Gewusst wie

Im März 2015 führte Rimini Street eine weltweite Umfrage unter 233 Inhabern von Lizenzen für Anwendungen der SAP Business Suite (S/7) durch. Die Teilnehmer von Unternehmen unterschiedlicher Größe kamen aus verschiedenen Branchen und Regionen.
Peter M. Färbinger, E-3 Magazin
2. Juli 2015
Inhalt:
2015
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Mit dieser Umfrage will Rimini Street die Implikationen von Entscheidungen hinsichtlich S/4 Hana besser verstehen und wissen, wie sie sich auf die Anwendungsstrategien der Lizenzinhaber für 2015 und darüber hinaus auswirken.

Die Rimini-Street-Umfrage wurde im Zeitraum März bis April 2015 durchgeführt. Die Studienergebnisse liefern eine aktuelle Einschätzung der SAP-Bestandskunden auf die neuen S/4-Anwendungen.

An der weltweiten Befragung haben mehr als 230 S/7-Anwender aus verschiedenen Industrien und unterschiedlichen Unternehmensgrößen teilgenommen.

Vertrauen in ECC 6.0

Die meisten Inhaber von SAP-Lizenzen verwenden bewährte R/3- und ECC-6.0-Anwendungen für ihren Geschäftsbetrieb. Die Umfrageergebnisse machen klar, dass SAP-Lizenzinhaber lieber ihre vorhandene stabile und ausgereifte SAP-Anwendungsplattform behalten möchten, als zu S/4 zu wechseln.

„Keine überzeugende Darstellung des wirtschaftlichen Nutzens“ (68 Prozent) war der Grund, den die Befragten am häufigsten dafür angaben, dass sie sich noch nicht auf den Einsatz von S/4 Hana festgelegt haben.

Als Hauptgrund dafür, dass die bisherige ausgereifte und erprobte Plattform noch nicht ersetzt werde, wurde „die derzeitige Version erfüllt die Anforderungen des Unternehmens“ angegeben (43 Prozent).

Andere wichtige Gründe waren „ein Upgrade kommt wegen der hohen Kosten nicht infrage” (37 Prozent) und „wir wollen später zu einer anderen Anwendung wechseln“ (23 Prozent).

Frühere Studien besagen: Nur fünf Prozent der Umfrageteilnehmer betrachten eine Verlagerung ihres ERP-Systems in die Cloud innerhalb der nächsten fünf Jahre als realistische Option.

In der Wirtschaft bleibt das Tempo unerbittlich hoch: Der ständige Druck zur Optimierung der Geschäftsergebnisse zwingt die Lizenzinhaber dazu, ihre stabilen und ausgereiften ERP-Plattformen mit neuen Funktionen zu ergänzen – egal ob von SAP oder nicht.

Mobile Anwendungen, HCM, Auftrags- und Ausgabenverwaltung sowie Business Intelligence und Analyseanwendungen gehören zu den Innovations- und Wachstumsfaktoren.

Die Lizenzinhaber versuchen, auf diese Funktionen zuzugreifen, indem sie im Rahmen eines Hybrid-IT-Ansatzes ihren bestehenden ERP-Plattformen entsprechende hochwertige Lösungen hinzufügen.

Auf diese Weise stehen ihnen spezielle Funktionalitäten zur Verfügung, die nicht unbedingt an die Produkt-Roadmap des Anbieters gebunden sind und nicht unter den inflexiblen Ansatz des Anwendungspaketmodells (EhP) nach dem Motto „alles oder nichts“ fallen.

Die Untersuchungsergebnisse der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG e. V.) aus dem vergangenen Jahr prognostizieren den folgenden Ansatz: DSAG-Mitglieder kümmern sich um die aktuellen Topthemen wie Mobility, In-memory und Cloud, nutzen aber nicht nur SAP-Produkte für die Umsetzung.

Kunden analysieren ihre Ausgangssituation sehr genau und suchen sich dann die Produkte, die zu ihrer Landschaft im Unternehmen passen.

Inhaber von SAP-Lizenzen setzen sich mit diesen Faktoren auseinander und wägen sie genau gegen das ab, was ihnen die Business-Suite-Plattformen bieten, mit denen sie heute ihren Geschäftsbetrieb abwickeln.

