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Exklusivinterview mit SAP-Vorstandsmitglied und COO Christian Klein

Christian Klein SAPPHIRE NOW 2019 Orlando 014 2 Cmyk
Christian Klein, SAP
Geschrieben von E-3 Magazin

Christian Klein ist SAP-Vorstandsmitglied und hat offiziell die Rolle des Chief Operating Officers. Im wirklichen Leben baut und strukturiert er SAP neu. CFO Luka Mucic schaut nach dem Geld und CEO Bill McDermott treibt den Verkauf an. Klein haucht der SAP’schen Maschinerie neues Leben ein.

SAP ist ein betriebswirtschaftliches und standardisiertes Universalsystem und Vorstand Christian Klein ist sein Universalgelehrter: In Hannover führt er Bundeskanzlerin Angela Merkel über den SAP-Messestand, in Walldorf eröffnet er mit Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, ein SAP-IoT-Zen­trum und „nebenbei“ kümmert er sich um die Integration der SAP’schen Cloud-Zukäufe.

Jahrelang herrschte hier Stillstand, selbst der Anwenderverein DSAG beklagte sich schon. Seit Klein sich der „Integration“ angenommen hat, kommt Bewegung in die Cloud, der er nun eine neue Seele einhaucht: Die technische Integration muss gelingen; im Fokus stehen für Klein jedoch die End-to-End-Geschäftsprozesse.

Die Seele der neuen Cloud ist ein betriebswirtschaftlicher und organisatorischer Mehrwert. E-3 Chefredakteur Peter M. Färbinger sprach mit COO Christian Klein über diese „Cloud-Revolution“.


 

Herr Klein, wo steht SAP aktuell?

Christian Klein: Unser Portfolio hat sich in den vergangenen Jahren extrem verbreitert. Damit stehen wir nun vor der Aufgabe, den Bestandskunden die Zusammenhänge zu erklären und zu zeigen, wie die verschiedenen Produkte in der digitalen Welt zusammenspielen.

Es geht bei uns sehr stark um die Transformation in Richtung Cloud. Einiges haben wir schon realisiert, einiges steht noch an.

Die Transformation läuft aber nicht so rund und schnell, wie sich das einige Mitglieder der SAP-Community wünschen, oder?

Klein: Seit der Übernahme von SuccessFactors 2011 bauen wir SAP Schritt für Schritt zu einem Cloud-Unternehmen um. Dabei haben wir schon sehr große Fortschritte erzielt.

Fragen hinsichtlich der Integration in unsere ERP-Lösungen sind selbstverständlich berechtigt. Hätten wir aber weniger konsequent den Weg in die Cloud eingeschlagen, stünde SAP heute nicht so erfolgreich da.

Wir haben vieles neu gemacht, aber ich will nicht behaupten, dass wir schon am Ziel sind. In manchen Bereichen gibt es sicher weiteren Optimierungsbedarf – auch innerhalb der SAP.

Christian Klein

Können Sie den notwendigen Optimierungsbedarf quantifizieren?

Klein: Der Wandel war für uns in zweierlei Hinsicht wichtig: Auf der einen Seite bringen wir Produkte in die Cloud, auf der anderen Seite stoßen wir operative Veränderungen an.

Denn was bedeutet es für interne Abläufe, wenn der Service nicht mehr beim Kunden on-premise stattfindet, sondern in der Cloud? Hier mussten neue Prozesse aufgesetzt werden, was auch Ausdruck des digitalen Wandels bei SAP selbst war.

Wo sehen Sie die Herausforderungen dieses digitalen Wandels?

Klein: Nun, wir haben jahrelang On-premise-Produkte entwickelt und den entsprechenden Support und Service geliefert. Und plötzlich verändern sich die Anforderungen und der Markt.

Es ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern eben auch ein kultureller Wandel. Die Offenheit für Neues, der Willen, neue Geschäftsprozesse abzubilden, wird immer wichtiger. Hierbei müssen wir die Menschen mitnehmen.

Meine Aufgabe als COO ist es, den Wandel zu kommunizieren und zu erklären. Wa­rum müssen wir gewisse Prozesse, gewisse Arbeitsabläufe ändern, um auch in Zukunft noch erfolgreich zu sein? Ich denke, das bewegt auch viele Kunden bei der Einführung von SAP S/4 Hana.

Also eine große technische Herausforderung, oder?

