

Über den Autor

Tanja Kaak

Tanja Kaak ist IT-Autorin.

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