Coverstory 21-06 MAG 21-06

Koppeln, harmonisieren, individualisieren

Interview: Inkonsistente Daten kosten schlicht Geld
Interview: Inkonsistente Daten kosten schlicht Geld
Geschrieben von E-3 Magazin, Thomas Failer

Mit Thomas Failer, Gründer und Group CEO der Data Migration International, führte E-3 Chefredakteur Peter M. Färbinger in der Schweiz vor herrlicher Kulisse ein ausführliches Gespräch über die Breite der Aufgaben, über Trends in der SAP-Community und auch über historische Entwicklungen.

E-3: Herr Failer, Sie sagen, die Lektion aus den zurückliegenden achtzehn Monaten für das Geschäftsleben lasse sich in drei Begriffe fassen: Resilienz, Flexibilität und Individualität.

Thomas Failer: Das ist richtig. Die drei genannten Begriffe gehören inhaltlich zusammen. Und sie haben noch eine zeitliche Dimension, die sie miteinander verbindet. Die Unternehmen müssen resilienter, also widerstandsfähiger gegen äußere Schocks werden, und das schon kurzfristig. Flexibilität und Individualität bauen darauf auf, können aber zeitlich nachgelagert betrachtet werden, sofern die Basis der Resilienz richtig gelegt wurde.

E-3: Das klingt danach, dass die Unternehmen sich dauerhaft auf massive Veränderungen einstellen müssen.

Failer: Da haben Sie völlig recht. Die erhöhte Anpassungsgeschwindigkeit, die aus der Notwendigkeit heraus geboren wurde, muss in eine deutlich gesteigerte Anpassungsfähigkeit der Unternehmen überführt werden. Genau aus diesem Grund ist der zweite Begriff der Flexibilität so wichtig.

Alle Maßnahmen und Investitionen, die kurzfristig auf eine höhere Resilienz ausgerichtet sind, müssen zumindest mittelfristig auch die Flexibilität erhöhen. Nur so entkommt ein CIO dem für ihn typischen Dilemma zwischen Kostenmanagement und Innovationsförderung.

E-3: Beispiele bitte.

Failer: Sehr gerne. Kaufen und Verkaufen von Firmen und Firmenteilen gehören mittlerweile zum agilen Werkzeugkasten der Automobilindustrie und anderer Branchen. Was aber schon auf der Ebene der Verträge und der Prozesse wegen der damit verbundenen Komplexität eine Herausforderung darstellt, ist für die IT ein echtes Problem. Denn sie erbt die IT-Landschaft der zugekauften Unternehmen oder Unternehmensteile und muss sie integrieren. Und sie muss dafür sorgen, dass im Falle eines Verkaufs oder einer Ausgründung das geistige Eigentum gewahrt bleibt und der Käufer mit den übergebenen Informationen arbeiten kann.

E-3: Wie sieht das IT-Erbe bei Zukäufen und Fusionen, neudeutsch Mergers und Acquisitions, denn aus?

Failer: Bei M&As erbt die IT des Käufers eine historisch gewachsene IT-Landschaft mit einer Vielzahl unterschiedlicher Systeme und Applikationen verschiedenster Hersteller und in unterschiedlichen Releaseständen, deren Zahl schnell in die Hunderte geht. Die daraus entstehende Komplexität ist enorm und muss so schnell wie möglich reduziert werden. Das gelingt in der Regel aber eher schlecht als recht. Die operativ benötigten Daten werden kurzfristig transformiert und migriert, die Altsysteme für die rechtlich vorgeschriebenen Aufbewahrungsfristen eingefroren. Der Zugriff auf die wertvollen historischen Informationen ist dadurch aber stark eingeschränkt und liegt für das Tagesgeschäft außer Reichweite. So sieht nicht eine gute Lösung aus.

E-3: Das betrifft nicht nur die SAP-Community, oder?

Failer: Ja. Bedenkt man ferner, dass diese komplexe Situation in der Regel nicht nur auf die SAP-Welt beschränkt ist, sondern auch andere Systeme wie PLM- oder CAD-Lösungen betrifft, wird deutlich, dass hinter all diesen praktischen Herausforderungen ein grundsätzliches Problem steckt: das der Bindung der operativ nicht mehr benötigten Daten und Dokumente an ihre Ursprungssysteme.

Werden die Ebenen der Systeme und Informationen hingegen konsequent voneinander getrennt, lassen sich die genannten Herausforderungen viel einfacher und schneller als bisher meistern. Das ist ein direkter Ansatzpunkt für die Unternehmen, um nicht nur resilienter, sondern auch flexibler zu werden. Diese Trennung ist der Kerngedanke, der unserem Angebot einer Plattform für Informationsmanagement zugrunde liegt.

