Infrastruktur MAG 20-10

Die CTO-Transformation

[shutterstock.com: 722159359, Maxx-Studio]
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Der Einstieg in den SAP-Vorstand kam für Jürgen Müller vielleicht überraschend, die Zeiten sind herausfordernd. Die SAP-Community befindet sich in einer digitalen Transformation und es gilt, mit alten Baustellen aufzuräumen.

Genau genommen ist es eine doppelte Transformation – eine technische und eine organisatorische. SAP selbst und die Community befinden sich auf einer Reise quer durch alle Technikthemen. Altes soll erhalten bleiben, Neues soll nachwachsen. CTO Müller soll es orchestrieren. Jürgen Müller hat ein Diplom in Wirtschaftsinformatik der Universität Göttingen und verbrachte während seines Studiums einige Zeit in China.

Darüber hinaus promovierte er im Bereich neuer, für In-memory-Datenbanken optimierter Anwendungen am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam. Seit März 2019 ist Müller Mitglied des Senats von Acatech, Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Zu seinen weiteren Aktivitäten gehört die Mitgliedschaft im Aufsichtsrat des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).

In der technischen SAP-Community und bei den SAP-Mentoren ist Müller hoch respektiert und anerkannt. Klassische SAP-Bestandskunden aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich kennen ihn weniger. Hier bedarf es noch Transformationsarbeit. Das E-3 Magazin führte mit SAP-Vorstand Jürgen Müller ein sehr technisches Interview.

Winshuttle

Microsofts Kauf der Plattform GitHub für 7,5 Milliarden Dollar vor etwa zwei Jahren hat gezeigt, welchen Stellenwert Open- Source-Communitys für Enterprise-Software-Unternehmen heutzutage haben. Wie arbeitet SAP mit der Open-Source- Community zusammen?

Jürgen Müller: GitHub ist die führende Plattform, die auch SAP intensiv für ihre Open-Source-Projekte nutzt, z. B. mit den SAP Repositories. Im Jahr 2019 hat der Open Source Contributor Index SAP als den neuntgrößten kommerziellen Contributor auf GitHub gelistet. Daneben nutzen wir andere Plattformen wie GitLab und engagieren uns aktiv in zahlreichen Open Source Foundations.

Derzeit unterstützt SAP z. B. den Umzug der Eclipse Foundation nach Europa. Die Code-Sharing-Plattform allein macht jedoch den Erfolg eines Open-­Source-Projekts oder einer Community nicht aus. Vielmehr muss man Zeit und Arbeit in den Ausbau und die Pflege der Beziehungen und Partnerschaften investieren, worum wir uns aktiv und nachhaltig bemühen: Wir stellen unsere Open-Source-Projekte auf Konferenzen, Veranstaltungen, Meetups und Webinaren vor.

Wir schreiben detaillierte Dokumentationen und Beispielanwendungen zu unseren Projekten, um Interessierten die Teilhabe zu erleichtern. Des Weiteren tauschen wir uns mit der Community in Foren, wie z. B. Slack, aus und kommunizieren Neuigkeiten über Blogs, soziale Medien oder openSAP-Kurse.

Und welche Bedeutung haben diese Kurse?

Müller: Die Zahlen sprechen für sich: Jährlich freuen wir uns über zunehmende Beiträge externer und interner Contributoren zu unseren SAP-Open-Source-Projekten. Speziell für unsere Cloud-native-Open-Source-Projekte wie zum Beispiel Kyma und Gardener konnten wir viele neue Firmen als Entwicklungspartner gewinnen.

Nicht zuletzt hat die open source entwickelte Corona-Warn-App deutlich gezeigt, wie entscheidend für den Erfolg und die Akzeptanz die gute Zusammenarbeit mit der Community ist. (Anm. d. Red.: Kyma is a platform for extending applications with serverless functions and microservices. It provides a selection of cloud-native projects glued together to simplify the creation and management of extensions. Gardener deliver fully-managed clusters at scale everywhere with own Kubernetes-as-a-Service.)

Was ist der aktuelle Stand von SAP Data Hub und SAP Data Intelligence und wie können Open-Source-Produkte eingebunden werden?

