Extra 2109 MAG 21-09

Jeder SAP-Anwender wird das Open-Source-Ökosystem nutzen

Geschrieben von Peter Körner, Red Hat

Die Digitale Transformation betrifft auch ERP-Systeme, in der DACH-Region natürlich vor allem die SAP-Welt. Eine Modernisierung ist zwingend erforderlich. Und dabei geht es keineswegs nur um eine Migration auf die Linux-basierte SAP-HANA-Datenbank. Die Aufgabe lautet vielmehr: Nutzung eines umfassenden Open-Source-Ökosystems. Nur so können SAP-Anwender die Innovationskraft stärken und wettbewerbsfähig bleiben.

SAP-Anwender stehen nicht nur vor der Herausforderung, auf SAP HANA und SAP S/4HANA migrieren zu müssen. Gleichzeitig müssen sie Innovationen vorantreiben und neue Geschäftsmodelle einführen, um in einem wettbewerbsintensiven Umfeld eine schnelle Adaptions- und Reaktionsfähigkeit zu bewahren. Unverzichtbar ist dafür die Etablierung agiler End-to-End-Prozesse.

Doch wie ist der Stand der Dinge? Heutige SAP-Landschaften sind vielfach durch Fragmentierung mit mehreren ERP-Instanzen und statische Prozesse mit begrenzten Automatisierungsmöglichkeiten gekennzeichnet. Laut einer aktuellen IDC-Untersuchung nennen deshalb auch 53 Prozent der befragten SAP-
Anwender die Konsolidierung der SAP–Anwendungslandschaft als einen der Hauptgründe für die Migration auf SAP S/4HANA (1). Die Problematik ist den SAP-Anwendern somit bewusst.

Mit einer solchen Migration ist es allerdings nicht getan. Die Digitale Transformation erfordert auch die Nutzung neuer Anwendungen, Technologien und Architekturen etwa in Bereichen wie künstlicher Intelligenz (KI) und Machine Learning (ML), Industrie 4.0, IoT, Data Analytics, Big Data, RPA oder Container und Microservices. Und davon ist man aktuell noch weit entfernt. Laut der IDC-Untersuchung nutzen nur sechs Prozent der befragten SAP-Unternehmen Features wie ML oder IoT in ihrer ERP-Suite.

SAP-Anwender müssen somit mehrere Herausforderungen bewältigen. Sie müssen die SAP-Philosophie „Keep the Core -clean“ und gleichzeitig Side-by-Side-Erweiterungen sowie die Integration von SAP- und Non-SAP-Lösungen in hybriden End-to-End-Prozessen schnell umsetzen können.

Die einzige Antwort auf diese Herausforderungen kann nur lauten: keine neuen Silos, sondern Nutzung eines Open-Source-Ökosystems, das schnelle, zukunftssichere End-to-End-Integrationen und die Automatisierung aller IT-Prozesse unterstützt. Aus Anwendersicht muss zudem eine maximale Flexibilität beim Betrieb gewährleistet sein: sei es in einer On-Premises- oder hybriden Multi-Cloud Umgebung. 

Wenn Unternehmen auf SAP S/4HANA migrieren, stehen sie zu Beginn vor der Entscheidung, was mit dem Source Code für die Eigenentwicklungen passieren soll. Der Custom Code ist typischerweise eng an den monolithischen Ansatz traditioneller SAP-ECC-Systeme gekoppelt.

Eine Like-to-Like-Migration ist auch deshalb kaum abbildbar und bietet überdies keine Mehrwerte. Bevor ein SAP-Anwender deshalb sofort mit der Übernahme des ABAP-Codes beginnt, sollte er eine langfristige Integrationsstrategie definieren, die keine neuen Abhängigkeiten schafft, etwa im Hinblick auf Limitierungen oder hohe Kosten.

Das gilt sinngemäß auch für viele der SAP-Ecosystem-Partner. Auch sie müssen ihre Lösungen und Erweiterungen modernisieren: Cloud-native Entwicklung, Con-tainerisierung von Add-ons und Fachanwendungen stehen ganz oben auf der Prioritätenliste und binden viele Ressourcen. Die Betriebsplattform hingegen folgt den Open-Source-Standards und kann flexibel und kompatibel implementiert werden –ganz nach den individuellen Kundenanforderungen.

