Infrastruktur Mag 22-04

Mehrwert mit Klassifizierung

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SAP-Bestandskunde HAWE legt mit einem Klassifizierungsprojekt für Materialstammdaten die Grundlagen für zukünftige Digitalisierungsprojekte. Nach wenigen Monaten wurden 46.000 vollständige und einheitliche Materialstammdatensätze erfolgreich in das ERP übernommen.

HAWE Hydraulik fertigt Einzelteile und Systeme der Hydraulik für den Weltmarkt, die in vielen Anwendungen wie Flugzeugen, Booten oder Fahrzeugen kritische Funktionen übernehmen. Die Produkte der Abnehmer sind vielfältig und anspruchsvoll. Die Lösungen müssen in allen Märkten entsprechen. Die sich ergebende enorme Variantenvielfalt wird mit einem konsequenten Baukastendesign aufgefangen. 

Weltweit gültige Klassifikation: Das Familienunternehmen mit Sitz in München unterhält Tochtergesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien, die ein weltweites Netzwerk bilden. Die Produktionswerke in Deutschland beliefern Kunden rund um den Globus. Wertschöpfungstiefe, effiziente Prozesse und konsequentes Qualitätsdenken sichern die Zuverlässigkeit und Robustheit und Lebensdauer der Produkte. 

Zur Vorbereitung weiterer Digitalisierungsprojekte hat sich das Unternehmen im vergangenen Jahr das Ziel gesetzt, sämtliche verfügbaren Materialstammdaten strukturiert und klassifiziert im weltweit eingesetzten ERP-System von SAP zu pflegen. Nach verschiedenen Versuchen in einzelnen Bereichen sollte nun eine allgemeingültige, durchgängige Klassifikation erarbeitet und umgesetzt werden. Als Dienstleistungspartner wurde dafür Simus Systems ausgewählt. „Nach Marktrecherchen, Vorführungen und Referenzbesuchen haben wir festgestellt, dass die strukturierte Vorgehensweise, die Software-Unterstützung und die Erfahrungen von Simus am besten zu uns passen“, sagt Projektleiter Korbinian Peters, Systems Engineer, der das Projekt gemeinsam mit seinem Kollegen Christoph Römer umsetzt. Beide betreuen die Software für Produktentwicklung, das 3D-CAD-System Inventor und die zugehörige Lösung zum Produktdaten-Management.

Werkzeuge und Methoden

Simus entwickelt Software zur automatischen Klassifikation von Stammdaten, die auch 3D-CAD-Modelle geometrisch einordnen und deren Metadaten berücksichtigen kann. Die Lösung Classmate erleichtert Klassifikationsaufgaben ebenso wie Migrationsprojekte. Weitere Simus-Module erschließen den Nutzen aus aussagekräftigen, einheitlichen, strukturierten Datenbeständen. Dazu gehören die automatische Erstellung von Arbeitsplänen und deren Kalkulation anhand der CAD-Modelle, Master Data Governance und selbsttätige Texterzeugung anhand von Merkmalen. Ebenso gut kommt bei den Anwendern eine klar strukturierte Projektmethodik an, mit der Simus die Zusammenarbeit gestaltet.

Vorprojekt zeigt Potenziale

Materialstammdaten bereinigt, harmonisiert und konsolidiert: Mit Simus hat HAWE Hydraulik eine neue Klassifikation geschaffen und eingeführt.

HAWE wollte eine Klassifikation aus technischer Sicht einführen. Dazu wurde in dem Vorprojekt der Materialstamm aus SAP ausgelesen. Rund 60.000 Materialien aus zwei Materialarten wurden in eine funktionale Klassifikation überführt. Für die Norm- und Kaufteile wurde eine Standardklassifikation genutzt. Im Verlauf konnten bereits 45 Prozent des Materialstamms rudimentär klassifiziert werden; für einige Klassen wurden exemplarische Sachmerkmalsleisten definiert. „Die von Simus eingebrachte Klassenstruktur und die automatische Verarbeitung der Daten in Classmate haben uns auch später viel Zeit und Aufwand erspart“, sagt Peters.

So konnte Simus die Potenziale der geplanten Vorgehensweise für das Unternehmen nachweisen. In Workshops und Gesprächen wurde die Aufgabenstellung weiter ausgearbeitet, die internen und externen Aufwände definiert und ein Angebot erstellt. Im Dezember 2020 beauftragte HAWE ein Projekt zum Aufbau der Klassifikation mit Textstandardisierung, Dublettenanalyse und SAP-Schnittstelle zur Übergabe der neuen Daten an das ERP-System.