Klein: Mir ist immer ganz wichtig, nicht nur über die technische Seite der digitalen Welt zu reden. Die Herausforderung ist auch:

Was für neue Geschäftsmodelle gibt es in der Industrie? Wie richten wir die Prozesse besser aus? Wie führen wir sie auf den Standard zurück, um in Zukunft agiler zu handeln?

Die Themen Integration von Geschäftsprozessen und künstliche Intelligenz gewinnen zusehends an Bedeutung. Für uns geht es ja darum, den Kunden letztlich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Ich glaube, dass diese Wand in den Köpfen fast noch eine größere Herausforderung ist als am Ende die Einführung von S/4 Hana oder einer Cloud-Lösung.

Was bewegt hierbei die SAP-Bestandskunden?

Klein: Unsere Kunden überlegen sich aktuell ganz genau, zum Beispiel unterstützt durch Design Thinking, wie sich ihr Geschäft in der digitalen Welt wandelt.

Diese Änderungen auf der Business-Seite müssen zwingend einhergehen mit Änderungen auf der technischen Seite. Mir fällt auf, dass sich die Kunden bei S/4 Hana mehr Zeit nehmen, um die Veränderungen ihres Geschäfts zu berücksichtigen.

Ich denke, die SAP-Community ist sich einig, dass die Ausrichtung der SAP stimmt. Aber vielen erscheint die Geschwindigkeit zu langsam. Und das Betriebsmodell der Cloud überzeugt nicht immer vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen On-prem-Erfahrung. Also, Cloud oder On-prem?

Klein: Sowohl als auch. Bei vielen unserer Bestandskunden sehen wir weiter einen sehr großen Bedarf für S/4 Hana on-pre­mise. Deshalb werden wir hier auch weiter investieren.

Zudem sind wir gut beraten, wenn wir die Kunden hybrid unterstützen. Auch in Zukunft wird es Kunden geben, die ihre Anwendungen im eigenen Rechenzentrum betreiben wollen.

Wieso und wo?

Klein: In Branchen mit hoher Prozesskomplexität, wie verarbeitendes Gewerbe und die Automobilindustrie, in denen ERP-Anpassungen erforderlich sind, ist es nicht so einfach, eine Public-Cloud-Lösung einzuführen.

Gleiches gilt für Unternehmen in Ländern mit politischer Instabilität, eingeschränkter Infrastruktur oder erhöhten Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit. Deswegen glauben wir, dass es hier weiterhin einen sehr großen On-premise-Markt geben wird.

Den Schritt in die Cloud sehen wir in anderen Bereichen wie im Personalwesen, in der Beschaffung, im Front-Office und bei CRM. Hier wollen wir die Kunden unterstützen, in Zukunft modular in die Cloud zu gehen, aber mit einer starken Integration in den ERP-Kern.

Sapphire Now Klein Interview

Ein Beispiel?

Klein: Bei der SuccessFactors-Integration haben wir APIs zur technischen Integration bereitgestellt. Unsere Kunden wollen aber mehr. Wer SAP-Lösungen betreibt, will auch eine betriebswirtschaftliche Integration.

Es geht nicht nur darum, Daten von einem SuccessFactors-System in ein SAP-Hana-System zu bringen. Wir brauchen eine Plattform, in die alle Bestandteile eines Geschäftsprozesses integriert sind, sodass am Ende beide Applikationen die gleiche Sprache sprechen und sich intelligente Geschäftsprozesse im Standard abbilden lassen.

Und SuccessFactors kann das? Die Datenmodelle sind doch unterschiedlich, oder?

Klein: Für SuccessFactors werden wir im November dieses Jahres ein abgestimmtes Datenmodell liefern. Das Datenmodell wird in SuccessFactors und im S/4 Hana vereinheitlicht und lässt sich dann über die SAP Cloud Platform von beiden Lösungen nutzen.

Parallel vereinheitlichen wir den Workflow-Service und die Anwenderoberfläche. Die Endanwender haben dann einen durchgängigen Geschäftsprozess zwischen S/4 Hana und SuccessFactors. Mit dem November-Release werden viele Kunden diese Integration erleben.

Gilt das nur für SuccessFactors?

Klein: Auch für die SAP Analytics Cloud planen wir eine solche native Integration. Und im November kommt eine Qualtrics- Integration hinzu. Das Experience Management mit S/4 Hana soll ebenfalls im November an den Start gehen.

Um neue Geschäftsmodelle als End-to-End-Prozesse abzubilden, sind die Themen Integration und durchgängige Betriebsabläufe von elementarer Bedeutung.