Simplify – End-to-End-Automatisierung der IT-Prozesse

Die konkreten strategischen Aufgaben im Kontext der SAP-Migration und -Modernisierung können unter den Gesichtspunkten „Simplify, Extend and Run“ betrachtet werden. Simplify bedeutet die Realisierung einer einfachen und agilen IT-Umgebung. Wichtige Hilfsmittel sind die Automatisierung mit Ansible und das Smart Management. Mit einer End-to-End-Automatisierung der IT-Prozesse kann – wo immer es geht – eine Brücke zwischen den Silos geschlagen werden.

Mit Ansible ist es möglich, Prozesse über Server, Storage-Geräte, Netzwerk-
Devices, Services, Container und Clouds hinweg zu automatisieren. Die Lösung Red Hat Ansible Automation Platform etwa kann mittels RESTful APIs und eines Self-Service-Portals einfach in vorhandene Tools und Prozesse integriert werden; sie ist damit für den durchgängigen Einsatz im gesamten Unternehmen geeignet.

Bezogen auf die SAP-Landschaft ermöglicht Ansible eine schnelle, effiziente und zuverlässige Bereitstellung und Verwaltung von SAP-Workloads. Dadurch werden der Administrationsaufwand gesenkt, potenzielle menschliche Fehlerquellen eliminiert, sich wiederholende manuelle Tätigkeiten beseitigt und eine konsistentere und stabilere Infrastruktur realisiert. Letztlich trägt das automatisierte Workflow-Management auch zu einer erheblichen Kosteneinsparung bei.

Im SAP-Bereich wird Ansible konkret bei HANA-Deployments und -Konfigurationen exakt nach SAP-Notes-Vorgaben genutzt. Auch bei Hybrid-Cloud-Deployments wird Ansible verwendet, also bei der automatisierten Bereitstellung und Verwaltung von traditionellen und neuen containerisierten SAP-Workloads sowie von Non-SAP-Anwendungen in hybriden Cloud-Umgebungen. Und Ansible kommt auch bei der Etablierung von DevOps-Prozessen im SAP-Bereich zum Einsatz.

Darüber hinaus können auch die regelmäßigen sogenannten Day-2 Operations wie Patch- und Cluster-Management oder Testautomatisierungen mit Ansible zuverlässig abgebildet werden. Im Kontext von RISE with SAP werden zurzeit Hunderte Ansible Playbooks erstellt und Use -Cases abgebildet, viele davon innerhalb von Open-Source-Community-Projekten. 

Seit Neuestem ist es auch möglich, die Automatisierung von Prozessen in SAP-
Anwendungen selbst zu adressieren. Dabei werden aus Ansible heraus Automatisierungen im laufenden SAP-Betrieb vorgenommen, etwa mit der Verwaltung von Rechten, dem Anlegen von Nutzern oder auch dem Ausführen von Prozessen.

Die Automatisierung endet folglich nicht bei der Infrastruktur oder Wartungstätigkeiten, sondern das „Housekeeping“ im laufenden SAP-Betrieb steht verstärkt im Fokus. Ein Beispiel hierfür ist etwa die SAP-GUI-Automatisierung direkt aus Ansible heraus, die End-to-End-Prozesse in Echtzeit unterstützt. So werden Silogrenzen und Medienbrüche überwunden und neue Self-Services bis in den Fachbereich hinein abbildbar. 

Die Möglichkeiten, die die Automatisierung bietet, sind heute noch nicht ansatzweise ausgeschöpft. Allerdings belegen aktuelle Beispiele bereits die Leistungsfähigkeit. Die Schwarz-Gruppe etwa, die unter den Marken Lidl und Kaufland über 12.500 Filialen betreibt, führt schon heute pro Tag bis zu 5000 Jobs auf Red Hat Ansible Automation Platform zur Verwaltung der Store-Server ihrer Filialen aus. Das schafft Betriebssicherheit und Freiräume für Innovationen.

Auch das Smart Management ist im Simplify-Kontext zu nennen. Das As-a-
Service-Angebot von Red Hat unterstützt Anwender bei der proaktiven Erkennung, Analyse und Behebung einer Vielzahl potenzieller Software-Sicherheits- und Konfigurationsprobleme mit über 600 Regeln speziell für SAP-Umgebungen. Als Resultat werden automatisiert die exakt passenden Ansible Playbooks generiert, die dann alle nötigen Anpassungen auf Wunsch vollautomatisch und sicher durchführen.

