Infrastruktur MAG 20-11

Die richtige Balance zwischen Core und Cloud

[shutterstock: 1248908008, Orla]
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SAP S/4 Hana hält die Welt in Atem – zumindest die SAP-Welt. Schon seit ein paar Jahren kreist fast alles um die Transformation zu der neuen Echtzeit-ERP-Suite. Deren Potenziale wurden vielfach beschrieben.

Greenfield und Brownfield sind längst im Wortschatz all derjenigen angekommen, die auch nur entfernt etwas mit dem Umstieg zu tun haben – auch wenn diese „Farbenlehre“ mittlerweile etwas überholt ist. Passiert ist allerdings noch recht wenig. Im DSAG-Investitions­report 2020 gaben lediglich zehn Prozent der befragten Unternehmen an, bereits S/4 im Einsatz zu haben. Neun Prozent planen den Umstieg für dieses Jahr. Das ist im Vergleich zu den Vorjahren zwar ein deutlicher Zuwachs. Aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 dürfte die langsam aufkommende Dynamik aber wieder etwas nachlassen.
Core oder Cloud

Nach unserer Erfahrung halten die Unternehmen unterschiedliche Gründe von einer raschen Transformation ab. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei eine kommunikative und faktische Widersprüchlichkeit, die SAP selbst erzeugt: Denn einerseits inszenieren die Walldorfer S/4 als multifunktionalen Digital Core. Anderseits stresst SAP die Idee des „Intelligent Enterprise“, das End-to-End-Prozesse mithilfe einer Reihe von spezifischen, oft in der Cloud betriebenen und nicht zwingend von SAP stammenden Applikationen abbildet. Auf was also sollen Unternehmen setzen?

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Klar ist, dass man beides im Blick haben muss! Bei einem Einsatz kommt es dann darauf an, die jeweiligen Stärken optimal zu nutzen und der SAP-Produktstrategie letztendlich Rechnung zu tragen. Die Stärke von S/4 Hana besteht vor allem darin, die zentralen Finanz- und Logistikprozesse optimal abzubilden und sie in Echtzeit mit Daten zu versorgen.

Online-Transaction-­Processing (OLTP) und Online Analytical Processing (OLAP) werden eng miteinander verzahnt, was in dieser Form ein echtes ­Novum ist. Dass SAP sich auch künftig darauf beschränkt, mit S/4 die Kernprozesse zu unterstützen, lässt sich aus einer Reihe von Akquisitionen der vergangenen Jahre ablesen: Allein 2018 wurden Contextor (RPA), Qualtrics (Experience Management), Core­systems (Field Service Management), Callidus Software (Sales Management) sowie Recast.AI (Bots und maschinelles Lernen) übernommen.

Fester Bestandteil der SAP-Welt sind mittlerweile frühere Übernahmen – unter anderem Concur (Reisemanagement), Ariba (Einkaufsmanagement) und SuccessFactors (Human Resources Management). Die meisten der so erworbenen Technologien wurden nicht in den Code von S/4 integriert, sondern werden weiterhin als eigenständige Anwendungen mit ihren jeweiligen Vorteilen betrieben und lassen sich über die SAP Cloud Platform (SCP) recht komfortabel an den digitalen Kern anbinden.

Geplanter Umstieg

Beim Umstieg auf S/4 Hana ergibt sich da­raus für Unternehmen die Notwendigkeit zu entscheiden, was sie im digitalen Kern abbilden und was über Cloud-Applikationen beziehungsweise über die SAP Cloud Platform läuft – wobei sichergestellt sein sollte, Prozesse wirklich End-to-End zu betrachten und durchgängig zu unterstützen. Grundsätzlich bestehen bei einer Transformation zu SAP S/4 drei Ansätze, wie sich mit bestehenden kundenindividuellen Applikationen auf dem abzulösenden SAP ECC umgehen lässt:

Wollen Unternehmen vor allem ihre Investitionen in die aktuellen Prozesse und Funktionen, Anpassungen und Eigenentwicklungen schützen, können sie diese möglichst vollständig aus ERP/ECC 6.0 nach S/4 Hana übertragen und lediglich an die neue technologische Umgebung anpassen. Das setzt voraus, auch unter S/4 den Standard umfassend anzupassen.

Die Innovationspotenziale von S/4 bleiben in diesem Fall weitgehend ungenutzt. Haben Unternehmen ein Interesse daran, einerseits Investitionen zu schützen, anderseits aber auch von digitalen Innovationen zu profitieren, empfiehlt sich eine detaillierte Evaluierung sämtlicher Objekte: Welche Entwicklungen lassen sich sinnvoll auf Cloud-­Applikationen beziehungsweise die SCP auslagern? Und welche sollten im Standard von S/4 abgebildet werden – auch wenn der dafür angepasst werden muss?

Geht es Unternehmen in erster Linie ­darum, sich für einen vollständigen Wechsel in die Cloud vorzubereiten, und wollen sie den Wartungsaufwand minimieren, sollten sie ein S/4-Hana-On-premises-System so nah wie möglich am Standard ausrichten. Alles, was eine umfassende Anpassung erfordert, wird in die Cloud aus­gelagert.