Das Projekt begann mit einem Kick-off-Meeting zur finalen Abstimmung der zu betrachtenden Daten, der Abstimmung des Zeitplanes für sechs bis neun Monate und der Zusammenstellung des Projektteams mit festen Projektleitern auf beiden Seiten. Anschließend werden üblicherweise mehrere Workshops vor Ort mit den betroffenen Fachabteilungen durchgeführt, um die Klassifikationshierarchie der Norm- und Kaufteileklassen abzustimmen, etwa 1500 temporäre Klassen zu verdichten und Sachmerkmale für diese zu spezifizieren. Doch wegen der Covidpandemie wurden die Ergebnisse in rund 20 Online-Workshops mit den Projektleitern und rund acht bis zehn Experten aus den jeweils betroffenen Bereichen wie Elektronik oder Maschinenelemente gesichtet und verfeinert. „Die etwa zweistündige Bildschirmarbeit war mindestens so effektiv wie die üblichen Workshops vor Ort“, meint Korbinian Peters. 

Mittels Mustererkennung der existierenden Kurz- und Grunddatentexte konnten viele Bewertungen der definierten Sachmerkmale berechnet werden. Ebenso wurden externe Datenquellen wie Lieferantenkataloge in ihren verschiedenen Formaten einbezogen. Daraus ergaben sich insgesamt etwa 450 Merkmale für die beiden Materialarten. 

In einer anschließenden Phase einzelner Reviews sollten die Materialstämme weiter verbessert werden. Dazu stellte Simus schon in der Projektphase eine Datentabelle bereit. Damit die Mitarbeiter die Ergebnisse einfacher bestätigen oder mit Änderungswünschen versehen konnten, wurde die Suchmaschine Classmate Finder an den jeweiligen Arbeitsplätzen installiert. Eine zugehörige Review-Schulung sicherte eine einheitliche, korrekte Vorgehensweise.

Neue SAP-Materialstammdaten

Um die fertigen Materialstammdaten schließlich in dem von HAWE eingesetzten SAP-System verwenden und pflegen zu können, wurde ein konformer Struktur-Master entwickelt, der definiert, welche Strukturelemente an Klassen oder Merkmale zu übertragen sind. Kürzlich wurden nun rund 46.000 aktuelle und vollständige Datensätze erfolgreich in das SAP-Testsystem eingespielt. „Nun wird sichtbar, über welche Datenschätze wir verfügen und was wir alles damit anfangen können“, freut sich Korbinian Peters. „Wir wollen auf dieser Basis viele Projekte zu Digitalisierungsthemen starten.“ Darüber hinaus rechnet das Unternehmen damit, dass dank der höheren Transparenz und Eindeutigkeit in Zukunft weniger doppelte Datensätze und damit überflüssige Materialstämme angelegt werden.

Das Projekt wurde im Rahmen des vereinbarten Budgets und der Rekordzeit von rund sechs Monaten planmäßig abgeschlossen. „Wir haben Simus als sehr kompetenten Partner mit guten Ideen erlebt“, schließt Korbinian Peters. „Wir werden ihre Lösungen im Kopf behalten.“ Einen weiteren Nutzen könnte HAWE aus einem Standardregelwerk zur Definition von Texten auf Basis der Klassifikationsmerkmale ziehen. So lassen sich zum Beispiel Bestelltexte für den Einkauf oder die in -internationalen Unternehmen üblichen Übersetzungen in verschiedene Sprachen automatisch erstellen.


HAWE ist ein mittelgroßes, international tätiges Familienunternehmen mit Stammsitz in München. 19 Tochtergesellschaften in Europa, Nordamerika und Asien bilden ein weltweites Vertriebs-, Service- und Engineering-Netz. Die Produktionswerke in Deutschland beliefern Kunden rund um den Globus. Eine hohe Wertschöpfungstiefe, effiziente Prozesse und konsequentes Qualitätsdenken sichern die Zuverlässigkeit, Robustheit und Lebensdauer der Produkte. HAWE Hydraulik hat den Ehrgeiz, über 70 Jahre Erfahrung in der Hydraulik zu kombinieren mit der Integration neuer Technologien und so innovative Lösungen zur Verfügung zu stellen.

Über den Autor

Andrea Sauer, Simus Systems

Andrea Sauer ist Referentin Marketing bei Simus Systems

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