Mag 22-06 Szene

DSAG versus SAP

DSAG versus SAP

Für den Anwenderverein DSAG solle es bald Machine Integration und Business Intelligence geben, während AI und intelligente Netzwerke erst in ferner Zukunft zu haben sind. Die Pläne von SAP sind dem diametral entgegengesetzt. Ein Diskurs von den DSAG-Technologietagen 2022 aus Düsseldorf.

Die Kluft zwischen DSAG und SAP wird größer, das gegenseitige Nichtverstehen tiefer. Ohne Sarkasmus und Ironie wird aneinander vorbeigeredet. Die Situation ist ähnlich einem alten Ehepaar, das sich alles gesagt hat und nun die Dinge laufen lässt: Vor vielen Jahre proklamierte SAP das „Intelligent Enterprise“, damit sollten Hana und S/4 eine Daseinsberechtigung bekommen. Alle Mitglieder der SAP-Community wissen, es hat nicht funktioniert. Vergangenes Jahr versuchte es SAP-Chef Christian Klein mit Rise, um S/4 endlich bei den Bestandskunden zu verankern.

Was machte Sebastian Westphal, DSAG-Fachvorstand Technologie, auf der Bühne der Technologietage 2022 in Düsseldorf? Er holte die alten Leonardo-Themen Machine Integration und Business Intelligence aus der Mottenkiste und präsentierte es als „Intelligent Enterprise“ mit dem Zusatz „Coming soon“, siehe Foto. Kurz nach Sebastian Westphal kam SAP-Technikvorstand Jürgen Müller auf die Bühne und erklärte: „SAP hat das breiteste Produktportfolio im Markt und wir haben über 440.000 Kunden in der Cloud. Die Nutzung unserer Cloud-Produkte wächst sehr stark.“

SAP-Technikvorstand Jürgen Müller
SAP-Technikvorstand Jürgen Müller betonte naturgemäß die Wichtigkeit der Business Technology Platform für den Weg in die Cloud.

Jedoch meint der Anwenderverein: Mit der Cloud-first-Strategie hat sich SAP ein umfangreiches Transformationsprogramm auferlegt. Gilt es doch nicht nur, die neuen Plattformen und Services aufzubauen, sondern auch das Produktportfolio entsprechend auszurichten. Hierbei greift SAP die Kernanforderungen der digitalen Transformation auf, denn ohne Anbindung an die vernetzte Welt laufen vor allem kleine und mittelständische Unternehmen auf lange Sicht Gefahr, den Anschluss an den Wettbewerb zu verlieren.

Sebastian Westphal von der Bühne in Düsseldorf: „SAP hat sich selbst ein ganz erhebliches Transformationsprogramm auferlegt. Die Cloud ist richtig und wichtig, aber sie ist nicht die einzige Option. Die heutige vernetzte Realität kann nicht auf einem R/3 existieren, aber Cloud only kommt definitiv nicht für alle SAP-Bestandskunden infrage. Der Weg in die Cloud wird ein hybrider sein.“ Hilfreich wäre aber eine zentrale Lösung, um Altsysteme bei der sukzessiven Migration in die Cloud anbinden zu können, etwa durch die Erweiterung des API-Business-Hubs. „Alles in allem wird die Adaption der Cloud-Services in den Unternehmen nur dann zu steigern sein, wenn sie mittels hybrider Architekturen in die Cloud einsteigen können“, betonte Sebastian Westphal mehrfach. 

Sebastian Westphal, DSAG-Fachvorstand
Sebastian Westphal, DSAG-Fachvorstand Technologie, präsentierte eine Roadmap aus Anwendersicht anhand von Star-Wars-Episoden.

Jürgen Müller ist sich der Herausforderungen bewusst und definierte in Düsseldorf: „Gerade im ERP ist es kritisch, zu schnelleren Innovationszyklen zu kommen – dort ist es aber auch schwieriger als in anderen Bereichen, weil es so nah an den Kernprozessen der Unternehmen dran ist. Genau deshalb haben wir Rise with SAP konzipiert: um den Wechsel noch einfacher zu machen. Da gibt es durchaus noch Baustellen, aber wir sind hier auf einem guten Weg.“

Die aktuell fehlende Kommunikation zwischen SAP und DSAG führt zu der interessanten Konstellation, beide Parteien haben auf ihre Art letztendlich recht. Jürgen Müller thematisierte auf der Bühne der DSAG-Technologietage das Thema BTP, Business Technology Platform: „Wir machen mehr als eine Milliarde Euro Umsatz mit der Business Technology Platform. Wir decken bestimmte Bedarfe sehr gut ab. Dafür war es nötig, dass wir uns ein gutes Jahr lang um Performance gekümmert haben. Die wichtigsten Features wurden umgesetzt, aber bei Weitem nicht alles, was sich Bestandskunden gewünscht haben. Ich muss auch sagen, wir haben unsere Anstrengungen kommunikativ nicht gut begleitet. Dafür müssen wir uns auch nicht verstecken, aber das nehmen wir für die Zukunft mit, dass wir das besser kommunizieren.“

ALM und SolMan

Mit dem Free-Tier-Angebot für die BTP, also Cloud-Services für eine bestimmte Zeit unentgeltlich nutzen zu können, unterstützt SAP den angekündigten Wandel zum Cloud-Anbieter. Ein Free-Tier für alle Cloud-Services würde die Adaption der Cloud ebenso beschleunigen wie ein On- und Off-Boarding sämtlicher Services innerhalb weniger Minuten. Gleiches gilt für den operativen Betrieb der SAP-Cloud-Services. Hier würde ein globales, transparentes und universelles Application-Lifecycle-Management (ALM) für die Orchestrierung der hybriden Systemarchitekturen, die bislang für die On-premises-Systeme über den SolMan erfolgte, die Adaption von Cloud-Lösungen weiter erhöhen.

