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Der Steuermann verlässt die Cloud

Eslin SCP

Die SAP’sche Cloud ist ohne Steuermänner: Björn Goerke, Bernd Leukert und Rob Enslin sind von Bord gegangen.

Es gebe kein Problem im Vorstand, meinte SAP-Chef Bill McDermott nach dem Abgang der Vorstände Bernd Leukert und Rob Enslin in einem Interview für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und ergänzte fast trotzig: „SAP ist stärker als je zuvor.“

Während das Ausscheiden von Bernd Leukert aus dem SAP-Vorstand so überraschend wie auch lautlos erfolgte, verursachte der Weggang von Cloud-Business- Vorstand Rob Enslin wesentlich mehr Nebengeräusche – selbst Finanzanalysten beurteilten diese Personalentscheidung negativ.

Ob McDermott seine selbst gewählte Kennzahl „Aktienkurs“ bis zur Hauptversammlung jetzt deutlich über 100 Euro bekommt, ist zweifelhaft. Bernd Leukert hatte noch keine Zeit, sein LinkedIn-Profil bis Mitte April zu ändern. Dort stand dann auch zu lesen, dass er SAP-Vorstand für das Digital-Business-Service mit einem 3,4-Milliarden-Euro-Umsatz im Bereich Service und 11-Milliarden-Euro-Umsatz im Bereich Maintenance sei.

Fujitsu

Sein Ex-Vorstandskollege Enslin war schneller. Wenige Tage nach seinem Ausscheiden gab er auf LinkedIn seine Sicht der Dinge wieder und seit Ende April arbeitet er bei Google.

Goerke, Leukert und Enslin

Rob Enslin entschuldigt sich auf LinkedIn, dass hier kein Skandal vorliegt. Er muss alle enttäuschen, die hinter seinem Abgang eine große Geschichte vermuten. Es gebe absolut nichts zu verbergen.

Es gebe keine Geschichte hinter der Geschichte. SAP sei die großartigste Firma der Welt, aber er, Rob Enslin, habe auch noch andere Pläne: Google scheint in der momentanen Situation jedoch das bessere Unternehmen zu sei. Wenn das keine Geschichte ist?

In der SAP-Presseaussendung liest sich das folgendermaßen:

„Ich bin Hasso Plattner, Bill McDermott und all meinen SAP-Kollegen sehr dankbar, dass ich Teil eines so außergewöhnlichen Unternehmens sein durfte. Neue Ziele liegen vor mir, was bleibt, ist tiefster Respekt für dieses Unternehmen und seine Kunden.“

Hier versucht jemand, nach einem Skandal den Ball so flach wie möglich zu halten.

Der Skandal und seine Auswirkungen auf die SAP-Bestandskunden: Cloud-First- Impresario McDermott wird es nach den Abgängen von President SAP Cloud Platform (SCP) Björn Goerke Ende vergangenen Jahres und nun von Cloud-Business-Vorstand Rob Enslin nicht alleine heben. Eslin SCP 2

Mit dem unerfahrenen Technikvorstand Jürgen Müller wird McDermott die Integration und Konsolidierung der Customer-Experience- und Cloud-First-Strategie nicht schaffen. Das C/4-Projekt steht kurz vor dem Scheitern! Wer soll jetzt Hybris, Callidus und Qualtrics harmonisieren, orches­trieren, konsolidieren und integrieren?

Einige Finanzanalysten haben auf den Abgang von Rob Enslin schon reagiert und die SAP-Aktien von „kaufen“ auf „halten“ zurückgestuft. Die SAP-Bestandskunden werden folgen, denn jetzt ist offensichtlich, dass ohne die drei Wissensträger Goerke, Leukert und Enslin sich fast alle SAP-Projekte inklusive C/4 um Jahre verzögern werden.

Was Bill McDermott natürlich nicht davon abhalten wird, auf der Sapphire 2019 in Orlando eine C/4-Fake-News-Show zu veranstalten – inklusive Google?