Diese SAP-Lizenzinhaber wollen verständlicherweise aus jedem Euro, den sie für ihre IT aufwenden, den größtmöglichen Nutzen ziehen. Dazu Ray Wang von Constellation Research:

„Ich würde gerne wissen, auf welche Branchen SAP sich in Zukunft konzentriert und wie viel ich zu bezahlen habe. Wenn SAP-Kunden vor einem Upgrade stehen, gehört für sie einiges dazu, herauszufinden, was sie überhaupt bezahlen müssen, denn sie erhalten keine Rechnung mit einer Aufstellung der einzelnen Positionen. Das hält sie von Upgrades zurück.“

Aktuell betrachten die meisten SAP-Kunden die neusten Produktentwicklungen aus der Ferne. Keine überzeugende Darstellung des wirtschaftlichen Nutzens, der junge Produktstatus und die hohen Kosten für die Migration und Neuimplementierungen lassen die Bestandskunden auf ihren vorhandenen R/3- und ERP-Releases verweilen.

Viele ERP-Lizenzinhaber zögern, sich im Rahmen ihrer Geschäftsanforderungen oder der SAP-Roadmap auf ein neues Produkt festzulegen, das sich noch in seiner Frühphase befindet – insbesondere, da die bewährten Releases und Plattformen, mit denen sie bisher noch arbeiten, gut funktionieren und von zahlreichen Anbietern innovative Ergänzungslösungen erhältlich sind.

Die Lizenzinhaber ziehen es vor, weiter ihre bisherigen stabilen und ausgereiften SAP-Anwendungsplattformen zu nutzen, anstatt ihre geschäftskritischen Systeme auszutauschen, ohne dafür eine überzeugende Darstellung des wirtschaftlichen Nutzens und des ROI zu haben.

Die Bestandskunden bemühen sich um die Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit durch die Realisierung hybrider IT-Strategien, in deren Rahmen sie anhand von Drittanwenderlösungen schrittweise neue Funktionalitäten realisieren.

Drei Viertel der Befragten setzen nicht das aktuelle Enhancement-Package-Re­lease ein: 75 Prozent aller Befragten, die die ECC-6.0-Plattform einsetzen, gaben an, weiterhin das Enhancement Pa­ckage 6 oder frühere und nicht das EhP 7 zu verwenden. Die drei am häufigsten angegebenen Gründe waren:

„Die derzeitige Version erfüllt die Anforderungen des Unternehmens“ (72 Prozent), „Ein Upgrade kommt wegen der hohen Kosten nicht infrage“ (35 Prozent) und „Nicht genügend neue und wertsteigernde Funktionalitäten“ (30 Prozent).

SAP stellte ihre EhP-Strategie für ERP 2005 als ein Mittel vor, um den „Konflikt zwischen Stabilität und Innovation“ zu vermindern, indem Upgrade-Projekte für ganze Versionen durch „selektive und nicht disruptive“ Pakete ersetzt wurden, die im Rahmen der routinemäßigen Wartung implementiert werden konnten.

Die Lizenzinhaber haben die Möglichkeit, das Enhancement Package zu installieren und zu implementieren und dabei entsprechend ihrem Bedarf selektiv neue Geschäftsfunktionen zu aktivieren.

Die historischen Aktivierungsraten für Enhancement Packages sind gering. Entsprechend den Zahlen aus dem Fact Sheet zum EhP 6 von Panaya liegt die Aktivierungsrate für neue Geschäftsfunktionen im Bereich zwischen einstelligen Prozentwerten und unteren Zehnerprozentzahlen.

2014 führte Panaya eine Nachfolgestudie durch, der zufolge die Lizenzinhaber, die sich für die Installation des EhP 7 entschieden, zu 76 Prozent keine neuen Geschäftsfunktionen aktivierten.

Damit bestätigt sich, dass die Mehrzahl der Lizenzinhaber die Enhancement Packages aus Wartungszwecken installieren und nicht, um neue Funktionalitäten nutzen zu können.

SAP-Analyst Vinnie Mirchandani gibt eine Erklärung auf der Makroebene, warum die SAP-Produkte weniger innovativ geworden sind: „Das größere Problem ist, dass die Business Suite selbst bereits seit Jahren bei der Erweiterung der Funktionalitäten hinterherhinkt. SAP ist bei Innovationen hinsichtlich Fabrik- und Supply-Chain-Anwendungen ins Hintertreffen geraten.“

Alles Cloud – oder was?

SAP hat sich zum Ziel gesetzt, ein Cloud-Unternehmen zu werden, und das Innovationstempo für ihre ECC-6.0-Suite­-Anwendungen gedrosselt. Den Kunden ist es nicht entgangen!

