MAG 21-05 Szene

Financial Services Industry

Geschrieben von E-3 Magazin

Regulatorische Anforderungen, Fachkräftemangel sowie kurze Innovationszyklen sind strategische Herausforderungen, denen sich Banken und Versicherungen gegenübersehen.

SAP und die Beteiligungsgesellschaft Dediq haben den Abschluss einer Partnerschaft für die Finanzdienstleistungsbranche bekannt gegeben. Die beiden Unternehmen werden das SAP-Portfolio für Finanzdienstleister gemeinsam ausbauen und in neue branchenspezifische Lösungen investieren, um die Banken- und Versicherungsbranche, die sich derzeit in einem sehr raschen Wandel befindet, besser unterstützen zu können.

Diese Lösungen werden auf SAP-Software basieren und in das Portfolio und die Produkt-Roadmap von SAP integriert. Vorbehaltlich der Genehmigung durch die Aufsichtsbehörden werden SAP und Dediq gemeinsam eine Gesellschaft für die Finanzdienstleistungsbranche (Financial Services Industry; FSI) gründen, an der beide Unternehmen beteiligt sein werden.

Suse

Dediq ist ein Unternehmerinvestor mit Fokus auf Informationstechnologie und digitalen Unternehmen. Zusammen mit seinen Portfoliounternehmen arbeitet Dediq daran, außergewöhnliche Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Jede Beteiligung von Dediq erfolgt getrennt, unabhängig und mit einem unbegrenzten Zeithorizont.

Es ist nicht der erste Versuch von SAP, im Banken- und Versicherungsgeschäft mit eigener Software zu punkten. Mit dem besten Buchhaltungsprogramm der Welt ist SAP schon seit der Version R/3 ein IT-Lieferant bei den allermeisten Banken. Mit bankenspezifischer Software ist SAP aber fast immer gescheitert. Kleinere Zukäufe in den vergangenen 20 Jahren haben nie nachhaltigen Erfolg gebracht. Die Ablöse der großen Legacy-Systeme bei den Banken und Versicherungen gelang oft nicht einmal IBM. Die Finanzinstitute setzten bereits massiv auf Informationstechnik, als der Begriff betriebswirtschaftliche Standardsoftware noch nicht etabliert war. Daraus entwickelte sich die Tugend, dass die allermeisten Banken ihre Software auf IBM-Großrechnern selbst entwickelten.

Technologien und Plattformen verändern das Financial-Services-Geschäft“, schreibt Mario Zillmann in der Lünendonk- Trendstudie „Cloud-Transformation. Strategien und Maßnahmen von Banken und Versicherungen auf dem Weg in die Cloud“. Knapp zwei Drittel der Banken und Versicherungen sehen die hohe Geschwindigkeit der Innovations- und Technologiezyklen als Herausforderung.

Sehen Sie Ihr Unternehmen durch neue Wettbewerber bedroht, deren Angebote komplett digital sind (z. B. N26 für Banken, Wefox für Versicherungen)? Alle Unternehmen; Skala von 1 = „keine Bedrohung“ bis 5 = „sehr große Bedrohung“; n = 68 (Banken), 60 (Versicherungen)

Es fehlt ihnen bei der Entwicklung digitaler Produkte und neuer Angebote aufgrund historisch gewachsener Strukturen und Prozesse oft an Agilität und Flexibilität. Ebenso problematisch sehen etwa 70 Prozent der Unternehmen den Mangel an Digital-Experten.

Neben diesen internen Faktoren stellt der Trend zu plattformbasierten Geschäftsmodellen eine der wichtigsten Hürden für die kommenden Jahre dar. Gleichzeitig verfolgen 53 Prozent der Studienteilnehmer sehr konkrete Überlegungen, sich an Plattformen zu beteiligen und Teil von Ökosystemen zu werden.

Weitere 23 Prozent evaluieren aktuell mögliche Ansätze. „Die Mehrheit der Banken und Versicherungen möchte zum Plattformanbieter werden, nicht zum Produktanbieter, und damit weiterhin die Kundenschnittstelle besetzen. Jedoch wird dies nur wenigen Marktteilnehmern langfristig gelingen“, berichtet Mario Zillmann, Autor der Studie und Partner bei Lünendonk und Hossenfelder.