Müller: SAP lieferte im Herbst 2017 die erste Version des SAP Data Hub aus. SAP Data Hub hat das Ziel, eine ganzheitliche Lösung für Datenintegration, -orchestrierung und -management über verteilte Systemlandschaften bereitzustellen. Zudem erlaubt er das damit verbundene Erzeugen und Prozessieren von datengetriebenen Anwendungen. SAP Data Hub ermöglicht dabei auch den Datenaustausch mit Open-­Source-Produkten, wie zum Beispiel Kafka, und kann nach Anschluss sofort einen Mehrwert für Bestandslandschaften schaffen.

Das kann nicht das Ende der Fahnenstange sein, oder?

Müller: Der nächste große Schritt der Software erfolgte im Frühjahr 2020. Mit dem Release 3.0 von SAP Data Intelligence ist die Weiterentwicklung von SAP Data Hub zu SAP Data Intelligence vollzogen. Erweiterte und neue Funktionalitäten im Bereich Systemanschluss, Metadaten-Management sowie dem Operationalisieren des maschinellen Lernens unterstreichen den geänderten Namen.

Installationen von SAP Data Hub werden mit dem Release 3.0 auf SAP Data Intelligence mit allen neuen Funktionen aktualisiert. Für SAP-Data-Hub-Kunden fallen keine zusätzlichen Kosten an, und es ist auch keine Migration erforderlich. SAP Data Intelligence ist selbstverständlich auch als Cloud-Angebot verfügbar.

Lassen Sie uns über künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sprechen: Auf welchem Framework entwickelt SAP KI/ML-Applikationen?

Müller: Obwohl unser Fokus auf Software liegt, sind wir im KI-Bereich auf spezialisierte Hardware, wie die von Nvidia, angewiesen. Gerade im Deep-Learning-Bereich, wenn es um das Trainieren von unstrukturierten Daten und komplexen KI-Modellen geht, bieten die Nvidia GPUs oftmals eine hervorragende Beschleunigung gegenüber CPUs. Auf der Softwareseite ist unsere Strategie eine offene.

Das heißt, wir nutzen neben Open Source auch Eigenentwicklungen und die von Partnern, wie Nvidia, an­gebotenen Frameworks. Gerade im Open- Source-Umfeld hat sich unter anderem TensorFlow in der Kombination mit Python bewährt und wird von unseren Data-­Science-Teams genauso geschätzt.

Und wo steht Leonardo?

Müller: Ja, noch einige Sätze zu SAP Leonardo, da wir gerade über intelligente Technologien sprechen. Wir haben SAP Leonardo als eigenständige Marke dieses Jahr zurückgezogen. Unsere Intention bei der Einführung 2017 war, intelligente Technologien wie KI, Blockchain, IoT bei unseren Kunden einzuführen und in unserem Portfolio zu verankern. Genau das haben wir erfolgreich gemeistert. Mit über 250 Anwendungsfällen sind „intelligente Technologien“ ein fester Bestandteil unserer Intelligent-Enterprise-Strategie.

Für einen Außenstehenden hat es den Eindruck, dass z. B. Mercedes in Koopera­tion mit Nvidia wesentlich innovativer ist als viele traditionelle IT-Häuser wie etwa SAP. Täuscht dieser Eindruck?

Müller: Ich glaube, da täuscht ein wenig die Wahrnehmung. Nicht zuletzt, weil bei B2C-Brands vieles schlicht anfassbarer ist als bei uns als Enterprise-Anbieter. SAP konnte besonders in diesem Jahr mit ihrer Innovationskraft, Schnelligkeit und Agilität ganz direkt helfen. Als das Außenministerium zu Beginn der Coronapandemie im März dieses Jahres im Ausland gestrandete Reisende zurückholen musste, hat SAP mit einer Rückhol-App schnell geholfen.

Die App auf Basis der SAP Cloud Platform wurde in weniger als 24 Stunden programmiert und veröffentlicht; mehr als 240.000 Bürgerinnen und Bürger wurden im Rahmen der Rückholaktion nach Deutschland zurückgebracht. Wie oben bereits erwähnt hat auch das Corona-Warn-App-Projekt gezeigt, wie innovativ, agil und schnell SAP, Partner und Experten aus der Community zusammenarbeiten, wenn es darauf ankommt.