Extend – Integration von SAP- mit Non-SAP-Systemen

Im Zusammenhang mit Extend geht es darum, zum einen dem SAP-Motto „Keep the Core clean“ zu folgen und zum anderen das SAP-Konzept Side-by-Side-Extensibility umzusetzen. SAP HANA und SAP S/4HANA bieten auf API-Basis viele neue Möglichkeiten der Integration und Erweiterung des digitalen Kerns, sodass auch Innovationen, hybride Cloud-Deployments und End-to-End-Prozesse agil und zeitnah umgesetzt werden können.

Das Side-by-Side-Extensibility-Konzept von SAP zielt auf die Verbindung von SAP-
Daten, -Prozessen und -User-Interface mit modernsten Programmierumgebungen, Continuous Integration und Continuous Delivery sowie DevOps-Methoden ab. Sogenannte Side-by-Side Extensions für S/4HANA-Systeme erlauben im Gegensatz zu klassischen ABAP-basierten Eigenentwicklungen die einfache Umsetzung von End-to-End-Prozessen und integrieren damit die SAP-Landschaft auch mit Non-SAP-Systemen.

Run – Hybrid-Cloud-Plattform als Zielarchitektur

Der Themenkomplex Run schließlich führt zur Frage, welche Plattform genutzt werden sollte, die die Verwaltung von SAP- und Non-SAP-Umgebungen innerhalb des Unternehmens und in der Cloud ermöglicht. Bei der Entscheidung für eine Hybrid-Cloud-Plattform sollte ein SAP-Anwender darauf achten, dass sie eine einheitliche, Cloud-native Anwendungsentwicklung auf einer beliebigen Infrastruktur unterstützt, das heißt einen hybriden Multi-Cloud-Mix einschließlich On-Premises-Implementierungen. Das Anforderungsprofil sollte kurz gesagt lauten: Freiheit bei der Wahl der Plattform für heutige und zukünftige SAP-Workloads und kein Vendor-Lock-in in Bezug auf Cloud-Provider. Immer mehr Unternehmen setzen dabei auf die Enterprise-Kubernetes-Plattform Red Hat OpenShift.

Red Hat OpenShift enthält die erforderlichen Funktionalitäten und Services, um eine Container-Management-Plattform für vielfältige, geschäftskritische Anwendungen auf verschiedensten Infrastrukturen zertifiziert zu betreiben. Dazu gehören etwa Aspekte wie SLAs, mehrere Sicherheits-Layer, die Automatisierung oder das Cluster-Management. 

Anwender können mit Red Hat Open-Shift als Basis zum Beispiel containerisierte Applikationen unter Wahrung der Funktionalität zwischen Clouds verschieben. Sie müssen nicht mehr darauf achten, dass ihre Workloads die proprietären Beschränkungen einzelner Public Clouds unterstützen, sondern können Public-Cloud-Provider nach Kriterien wie der Verfügbarkeit oder der Kosteneffizienz auswählen.

Generell bietet Red Hat OpenShift verschiedene Funktionen zur Anwendungsmodernisierung und -migration. Dazu gehören auch Modernisierungs-Tools für das Verschieben von Legacy-Anwendungen mitsamt ihren virtuellen Maschinen (VMs) in Red Hat OpenShift. Andere, proprietäre Virtualisierungslösungen werden nicht mehr benötigt. Durch die damit mögliche konsistente Verwaltung unterschiedlicher – traditioneller und Cloud-nativer – Applikationen können Unternehmen die betriebliche Effizienz immens steigern, ohne die Innovation zu behindern.

Und als offene Hybrid-Cloud-Plattform unterstützt Red Hat OpenShift auch umfassende Edge-Implementierungen, also auch das Factory-Edge-Konzept, mit dem die produzierende Industrie die Fertigungs- und Logistikprozesse entscheidend optimieren kann. Factory Edge mit der Bereitstellung von Rechenressourcen entfernt von zentralen Rechenzentren direkt an einem Device wie einem Roboter in der Fabrikhalle ist derzeit ein Trendthema in der verarbeitenden Industrie. Zen-trale Treiber dafür sind vor allem Indus-trie-4.0-Projekte, etwa im Zusammenhang mit Themen wie IoT, künstlicher Intelligenz, Robotik, Augmented und Virtual Reality, Digitalen Zwillingen oder 5G.