E-3: Könnten Sie diesen Ansatz bitte im Detail erläutern?

Failer: Lassen Sie mich mit dem Aspekt beginnen, den wir Harmonisierung nennen. Unsere Plattform für Informationsmanagement ermöglicht ein virtuelles, das heißt systemunabhängiges Stammdatenmanagement, das alle unterschiedlichen Tabellenstrukturen und Attribute aus den Einzelsystemen auf den goldenen Standard der virtuellen Ebene mappt, damit ein gemeinsames Register für Geschäftsobjekte entsteht. Im Englischen trägt das Register den Namen Common Business Object Record. Für die Stammdatenharmonisierung durchsucht unsere Plattform alle infrage kommenden Systeme, extrahiert die Daten und speichert sie zentral ab. Automatisierte Prozeduren prüfen daraufhin Dubletten, Postleitzahlenfehler, Bankdaten etc. und nehmen auf der Basis von Regeln automatisiert Korrekturen vor.

E-3: Die Anwender sehen aber auch die korrigierten Informationen nur in der Originalstruktur, nicht wahr?

Failer: Sie sprechen hier einen wichtigen Punkt an, der nicht nur den Bedienkomfort für die Fachanwender, sondern auch deren Produktivität betrifft. Unsere Plattform fungiert im Rahmen von Projekten zur Optimierung der Datenqualität als zentraler Sammelpunkt und Bereitstellungsraum oder „Data Staging Area“ für Unternehmensinformationen.

Der größte Vorteil einer Data Staging Area besteht darin, eine harmonisierte Stammdatenstruktur auch für Legacy-Daten zu schaffen, die der entspricht, wie sie in den führenden operativen Systemen existiert.

Dieses „Technical Structure Mapping“ genannte Verfahren bedeutet, dass zum Beispiel die Stammdaten zu einem Kunden oder Lieferanten, die ursprünglich in SAP ECC 6.0 oder irgendeinem Drittsystem angelegt wurden, so abgefragt und angezeigt werden, als ob sie in S/4 entsprechend der Struktur des Geschäftsobjekts Partner erzeugt worden wären, das bekanntlich nicht mehr zwischen Kunde und Lieferant unterscheidet.

Stellt sich bei diesem Mapping heraus, dass einzelne Datensätze fehlen, um eine echte 360-Grad-Sicht zu erhalten, lassen sie sich aus Drittsystemen wie zum Beispiel Vertriebs- und Servicelösungen anreichern.

E-3: Aber es muss noch weiter gehen, richtig?

Failer: Diese Sichten auf Geschäftsobjekte lassen sich zudem selektiv gestalten und mit Bewegungsdaten verbinden. Entsprechende Filterregeln können dafür sorgen, dass die Anwender nur diejenigen Kunden angezeigt bekommen, zu denen in den zurückliegenden fünf Jahren Aufträge vorhanden sind.

Da jedoch sämtliche Legacy-Informationen auf die Plattform übernommen wurden, lassen sich die Filterregeln jederzeit ändern und so zum Beispiel auch diejenigen Kunden anzeigen, die vor zehn Jahren zum letzten Mal etwas gekauft haben.

Im Ergebnis können SAP-Bestandskunden also jederzeit eine vollständige Sicht auf Geschäftsobjekte in der aktuellen Datenstruktur des führenden Systems gewinnen. Darüber hinaus bietet unsere Plattform auch für das Value Mapping massive Vorteile.

E-3: Inwiefern?

Failer: Kunden, die auf SAP S/4 Hana transformieren wollen, stellen im Projekt fest, dass sie 40 oder 50 verschiedene Auftragsarten in ihrem Altsystem haben, von denen sie aber in den vergangenen zwei Jahren nur vielleicht maximal zehn operativ genutzt haben. Deshalb wollen sie im neuen System nur diese zehn anlegen und damit arbeiten.

Dadurch verlieren sie aber den Zugriff auf die historischen Auftragsarten und die damit zusammenhängen Daten und Dokumente aus dem neuen System heraus. Also was tun? Viele SAP-Bestandskunden übernehmen im Augenblick dann doch sämtliche historischen Artenfelder und bescheren sich damit ein riesiges und teures Mapping-Projekt, das zudem noch an vielen Stellen unsinnig ist, weil z. B. auf dem Lieferschein zu einem Altauftrag dann doch wieder Werte erscheinen, die im neuen System keine Entsprechung haben.

Mit unserer Plattform können sich die Kunden jedoch die historischen Informationen zu nicht mehr benötigten Auftragsfeldern auch im neuen System anzeigen lassen, ohne dass ein Mapping erforderlich ist.