Cloud Business Group

Robert Enslin, seit 1992 bei SAP, verlässt das Unternehmen nach einer langen und erfolgreichen Karriere in Richtung Google. Er gehörte dem SAP- Vorstand als Präsident der Vertriebsorganisation seit 2014 an.

Als branchenweit respektierte Führungspersönlichkeit und durch seine globale Sicht auf wirtschaftliche und unternehmerische Trends genießt er gleichermaßen einen vorzüglichen Ruf bei Kunden und Branchenanalysten.

Während seiner zweijährigen Verantwortung als Präsident der Cloud Business Group hat er das Cloud-Portfolio der SAP deutlich ausgebaut. Aber bis heute ist nicht bekannt, ob die erst kürzlich abgeschlossene Übernahme des Marktführers für Experience Management, Qualtrics, auch seine Zustimmung fand oder nur ein Herzenswunsch Bill McDermotts war.

Es erscheint aber sehr ungewöhnlich bis merkwürdig, dass ein erfolgreicher Manager wie Rob Enslin genau zum Zeitpunkt seines möglicherweise größten Erfolgs das Unternehmen verlässt. Wäre es Rob Enslin wirklich gelungen, C/4 als Symbiose aus Hybris, Callidus und Qualtrics erfolgreich gegen Salesforce zu positionieren, wäre er mit Garantie der nächste SAP-Vorstandsvorsitzende geworden.

Jetzt darf sich Luka Mucic wieder Chancen ausrechnen, vielleicht schon sehr bald Bill McDermott zu beerben und Enslin macht bei Google Karriere.

McDermott, Morgan und Fox-Martin

Sowohl Enslin als auch McDermott versuchen, den Personalwechsel zu bagatellisieren: Jennifer Morgan folgt Rob Enslin als President Cloud Business Group nach. ­Adaire Fox-Martin verantwortet den SAP- Vertrieb zukünftig allein als President Global Customer Operations.

Die Änderungen im SAP-Vorstand treten mit sofortiger Wirkung in Kraft. Die Vorstandsmitglieder Morgan und Fox-Martin standen der SAP- Vertriebsorganisation seit 2017 erfolgreich gemeinsam vor.

Beide sind international sehr erfolgreich und haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Titel „Most Powerful Women“ des Fortune Magazine. Morgan leitet ihren Bereich weiter aus den USA, Fox-Martin behält ihren Sitz in der Firmenzentrale in Deutschland.

Bill McDermott, Vorstandsvorsitzender der SAP, äußert sich in einer offiziellen SAP-Presseaussendung sehr ausführlich zum Ausscheiden seines Vorstandskollegen: „Zunächst möchte ich Rob Enslin zu seiner außergewöhnlichen SAP-Karriere gratulieren.

Er wird auch in seiner neuen Funktion immer ein Fürsprecher für SAP sein, für mich persönlich bleibt er ein Freund. In ihren erweiterten Vorstandsfunktionen werden uns Jennifer Morgan und Adaire Fox-Martin bei der Weiterentwicklung der SAP tatkräftig unterstützen.

Unser marktführendes ERP-Portfolio und die schnell wachsenden Cloud-Anwendungen machen SAP zu etwas Besonderem im Bereich Unternehmenssoftware. Dieser Wechsel ist der nächste Schritt zur Vereinfachung des Unternehmens.

SAP wird Betriebsabläufe effizienter gestalten, neue Lösungen schneller an den Markt bringen, die Produktqualität verbessern, noch genauer auf Kundenwünsche eingehen und gleichzeitig die Marge deutlich verbessern. ,Best Run SAP‘ ist gleichzeitig Motto, Maxime und Strategie, das Unternehmen disziplinierter und fokussierter zu leiten. Ich bin hinsichtlich der Fähigkeiten von SAP sehr optimistisch, stets Mehrwert für Kunden, Mitarbeiter und Anleger zu liefern.“

McDermott Morgan Klein

Hat Bill McDermott nur darauf gewartet, dass Enslin „endlich“ das Unternehmen verlässt und er dann SAP schlank, schnell und erfolgreich positionieren kann? Bernd Freytag von der FAZ kommt somit nicht umhin, McDermott zu fragen:

„Machen Sie aus dem Ausscheiden keine Fake News? Kein Richtungsstreit, kein Integrationsproblem der zugekauften Firmen?“

Bill McDermott:

„Nein. Unser Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner und ich sind vollständig auf einer Linie. Wenn zwei Vorstände, die zusammen fünfzig Jahre für SAP gearbeitet haben, nach langer Zeit etwas Neues planen, dann ist das völlig normal.

