Cloud Computing Kolumne Die Meinung der SAP-Community MAG 20-10

Mit dem Kopf in den Wolken

Cloud-Computing
Geschrieben von Peter Langner, Adventas

Viele Unternehmen scheuen vor dem kompletten Umzug in die Cloud zurück – nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Darum liegt SAPs Erfolgsformel für die Marktführerschaft im Cloud Computing nicht in der Cloud.

Corona war für viele Unternehmen der große Game Changer. Homeoffice, virtuelle Meetings, Datennutzung über die Cloud – auf einmal geht, was vorher nicht möglich war. Auch wenn sich der Coronaschleier lüftet, werden Datenschutz- und Compliance-Bedenken nicht mehr die Blockadekraft haben, die sie einmal besaßen. Dann wird sich zeigen: Diese Bedenken waren vielleicht nur Fassade für viel schwerwiegendere Gründe.

Die Cloud-Nutzung in Deutschland nimmt weiter zu. Drei Viertel der Unternehmen ab 20 Mitarbeitern (76 Prozent) setzen mittlerweile auf Cloud Computing. Das ergibt der „Cloud Monitor 2020“, eine Umfrage des Beratungsunternehmens KPMG und des Digitalverbands Bitkom.

Die Studie zeigt aber auch: Cloud Computing entfaltet nur dort sein volles Digitalisierungspotenzial, wo der Cloud-Einsatz im Einklang mit der Digitalisierungsstrategie des Unternehmens steht. Genau da liegt der sprichwörtliche Hase im Pfeffer: Digitalisierung ist für viele Unternehmen nämlich nicht unbedingt eine Cloud für alle Fälle.

Winshuttle

Integrationsprobleme erschweren Migration

Ein Blick auf einen Wirtschaftszweig macht die Problematik deutlich: Viele Handelshäuser in Deutschland haben eine profunde Strategie entwickelt, um als intelligentes Unternehmen mit moderner IT-Infrastruktur schneller, agiler und kundenzen­trierter arbeiten zu können. Aber die Umsetzung so mancher Strategie verzögert und verschleppt sich, weil viele Schnittstellen und Funktionen der traditionellen ERP-Systeme in S/4 Hana nicht erhältlich sind.

Zum Beispiel verlangt das Modul International Trade, Nachfolger der Außenhandelsfunktionen im SAP-ERP-Central-Component (SAP ECC), immer wieder Nachbesserungen und Eigenlösungen. Und genau diese mühsam erstellten Eigenlösungen sind der Grund, warum viele Unternehmen vor dem Sprung in die totale Cloud-Welt zurückschrecken: aus Angst vor noch mehr Integrationsschwierigkeiten.

Das ist nicht nur ein Strategie-, sondern auch ein Kommunikationsproblem: Wie will ein IT-Verantwortlicher die Unternehmenslenker für eine Cloud-Strategie erwärmen und sie bewegen, Mittel dafür freizugeben, wenn er andererseits immer wieder erklären muss, dass an komplizierten Eigenlösungen, die on-premises laufen, noch kein Weg vorbeiführt?

Vorerst außerhalb der Cloud

Dass SAP mit Herz und Leidenschaft alles – oder besser: die Zukunft des Unternehmens – auf die Cloud setzen muss, ist einsichtig. Nur so kann SAP Innovationen entwickeln und einführen, um sich von der Konkurrenz abzusetzen. Dabei darf SAP-Chef Christian Klein aber die Kundenwirklichkeit nicht außer Acht lassen.

Es klingt paradox: Das Erfolgskriterium seiner Cloud-Strategie liegt vorerst außerhalb der Cloud. Die Kunden erwarten nicht nur Verbesserungen bei der Integration der SAP-Cloud-Anwendungen mit S/4 Hana, sondern auch Nachbesserungen bei allgemeinen S/4-Funktionen. Erst wenn die vermeintlich kleinen Probleme gelöst sind, können große Strategien in Angriff genommen werden – und noch wichtiger: für Entscheider schlüssig kommuniziert werden.

Erst wenn Kunden das gute Gefühl haben, dass sie für ihre Systeme auch künftig funktionale Updates bekommen und ihre individuellen Lösungen beim Umzug in die Cloud erhalten bleiben, fällt der Abschied vom On-premises-Modell wirklich leicht.

Deshalb müssen Christian Klein und sein Kommunikationsstab immer wieder den rhetorischen Spagat schaffen: mit dem Kopf in den Wolken die neuen Chancen der Cloud beschwören und mit beiden Füßen auf der Erde dafür sorgen, dass die Integration der verschiedenen S/4-Komponenten schneller und reibungsloser funktioniert – denn ohne funktionierende Gegenwart gibt es keine gute Zukunft.

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Über den Autor

Peter Langner, Adventas

Peter Langner ist Gründer von Adventas Consulting und als SAP-zertifizierter Berater und Trainer tätig. Er ist Sprecher der DSAG Arbeitsgruppe SAP Global Trade Management (GTM).

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