„Wenn wir die Adaption der Cloud weiter voranbringen wollen, dann sind Umstieg und Migration ein ganz wesentliches Thema“, ist Sebastian Westphal, DSAG-Fachvorstand Technologie, überzeugt. „Unternehmen haben ihre Systemlandschaften über teils Jahrzehnte aufgebaut und diese müssen einen einfachen Weg finden, diese in die Cloud zu heben. Integration ist ebenfalls ein Schlüsselfaktor zur Bereitschaft, in die Cloud zu wechseln. Wenn ich in die Cloud gehe, brauche ich eine Vielzahl neuer Tools – und Mitarbeiter, die diese Tools beherrschen. Der Know-how-Aufbau muss hier weiter unterstützt werden. Wir brauchen einen Weg, wie wir die neuen Produkte einsetzen können, ohne die vorherigen Investitionen zu verlieren.“

Es gibt auch Lob vom Anwenderverein DSAG: „Das Angebot der SAP geht schon in die richtige Richtung, aber wir sehen auch, dass es noch Vorarbeiten bedarf, sodass es nicht ganz so schnell vorangeht, wie sich das manche SAP-Bestandskunden wünschen“, erklärte Sebastian Westphal in Düsseldorf. „Wenn wir die Adaptionsrate der Cloud erhöhen wollen, dann würden wir uns als Anwendungsunternehmen noch mehr Flexibilität und Cloud-Metriken, die an den Line-of-Business-Grenzen keinen Halt machen, wünschen.“

Um den Wechsel zu erleichtern, bedarf es klarer Antworten. Und auch die Wirtschaftlichkeit auf Basis bisheriger Lösungen spielt eine wichtige Rolle. „Aufgrund der meist hohen Investitionen in bestehende Produkte gilt es einen Weg zu finden, um ohne die komplette Abschreibung der bisher getätigten (On-premises-)Investitionen in die Cloud wechseln zu können“, erläuterte Sebastian Westphal in Düsseldorf. 

Hybride Lösungen

Während der DSAG-Keynotes von Christine Grimm, Sebastian Westphal und Jürgen Müller war zu vernehmen, dass es nicht ganz so schnell ins „Cloud only“ geht, sondern mehr in die Richtung hybride Cloud. Für den Bestandskunden stellt sich damit die Frage, wie so ein Hybridmodell preislich aussehen würde, wenn parallel zwei oder mehr Lösungen betrieben werden sollen. SAP-Technikvorstand Jürgen Müller: „Wir haben in verschiedenen Bereichen eine Duallizenz. Dann nimmt man zum Beispiel seine On-prem-Analytics-Lösung noch mit, aber verwendet schon die SAP Analytics Cloud. Hier hat man nicht alle Anwender zwei Mal, sondern zum Beispiel Hälfte/Hälfte und hat dann auch eine Swap-Lizenz, mit der man dann vollständig in die Cloud wechseln kann.“ DSAG-Fachvorstand Westphal ergänzt im Gespräch mit dem E-3 Magazin: „Wenn wir den Move in die Cloud beschleunigen wollen, dann ist das ein ganz kritischer Punkt. Ein Business Case kann nicht auf doppelten Kosten fußen. Der kommerzielle Mehrwert ist ein wichtiges Thema, das wir auch in den Arbeitskreisen viel besprechen.“

Christine Grimm, DSAG-Fachvorständin
DSAG-Fachvorständin Transformation, Christine Grimm, warb für eine nachhaltige und hybride Conversion für Hana und S/4.

SAP Analytics Cloud

Die DSAG-Mitgliedsunternehmen erwarten von einem Cloud-Anbieter eine kundenzentrierte, agile Entwicklung mit entsprechend kurzen Zyklen sowie einer klaren Produktstrategie und -roadmap. „Gerade für die SAP Analytics Cloud steigt der Konkurrenzdruck kontinuierlich. Hier braucht es eine nachvollziehbare Plattform-Strategie, die nicht nur von Produkten bzw. Features getragen wird, sondern von der Integration als langjähriges Markenzeichen der SAP“, fasste Sebastian Westphal zusammen.

Das heißt konkret: Die Analytics-Anwendungen müssen auf einer starken Integration von SAP und Non-SAP basieren, sowohl in der Cloud als auch On-premises. Denn: „Das erste Cloud-Szenario der Kunden wird immer hybrid sein“, ist Sebastian Westphal überzeugt. In diesem Zusammenhang wäre ein adaptiveres Preismodell für mittelständische Unternehmen sowie für klassische Nutzungsszenarien wie Gelegenheitsnutzer sinnvoll. Denn das gängige Named-
User-Modell erschwert einen positiven Business Case für viele Unternehmen zunehmend. Auch auf den DSAG-Technologietagen wurde somit das Thema SAP-Lizenzen wieder heiß diskutiert.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter pmf@b4bmedia.net | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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