Die Meinung der SAP-Community Editorial MAG 1902

Der Preis des Fortschritts

Editorial
[shutterstock:379587745, Brian A Jackson]

Jede neue Technik ist ein Rückschritt. Das Neue ist nie so gut eingeführt und evaluiert wie das Alte. Das Neue wird besser als das Alte sein – aber das braucht Zeit. Und diese Zeit gewährt SAP seinen Bestandskunden nicht.

Eines Tages könnte SAP Hana nicht nur die schnellste, sondern auch robusteste und beste ERP/CRM-Datenbank der Welt sein: Gut Ding braucht Weile – ob Hana schon 2025 eine perfekte Datenbankplattform ist, muss aus aktueller Sicht bezweifelt werden.

SAP arbeitet an der Behebung der auftretenden Anomalien mit höchster Konzentration und bestmöglichem Einsatz, aber gewisse „Dinge der Informatik“ brauchen ihre Zeit.

Die Telefonie per ISDN funktionierte perfekt. Aus Sicht des Anwenders gab es keine zwingenden Gründe für einen Systemwechsel – leitungsvermittelte auf paketvermittelte Technik.

Fujitsu

Das ISDN-Kabel konnte man fast beliebig in jedes vorhandene ISDN-Telefon stecken und in der nächsten Sekunde bereits telefonieren. Und VoIP (Voice over IP) – Fehlanzeige!

Abgesehen vom relativ dicken Ethernet-Kabel funktionierte anfangs kein VoIP-Telefon ohne externes Netzgerät. Der erste Auftrag lautete demnach: Steckdose suchen!

Dann die Konfiguration: Mit einer einfachen Durchwahlnummer ist es nicht getan. Wird die IP-Adresse per DHCP automatisch zugeordnet oder muss diese mehrstellige Zahl mit drei Punkten neben der DW auch händisch eingegeben werden?

Vor fünf Jahren war die Installation eines VoIP-Telefons eine bedeutende Herausforderung. Heute geht es leicht und besser: Die Sprachpakete und der Strom kommen über dasselbe Ethernet-Kabel (Voice over IP und Power over Ethernet).

Die Konfiguration erfolgt meist durch die digitale Telefonanlage automatisch und der Netzwerk-Hub kann in der Nacht zeitgesteuert den Strom abdrehen und sparen.

VoIP und PoE hat ISDN um ein Vielfaches übertrumpft, ist flexibler und preiswerter – Ähnliches wünschen sich die SAP-Bestandskunden auch von Hana, S/4, BW/4, C/4 und alle weiteren noch kommenden „Viertel“.

Über IBM hat man einst gespottet, dass der IT-Konzern mit seinem PC-Betriebssystem nur halbe Sachen zustande bringt: OS-Halbe (OS/2) war in wesentlichen Punkten dem kommenden Microsoft Windows überlegen und scheiterte trotzdem.

Heute ist Hana voller Kinderkrankheiten und der ERP/ECC-6.0-Nachfolger bringt bestenfalls ein Viertel der Leistung einer etablierten SAP Business Suite 7 auf einer Oracle-Datenbank. Das Leistungsdefizit von S-Viertel wird verschwinden.

Jenseits von 2025 wird S/4 mit Hana ähnlich dominierend und erfolgreich sein wie R/3 mit IBM DB2, Oracle und MS-SQL-Server. Wird also SAP seinen Bestandskunden genug Zeit einräumen, um diesen Weg auch zu gehen?

Den Preis des Fortschritts dürfen die Bestandskunden nicht allein zahlen, weil in einem Anfall von Hybris das Datum 2025 gewürfelt wurde. Es gibt kein White Paper, keine Roadmap, keine technische Evaluierung oder Absprache mit Partnern, aus denen hervorgeht, dass 2025 die einzig machbare, sinnvolle und alternativlose Antwort ist.

Es ist ein SAP’scher Willkürakt, der massiv von der Community infrage gestellt werden muss. Allen voran sollten die Anwender­vereine, Mentoren und SAP-Partner sich auf die Seite der Bestandskunden stellen und Mäßigung, Demut und Zeit einfordern.

Anlässlich der Präsentation von S/4 in New York City 2015 hat es eine groteske Situation gegeben: Neben dem SAP-Vorstand war einer der berühmtesten und größten SAP-Bestandskunden auf der ­Bühne.

Der Finanzchef von Bayer ist Herr über mehr als 200 Gesellschaften und etwa 100.000 Mitarbeitern aus der chemischen und pharmazeutischen Industrie. Er berichtete anlässlich der S/4-Präsentation vom Abschluss eines zehnjährigen Projekts, bei dem es erfolgreich gelang, SAP R/3 global und flächendeckend bei Bayer einzuführen – und er war voll des Lobes für SAP und dessen Softwareprodukte!

Nach R/3 kommen ERP/ECC 6.0, die SAP Business Suite 7, das Business Warehouse 7.4 sowie NetWeaver und SolMan. Mindestens weitere zehn Jahre könnten für dieses Customizing notwendig werden und jenseits von 2030 wird man dann vielleicht bei Bayer über die Einführung von S/4 und die Ablöse von R/3 nachdenken.

Der ERP-Fortschritt wird stattfinden. Nichts von dem, was SAP behauptet, erklärt und prognostiziert, muss falsch sein. Aber der Zeithorizont 2025 ist Gift für die SAP-Community, das sollte gerade zu Beginn eines neuen Jahres den SAP-Verantwortlichen bewusst sein.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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