Coverstory 21-02 MAG 21-02

Digitale Disruption und Transformation

[shutterstock: 1146107879, Blue Planet Studio]
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Geschrieben von Jürgen Löhle, Consilio

SCM steht angesichts neuer technischer Möglichkeiten und dem gesellschaftlichen Wandel vor großen Umbrüchen. Globale Trends wie Automatisierung, Digitalisierung sowie Umweltthemen (CO2-Footprint) eröffnen den Unternehmen neue Möglichkeiten und setzen sie zugleich unter Druck.

Die wiederkehrenden Krisen und Handelsbarrieren stellen die internationalen Lieferketten von Unternehmen vor Herausforderungen. Alle Faktoren einer dynamischen und vernetzten Wirtschaft erhöhen die Komplexität und die Anforderungen an Supply Chains. Individuelle Kundenanforderungen, kurze Lieferzeiten, scharfer Wettbewerb und die wachsende Anzahl der an der Kette beteiligten Glieder – all das sorgt dafür, dass Supply Chains ihre Linearität ablegen.

Stattdessen entstehen nach und nach netzwerkartige Strukturen, wodurch die Warenflusssysteme immer schnelllebiger, agiler und flexibler werden. Angesichts dieser Multidimensionalität müssen sich Unternehmen heutzutage dynamischer aufstellen, um den Anforderungen und Erwartungen ihrer betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Umwelt gerecht zu werden. Dies betrifft nicht nur multinationale, sondern auch mittelständische Unternehmen, die zur Sicherstellung ihrer Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Handel und Sourcing genauso angewiesen sind.

All dies stellt Anforderungen an eine moderne Supply-Chain- und IT-Infrastruktur, die der Ende der Neunziger Jahre entwickelte SAP APO (Advanced Planner and Optimizer) nur noch bedingt erfüllen kann. Seit rund fünf Jahren entwickelt SAP deshalb Nachfolgeprodukte wie die Integrierte Business Planung (IBP), die APO-basierte Lösungen sukzessive ersetzen werden, das embedded PP/DS (Production Planning und Detailed Scheduling), eine neue Material- und Ressourcenverfügbarkeitsprüfung (aATP, advanced Available-to-Promise), die Integration des Shop Floors über SAP Manufacturing Execution (ME) und die Digital Manufacturing Cloud.

Embedded und Advanced

Die Funktionen des APO PP/DS für die Produktionsfeinplanung und Optimierung sowie die Verfügbarkeitsprüfung (aATP) sind in S/4 Hana integriert. Somit verfügt S/4 über ein voll integriertes Advanced Planning System (APS) für die finite Planung von Produktionskapazitäten. Aus Consilio-Sicht ein gravierender Vorteil bei einer Implementierung. Die aATP wurde im Rahmen von S/4 neu entwickelt und bietet umfassende Möglichkeiten von der Auftragsprüfung und Bestätigung bis hin zu Kontingentierung und Produktionsprüfungen. Unternehmen suchen oftmals nach Vorteilen und Gründen für einen Umstieg auf S/4. Aus Sicht von Consilio ergeben sich mit ePP/DS und aATP umfassende Gründe für die Prozessverbesserungen.

Die Komponenten Demand Planning und Supply Network Planning wurden von SAP mit IBP auf eine neue technologische Basis gehoben und mit erweiterten Funktionen ausgestattet. SAP Integrated Business Planning (IBP) ist eine web- bzw. cloudbasierte SCM-Anwendung, die Funktionen für Bedarfs-, Beschaffungs-, Verteilungs- und Bestandsplanung beinhaltet und auf der Hana-Datenbankplattform technisch realisiert wurde. Eine On-Premises-Version ist nicht verfügbar. Ähnlich wie APO besteht auch IBP aus mehreren Modulen, die jedoch nicht zwangsläufig deckungsgleich mit den APO-Modulen sind.

