Embrace Kolumne MAG 21-02

Status und Ausblick

Embrace
Geschrieben von Hinrich Mielke, Adesso

Im Mai 2019 startete SAP das Partner-Projekt Embrace. Dabei handelt es sich um eine Initiative, um Bestandskunden von SAP schneller und einfacher auf S/4 Hana und in eine passende Cloud zu transformieren.

SAP arbeitet in diesem Projekt mit drei Hyperscalern zusammen – Microsoft, AWS und Google – sowie mit globalen Systemintegratoren. Microsoft wurde im Oktober 2019 in diesem Zusammenhang für das Projekt Embrace als „pre­ferred Partner“ ausgezeichnet. Selten bevorzugt SAP einen Partner so deutlich und öffentlich. Dieses Vorgehen hat bei manchen Kunden für Irritation gesorgt, auch innerhalb des Vereins DSAG ergaben sich diesbezüglich offene Fragen zum Umgang.

Für Microsoft ist dieser Status sehr wertvoll: Die Anbieter der Hyperscaler leben vom Vertrauen der Kunden, außerdem ist das Produkt IaaS in Grundzügen austauschbar. Eine öffentliche Bevorzugung von SAP gleicht daher nach wie vor einem Ritterschlag in der Industrie. Einmal getroffene Infrastrukturentscheidungen sind langfristiger Natur und nicht leicht zu ändern. Das heißt, ein Kunde, der sich aufgrund des Preferred-Partner-Status für Microsoft Azure entscheidet, bleibt dort im Allgemeinen auch für längere Zeit.

SAP profitiert von Embrace, weil SAP nur selten in die Diskussion der Infrastruktur eingebunden wird. Hier frühzeitig involviert zu sein, ist eminent wichtig für den Kundenzugang. Zum anderen ist das Kernprodukt S/4 nach wie vor von klassischer Infrastruktur (IaaS) abhängig. S/4 ist keine native serverless Cloudanwendung, die in Lambda von AWS abgebildet werden kann und die dann abhängig von der Last „atmet“ – somit selbstständig Lastspitzen abbildet oder „herunterfährt“.

SAP benötigt daher die aktive Unterstützung der Partner, um das operative Management des Kernproduktes zu optimieren. Somit werden Aufwände für Kunden und auch die hauseigene IT von SAP für Kundensysteme in der HEC optimiert. Durch die weite Verbreitung von Office 365 Enterprise sind Enterprise-Kunden bereits mit den Services von Microsoft vertraut, somit ist die Hürde für eine Cloudifizierung von SAP-Anwendungen mit Microsoft geringer.

Was haben Embrace und der Status „preferred Partner“ als Ergebnis erbracht? Der Marktzugang von Microsoft zu Enterprise-Kunden hat sich verbessert und SAP hat einen Partner mit klarem Commitment. Auf der Roadmap von SAP ist eine Vielzahl von bereits ausgelieferten und geplanten Innovationen mit Microsoft zu vermerken, mehr als bei den beiden anderen Marktbegleitern zusammen. Die Zusammenarbeit des Sales von SAP, MS und der Partner hat – zumindest punktuell – einen bedeutenden Schritt voran gemacht, es finden gemeinsame Abstimmungen zum Kundenangang statt, ungünstigerweise behindert durch eine beispiellose Pandemie.

Nun aber steht eine Aktualisierung der Vereinbarung im Raum unter dem Namen Embrace 2.0. Es ist zu hören, dass es keinen Status als „preferred Partner“ für Microsoft mehr geben wird. SAP möchte wieder zu einer neutralen Betrachtung der Partner übergehen. Das mag erst einmal nach einem Rückschritt für Microsoft aussehen – dieser Status hat jedoch in einer entscheidenden Zeit eine wichtige Marketingaufgabe erfüllt. Parallel wird die Zusammenarbeit von SAP und Microsoft intensiviert werden. Hier gibt es noch einige Punkte, bei welchen beide Partner noch weitere Verbesserungen der Services brauchen.

Ein Indiz für diese weitere Kooperation ist die Bekanntmachung von SAP und Microsoft über die Zusammenarbeit im Bereich Supply Chain und Industrie 4.0 auf Microsoft Azure. SAP-Lösungen aus dem Bereich Digital Supply Chain werden als SaaS auf Microsoft Azure angeboten. SAP-Funktionalität soll auf Azure Stack Edge realisiert werden, so können SAP-Lösungen in Produktionsstätten betrieben werden. Azure Stack Edge ist speziell angefertigte Hardware as a Service (HaaS) mit Azure Stack Edge, gedacht für den robusten produktionsnahen Betrieb.

Diese Initiative geht jedoch über den produktionsnahen „edge-Betrieb“ hinaus. Die gesamte Supply Chain soll Rahmenbedingungen für einen resilienten Betrieb erhalten, um den zunehmenden Unwägbarkeiten der Welt durch Naturkatastrophen, Handelskriege oder politische Entscheidungen Genüge zu leisten. Hier kann eine produktionsnahe Intelligenz – also wirklich nah an der Produktion – für eine robuste Beschaffung, Produktion und eine optimierte Logistik des Produktes hin zum Kunden sorgen.

Dies wird bei einer stetig abnehmenden Losgröße komplexer und bedarf der Integration ohne Medienbruch. Mit dieser Initiative nutzen SAP und Microsoft die jeweiligen Stärken des Partners – und sind sich der teilweisen Coopetition bei Services wie Microsoft Azure IoT beziehungsweise SAP Internet of Things durchaus bewusst.

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Hinrich Mielke, Adesso

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