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Die Reise nach S/4 und das Dilemma mit der Farbenlehre

Mit S/4 Hana hat SAP die vierte ERP-Generation auf dem Markt. Die meisten Unternehmen wollen die digitale Transformation mit S/4 meistern. Und ich meine: zu Recht, denn die neue Lösung ist technologisch und funktional führend.
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06. Mai 2022

Doch wie sieht die Reise nach S/4 und Hana in der Praxis aus? Laut einer DSAG-Umfrage aus dem Jahr 2021 setzt aktuell nur ein Viertel der deutschen SAP-Anwender auf S/4. Warum so wenige? Dafür sehe ich zwei Gründe: Die meisten erkennen den Mehrwert noch nicht und die anderen tun sich mit der Frage des Migrationsansatzes schwer. Es fehlt an klarer Entscheidungshilfe. Dies hat der damalige DSAG-Vorstandsvorsitzende Marco Lenk schon im DSAG Investment Report 2020 angemahnt. Meiner Meinung nach ist die Farbenlehre einer der Hauptgründe, warum sich Unternehmen mit dem Move nach SAP S/4 so schwertun. Sie übersimplifiziert eine Entscheidung, die so komplex und individuell ist wie jedes Unternehmen. Es stehen sich Schwarz-Weiß-Denken und ein breites Spektrum an Zielsetzungen und individuellen Herausforderungen gegenüber.

Green-, Brown- und Bluefield

Der Reihe nach (und bitte mit einem Augenzwinkern lesen): Greenfield ist der Liebling aller Planer und Ingenieure. Nach 20 Jahren Optimierung, Rollouts und Gesetzesänderungen-Nachziehen endlich wieder ein richtiges Business- und IT-Projekt. Alte Zöpfe werden gedanklich abgeschnitten und auf der grünen Wiese wird die Transformation des Geschäfts gestartet. In der Theorie klingt es plausibel und ist – zumindest zu Beginn – auch kostenmäßig eine vernünftige Alternative. Leider ignorieren SAP-Kunden so aber gute und richtige Investitionen aus der Vergangenheit. Und sie erfahren meist auch, dass in Wirklichkeit nur ein kleiner Teil der Prozesse ein echtes Redesign benötigt. Last, but not least bringt auch jede Neuimplementierung einen signifikanten Change-Management-Anteil mit sich – und dieser wird seit Jahrzehnten gern unterschätzt. 

Also kostenschonend und einfach mit dem Brownfield-Ansatz in Richtung S/4? Technisch erprobt mit Standardwerkzeugen und getarnt als „Upgrade de luxe“, ist dieser Ansatz auf den ersten Blick attraktiv für Risikobewusste. In der Realität ist es aber eher ein schwieriger Kompromiss. Denn die meisten SAP-ECC-Systeme haben nach über 20 Jahren treuem Dienst „viel Speck angesetzt“: 30 bis 35 Prozent der Daten sind ungenutzt, ebenso über die Hälfte des Customizings und der Eigenentwicklungen. So bekommen SAP-Bestandskunden die Nachteile von zwei Welten: „alte Sünden“ und wenig Mehrwert. Brownfield verschiebt die digitale Transformation und damit auch die Innovation des Unternehmens. Und für einen fairen Vergleich müssten diverse Vor- und Nachprojekte eingepreist werden.

Ein weiterer Aspekt der Übersimplifizierung der Farbenlehre ist die digitale Agenda eines Unternehmens, auf die SAP-S/4-Migration zu reduzieren. Echte Beschleuniger der digitalen Transformation – Cloud, Analytics 2.0, künstliche Intelligenz und die Hyperautomatisierung – werden so ausgeklammert.  

Ich plädiere für eine andere Denkweise entlang von drei Leitmotiven: eliminate, renovate, innovate. Sie liegen unserem Bluefield-Ansatz zugrunde und ermöglichen SAP-Anwendern, frei zu entscheiden, welche bisherigen Investments (Prozesse, Daten, Code und Reporting) wie tragfähig für ihre ganz eigene digitale Transformations-Roadmap sind. Quasi „multiselektiv“ erstellen wir so auf Basis von Organisationseinheiten, Zeitscheiben oder freien Kriterien wie etwa Nummernkreisen eine hochpräzise und individuelle Blaupause, die viele vor- und nachgelagerte Schritte ressourcenoptimal vereint.

Wertschöpfung und Erfolg

Ich spreche täglich mit mittelständischen Unternehmen und Konzernen, die genau deswegen selektiv vorgehen wollen bzw. vorgegangen sind. Sie stellen sich immer die gleiche, eigentlich simple Frage: Wie kann unsere IT-Systemlandschaft schneller und besser zum Unternehmenserfolg beitragen? Denn eins ist klar: Einige Teile der Wertschöpfung oder der digitalen Infrastruktur können durch schnelle und agile Cloud-Lösungen viel besser abgebildet werden. Accenture nennt diesen Ansatz „Digital Cloud Decoupling“.

Zweifelsohne sind die ERP-Lösungen von SAP das digitale Herz der meisten IT-Systemlandschaften. Und Anwendungen wie SuccessFactors, Ariba und Concur ergänzen diese sinnvoll. Aber das bedeutet eben auch, dass der sogenannte Digital Core heute nicht nur aus SAP S/4 besteht. Deshalb ist mein Mantra: Die Zukunft ist hybrid. Und der beste Ansatz, dorthin zu kommen, ist Bluefield.

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