Ihr Vortrag auf der Sapphire im Rahmen der Keynote von Bill McDermott wurde sehr positiv aufgenommen. Gleichzeitig merkten viele SAP-Bestandskunden aber auch an, dass SAP hier eine „Integration“ für die Zukunft verspricht, die es mit R/3 und ECC 6.0 schon gibt. Was nun?

Klein: Unbestritten gehören die durchgängige Integration aller Geschäftsprozesse und ein Datenmodell zur Erfolgsstory von R/3. Nun haben wir die Zukäufe der vergangenen Jahre mit extrem guten Lösungen, die aber noch nicht perfekt in den SAP-Kern integriert sind.

Ich glaube, wir müssen jetzt über die Durchgängigkeit der Geschäftsprozesse diskutieren und diese sicherstellen, sie aber gleichzeitig auch intelligenter gestalten. Es geht nicht nur um Integration, sondern auch um das Thema Innovation.

Wie meinen Sie das?

Klein: In der digitalen Welt läuft eine Beschaffung anders als noch vor zehn Jahren. Heute lässt sich mit künstlicher Intelligenz sicherstellen, dass immer der richtige Zulieferer ausgewählt wird. Fällt dieser aus, soll sich das System melden und Lösungsvorschläge anbieten.

Die Roadmap?

Klein: Im November kommt wie erwähnt die SuccessFactors-Integration und kommendes Jahr sehen wir das Gleiche mit Ariba. Wir werden kommendes Jahr weiter nachlegen beim Thema Procurement inklusive der Front-Office-Integration mit C/4 Hana.

Auch die Domain-Modellharmonisierung zwischen Ariba und S/4 Hana ist inzwischen abgehakt. Wir synchronisieren im Bereich „Lieferant“ die Ariba- und S/4-Hana-Entwicklung.

Wir müssen zu „einem“ Lieferanten mit all seinen Attributen kommen – analog zum Datenmodell des Kunden und des Mitarbeiters. Das ist ganz wichtig, denn SAP-Kunden wollen nicht nur eine nahtlose Integration, sondern auch eine 360-Grad-Sicht auf ihre eigenen Kunden haben.

Damit greifen Sie eine Forderung der DSAG von den diesjährigen Technologietagen auf, oder?

Klein: Wir werden auf der kommenden SAP TechEd nochmals präzisieren und noch detailliertere Timelines vorstellen. Ich treibe das Thema mit sehr großem Nachdruck.

Es stellen sich hier berechtigte Fragen. Aus welchem Grund erfordert der Einsatz von SAP nochmals eine Custom-Build-Integration? Warum brauche ich weiteren manuellen Aufwand, um Datenmodelle abzugleichen?

Wenn ich vor zwei Jahren Daten nach Ariba übertragen wollte, ist es nur über eine CSV-Datei gegangen, oder?

Klein: Genau. Die Kunden erwarten heute einen Bestell- und Lieferweg im Stil von Amazon – das erfordert aber eine perfekte Integration. Aus diesem Grund entscheiden sich Kunden für SAP und nicht für einen zweifelsohne auch guten Nischenanbieter.

Am Ende muss die Wertschöpfung entlang der Prozesskette erfolgen, und hier liegt unsere Stärke. Ich bleibe bei dem Thema so lange engagiert, bis die Kunden sagen: Jetzt haben wir die Integration gepackt!

Die digitale Welt bringt nicht nur für SAP große Herausforderungen, auch die Partner-Community verändert sich. Kleine SAP- Partner befürchten, dass sie abgehängt werden. Bill McDermott hat in seinen Erläuterungen zu den Q2-Bilanzzahlen Infosys erwähnt, mit dem ein Partnervertrag hinsichtlich Branchenlösungen unterzeichnet wurde. Aber was bleibt den kleineren SAP- Partnern?

Klein: Gerade für Partner bringt das Konzept des Intelligent Enterprise sehr große Vorteile. Wer in die S/4-Hana-Cloud-Version möchte, muss zurück in den Standard. Public Cloud funktioniert nur im Standard.

Das bedeutet aber auch, Abap-Modifikationen zu entfernen. Als SAP können wir nicht alle 25 industriespezifischen Funktionen und Erweiterungen in der Public Cloud abbilden. Dafür brauchen wir Partner.

Wir haben ein Programm aufgesetzt, um noch mehr Partner in die Lage zu versetzen, auf unserer Plattform spezifische Erweiterungen zu bauen. Der Bedarf am Markt ist sehr groß.