Doch was bedeutet das für SAP-Anwender? Ganz einfach: In einer offenen Hybrid-Cloud- oder Multi-Cloud-IT-Infrastruktur, die auf Containern, Kubernetes, KI und ML sowie Automatisierung basiert, können auch SAP-Anwendungen eine wesentliche Komponente agiler End-to-End-Prozesse sein – und damit einer innovativen Factory-Edge-Implementierung mit Echtzeitintegration in SAP-Transaktionen und -Daten.

Offene Hybrid-Cloud-Umgebungen werden inzwischen als Zielarchitektur für SAP- und Non-SAP-Workloads in immer größerem Maße genutzt, wie viele Beispiele belegen. So hat etwa Atos in Red Hat OpenShift mehr als 2500 SAP BAPIs (Business Application Programming Interfaces) als RESTful-Endpunkte vordefiniert und bereitgestellt. Damit können Entwickler auch ohne ABAP-Kenntnisse SAP-Customizations als Microservices einfach erstellen, bereitstellen und integrieren.

Insgesamt sollte jedes Migrations- und Modernisierungsprojekt im SAP-Bereich im Kontext einer Neukonzeption und Konsolidierung der gesamten IT-Landschaft gesehen werden. IT-Silos behindern Unternehmen nach wie vor bei der flexiblen und zukunftsgerichteten Gestaltung der IT-Infrastruktur. Folglich muss eine einheitliche technische Basis gewählt werden, die eine nahtlose, Hyperscaler-unabhängige Verbindung vorhandener und neuer Applikationen und Services unterstützt. Und das Mittel der Wahl sind dabei bereits bei vielen SAP-Anwendern die Enterprise-Kubernetes-Plattform Red Hat OpenShift und das damit verbundene Open-Source-Infrastruktur- und Software-Ökosystem. Das kann Einsparungen schon gleich zu Beginn der SAP-Modernisierung bringen, oft sogar noch vor der Migration zu HANA und S/4HANA.

Stimmen aus der Branche

Prof. Dr. Alexander Zeier, Global Cloud Fellow & Global CTO SAP Accenture:

„Open-Source-basierte Multi-Cloud-Lösungen von Red Hat sind Schlüsseltechnologien für das zukünftige Enablement im Rahmen der Digital-Cloud-Coupling-Strategie von Accenture.“

Mark Potts, Global Managing Director – Accenture & IBM Red Hat Business Group:

„Für uns ist Red Hat ein sehr wichtiger Partner, der auch schon lange im Bereich des Distributed Computing tätig ist. Wir sehen Red Hat auch als Partner für Unternehmen, die eine ‚Lift and Shift‘-Strategie verfolgen und mit Red Hat Enterprise Linux in die Cloud migrieren, etwa im Bereich von SAP oder anderen Workloads dieser Art.“

Jochen Glaser, Global Head of SAP Business, Red Hat:

„SAP ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein wichtiger strategischer Geschäftspartner von Red Hat. Seit dem 20-jährigen Jubiläum dieser Partnerschaft im Jahr 2019 setzen wir auf eine offene Basis, um die führenden Anwendungen der SAP und ihrer Kunden mit Technologien zu unterstützen. So können sie ihr Geschäft schneller, sicherer, stabiler und effizienter als jemals zuvor ausführen, vereinfachen und erweitern. SAP und Red Hat heißt ‚Intelligente Partnerschaft für das intelligente Unternehmen‘.“

Tanja Scheller, Direktorin IBM
Innovation Center for SAP Solutions:

„Die lange Partnerschaft zwischen Red Hat und IBM hat SAP-Technologielösungen hervorgebracht, welche die Modernisierung von SAP-Landschaften mit einer skalierbaren, flexiblen und intelligenten Basis für die Digitale Transformation und zukünftige Innovationen unterstützen. Unsere offenen, hybriden SAP-Lösungen und die enge Kooperation unserer Experten sind im IBM Innovation Center for SAP Solutions in Walldorf live erlebbar.“

Über den Autor

Peter Körner, Red Hat

Peter Körner ist Business Development Manager Open Hybrid Cloud SAP Solutions bei Red Hat.

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