Unsere Art, historische Informationen mit den operativen Systemen und Daten zu verbinden, ebnet den Weg zu einer selektiven und damit wesentlich schnelleren und kostengünstigeren Transformation auf S/4 Hana. Mit einem neuen, aber kleinen und feinen System können die Unternehmen dann so richtig durchstarten.

E-3: Es geht aber am Ende doch wieder um die Verbindung von historischen mit operativen Informationen?

Failer: Eindeutig ja, obwohl ich in technischer Hinsicht eher von flexibler Kopplung sprechen würde. Aus geschäftlicher Sicht gehören beide natürlich untrennbar zusammen. Aber gerade zu dem Zweck, historische Informationen für geschäftliche Ziele und deren dynamische Veränderung flexibel nutzbar zu machen, sollten sie auf einer separaten Ebene angesiedelt sein und gemanagt werden.

E-3: Liegt in der neuen Softwaregeneration auch eine Chance?

Failer: Ja. Vor diesem Hintergrund ist die anstehende Transformation auf die neue Softwaregeneration aus Walldorf die große Chance für die Datenharmonisierung, die sich am einfachsten, kostengünstigsten und wirkungsvollsten erreichen lässt, wenn sie vor dem Umstieg auf S/4 erfolgt.

Nur wenn die Datenharmonisierung unabhängig von den Einzelsystemen stattfindet, kann sie ihre Rolle als Katalysator der Digitalisierung spielen. Denn mit ihrer Hilfe lässt sich nicht nur die Datenqualität optimieren, sondern auch das Reduktionspotenzial der Daten vor ihrer Übernahme in neue zentrale Umgebungen ermitteln.

Gleichzeitig können SAP-Bestandskunden damit die Filterregeln für die Datenübernahme definieren und in einem neutralen Format für die anschließende Transformation und Migration bereitstellen. So werden Informationen zur Übergabe an operative Systeme im Rahmen von Konsolidierungsprojekten oder an Analytics-Lösungen für Digitalisierungsinitiativen aufbereitet.

E-3: Welche Vorteile ergeben sich daraus für die SAP-Bestandskunden?

Failer: Zum einen können sie Betriebskosten in Höhe von 80 Prozent einsparen, wenn sie die Altsysteme komplett stilllegen. Hinzu kommt die Halbierung des Transformationsaufwands und die Senkung der Gesamtbetriebskosten für die S/4-Hana-Umgebungen von 25 Prozent.

Hinzu kommt aber noch ein weiterer Aspekt: Auch wenn es günstige Cloud-Speicher für Massendaten gibt, gilt das nicht in gleichem Maße für großvolumige Datenbanken von SAP-Bestandssystemen, im Gegenteil. Ob nun eine gängige relationale Datenbank mit 10, 15 oder 20 TB an Datenvolumen in die Cloud verlagert oder eine entsprechende Hana-Datenbank dort aufgebaut und befüllt werden soll, ist das Ergebnis einer solchen Überlegung immer dasselbe: Ernüchterung.

Denn die Kosten sind höher als erhofft und erwartet. Gerade der Kostenvergleich, historische Informationen in In-memory-Systemen vorzuhalten und zu managen oder dies auf unserer Plattform zu tun, ist dabei erhellend: Die Betriebskosten liegen bei unserer Lösung um den Faktor 100 bis 1000 niedriger.

E-3: Aber kein neues Thema, oder?

Failer: CIOs und SAP-Manager entdecken deshalb gerade ein altes Thema neu: die Archivierung, die wir bereits unter dem Aspekt der Harmonisierung diskutiert haben. Denn es verspricht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das heißt, die produktiven Datenbanken von SAP-Bestandssystemen vor deren Verlagerung in die Cloud massiv zu verkleinern und dadurch dauerhaft Kosten einzusparen.

Das Problem ist nur: Traditionelle Archivierungsansätze stammen aus einer anderen Zeit, in der es vor allem um Datensicherung statt um das Management des Lebenszyklus von Daten ging. Deshalb kommt es auf eine modernere und intelligentere Art der Archivierung an, auf das, was wir Historisierung nennen.

E-3: Können Sie denn die Nachteile der klassischen Archivierung im Nachhinein ungeschehen machen?

Failer: Das ist in der Tat möglich. Unsere Plattform erlaubt nach dem automatisierten Kopieren – Stichwort Snapshot – des gesamten Daten- und Dokumentenbestands aus der Online-Datenbank, das Reduktionspotenzial anhand des gewählten Kriteriums automatisch zu ermitteln.

Da unsere Plattform mit SAP integriert ist, nutzt und optimiert unser Rightsizing-Cockpit die ADK-Standardfunktionen und zeigt das Reduktionspotenzial pro ADK-Objekt an. Zudem erlaubt das Cockpit, offene Vorgänge, die nach der herkömmlichen Methode einzeln per Hand geschlossen werden müssten, automatisch zum Abschluss zu bringen.

