Editorial MAG 21-06

NetWeaver und Rise

Editorial

SAP kann das Tricksen nicht lassen. Christian Klein glaubt, 100 Rise-Kunden zu kennen. Diese Hybris könnte sich noch als böse Überraschung darstellen – SurpRISE with SAP wäre nicht das erste Mal.

Ich verrate, wie ich vor vielen Jahren während einer NetWeaver-Recherche unseren beliebten Autor n/n kennenlernte, seit damals immer auf Seite 16: Der damalige SAP-Technikvorstand Shai Agassi präsentierte in New York City das „Programm“ NetWeaver. Anfangs war vollkommen unklar, was SAP damit bezweckte. Agassi war ähnlich wie sein damaliger Ziehvater Hasso Plattner ein Visionär. Die SAP-Bestandskunden kämpften mit mySAP ERP 2004/2005 ums Überleben und hatten nur wenig Zeit für visionäre und disruptive ERP-Ideen.

Weil zu Beginn NetWeaver als Software-Stack nicht viel hergab, packte SAP alle verfügbaren Werkzeuge, Engines und Add-ons in das virtuelle Angebot. Jeder SAP-Bestandskunde, der aus dem SAP- Werkzeugkasten mehr als drei Positionen nutzte, wurde ohne sein Wissen zum NetWeaver-Kunden. Wer also dabei war, das SAP-Portal zu cutomizen, die Ex­change-Infrastruktur nutzte und einen Java-Stack im Einsatz hatte, war laut SAP-Definition ein NetWeaver-Kunde.

So lernte ich n/n kennen: Eine Anfrage in der SAP-Pressestelle nach Referenzen für NetWeaver verschaffte mir eine kleine Bestandskundenliste. Die meisten Anrufe in diesen IT-Abteilungen waren ernüchternd. Teile des SAP-Softwareangebots waren sehr wohl im Einsatz, aber kaum jemand kannte NetWeaver. Ein CIO nahm sich damals Zeit für mich und erklärte mir die SAP-Community aus Bestandskundensicht – daraus wurde die n/n-Kolumne in jeder E-3 Ausgabe auf Seite 16.

Rise with SAP ist ein Déjà-vu: Naturgemäß hat Christian Klein mit Rise nichts Neues erfunden, sondern Vorhandenes, siehe Embrace, mit Zugekauftem, siehe Start-up Signavio, kombiniert. Naturgemäß hat SAP die Mischung aus Alt und Neu vorab mit befreundeten Bestandskunden getestet. Naturgemäß spricht offiziell bei SAP niemand mehr über „run simple“, Embrace, Transformation oder Conversion, sondern es heißt ab sofort: Rise with one face to the customer! Somit ist Rise lediglich alte Software in neuer Verpackung und damit die Wiederholung des NetWeaver-Tricks.

SAP-Bestandskunden mit einem laufenden Conversion-Programm, die nun Signavio Process Mining hinzugebucht haben, sind automatisch Rise-Anwender geworden. Alle Anwender aus der Rise-Pilotphase werden ohnehin zum offiziellen Programm addiert. Damit konnte Christian Klein während des Bilanzgesprächs zum ersten Quartal 2021 leichtgläubig behaupten, dass Rise jetzt schon ein ­Gamechanger ist und mit mehr als 100 Vertragsabschlüssen im ersten Quartal bereits große Erfolge erzielt worden sind. Und das soll erst der Anfang sein, glaubt Christian Klein.

Während SAP-Bestandskunden und Partner mit Embrace und Conversion beschäftigt sind, lobt Christian Klein sich selbst und glaubt, die Cloud-Integration abgeschlossen zu haben. Im Analystengespräch zu den Q1-Zahlem meinte er, dass SAP im Besitz eines konsolidierten Datenmodells und einer einheitlichen Plattform sei.

Glaubt man dem Flurfunk in Walldorf, dann versuchen Christian Klein und CFO Luka Mucic jedes Euros habhaft zu werden, um diesen in die Reparatur das Cloud- und Integrationskonzepts zu investieren. Es wird bei SAP gespart, um Ressourcen für die Entwicklung und das Reparaturdienstverhalten zu bekommen. Aus dieser angespannten Arbeitsatmosphäre erklärt sich auch die Unsichtbarkeit der Vorstände Thomas Saueressig und Jürgen Müller – auch von Professor Hasso Plattner ist wenig zu hören.

Der Kern von Rise sei immer die Business Technology Platform, erklärte Christian Klein. Die SAP-Bestandskunden sollen auf diese Plattform bauen. Dieser Plattformgedanke ist prinzipiell korrekt und liegt in der Tradition des SAP’schen NetWeavers. Und Christian Klein will noch weiter gehen: Er plant den Aufbau eines B2B-Industrienetzwerks nach dem Vorbild der Automobilplattform Catena-X.

Was Christian Klein jedoch übersieht, ist der Umstand, dass Plattformen entweder aus kommerziellen Gründen oder aus einem Leidensdruck heraus entstehen. SAP will Industrieplattformen errichten, nicht weil man von industriellen B2B-Daten wie IIoT viel versteht, sondern weil man viel Geld verdienen will.

Wenn VW-Vorstandschef Herbert Diess anordnet, dass nach der Elektro­mobilität gleich die nächste Revolution angesagt ist, geschieht das aus strategischen Gründen, um den eigenen Leidensdruck zu minimieren: Mit eigenen Chips will Diess das voll vernetzte und selbstlenkende Fahrzeug erschaffen. Diese Strategie soll den Konzern auf Augenhöhe mit Tesla und Apple heben. Letztendlich will auch VW gutes Geld verdienen, aber offensichtlich auf Basis der eigenen Kernkompetenzen und zum eigenen Vorteil.

Das SAP’sche Bestreben, industrielle Netzwerke und Plattformen für B2B-IIoT-Daten aufzubauen, ist ähnlich zu verorten, wie wenn Siemens versuchen würde, die beste FI/CO-Software zu schreiben oder ein eigenes ERP-System zu programmieren. SAP hatte ihre Chance, mit IIoT und M2M eine Vormachtstellung einzunehmen, aber das Konzept „Leonardo“ von Ex-Technikvorstand Bernd Leukert wurde entsorgt – eine zweite Chance wird es auch für Christian Klein nicht geben.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

Hinterlassen Sie einen Kommentar