MAG 16-02 Szene

Ein Akt der Höflichkeit

2016

Man kann es als neues Selbstverständnis der SAP ansehen, dass die alljährlichen Bilanzzahlen den Analysten und Journalisten nur noch in einem Walldorfer Hinterzimmer präsentiert werden – und dieses Jahr war nicht einmal SAP-Chef Bill McDermott persönlich anwesend.

Trotz SAP-Corporate-Jet fand er keinen Weg aus dem Winterkurort Davos ins graue Walldorf. In Davos ist frischer Schnee gefallen, der Himmel war blau und der Weltwirtschaftsgipfel gab sein Stelldichein. Aber wie war das noch zu Zeiten von Professor Henning Kagermann, als man sich zur Bilanzpressekonferenz in Frankfurt/M traf? Der Saal war immer zu klein.

Die Journalisten und Analysten kämpften um das Fragerecht. Es wurde engagiert und sachkundig diskutiert und schamlos die Zeit überzogen. Das Walldorfer Hinterzimmer gab dieses Jahr ein trauriges Bild ab, neben ein paar Journalisten der lokalen Zeitungsredaktionen waren die verpflichteten Korrespondenten der Nachrichtenagenturen anwesend – spannende, insistierende Fragen? Keine!

Obwohl es sehr spannend wäre zu erfahren, wie SAP mit S/4, das in der Preisliste 2015 mit null Euro geführt wird, letztendlich doch signifikante Erfolge und Umsätze erzielen konnte. Technikvorstand Bernd Leukert erklärte es nicht, sprach aber von veritablen und sehr erfreulichen Beiträgen.

Winshuttle

CFO Luka Mucic relativierte, dass es sicher auch eine Umwegrentabilität gebe: Wenn jemand S/4 customized, braucht er ja auch die Hana-Datenbank und ein paar andere SAP-Softwarekomponenten, die letztendlich kostenpflichtig sind und bleiben.

Neben den ganzen IFRS- und Non-IFRS-­Zahlen war naturgemäß S/4 das bestimmende Thema. Am Anfang lief es für SAP noch gut! Man postulierte 2700 S/4-Kunden – niemand fragte nach! In der Analysten-Telefonkonferenz nach der Bilanzpressekonferenz fragte dann aber doch jemand: Wie viele operative S/4-Anweder es denn gebe?

Bernd Leukert musste eingestehen, dass von den 2700 S/4-Linenzinhabern erst 100 „live“ sind. Ein ernüchterndes bis katastrophales Ergebnis, wenn man den Worten der SAP Glauben schenken will, dass S/4 ein schlankes, smartes, einfach zu implementierendes System ist.

Die S/4-Promotion Ende 2015 scheint aber funktioniert zu haben, einige unerschrockene SAP-Bestandskunden haben sich mit kostenfreien Lizenzen eingedeckt. Was daraus passiert, wird man dieses Jahr sehen. Und was bleibt?

Es wäre ein Akt der Höflichkeit gegenüber den Bestandskunden, Partnern, Analysten und Journalisten, transparenter, verständlicher und näher aufzutreten, auch wieder am Finanzplatz Frankfurt.

Es wäre ein Akt der Höflichkeit, wenn der Amerikaner Bill McDermott zumindest für die alljährliche Bilanzpressekonferenz wieder einmal den Weg nach Walldorf finden würde. Und es wäre ein Akt der Höflichkeit gewesen, deutlich auszusprechen, dass auf die SAP-Bestandskunden, die sich für S/4 interessieren, eine gewaltige Belastungswelle zukommt und für SAP sich daraus höchst profitable Lizenzeinnahmen entwickeln werden.

S/4 ist kein rechtlicher Nachfolger für irgendein existierendes SAP-Produkt. Der „Releasewechsel“ wird nur über einen Neukauf erfolgen. Trotz Pflegegebühr werden die SAP-Bestandskunden die S/4-Lizenzen neu erwerben müssen.

Das kann viel Umsatz bringen – darüber wollte auf der Bilanzpressekonferenz aber niemand reden! Wann wird SAP wieder höflich gegenüber den Bestands­kunden auftreten?

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

Hinterlassen Sie einen Kommentar