Mitglieder der DSAG haben SAP aufgerufen, bei allem Vorantreiben von Innovationen nicht die derzeitigen Lizenzinhaber zu vernachlässigen. Deshalb sollten auch Anwendungen der Business Suite 7 unterstützt werden und nicht nur Cloud-Produkte:

„Die DSAG erwartet, dass SAP hinsichtlich ihrer Produktentwicklungsanstrengungen den Kunden in den Vordergrund stellt“

sagte Dr. Marco Lenck, DSAG-Vorstandsvorsitzender.

„Wir rufen SAP dazu auf, ihre Produkte konsequent auf die Bedürfnisse der Kunden auszurichten und konkrete greifbare Anwendungsszenarien aufzuzeigen. SAP […] darf nicht die Innovation um der Innovation willen pushen“

meinte Andreas Giraud, ehemaliges DSAG-Vorstandsmitglied. Der Trend der geringen Inanspruchnahme von Enhancement Packages wird sich wohl eher noch verstärken, denn SAP-Lizenzinhaber können davon ausgehen, dass SAP die meisten neuen, mächtigen Funktionen und Leistungsmerkmale für S/4 reserviert.

SAP-Lizenzinhaber haben Probleme mit den hohen Kosten des SAP-Supports und dem dafür erhaltenen niedrigen Gegenwert: Softwaresupport und Wartung spielen eine wichtige Rolle bei der Fähigkeit der Lizenzinhaber, ihr Geschäft innovativ zu betreiben und es weiterzuentwickeln.

Schätzungen von Analysten zufolge gibt es bei den IT-Budgets ein Ungleichgewicht im Verhältnis von 87:13 zugunsten der Softwarewartung gegenüber der Finanzierung von Initiativen zur Verbesserung von Geschäftsprozessen.

Die Umfrageteilnehmer gaben zwar an, dass sie den Zugang zu Patches, Upgrades, Dokumentation sowie Wissen und Know-how von SAP wünschen, sich aber auch über das schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis im Klaren sind.

Die drei größten Probleme, die Lizenzinhaber ihren eigenen Aussagen zufolge mit Support und Wartung durch SAP haben, lauten: Erstens, zu teuer für die mögliche Anzahl an Supportanfragen (46 Prozent); zweitens, zu teuer für die bereitgestellten neuen Funktionalitäten (37 Prozent); und drittens, kein Support für spezielle Softwareanpassungen (35 Prozent).

Ein Kommentar eines Lizenzinhabers (IT-Leiter aus der Energiebranche):

„Den Support von SAP zu nutzen ist harte Arbeit für den Kunden, denn SAP scheint ihre Experten hinter einer Reihe von Prozessen und Abläufen zu verstecken, bevor man wirklich echte Unterstützung bekommt.“

Die häufigsten Antworten auf die Frage, warum Lizenzinhaber den Support und die Wartung durch SAP anderen Alternativen vorziehen, waren:

„Ich denke, ich habe dann keine Möglichkeit zu einem Upgrade mehr“ (33 Prozent); „Ich denke, falls ich später doch zu SAP zurückkehre, muss ich rückwirkende Gebühren bezahlen“ (19 Prozent); „Meiner Meinung nach erbringt keiner besseren Support für meine Anwendungen als SAP“ (18 Prozent).

Interessanterweise glauben Untersuchungen der Americas SAP User Group (ASUG) zufolge 60 Prozent der SAP-Lizenzinhaber, die aktuelle, bewährte SAP-Anwendungen einsetzen, dass SAP noch mindestens fünf Jahre oder länger Support für ihre derzeitigen Investitionen erbringt, während 30 Prozent erwarten, dass SAP verstärkten Druck auf sie ausüben wird, in den nächsten zwei bis drei Jahren zu Hana zu wechseln.

Und knapp 10 Prozent waren der Meinung, sie würden im Stich gelassen, wenn sie nicht wechseln. Der Trend beim Verhältnis von Softwarewartung zu Verbesserung von Geschäftsprozessen wird sich eher noch verstärken.

SAP hat die Preise für ihre Wartungsverträge kontinuierlich erhöht, und aktuellen Hochrechnungen zufolge werden Lizenzinhaber bis Ende 2016 im Schnitt 22 Prozent Pflegegebühr bezahlen müssen.

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Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur E-3 Magazin D-A-CH, B4Bmedia.net AG, Freilassing (DE), eMail: pmf@b4bmedia.net und Tel. +49(0)8654/77130-21


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