MAG 21-12 Satire: Das Letzte

Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen

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Wo gehobelt wird, fallen Späne. Es gilt die Unschuldsvermutung. Fakt ist, der SAP-Vorstand hat sich immer für die Belange der Bestandskunden eingesetzt – allen voran Gerd Oswald.

In der aktuellen Spiegel-Reportage “Die dunkle Seite von SAP” in Ausgabe 46/2021 auf Seite 62 wird ein düsteres, nahezu kriminelles Bild von Gerd Oswald skizziert. Nichts Strafrechtliches ist bewiesen und es gilt die Unschuldsvermutung! Damit könnte die SAP-Community zur Tagesordnung übergehen. Die Ironie der Geschichte, das beinah Satirische an der Spiegel-Reportage ist die Tatsache, dass ein Großteil der Vorwürfe an Gerd Oswald wiederum den SAP-Bestandskunden zum Vorteil gereicht. Die Liga der außergewöhnlichen SAP-Gentlemen, Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Henning Kagermann und Gerd Oswald, scheint hier im Sinne der SAP-Bestandskunden, der Community, gehandelt zu haben. 

Zusammenfassen lassen sich die Anschuldigungen des Spiegel-Artikels schnell: SAP soll sich auf Kosten der Mitbewerber mit Wissen bereichert haben, um so eine marktführende Stellung zu erlangen. Dazu gibt es ein Geheimgutachten, das aber offensichtlich das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben wurde. Wahrscheinlich sind die Autoren dieses Papiers hervorragende Juristen, aber weder Kybernetiker, Informatiker noch IT-Experten.

Es gilt die altgriechische Steuermannskunst zu beherrschen, um die Vorgänge eines ERP-Systems zu verstehen. Es ist für Informatiker sehr schwierig, Software-Patente zu erlangen, nur ganz wenigen IT-Experten gelingt es. Noch schwieriger ist es, die Kybernetik, Steuermannskunst, eines ERP-Systems zu verstehen. Und nun soll sich SAP bei Mitbewerbern umgeschaut und bereichert haben – also Industriespionage betrieben und Patente verletzt, somit geistiges Eigentum gestohlen haben. Und alles soll in den vergangenen 20 Jahren unter der Choreografie des SAP-Langzeitvorstands Gerd Oswald erfolgt sein.

Oswald ein Superman für die SAP-Community, ein Schurke für den Rest der IT-Welt? Wie in der Spiegel-Reportage nachzulesen ist, hat es SAP-Ausgründungen, freigestellte Mitarbeiter und Kooperationen mit Universitäten gegeben, um Software der Mitbewerber zu analysieren und zu dechiffrieren. Der Informatiker bezeichnet es auch als Reverse Engineering, wenn ausführbarer Programmcode dekompiliert wird, also lesbarer Sourcecode entsteht. Ob ein Rückübersetzen strafbar sein kann, muss bezweifelt werden. Dieses Dekompilieren hat laut Spiegel zu einem Großteil Gerd Oswald zu verantworten gehabt.

Für die Bewertung der Arbeit von Gerd Oswald sollten jedoch andere Kriterien gelten: Wenn SAP-Bestandskunden jährlich Millionen Euro nach Walldorf überweisen, dürfen sie zu Recht auch die beste Software der Welt erwarten. In dieser Wettbewerbssituation muss der Blick über den Gartenzaun erlaubt sein. Kein SAP-Bestandskunde wird glücklich, wenn die Software von Mitbewerbern schneller, effizienter und besser ist – und Gerd Oswald hat immer die beste Software geliefert. Die Informatik-Community trifft sich regelmäßig auf Kongressen und in Workshops, um Ideen, Konzepte und Visionen auszutauschen. Aus der Mitbewerberbeobachtung und Community-Forschung entstehen neue Produkte, kaum etwas anderes hat Gerd Oswald gemacht. Er hat für die SAP-Bestandskunden den IT-Markt beobachten lassen. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist VW-Chef Herbert Diess schon einmal in einem Tesla gesessen und seine Ingenieure haben dieses Auto gründlich zerlegt – zu wissen, was in Nachbars Garten vorgeht, ist kein Verbrechen, sondern kluge Umsicht und intelligente Weitsicht. 

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
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