IBP for Sales and Operations Planning ist ein Geschäftsplanungsprozess, der von der Geschäftsleitung gesteuert wird und zeitlich gestaffelte Prognosen für Nachfrage, Angebot, Produkt- und Portfolioänderungen, strategische Projekte sowie die daraus resultierenden Finanzpläne für den mittel- bis langfristigen Planungszeitraum bewertet und überarbeitet.

IBP for Demand kombiniert die „traditionelle“ mittel- bis langfristige Planung auf der Grundlage statistischer Methoden mit der Möglichkeit, genauere Modelle für die Bedarfserfassung auszuführen, um die Prognosegenauigkeit für den kurzfristigen Planungshorizont zu verbessern. Die Lösung kombiniert automatisierte, ausnahmebasierte Planungsprozesse mit manuellen Planungsfunktionen, die auf der Geschwindigkeit von Hana und einer benutzerfreundlichen Microsoft-Excel-Oberfläche basieren.

IBP for Response and Supply ermöglicht die schnelle Anpassung an Änderungen der Nachfrage unter Berücksichtigung des vollständigen Supply-Chain-Modells sowie die Simulation von Produktions-, Distributions- und Beschaffungsplänen, um Kundenanforderungen in einem eingeschränkten oder nicht eingeschränkten Modus zu erfüllen. Die integrierte Geschäftsplanung für Reaktion und Lieferung generiert eine Was-wäre-wenn-Analyse, um einen Einblick in potenzielle Szenarien zu erhalten.

Durch IBP for Inventory wird der Bestand an den geeignetsten Standorten positioniert, um Prognosefehler, Nachfrageschwankungen und Lieferunsicherheit zu absorbieren sowie gleichzeitig die Ziele für den Kundenservice zu erfüllen. Die Anwendung optimiert Bestandsziele mithilfe einer Reihe von Algorithmen, um diese Ziele bei möglichst niedrigen Bestandskosten für alle Standorte in der gesamten Lieferkette zu erreichen.

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Optimierung und Feinplanung

Mit dieser neuen Lösungsarchitektur wurde vor allem das ERP-System S/4 für die Produktionsoptimierung und -feinplanung massiv aufgewertet. Es gibt nun endlich eine Planungslösung, bei der Material, Maschinen, Personal und weitere Produktionsrestriktionen wie Werkzeuge finit aus einer Systemlösung heraus optimiert werden können. Um Produktionsressourcen optimal zu belegen, kann entweder eine automatische oder eine manuelle Rüstoptimierung, Reihenfolgebildung etc. mit Berücksichtigung von Personal-, Material- und Betriebsmittelverfügbarkeiten erfolgen. S/4 unterstützt nicht nur klassische finite Planungsszenarien, sondern auch industriespezifische Szenarien wie Modell-Mix-, Block- und Kampagnen-
Planung.

Der integrierte Ansatz im S/4 macht es für Unternehmen sehr einfach, eine finite Produktionsplanung sukzessive zu implementieren. Diese Lösung reduziert massiv die IT-Systemarchitekturkosten und den Implementierungs- und Integrationsaufwand. Die Auswahl, welche der Business-Objekte wie Kundenaufträge, Planprimärbedarfe, Bestände und Fertigungsaufträge in der Produktionsoptimierung teilnehmen, ist einfach über das Customizing einstellbar.

Auch die Fertigungsbereiche, für die eine Produktionsoptimierung erfolgen soll, werden direkt in der Anwendung für Materialien, Arbeitsplätze und Stücklisten gesetzt. Somit ist auch ein Einsatz für einzelne Fertigungsbereiche innerhalb eines Werks möglich.
Betrachtet man die SAP-Roadmap für die Produktionsoptimierung (ePP/DS), so ist erkennbar, dass SAP massiv in den Ausbau der Produktionsfeinplanung und -optimierung investiert.

Unter dem Namen advanced Available-to-Promise stellt SAP die Verfügbarkeitsprüfung in S/4 neu auf. Ziel von aATP ist eine intelligente Produktverfügbarkeitsprüfung in Echtzeit für Verkaufs-, Plan- und Produktionsaufträge. Sie bietet skalierbare Available-to-Promise-Logiken für die Verwaltung großer Transaktionsvolumen, flexible Allokationsfunktionen und umfasst auch eine Rückstandsverarbeitung mit intuitiver Prioritätsklassifizierung sowie interaktiver Ausnahmebehandlung.