SAP wird weiterhin SAP-Lösungen für Enterprise Information Management und Lösungen für Banken und Versicherungen verkaufen und Support dafür bieten. SAP-Kunden werden weiterhin SAP-Kunden bleiben. Die neue FSI-Geschäftseinheit wird verstärkt in Kernbereiche des Finanzdienstleistungssektors wie zum Beispiel das gewerbliche Kreditgeschäft, das Privatkundengeschäft, Kernprozesse von Versicherungen sowie das Finanzwesen von Versicherungen und Banken investieren. Die neuen Lösungen werden als Teil der Indus­try-Cloud-Lösungen von SAP entwickelt und auf SAP-Technologien und Anwendungen aufbauen.

Die Finanzdienstleistungsbranche steht heute vor der schwierigen Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen Flexibilität und Innovation einerseits und Risiko, Widerstandsfähigkeit und Skalierbarkeit andererseits zu gewährleisten. Mit dieser Ankündigung reagiert SAP auf die Anforderung ihrer Kunden, das Innovationstempo zu erhöhen und gleichzeitig weiterhin geschäftskritische Produkte und Services für Unternehmen der Branche bereitzustellen“, sagte Jerry Silva, Vice President von IDC Financial Insights.

Durch die Partnerschaft mit Dediq werden wir die Digitalisierung von Kunden im Finanzdienstleistungssektor noch stärker unterstützen und schneller innovative Cloud-Lösungen bereitstellen, mit denen unsere Kunden ihre Unternehmen ganzheitlich transformieren können“, so SAP-Chef Christian Klein. „Der Finanzsektor ist eine Schlüsselbranche für SAP. Dieser Schritt ist dafür der beste Beweis.

Über 80 Prozent der 1000 größten Banken und Versicherungen sind SAP-Kunden. Die neue FSI-Geschäftseinheit wird sich vollständig auf rasche Innovationen für Kernprozesse von Banken und Versicherungen sowie auf Lösungen konzentrieren, die speziell für diese Branche entwickelt werden. Damit sollen die Anforderungen von Finanzdienstleistern bezüglich digitaler Innovationen und Kosteneffizienz besser erfüllt werden.

Der Markt für Finanzdienstleister eröffnet uns riesige Chancen“, sagte Luka Mucic, Finanzvorstand der SAP. „Um dieses Potenzial besser zu heben, werden wir unsere einzigartigen Kompetenzen konsequent nutzen und speziell zugeschnittene Unternehmenslösungen bereitstellen. Gemeinsam mit Dediq werden wir unser bestehendes Portfolio für Finanzdienstleister erweitern, um Prozesse im Bank- und Versicherungswesen durchgängig abzubilden. Vorrangiges Ziel der neuen FSI-Geschäftseinheit wird sein, Kunden durch digitale Innovationen und Cloud-Technologie zu mehr Flexibilität zu verhelfen. Die neue Einheit wird sehr unabhängig und kundenorientiert agieren und ihre strategische Richtung selbstständig festlegen. Gleichzeitig wird sie ein starkes Mitglied der SAP-Familie sein. Kunden werden sowohl von der führenden SAP-Technologie als auch von der Agilität der FSI-Geschäftseinheit profitieren, die ganz auf die speziellen Anforderungen von Finanzdienstleistern ausgerichtet ist.

Fast 90 Prozent der Banken und Versicherungen werden daher 2021 und 2022 ihr Digitalisierungsbudget erhöhen. Jedes dritte Unternehmen steigert das Budget sogar um über zehn Prozent. Damit steigt das Budget noch stärker als in den vergangenen drei Jahren. Zudem befasst sich die Mehrheit der Finanzdienstleister mit unternehmensübergreifenden digitalen Plattform­ökosystemen. Digitalisierungsbudgets werden daher aufgestockt. Das sind Ergebnisse der Lünendonk-Studie „Digital Outlook 2025: Financial Services“.

Weiters heißt es in dieser Lünendonk-Studie: Die meisten befragten Banken forcieren in den kommenden Jahren ihre technologische Transformation der IT-Landschaft zu einer API-basierten IT-Plattform, die eine wichtige Voraussetzung für digitale Geschäftsmodelle darstellt.

63 Prozent der Banken wollen daher in den nächsten Jahren in den IT-Umbau investieren. Gleichzeitig stehen vor allem die Verbesserung der Customer Experience entlang der Kunden-Touchpoints, eigene und nicht zwingend plattformbasierte digitale Geschäftsmodelle sowie die Prozessoptimierung mithilfe der Digitalisierung im Fokus der Investitionsplanungen.

