MAG 1304 Wirtschaft

Im Notfall droht der Wechsel

2013
Geschrieben von E-3 Magazin

Single European Payment Area – kurz SEPA – klingt auf den ersten Blick harmlos, hat es aber in sich. Der 1. Februar 2014 ist der europaweit gültige Endtermin für die Einführung eines europaweit einheitlichen Zahlungsraums für Transaktionen in Euro.

Das Ziel der Umstellung: Im SEPA-Raum sollen für Kunden keine Unterschiede mehr zwischen nationalen und grenzüberschreitenden Zahlungen erkennbar sein. So weit die Theorie – doch in der Praxis wird es kompliziert.

Denn SEPA betrifft rund 500 Millionen Menschen in 32 Ländern und erfordert sowohl von Banken als auch von Unternehmen einen sauberen Planungs-, Migrations- und Kommunikationsprozess.

Der Bankberater und Zahlungsverkehrsexperte Bernd Richter, Partner bei der Beratung Capco, skizziert im Interview mit dem E-3 Magazin die Herausforderungen, aber auch die Möglichkeiten, denen Banken und Unternehmen gegenüberstehen.

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E-3: Beginnen wir mit einer Situationsanalyse. Wie weit sind Banken und Unternehmen in Deutschland und den anderen Ländern?

Bernd Richter: Beide Parteien haben noch etliche Hausaufgaben zu machen. In unseren Transformationsmandaten bei Banken zu SEPA werden zwei Aspekte überdeutlich. Zum einen bearbeiten Banken aktuell so viele Baustellen im Regulierungsbereich, dass viele offensichtlich das Thema SEPA vergleichsweise niedrig priorisiert haben.

Und dies ist für die Banken eine große Gefahr. Denn wenn sie jetzt nicht gewaltig Gas geben, werden sie im nächsten Jahr zahlreiche Kunden verlieren. Zum anderen zeigt sich, dass die allermeisten Banken lediglich auf die gesetzlichen Vorgaben reagieren und versuchen, die festgeschriebenen Inhalte der sogenannten Rule-Books umzusetzen, anstatt selbst zu agieren.

Denn der Status quo, den Banken zum 1. Februar 2014 erfüllen müssen, entfaltet nicht im Ansatz das Potenzial, das SEPA haben wird – für Banken wie für Unternehmen.

E-3: Was kommt denn auf die Unternehmen zu?

Richter: SEPA teilt sich, vereinfacht ausgedrückt, in zwei Bereiche. Einerseits
in die SEPA-Überweisung, kurz SEPA CT genannt. Zum anderen in die jetzt anstehende SEPA-Lastschrift, kurz SEPA DD.

Für beide Bereiche gelten ab dem 1. Februar kommenden Jahres im Euro-Raum die gleichen Regeln – zumindest auf dem Papier. In diesem Zahlungsraum sollen für Kunden keine Unterschiede mehr zwischen nationalen und grenzüberschreitenden Zahlungen erkennbar sein.

Um als Unternehmen fit für SEPA zu sein, muss neben einer Umstellung und Optimierung der Anbindung und Datenverarbeitung auch geprüft werden, ob und wie die Lastschrifteinwilligungen transformiert werden.

Denn die Unternehmen müssen in Zukunft die SEPA-Lastschriftmandate, also eine Legitimation für die Durchführung einer SEPA-Lastschrift, dokumentieren und administrieren. Das ist je nach Geschäftsmodell und Kundenanzahl ein hoher Implementierungsaufwand.

E-3: Wie schätzen Sie allgemein die Situation bei den Unternehmen ein?

Richter: Capco fokussiert sich bei der Beratung speziell auf Banken und Finanzdienstleister, daher erfolgt mein Urteil über die SEPA-Readiness der Unternehmen aus einem rein persönlichen Blickwinkel.

Ich fürchte: Die Unternehmen haben noch einen steinigen Weg vor sich. Gleichwohl sie in den Bemühungen auch vergleichsweise wenig durch ihre Hausbanken unterstützt werden. Denn deren Umsetzungsgeschwindigkeit und Kommunikation ist oftmals verbesserungswürdig.

E-3: Hand aufs Herz: Wie weit sind denn die Banken?

Richter: Wir erleben einige Banken, die erstaunlich weit sind und innovativ handeln. Daneben werden wir aber auch bei vielen Finanzinstituten mandatiert, bei denen es lichterloh brennt, weil noch fast gar nichts passiert ist.

Ich bezweifle angesichts der Daten der Europäischen Zentralbank, ob das Gros der Banken noch rechtzeitig fertig werden und zum Stichtag alle Kunden bedienen kann. Das belegen übrigens Zahlen.

In Deutschland haben laut EZB zum Ende des dritten Quartals 2012 erst sechs Prozent der Banken die SEPA-CT-Anforderungen erfüllt, SEPA DD sogar nicht einmal zu einem Prozent.