Die Community hält zu SAP, und wie ist es jenseits des ERP-Tellerrands?

Müller: Auch extern wird SAP als innovatives Unternehmen wahrgenommen: Im Rahmen der jährlich durchgeführten Global Innovation Survey von der Boston Consulting Group wurde SAP auch in diesem Jahr als eine der „Most Innovative Companies 2020“ ausgezeichnet. Darüber hinaus ist SAP auf der „Fast Company Best Work­places for Innovators“-Liste in diesem Jahr.

Die Datenbankplattform SAP Hana wurde auch als offenes System jenseits von ERP angekündigt. Was ist aus diesen Initiativen geworden?

Müller: SAP Hana findet nun bereits im zehnten Jahr breiten Einsatz bei SAP-Kunden und Partnern – auch als offenes System. Hier einige Beispiele, wie Anwender die SAP-Datenbank einsetzen: Bereits seit mehreren Jahren arbeiten SAP und Esri, weltweit führender Anbieter von Loca­tion-Intelligence-Lösungen, zusammen. Mit SAP-Hana-Service stellen wir ein Database- as-a-Service-Angebot bereit, das als Grundlage der Geodatenbank für die Plattform ArcGIS genutzt werden kann.

Aber Hana wächst lediglich als Datenbank, oder?

Müller: Die Zahl der SAP-Produkte, die auf Hana basieren, ist im Laufe der Jahre weitergewachsen. Heute bildet die Datenbank die Grundlage für zahlreiche Produkte und Lösungen im Portfolio, unter anderem für SuccessFactors, SAP Customer Experience und Ariba.

Und konkrete Beispiele?

Müller: SuccessFactors konnte seit Abschluss der Migration zu Hana eine Höchstmarke von einer Milliarde Cloud-Transaktionen pro Tag erreichen. In SAP-Customer-Experience-Lösungen konnte der Datenimport 65-mal schneller ausgeführt werden als mit den bisherigen Datenbanken. Das Team von Ariba konnte durch den Wechsel zu Hana seinen Cloud-Integritäts-Gesamtwert in allen Bereichen um 18 Punkte, auf einer absoluten 100-Punkte-Skala, steigern.

Mit SAP Analytics Cloud beispielsweise kann eine Verbindung zu Livedaten in Hana-Datenbanken im eigenen Netzwerk, Hana Enterprise Cloud, SAP Cloud Platform und Cloud Foundry hergestellt werden. SAP Data Warehouse Cloud, ein durchgängiges Warehouse in der Cloud, das Datenmanagementprozesse mit erweiterten Analysen kombiniert, baut ebenfalls auf Hana auf.

Ist das einmalig oder kontinuierlich?

Müller: Im Rahmen des jährlichen SAP Innovation Award zeichnet SAP Projekte von Kunden und Partnern aus, die unter anderem Applikationen auf Hana bauen. Und natürlich möchten wir, dass Hana noch intensiver auch außerhalb von ERP-Anwendungen eingesetzt wird. So arbeiten wir beispielsweise für SAP Hana Cloud gerade an einem attraktiven Angebot für Partner.

SAP ist in den vergangenen Jahren nicht nur sehr erfolgreich gewesen, sondern auch stark gewachsen – Übersicht zu behalten ist hier keine leichte Aufgabe: Gibt es eine Taxonomie der SAP-Technik und -Produkte?

Müller: Bei SAP haben wir spezielle Funktionen und Personen, die für Terminologie, Taxonomie und Namensgebung zuständig sind. Die sogenannten „One Voice“-Experten sind seit 2001 für die Benennungsstrategie und -konzepte der SAP-Lösungen, -Produkte, -Technologien und -Services verantwortlich.

Unsere Mitarbeiter und Agenturpartner haben Zugriff auf das interne Naming Center Repository, in dem die genauen Namen aller aktuellen und ausgeschiedenen Produkte, Lösungen und Services sowie die Namen von Organisationen, Events, Programmen und Tools einsehbar sind. Das Naming Center dient auch als historische Datenbank aller genehmigten Begriffe. Partner haben Zugriff auf eine aktualisierte Liste aller genehmigten und ausgeschiedenen Namen unter sappartneredge.com.