Die jüngste SAP-Partnerschaft mit Dediq bildet einen weiteren Meilenstein in der Umsetzung dieser Strategie. Diese neuen Lösungen sollen sämtliche Prozesse im Banken- und Versicherungsgeschäft abdecken und Unternehmen helfen, regulatorische Auflagen einzuhalten.

Sie werden auf integrierten Daten mit einheitlichen Datenmodellen basieren und die Möglichkeit bieten, Prozesse rund um Finanzdienstleistungen auf die SAP Business Technology Platform in der Cloud zu verlagern. So werden beispielsweise Banklösungen für die Kreditvergabe jede Phase der Abwicklung umfassen, von der Anbahnung und der Beurteilung des Kreditrisikos über die Refinanzierung bis zum Bankmanagement, wobei alle zugehörigen Daten an einem zentralen Ort hinterlegt sind.

Wir sind von der Strategie der neuen FSI-Geschäftseinheit fest überzeugt“, sagte Matthias Tomann, geschäftsführender Partner bei Dediq. „Für uns ist klar: Die Zukunft von Softwarelösungen für die Finanzdienstleistungsbranche liegt in der Cloud. Die SAP-Plattform bietet unvergleichliche Möglichkeiten, wenn es darum geht, die Kernprozesse großer Unternehmen wie Banken und Versicherer zu unterstützen, aber auch neu entstehende Ökosysteme in dieser Branche mit den richtigen Lösungen zu versorgen. Diese Vision im Bereich der Finanzdienstleistungen Wirklichkeit werden zu lassen ist für uns sehr spannend.

Welche Technologiefelder haben für Ihr Unternehmen in den kommenden 36 Monaten Priorität?; nur Banken; Skala von 1 = „bereits eingeführt“ bis 4 = „nicht relevant“; n = 51 bis 68

Trotz dieser Veränderungsdynamik im Finanzdienstleistungsmarkt nehmen zwei Drittel der Lünendonk-Studienteilnehmer die Bedrohung für ihr Unternehmen durch Finanzdienstleister mit komplett digitalen Angeboten als gering bis gar nicht vorhanden wahr, ist in der Studie „Digital Outlook 2025: Financial-Services-Strategien von Banken und Versicherungen für ihren Weg in eine digitale Zukunft“ zu lesen.

Nur sechs Prozent der befragten Führungskräfte aus dem Bankensektor sehen eine „sehr große Bedrohung“ durch disruptive Angebote, wogegen immerhin ein Drittel der befragten Versicherungsmanager (Banken: 26 %) eine „gewisse Bedrohung“ sieht.

Die Einschätzungen der Mehrheit der von Lünendonk Befragten lässt den Schluss zu, dass sich Banken und Versicherungen für die Anpassungs- und Veränderungsmaßnahmen durch die Digitalisierung als ausreichend gut aufgestellt sehen, um die Anforderungen ihrer Kunden an innovative Produkte, Customer Experience und digitale Geschäftsmodelle zukünftig zu erfüllen und ein Teil der digitalen Plattformökonomie zu werden.

Lünendonk-Partner Mario Zillmann meint, diese Sichtweise überrasche vor dem Hintergrund der nur geringen Abdeckung von digitalen Geschäftsmodellen im Banken- und Versicherungssektor im deutschsprachigen Raum auf der einen Seite und der nahezu vollständigen Abdeckung von mobilen Endgeräten bei Internetgeschäften und einem daraus resultierenden Anstieg von Online-/Mobile Banking und Onlineversicherungen auf der anderen Seite.

Zusammenfassend schreibt Mario Zillmann im Vorwort zu „Digital Outlook 2025“, dass eine entscheidende Frage für die nächsten Jahre sein wird, Antworten auf die einsetzende digitale Plattformökonomie zu finden sowie die Effizienz- und Kostenstrukturen nachhaltig zu verbessern.

Und Zillmann abschließend: „Ein wichtiger Baustein für die künftigen Strategien von Banken und Versicherungen sind digitale Technologien wie Cloud Computing, Data Analytics sowie die intelligente Automatisierung mithilfe von künstlicher Intelligenz und Robotic Process Automation (RPA). Aber auch dem Wandel der Unternehmenskultur zu mehr Agilität und Innovationsbereitschaft kommt eine große Bedeutung zu. Viele Aufgaben also für die Zukunft.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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