Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 21-02

Hier stimmt etwas nicht

Editorial

Das erste Editorial im neuen Jahr soll aufklären, also etwas Erhellendes sein. Wer jetzt gleich an das Höhlengleichnis von Platon denkt, liegt nicht ganz falsch. Unser Held bleibt aber Christian Klein.

Das Höhlengleichnis von Platon beschreibt die Befreiung von den Fesseln eines zweidimensionalen Lebens und das Streben nach Höherem, nach dem Licht, nach dem Erhellenden einer sehnsüchtig gewünschten Aufklärung. Platon erkennt aber auch, dass das Licht der Aufklärung blendet und die an die Dunkelheit der Höhle angepassten Augen schmerzt. Und es kommt zum dramatischen Höhepunkt der Erzählung: Werden sich die von den Fesseln befreiten Protagonisten wieder in das Dunkel der Höhle zurückziehen oder sich an das grelle Licht der Aufklärung gewöhnen und erhellend neue Kenntnisse erlangen?

Wem diese Einleitung unpassend erscheint, möge bitte die dunkle Höhle mit dem eigenen Rechenzentrum und die blendende Erhellung mit Cloud Computing gleichsetzen. Bei Platon hat die Erzählung ein eindeutiges Ergebnis, in der SAP-Community hingegen ist die Antwort noch offen. Zu viele Vorteile hat das eigene Rechenzentrum gegenüber dem Cloud Computing, wenn man ein langjähriger SAP-Bestandskunde ist. Die Begeisterung des jungen SAP-Chefs Christian Klein ist somit auch ein Generationskonflikt.

Tangro

Die Vorteile des Cloud Computing resultieren aus der Wirtschaftskrise und anderen Systemstörungen sowie aus der Start-up-Ökonomie. Wer kein Kapital hat, mietet und least. Wer eine Idee schnell umsetzen will, mietet und least. Es gibt also zahlreiche Umstände und Situationen, in denen Cloud Computing die einzig sinnvolle Antwort ist. Wer morgen den Gebrauchtwagenmarkt revolutionieren will, kann sich heute nicht mit dem Bau eines Rechenzentrums blockieren.

Wer langfristig planen kann, über das notwenige Grundkapital und Wissen verfügt, fährt mit einem On-prem-Modell sehr oft besser. Diese Erkenntnis gilt nicht nur für SAP-Software, sondern ganz allgemein in der IT-Szene. Aber wie soll der SAP-Bestandskunde langfristig planen: Noch immer gibt es keine Antworten von SAP-Vorstand Jürgen Müller, was mit den IBM-DB2-, Oracle- und MS-SQL-Lizenzen beim zwangsweisen Umstieg auf Hana passieren soll. Selbst der beste AnyDB-Server wird mit dem Memory-hungrigen Hana nicht zurechtkommen. Wenn der Server abgeschrieben ist, soll es gut sein – eine Ressourcenverschwendung bleibt es dennoch. Mitarbeiterwissen und Infrastrukturinvestitionen der vergangenen Jahre werden durch den befohlenen Einsatz von Hana vernichtet – hier stimmt etwas nicht!

Das Papier, auf dem meine Worte gedruckt sind, mag geduldig sein. Die Realität hingegen gibt mir recht: Während Christian Klein seine SAP als Cloud Company sehen will und Qualtrics in den Himmel lobt, um das Kursfeuerwerk zum geplanten IPO zu befeuern oder zumindest zu erhellen, hat der Verein DSAG eine Investitionsumfrage präsentiert, die das genaue Gegenteil offenlegt: Cloud Computing ist kein strategisches Ziel der SAP-Bestandskunden. In Österreich bekennt sich laut DSAG niemand zu diesem Betriebsmodell. Gerade einmal zwei Prozent der befragten DSAG-Mitglieder werden in die Qualtrics-Cloud investieren – wenn das die Investoren an der Börse in New York City erfahren, was dann? Hier stimmt etwas nicht.

Die herausfordernde Situation strapaziert die Nerven. Nur jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Proof of Concept, Datenkonsolidierung und S/4-Projektpläne behalten ihre Gültigkeit. Pausen und Homeoffice heißen nicht Stillstand. Wer jetzt S/4-Projekte stoppt, die Digitalisierung bremst und Cloud für eine vorrübergehende Modeerscheinung hält, vernichtet Werte. Seit vielen Jahren arbeiten die SAP-Bestandskunden an der Verbesserung und Optimierung ihres ERP-Systems sowie an den Herausforderungen der digitalen Transformation. Die Arbeit an On-prem- und Cloud-Modellen sollte weitergehen und der DSAG-Investitionsreport zeigt, dass viele SAP-Bestandskunden ähnliche oder sogar höhere IT- und SAP-Budgets für 2021 haben. Lesen Sie dazu unsere neue Kolumne von Johann Szalachy auf Seite 12.

Vorsicht ist dennoch für das neue Jahr geboten, denn noch passt nicht alles zusammen, einiges kann nicht stimmen: Die fortlaufend hohen Planungszahlen der DSAG-Mitglieder, die seit Jahren S/4 customizen wollen, müssten rechnerisch in einen wesentlich höheren Marktanteil münden.

Aber noch immer ist die Zahl der produktiven S/4-Anwender sehr überschaubar. Solange auch in der Cloud nicht das ganze S/4-Potenzial zur Verfügung steht, wird auch dieses Betriebsmodell lediglich hohe Zuwachsraten haben, aber in absoluten Werten keine Bedeutung erlangen. Mit der vollen Konzentration auf das Cloud Computing sollte demnach Christian Klein nach dem Studium der DSAG-Zahlen vorsichtig sein.

Vielleicht ist auch das eigene Rechenzentrum nicht optimal, aber die eigene Verfügungsgewalt ist einem sicher: Als der Heise-Verlag in Hannover angegriffen wurde, reagierten die Anwender blitzschnell. Es wurden alle Systeme abgeschaltet, vom Netz getrennt und separiert wieder hochgefahren – probieren Sie das einmal mit einer Cloud. Wer RZ-Erfahrung hat, eine fähige Mannschaft und einen CFO, der die Finanzierung beherrscht, sollte sich dreimal überlegen, seine On-prem-Lizenzen für das Cloud Computing bei SAP, Microsoft und Co einzutauschen. Kurzfristige Kostenvorteile sollten hier nicht den Blick auf ein langes SAP-Leben verstellen.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
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