Deutlich besser sieht es in Belgien aus, dort sind über 60 Prozent der Banken SEPA CT compliant, bei SEPA DD knapp 15 Prozent. Dies ist meines Erachtens mit dem Druck der jeweiligen Regierung zu begründen, wie stark SEPA gepusht wird oder eben nicht.

E-3: Was heißt das unterm Strich?

Richter: Unterm Strich heißt das: Viele, aber längst nicht alle Banken in Europa werden zum Stichtag compliant sein – aber nur auf dem Papier. Und die allermeisten Banken werden selbst diese Mindestanforderung, wenn überhaupt, nur für einen Bruchteil der Unternehmen nachhalten können.

In der Folge werden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit starke Verschiebungen der Kundenbeziehungen erleben. Eine Wechselwelle von Unternehmen zu Banken, die sehr weit sind und zudem das Potenzial von SEPA nachvollziehbar erklären und verkaufen können, ist in meinen Augen fast unausweichlich.

E-3: Ein Wechsel der Hausbank ist allerdings ein nicht alltäglicher Prozess. Sollten sich CFOs wegen SEPA tatsächlich mit diesem Thema beschäftigen?

Richter: Aus Kundensicht ist es immer sinnvoll, Angebote zu vergleichen. Und die CFOs müssen mit den COOs investieren, um SEPA darstellen zu können. Entsprechend macht es Sinn, dann auch die eigentlichen Potenziale von SEPA zu heben. Und dies geht nur mit einer Hausbank, die entsprechende Angebote vorhält.

E-3: Dadurch könnten Unternehmen ja auch erstarken?

Richter: Ja. SEPA spielt dadurch den Unternehmen in die Tasche und stärkt ihre Position. Sie brauchen nach der Einführung nur mehr ein Konto im gesamten Euro-Raum, können in der Folge das Rechnungswesen zentralisieren, es gibt massive Working-Capital-Chancen und vieles mehr.

Spannend wird SEPA für Unternehmen jedoch vor allem dann, wenn Zusatzservices, sogenannte „value added services“, genutzt und mit den eigenen SAP- oder ERP-Systemen zusammengeführt werden.

E-3: Können Sie hier ein Beispiel nennen?

Richter: Es wäre beispielsweise für viele Unternehmen extrem hilfreich, wenn bei dem Verwendungszweck neben Text und Rechnungskoordinaten auch Bild oder gar Video hinzugefügt werden könnte.

Ist die Ware angekommen? Gibt es Beanstandungen? Diese Information wird in Echtzeit in die ERP- und CRM-Systeme gespielt, ausgewertet und löst entsprechende Prozesse aus.

E-3: Ist so ein Szenario tatsächlich vorstellbar – von einer Bank?

Richter: Absolut. Ich sehe und erlebe in meinen Beratungsmandaten bereits erste derartige Konzepte. Jedoch eben nur bei wenigen Banken. Der Innovationsdruck kommt in Sachen „value added services“, wie überhaupt im gesamten Payment-Markt, jedoch selten von Banken.

In der Regel treiben ehemals reine Technologieanbieter die Entwicklungen voran – und damit Banken vor sich her. Paypal, Everbill oder Traxpay verstehen es schon jetzt sehr gut, Information mit Zahlung und dem Faktor Geschwindigkeit zu kombinieren.

Sie bieten parallel zum bestehenden bankengestützten Zahlungsverkehr oft eine kostengünstige alternative Zahlungsinfrastruktur an, die Zahlungen nicht wie bisher innerhalb von ein bis zwei Tagen abwickelt, sondern in Echtzeit.

Sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Das führt zu einem neuen Machtverhältnis. Bis vor wenigen Jahren war Zahlungsverkehr ein Monopolthema der Banken in Europa. Nun jedoch drängen neue Spieler auf das Spielfeld.

In der Folge sollten CFOs schon jetzt das Gespräch mit der Hausbank suchen und sich zeigen lassen, was zum 1. Februar machbar sein wird. Und ob das auch für das eigene Unternehmen gültig sein wird. Und sich ansonsten andere Angebote einholen.

E-3: Was müssen die Banken tun, um nicht Gefahr zu laufen, die gewachsenen Kundenbeziehungen zu verlieren?

Richter: Für mich ist es überraschend, dass Banken nicht beginnen, Allianzen für SEPA und darüber hinaus zu schmieden. Es wäre vorstellbar und naheliegend, die Entwicklung eines modernen SEPA-Anwendungsmodells in Kooperation mit anderen Banken zu planen und die Entwicklungs- und Umstellungskosten zu teilen – und somit Innovation gegenüber den Technologieanbietern zu verteidigen.

Jedoch zeigt die Praxis, dass die Banken weiterhin nur eigene Wege gehen. Deshalb ist es umso notwendiger, rasch zu handeln, strategisch und visionär zu agieren und vor allem die Kommunikation zum Kunden zu optimieren. Denn wer darauf wartet oder hofft, dass der Kunde möglichst spät oder gar keine Fragen zu SEPA stellt, wird 2014 ein böses Erwachen erleben.

E-3: Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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