Auch an dieser Stelle zeigen sich ganz klar die Vorteile und Business Benefits der In-Memory-Datenbank Hana. Neben den klassischen Verfahren wie ATP-Prüfung und Kontingentierung stehen weitere Möglichkeiten offen, wie: Alternative Based Confirmation (ABC). Hierbei können Alternativen geprüft werden, sofern die Verfügbarkeit für einen Bedarf in einer Material-Werks-Kombination nicht ausreicht.

Exekution und Integration

Eine exzellente Planung bedarf auch einer erstklassigen Exekution. Mit den SAP-Manufacturing-Lösungen können Planungsergebnisse in den Fertigungsprozessen integriert und eingebettet sowie die Industrie-4.0-Prinzipien mit einer einzigen Quelle von Echtzeitinformationen umgesetzt werden. Die Planung ist für eine Koordination von Ressourcen und Produktion erforderlich. Sie deckt den Fertigungszyklus vom Produktionsauftrag bis zur Auftragserfüllung ab.

Durch die Digitalisierung werden die Effizienz und Flexibilität der Fertigung gesteigert und das industrielle Internet der Dinge (IIoT) nutzbar gemacht. Die SAP-Manufacturing-Execution-Lösung besteht aus SAP ME (Manufacturing Execution), SAP MII (Manufacturing Intelligence und Integration) und der Digital Manufacturing Cloud. SAP Manufacturing ist eine leistungsstarke, skalierbare Fertigungslösung von der Maschinen- und Werksebene bis auf Unternehmensebene. Mit ihrer Hilfe können globale Hersteller ihre Fertigungs- und Produktionsvorgänge verwalten und steuern.

Aus der langjährigen Erfahrung gerade auch im Rahmen der Anbindung von Fremd-APS und MES und der meist damit Verbunden aufwendigen Konsolidierung ist Consilio der Überzeugung, dass SAP eine gut integrierte Plattform von der Vertriebsplanung über die Produktionsplanung und Optimierung bis hin zum Manufacturing sowie zur effizienten Steuerung des Shop Floors für Unternehmen zur Verfügung stellt.

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SCM-Trends 2021

Individuell: Von der Massenproduktion zur kundenindividuellen Produktion (Make-to-Order, Engineer-to-Order).

Verbunden: Die Supply Chain verbindet Mitarbeiter eines Unternehmens mit Unternehmen innerhalb des Netzwerks, so dass über Kunden, Lieferanten, Contract Manufacturers, Logistikanbieter usw. hinweg eine synchroner Planungsprozess entsteht.

Vorrausschauend und intelligent (Predictive): Mit Intelligenz und Informationen wird Transparenz über die gesamte Lieferkette hinweg geschaffen. Anhand von Verkehrsmustern vorhersagen, wo sich Fahrzeuge befinden und ob sie pünktlich oder verspätet eintreffen werden.

Automatisiert: Technologien wie das Internet der Dinge (IoT), das maschinelle Lernen und die künstliche Intelligenz (KI) ermöglichen den Zugriff auf Echtzeitdaten über die gesamte Lieferkette hinweg. Das hilft Unternehmen, diese Informationen zu nutzen, um die Agilität und Widerstandsfähigkeit in der gesamten Lieferkette zu erhöhen. Mitarbeiter sollen von Routineaufträgen befreit werden und sich auf das Troubleshooting konzentrieren können.

Dynamisch: Brexit, Handelsstreit mit den USA, Corona etc. – all diese Ereignisse machen es notwendig, dass Unternehmen veränderte Marktsituationen kurzfristig in ihrer Supply Chain simulieren und sie gegebenenfalls dynamisch ändern können. Nur mit einer integrierten Supply-Chain-Planung ist es möglich, mit schnellen Planungszyklen zu reagieren.

Über den Autor

Jürgen Löhle, Consilio

Geschäftsinhaber und Gründer, Consilio

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