MAG 21-06 Szene

Gekauft haben wir schon

Geschrieben von E-3 Magazin

Die IG SAP Schweiz ist heute die einzige unabhängige Vereinigung in der SAP-Community mit Fokus auf rechtliche und kommerzielle Themen. Geleitet wird diese engagierte Truppe mit über 100 Mitgliedsunternehmen von Peter Hartmann.

Anfang Mai präsentierte Peter Hartmann die Ergebnisse einer Umfrage aus der Schweizer SAP-Community. Die Erkenntnisse von der Vereinigung IG SAP CH haben Gewicht, versammelt sich hier doch eine SAP-Lizenzsumme von über 600 Mio. Schweizer Franken, daraus ergeben sich Wartungskosten von etwa 120 Mio. Franken pro Jahr.

Diese Interessengruppe ist somit eine sehr gewichtige Stimme in der deutschsprachigen SAP-Community. Die IG SAP wurde im Jahr 2008 durch die Mitglieder des Ostschweizer CIO Circle gegründet und besteht aktuell aus C-Level-Management, SAP-CC-Leitern, SAP-Spezialisten, Rechts- und Lizenzexperten. Die Umfrage wurde durch die IG SAP im März bis April 2021 bei ihren Mitgliedern durchgeführt.

Loyal, aber nicht zufrieden

Die Ergebnisse der Schweizer Umfrage zeigen ein deutliches Bekenntnis zu SAP als ERP-Softwarelieferant, aber weniger eine Begeisterung für Cloud und nur differenziert für die neuen SAP-Themen. Die subjektive Einschätzung der E-3 Redaktion aus der Umfrage: Es gibt noch zu viele alte (Lizenz-)Baustellen, bevor hier keine Antworten von SAP geliefert werden, kann sich der SAP-Bestandskunde nicht auf neue Themen fokussieren.

Im vergangenen Jahr wurde die Wartungsverlängerung von ERP/ECC 6.0 bis 2027 und erweitert bis 2030 angekündigt. Das dürfte zu einiger Entspannung bei den S/4-Migrationsvorhaben geführt haben, vermutet Peter Hartmann auf Basis der vorliegenden Antworten. S/4 Hana ist mittlerweile seit 2015 im Markt. Im Jahr 2020 waren gemäß SAP-Quelle erst 8100 S/4-Anwender von gesamt 440.000 produkiv.

Der Blick auf die Umfrage zeigt, SAP-Bestandskunden tun sich immer noch schwer. Peter Hartmann führt als Gründe dazu an: zusätzliche Kosten, mangelhafte Integration, fehlender Business Case und der Zwang in Richtung Cloud-Lösungen. In Summe verhindert das bei vielen SAP-ERP-Stammkunden die S/4-Conversion, weil sie mit ihrem aktuellen Zustand, SAP Business Suite 7, zufrieden sind.

Digitale Transformation geht auch so – wie auch der deutschsprachige Anwenderverein DSAG schon vor vielen Jahren feststellte. Laut Peter Hartmann entsteht dadurch Unzufriedenheit bei den Bestandskunden, weil der Großteil der einbezahlten Wartungskosten von SAP in S/4 Hana investiert wird. Daraus folgt bei den Schweizer SAP-Anwendern schnell die Forderung, den Wartungssatz für das auslaufende System zu reduzieren.

In der aktuellen Transformationsphase scheint nicht nur die Unzufriedenheit, sondern auch die Orientierungslosigkeit groß zu sein. Einer der Studienteilnehmer kommentiert folgend: „Bei SAP ändert sich momentan permanent fast alles: Technologie, Produkte, Bezeichnungen, Lizenzmodelle, (End-)Termine, Preise, Konditionen, SAP-Ansprechpartner. Dabei ist in den vergangenen zwölf Jahren vieles nicht besser geworden. Es ist insbesondere ein Problem, kompetente Ansprechpartner auf Augenhöhe zu finden – das ist äußerst anstrengend geworden!“

Rise with SAP

Das Feedback der Schweizer SAP-Bestandskunden spricht eine klare Sprache. 97 Prozent sind kritisch gegenüber der aktuellen SAP-Strategie eingestellt. „Cloud only“ kommt nicht gut an, erkennt Peter Hartmann, weil viele Anwender weiterhin auf ihre bewährten und kostengünstigeren On-prem-Systeme bauen. Hartmann meint dazu: Man könnte gut zum Schluss kommen, dass SAP die Bedürfnisse der Kunden nach mehr Transparenz, Verbindlichkeit und Orientierung nicht ernst nimmt. Mit der Rise-Initiative gab es aus Sicht der IG SAP noch mehr Verunsicherung. Dazu sind die Bestandskunden skeptisch, ob SAP auch ein Partner für Business Transformation sein kann.