Wir haben mit Jürgen Müller und Christian Klein hervorragende junge Leute im Vorstand. SAP ist stärker als je zuvor. Machen Sie aus dem Ausscheiden keine Fake News.“

Tatsache ist, dass Bill McDermott seit dem Ausscheiden von Bernd Leukert diesen kein einziges Mal mehr per Namen erwähnt hat. In der Presseausendung zum Weggang von Leukert findet sich kein Statement von McDermott und Leukert hatte keine Pläne außerhalb der SAP.

Sehr erfolgreich präsentierte er gemeinsam mit Michael Kleinemeier zu Beginn dieses Jahres die Pläne der SAP-Service-Organisation. Kleinemeier sprach über erreichte Erfolge und bereitete seinen Ruhestand für Ende dieses Jahres vor.

Leukert sprach auf der internen SAP- Veranstaltung motiviert und erfolgreich über die zukünftigen Vorhaben und Pläne. Auch wenn Leukert als Technikvorstand nicht nur Freunde bei SAP hatte, als Service-Vorstand und damit als Nachfolger von Gerd Oswald und Michael Kleinemeier war er unumstritten – nur bei Bill McDermott offensichtlich nicht.

Der Abgang von Rob Enslin hat somit nichts gemeinsam mit der Entlassung von Bernd Leukert. Die Integration der zahlreichen SAP-Clouds, an der Leukert weitestgehend gescheitert ist, ist auch auf der Business-Seite noch nicht abgeschlossen.

Man könnte den Abgang Richtung Google auch als Flucht vor der Verantwortung interpretieren. Oder weiß Enslin etwas, was für die SAP-Community noch im Verborgenen liegt?

In einem „Cloud“-Gespräch hat eine SAP-Vorstand gegenüber dem E-3 Magazin betont, dass noch immer an der SuccessFactors-Integration gearbeitet wird – über Callidus und Qualtrics war es dann nicht mehr notwendig, weiter zu diskutieren.

Professor Hasso Plattner sagte zum Abgang Enslins:

„Wir sind Robert Enslin sehr dankbar für den entscheidenden Beitrag, den er zur Entwicklung von SAP geleistet hat. Der Aufsichtsrat setzt volles Vertrauen in Jennifer Morgan und Adaire Fox-Martin, die nun größere Verantwortungsbereiche innerhalb des Vorstands übernehmen.“

Es wird für die Bestandskunden, die Partner und allen voran für Bill McDermott nicht einfacher: Die Integration der SAP-Clouds und der Aufbau von C/4 lasten nun auf drei Vorständen, von denen zwei Nichttechniker sind: Jennifer Morgan, Christian Klein und Technikvorstand Jürgen Müller.

Jennifer Morgan dazu in einem Presse-Statement:

„Es ist mir eine Ehre, mit dem fantastischen Team der Cloud Business Group zusammenzuarbeiten. Ich bin fest davon überzeugt, dass SAP die besten Zeiten erst noch vor sich hat.“

Klingt sehr nach McDermott, der so bis 2023 den Börsenwert von SAP auf bis 300 Milliarden Euro steigern will. Jetzt, zu Beginn eines Abkühlens der Weltwirtschaft, steht der SAP-Börsenwert bei 122 Milliarden. Robert Enslin wird seine Karriere erfolgreich auch bei Google Cloud Platform fortsetzen und vielleicht folgt ihm schon bald Björn Goerke . Gallery Personal 1905

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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