Und für das normale SAP-Community-Mitglied?

Müller: Darüber hinaus haben wir mit sapterm.com eine für jeden zugängliche SAP-Terminologie-Datenbank, die Details und zusätzliche Infos zu Technologien bereitstellt. Die Einträge werden wöchentlich aktualisiert. In dem jährlich veröffentlichten Integrierten Bericht von SAP, der online für jeden einsehbar und herunterzuladen ist, stellen wir ein Glossar zu den 250 wichtigsten Begriffe im Zusammenhang mit Produkten, Lösungen und Technologien von SAP zur Verfügung. Der Report und das Glossar werden jedes Jahr aktualisiert.

SAP und Intel arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen. Im vergangenen Jahr haben beide Unternehmen angekündigt, dass SAP Hana und Intel Optane DC Persistent Memory sehr gut zusammenpassen. Welche Use Cases und Proof Points gibt es dazu?

Müller: SAP Hana ist in der Tat das Herzstück von SAP. Mit Hana können Unternehmen in allen Branchen das Potenzial von Daten und In-memory-Informationsverarbeitung voll ausschöpfen, weil sie in Echtzeit vollständige Transparenz und Einblick in ihre Geschäftsabläufe erhalten. Im vergangenen Jahr konnten wir Hana als erste wichtige Datenbank, die Intel Optane DC Persistent Memory unterstützt, optimieren.

Damit können Unternehmen die Verfügbarkeit von Anwendungen weiter erhöhen und gleichzeitig die Gesamtbetriebskosten senken. Gerade dazu tragen das kostensparende Daten-Tiering, die native Speichererweiterung, NSA, und die Unterstützung der neuen persistenten Intel-Optane-DC-Speichermodule bei.

Hat das auch praktische Bedeutung?

Müller: Ja, dazu einige Beispiele, wie Kunden davon profitieren: Der schweizerische Sanitärproduktekonzern Geberit hat die Intel-Technologie für persistenten Speicher mit zwei seiner bestehenden Hana- Systeme evaluiert und eine Verbesserung der Datenladezeiten beim Systemstart einer 1,5-Terabyte-Hana-Datenbank um den Faktor 4,2 festgestellt, was mehr als 400 Prozent entspricht.

Die Kombination aus Hana und Intel Optane DC Persistent Memory hat dazu geführt, dass der deutsche Chemiekonzern Evonik Industries seine Anlaufzeiten um das 17-Fache verkürzen konnte, was einen großen Fortschritt für die Business Continuity darstellt.

Wie viele Codebasen für Hana gibt es bei SAP, und ist hier letztendlich eine Konsolidierung geplant?

Müller: Wir haben aktuell drei Codelinien für Hana und Hana Cloud, die in der Wartung beziehungsweise in der Entwicklung sind: Hana 1.0, Hana 2.0 und Hana Cloud. Hana 1.0 SPS12 wird nächstes Jahr aus der Wartung gehen. Die Entwicklungen für Hana Cloud werden selektiv auch auf die Hana-2.0-Codelinie portiert und damit unseren On-premises-Kunden zur Verfügung gestellt. Das ist möglich, weil Hana 2.0 und Hana Cloud in den Kernelementen auf der gleichen Codelinie basieren.

Wie lange wird SAP NetWeaver weiter­entwickelt? Und was ist der aktuelle Stand von Abap und Java?

Müller: Die Technologieplattform SAP NetWeaver ist in Wartung. Das Release 7.5 wird bis Ende 2027 in der Mainstream Maintenance gewartet, danach optional bis Ende 2030 in der Extended Maintenance. Die Abap-Technologie wird für SAP S/4 Hana und SAP Cloud Platform unter dem Projektnamen „Steampunk“ intensiv weiterentwickelt.

Unsere Kunden, Partner und alle Interessierten können die Fortschritte und Neuigkeiten fortlaufend in diversen Blogs aus der SAP-Community selbst mitverfolgen. Für die Umstellung auf Hana und Cloud bieten wir Abap-Analyse und -Transformationstools an. Java bieten wir ebenfalls auf der SAP Cloud Platform an mit Cloud Foundry und auch Kyma mit Kubernetes.

Danke für das Gespräch.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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