Cloud first oder Cloud only scheint kein Erfolg in der SAP-Community zu werden, eine Stimme aus der Umfrage: „Mit den Cloud-Lösungen von SAP sind wir sehr eingeschränkt und sehr teuer unterwegs. Das macht aus der vorhandenen Erfahrung he-raus für uns keinen Sinn. Intern bringen wir auch den Standard nicht weiter, was auch gegen eine Cloud-Variante spricht. Der große Ruck durch das Unternehmen, in Richtung S/4 aufzubrechen, ist leider bis heute nicht spürbar – alle sind mit dem, was man an Möglichkeiten hat, ziemlich zufrieden.“

Die S/4-Conversion ist ins Stocken geraten. Der französische Philosoph Voltaire (1694–1778) sagte es im Moralgedicht „La Bégueule“ deutlich: „Mein liebes Kind, nichts ist gefährlicher, als das Gute zu verlassen, um es noch besser zu haben.“ Auch mit ECC 6.0 und einer On-prem-Architektur lässt sich die digitale Transformation meistern – was naturgemäß nicht gegen eine hybride Infrastruktur spricht.

Ein anderer Studienteilnehmer meint dazu: „Das neue SAP-Management forciert die Integration auf allen Ebenen. Wir hoffen, dass es gelingt, die ambitionierte Zeitplanung einzuhalten, und dass wesentliche Verbesserungen bei der Implementierung von Zusatzprodukten schnell sichtbar werden. Ob SAP bereits die Kapazitäten hat, um Rise umfassend zu liefern, sehen wir eher kritisch. Wie sich das Verhältnis zwischen S/4 Hana on-premises und Cloud entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Mehrwert oder Abhängigkeit

Für die IG SAP Schweiz ist Fakt, dass der in „Rise with SAP“ enthaltene Ansatz einer gesamtheitlichen Sicht auf Geschäftsprozesse, Daten und Technologien bereits in vielen Bereichen in den Unternehmen etabliert ist. Da kann ein integriertes Zusammenspiel mit SAP durchaus positiv angesehen werden. Wie auch eine Vereinfachung des komplexen Vertragswerkes durch den Single Point of Contact. Allerdings stehen dem große Vorbehalte der SAP-Anwender gegenüber – wegen zunehmender Abhängigkeit von SAP durch Rise.

Eine Verlagerung von on-prem in die Cloud bringt gemäß der IG-SAP-Beurteilung preislich keine Vorteile. SAP als gesamtheitlichen digitalen Dienstleister sieht man in der Schweiz eher nicht – auch wegen der noch höheren Abhängigkeit. Weiter fasst Peter Hartmann die Meinung der Schweizer SAP-Community zusammen: „Zudem ist die Integration von verschiedenen Lösungen nicht die Stärke von SAP. So, wie wir SAP wahrnehmen, sind sie auch nicht so organisiert, als dass sie als einheitlicher Dienstleister auftreten könnten.

Es gibt z. B. Account Manager für On-prem-Lizenzen, für Cloud-Lösungen, für Service und Beratung, die aber alle aus anderen Bereichen kommen. An diese 20 Prozent TCO-Reduktion glauben wir nicht, mir wäre kein Ansatz von SAP bekannt, der in diese Richtung geht. SAP müsste Lizenzwartungen und SaaS-Gebühren markant senken, damit wir als Kunde größere Einsparungen erreichen könnten. Helfen würde auch ein flexibleres Lizenzmodell für On-prem-Lizenzen. Die Barrieren, um sich von Lizenzen zu trennen, die man nicht mehr braucht, sind viel zu hoch.“

SAP-Bestandskunden sind im Dilemma: Warten auf Business Case oder einfach strategische Entscheidungen treffen in Richtung S/4? Dazu weg von on-prem und nur noch Cloud? Damit (noch) mehr Abhängigkeit von SAP in Kauf nehmen, aber dafür wieder an den Innovationen partizipieren, die vorwiegend in S/4 getätigt werden?

Fakt ist, dass SAP-Strategie und Erwartungen von SAP-Kunden divergieren. Zwar ist der Anteil an S/4-Anwendern in den vergangenen zwei Jahren leicht gestiegen, aber vieles bleibt unklar: Produkt-Roadmaps fehlen, mangelnde Integration und Durchgängigkeit der S/4-Produkte, ungenügendes Preis-Leistungs-Verhältnis in den Wartungs-
modellen und insbesondere Mängel in der Servicequalität.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch einen hohen Anteil an Hosting und Out-
sourcing, aber, wie schon erwähnt, wenig Bereitschaft für Cloud Computing. Offensichtlich will der Markt ein On-premises-Modell mit ausgelagertem Rechenzentrum – letztendlich ist es eine gute Idee, die Herrschaft über die eigenen Lizenzen zu behalten: Man weiß nie, was kommt, oder?

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E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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