Für uns sind Partner daher extrem wichtig. Auch im Serviceumfeld haben wir bei Weiten nicht so viele Berater, wie wir bräuchten. Wir werden Tausende von Beratungshäusern brauchen, um den zukünftigen Bedarf abzudecken.

Und nochmals zum Thema Integration: In der Vergangenheit war das Datenmodell immer Teil von R/3. Jetzt packen wir das Datenmodell auf die SAP-Cloud-Plattform.

Die Partner können jetzt direkt auf das Stammdatenmodell der SAP zugreifen. Ein enormer Vorteil, weil sich so integrierte Lösungen entwickeln lassen.

Aber einige Partner sorgen sich um ihr Intellectual Property, wenn sie ihre Lösungen auf die Cloud-Plattformen bringen.

Klein: Da bin ich gerne bereit, mit den Partnern zu sprechen. Wir möchten, dass die Partner auf unserer Plattform eigenständig ihre Lösungen bauen und vertreiben.

Wenn es Sorgen gibt um die IP, müssen wir darüber reden. Wir möchten hier offen agieren, denn nur mit einem erfolgreichen Partnernetz können auch wir erfolgreich sein.

Was ist zu tun?

Klein: Ich sehe einen gewissen Nachholbedarf beim Partner-Enabling. Deswegen werden wir in meinem Vorstandsbereich eine eigene Abteilung aufbauen, mit deren Hilfe wir Partner gerade im Servicebereich ausbilden.

Aber wir werden auch die Partner unterstützen, damit sie auf unserer Plattform lernen, eigene Anwendungen zu entwickeln. Ich möchte definitiv den Austausch mit den Partnern intensivieren, weil ich davon überzeugt bin, dass wir am Ende nur gemeinsam erfolgreich sein können.

Ich sehe bei vielen Kundenprojekten die Notwendigkeit, zurück auf den Standard zu gehen – hierzu ist das Know-how der Partner zwingend erforderlich.

Es stehen viele Aufgaben an, aber SAP hat nun Mitarbeiter freigesetzt. Warum?

Klein: Zur Restrukturierung der SAP wurde schon viel gesagt. Nochmals: SAP wächst und Ende dieses Jahres werden wir über 100.000 Mitarbeiter haben. Es wurde viel in neue Anwendungen investiert.

Der Bereich Hana wächst enorm und ist einer unserer wichtigsten Wettbewerbsvorteile. Jetzt haben wir ein paar Standorte konsolidiert, die durch unser dynamisches Wachstum ins Unternehmen gekommen sind. Hintergrund der Restrukturierung war eine teilweise vorhandene Ineffizienz.

Aber das Know-how der Mitarbeiter, die uns verlassen haben, haben wir durch internen Know-how-Transfer behalten und weitergegeben.

Merkel

Hana 1 oder Hana 2? Hana ist mit Sicherheit sehr erfolgreich, aber auch eine ewige Baustelle, oder?

Klein: Wir sind zuversichtlich, dass wir sehr bald alle Kunden auf Hana 2.0 bringen können. Wir haben fast alle Applikationen auf Hana. SuccessFactors ist umgezogen, Ariba auch.

Für das Ariba-Netzwerk brauchen wir noch bis Ende dieses Jahres. Wir können mit unserer Analytics-Lösung nativ auf Hana zugreifen. Es sind keine Aggregate mehr vorhanden und es gibt keine Datenreplikation.

Ist also Hana mehr Baustelle oder hat die Datenbank einen Mehrwert?

Klein: 11.500 Kunden haben sich mittlerweile für S/4 Hana entschieden, mehr als 30.000 Kunden zählen wir für SAP Hana. Bei allen Gesprächen mit Kunden reden wir über den Mehrwert von S/4 Hana und die digitalen Prozesse.

Mir sind keine Hana-Probleme im täglichen Betrieb bekannt – im Gegenteil. Wir haben das breiteste Angebot am Markt, gerade wegen Hana. Realtime und Echtzeit-Computing sind Eigenschaften, die einen echten Wettbewerbsvorteil bringen.

Es war Hasso Plattners größte Innovation, für die digitalen Geschäftsprozesse der Kunden ist Hana unabdingbar. Jetzt bringen wir In-memory-Technologie in die Cloud und arbeiten an einer verbesserten TCO. Die Realtime-Steuerung von Unternehmen und die Integration sind für unsere Kunden der Mehrwert der SAP.

Danke für das Gespräch.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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