Was für ein Unternehmen der beste Weg ist, hängt ganz von der konkreten Situation ab – vor allem davon, welche Prozesse und Funktionen von Eigenentwicklungen unterstützt werden. An einer genauen Analyse führt aus unserer Sicht kein Weg vorbei.
Core-Cloud-Spagat

So ist zum Beispiel ein Automobilhersteller vorgegangen: Gemeinsam mit MHP hat der OEM zunächst seine über 1500 in SAP ECC realisierten Eigenentwicklungen daraufhin analysiert, ob eine Abbildung in der SAP Cloud Platform sinnvoll ist.

Die Beurteilung erfolgte anhand eines Kriterienkatalogs, der unter anderem die Datenquellen und das Datenvolumen, die Form des Zugriffs und die erforderlichen Funktionen berücksichtigte. Anschließend haben wir eine Reihe von Use Cases definiert, die als Piloten auf der SCP verwirklicht wurden, um auf diese Weise Erfahrungen mit den neuen Technologien und Services zu sammeln. Zum Teil waren das bereits bestehende Szenarien, zum Teil aber auch neu konzipierte Anwendungsfälle.

Unter anderem haben wir den Prototyp einer Contract-Management-Anwendung konzipiert und realisiert. Diese hat zum Ziel, den bisherigen intransparenten Vertragsprozess zu verschlanken und nachvollziehbar zu dokumentieren. Zudem sollte ein Konsens zwischen den Vertragspartnern über die Echtheit und Unveränderlichkeit von ausgetauschten Dokumenten geschaffen werden. Für die Umsetzung haben wir eine Reihe von SAP-Services genutzt, die in dieser Form im Standard der SAP Cloud Platform verfügbar sind – etwa den Hana-Service, den Document Service, Forms by ­Adobe und das UI Development Toolkit SAP UI5.

Blockchain

Darüber hinaus wurde der „Hyperledger Fabric Blockchain as a Service“ verwendet, um eine Blockchain als Vertrauensebene zu integrieren. Der Service stellt nicht nur die Infrastruktur und Frameworks bereit und beschleunigt damit erheblich die proto­typische Realisierung einer Blockchain-­Applikation. Die SCP ermöglicht außerdem eine sichere Integration der Blockchain in die SAP-Systemlandschaft und damit eine abgesicherte Schnittstelle zur Außenwelt.

Damit lassen sich beispielsweise Daten aus SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) über die Blockchain vertrauenswürdig externen Partnern zur Verfügung stellen. Oder es kann – wie im Fall der Contract-Management-Anwendung des Automobilherstellers – die Integrität der Daten in zentralen Speichern wie der Hana DB verlässlich gewährleistet werden. Diese Integritätsfunktion garantiert den Vertragspartnern also die Unveränderlichkeit von Vertragsdokumenten, ohne dass dafür ein Intermediär erforderlich ist.

Die unveränderbaren Regeln auf der Blockchain – sogenannte Smart Contracts – sorgen auch dafür, dass Prozesse eingehalten und gleichzeitig fälschungssicher dokumentiert werden. Dubiosen Handlungen und Täuschungsversuchen wird damit präventiv entgegengewirkt.

https://e-3.de/partners/mieschke-hofmann-und-partner-mhp-a-porsche-company/

In 5 Schritten zur Digital-Core-Roadmap

Übergeordnete Unternehmensziele (etwa in Bezug auf Qualität, Kosten, Flexibilität, Geschwindigkeit und Abhängigkeit) vergegenwärtigen und daraus die Leitplanken für die Transformation ableiten: Was ist der USP des Unternehmens und was macht es erfolgreich am Markt? Was soll durch die Transformation erreicht werden? Kommt es vor diesem Hintergrund eher auf eine hohe Innovationsfähigkeit an oder auf den Bestandsschutz für etablierte Applikationen?
Capabilities entlang der End-to-End-Prozesse identifizieren: Welche Anforderungen müssen künftig erfüllt werden und welche Funktionen sind dafür er­forderlich? Welche Funktionen sind bereits im bestehenden System verfügbar, welche davon werden auch in Zukunft benötigt und welche sind obsolet? Welche neuen Funktionen müssen hinzukommen?
Validieren, welche der künftig erforderlichen Funktionen im Standard (im Digital Core) abbildbar sind und was auf (Cloud-)Satelliten ausgelagert werden muss. Den definierten Funktionsumfang mit der Roadmap von SAP abgleichen: Werden aktuell im Standard fehlende ­Capabilities durch ein zukünftiges Re­lease des Digital Core oder eine Cloud-
Applikation abgedeckt sein?
Das konkrete Zielbild, den Zielbebauungsplan, die Zielarchitektur und die Road­map definieren.
Entlang dieser Schritte entwickeln Unternehmen nicht nur eine Roadmap, die sie bei einer zielgerichteten Transformation unterstützt. Sie gewinnen auch Klarheit darüber, wie sie sich in einer digitalen Zukunft überhaupt positionieren wollen. Für den künftigen Erfolg ist das noch wichtiger als die Entscheidung für Core oder Cloud oder beides.

Über den Autor

Christina Gröger, MHP

Christina Gröger, Business Development Manager SAP S/4 Hana bei MHP.

Über den Autor

Katarina Preikschat, MHP

Katarina Preikschat, Blockchain Portfolio Developer bei MHP.

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