Wo dies nicht möglich ist, bieten wir dem SAP-Team die Wahl, eine Bereinigung vorzunehmen oder je nach Ursachenbewertung das Problem zu ignorieren. Sämtliche offenen Fälle werden dabei auf einmal und unabhängig vom jeweiligen ADK-Objekt angezeigt.

Ein Mausklick genügt und die gewählte Lösungsvariante wird auf alle nicht automatisch bereinigten Fälle angewandt. Die Zeit- und Kostenersparnis ist im Vergleich zu traditionellen Archivierungsansätzen entsprechend groß. So lässt sich der angestrebte Wert einer Reduktion um 80 Prozent auch in der wirklichen Welt erreichen. Auch das macht die Unternehmen wieder ein gutes Stück flexibler (siehe Fachartikel von Peter Schönenberger ab Seite 62).

E-3: Bleibt noch der Aspekt der Individualität. Was verstehen Sie genau darunter?

Failer: In der digitalen Wirtschaft werden sich die Unternehmen immer stärker durch digitale Dienste unterscheiden, ob diese nun direkt beim Endkunden zum Tragen kommen oder eine wichtige Rolle in der internen Wertschöpfungskette spielen. Der Bedarf wird so groß sein, dass sich nicht alles einkaufen lässt.

Die IT rückt damit definitiv in den Kernbereich der Wertschöpfung vor und entwickelt ihre Rolle in den traditionellen Branchen vom Komparsen zum Hauptdarsteller weiter. Die allermeisten dieser Entwicklungen werden keine großen Anwendungspakete sein, sondern Funktionen und Funktionalitäten, die Cloud-nativ erstellt und als Container und Microservices bereitgestellt werden.

Und damit je nach Kontext flexibel wiederverwendet werden können. So geht die Flexibilität nahtlos in die Individualität über, dem stärksten Unterscheidungsmerkmal in der digitalen Plattform-Ökonomie. Vo­raussetzung dafür ist jedoch, Offenheit sowohl auf der Ebene der Informationen als auch der Applikationen über die Unterstützung von Standards herzustellen und dauerhaft zu erhalten.

E-3: Wie meinen Sie das?

Failer: Auch wenn die IT strategischer wird, war sie noch nie so wenig Selbstzweck wie heute. Sie muss ihren betriebswirtschaftlichen Wert und Nutzen beweisen wie nie. Dazu gehört wesentlich die optimale Nutzung aller verfügbaren Ressourcen. Deren Verschwendung können sich die Unternehmen immer weniger leisten.

Dazu gehören sogar die nur teilweise genutzten physischen Infrastrukturkomponenten wie NVMe-Storage oder Grafikkarten, die sich heute vollständig nutzbar machen lassen müssen, gerade weil sie so viel leistungsfähiger sind als ihre Vorgänger. Die Technik dafür ist im Entstehen begriffen.

Die vormals fest verdrahteten physischen Komponenten von Servereinheiten oder Speicher-Arrays lassen sich voneinander entkoppeln und flexibel miteinander kombinieren, um den Anforderungen des jeweiligen Workloads gerecht zu werden. Gartner hat dafür den Begriff der Composable Infrastructure geschaffen.

E-3: Also ein Blick in die Zukunft.

Failer: Wir spinnen diesen Gedanken aber weiter und finden, dass der Begriff der richtige ist für alle Ebenen ab der Infrastruktur aufwärts und erst beim Composable Enterprise endet.

Das Composable Enterprise kann seine Strukturen und Prozesse auf Basis gekoppelter Anwendungsbausteine, Analysefunktionen und Datenpakete ressourcen- und kostenoptimiert immer wieder neu zusammenstellen und weiterentwickeln und damit widerstandsfähig, aber auch schnell und flexibel auf unvorhergesehene Veränderungen inklusive externer Schocks antworten, ohne seine Existenz gefährdet zu sehen.

Das ist dann Resilienz, Flexibilität und Individualität in einem. Wir liefern mit unserer Plattform die dafür nötige gemanagte Data Fabric, und dies, wenn das Wortspiel erlaubt ist, nicht nur als Datenschicht, sondern auch als eine Art Datenfabrik. Das ist unser bescheidener Beitrag zur Industrialisierung der IT.

E-3: Danke für das Gespräch.

Über den Autor

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Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

Über den Autor

Thomas Failer

Thomas Failer, Chef der Data Migration Inter-national, agiert aus der Schweiz. Sein Ziel ist die globale SAP-Community und deren Anliegen: S/4-Transformation

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