Editorial MAG 21-03

Deadlock

Editorial

Es ist mehr als ein Lockdown. In Walldorf versucht man die Quadratur
des Kreises und SAP wird scheitern. Der Übergang vom System McDermott zum System Klein hätte gewissenhafter geplant gehört.

Hier werden keine Schulnoten vergeben oder Manager an den Pranger gestellt, weil es ausschließlich um die SAP-Community geht, um eine Roadmap für SAP-Bestandskunden. Konstruktiv und wichtig war die Wartungsverlängerung für den S/4-Releasewechsel.

Bis 2027/2030 sollten alle Antworten auf dem Tisch liegen, sodass ein Bestandskunde evaluieren kann, mit welchem ERP-System er die kommenden 25 Jahre arbeiten will. Michael Kroker schrieb in der Wirtschaftswoche vollkommen richtig: „Ein DAX-Gigant unter Druck. Einmal SAP, immer SAP? Diese Zeiten sind vorbei!“

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Anders gesagt: Christian Klein hat mit analytischem Verstand versucht, für SAP die Quadratur des Kreises zu finden. Was beim Großen fermatschen Satz nach 350 Jahren einigen brillanten Mathematikern gelang, werden wahrscheinlich die drei Musketiere – Christian Klein, Jürgen Müller und Thomas Saueressig – so schnell nicht hinbekommen.

Nach der ruppigen Übergabe der SAP-Führung von Bill McDermott an Jennifer Morgan und Christian Klein erschien die Herausforderung noch relativ simpel – ähnlich wie der Satz von Pierre de Fermat aus dem 17. Jahrhundert. Ausgangspunkt für Fermat war der jedem bekannte und vielfach angewendete Satz des Pythagoras: a2 + b2 = c2. Innerhalb weniger Minuten lässt sich der Satz des Pythagoras für jeden anschaulich beweisen.

Vielleicht ähnlich einfach wie ein Greenfield-Customizing von Hana und S/4. Was Fermat tat, war nicht nur sehr anschaulich, sondern auf den ersten Blick sehr simpel – ähnlich wie die bekannte Formel von Bill McDermott: Run Simple.

Fermat ersetzte im Satz des Pythagoras die Quadratsymbole durch „n“ mit n ist gleich größer 2. Was nun? Gibt es eine Lösung für die Gleichung an + bn = cn? Nach 350 Jahren wissen wir: Es ist nur möglich für n gleich 1 oder 2. Nun hat Christian Klein weder diese Zeit noch erscheint er als Teamspieler. Kurz nach der neuerlichen Doppelspitze bei SAP übernahm Klein das Ruder und SAP-Co-CEO Jennifer Morgan musste gehen.

Konstruktiver Widerspruch ist in Walldorf nicht erwünscht. Bereits zuvor musste unter Bill McDermott der damalige Technikvorstand Bernd Leukert über Nacht gehen, weil er andere Vorstellungen von der Integration der Cloud-Zukäufe eines McDermotts hatte. Aktuell ist Leukert sehr erfolgreich als Technikvorstand bei der Deutschen Bank.

Ein ähnliches Schicksal erfuhr Cloud-Pionier und SAP-Vorstand Rob Enslin. Auch seine Meinung war nicht gefragt und er ging zu Google. Jennifer Morgan musste ebenso gehen wie SAP-Vorständin Adaire Fox-Martin, die den weltweiten Vertrieb hervorragend leitete.

Große Herausforderungen lassen sich aber nur im Team lösen oder gemeinsam mit einer Community, siehe Großen fermatschen Satz. Fraglich ist, ob sich überhaupt eine Lösung finden wird: Der Informatiker würde von Deadlock sprechen. Befriedigt SAP-Chef Klein seine Bestandskunden, verliert er die Cloud-Story. Gibt sich Klein innovativ und kauft er ein Start-up wie das Berliner Unternehmen Signavio, dann feiern ihn die Analysten und die Presse, aber die Bestandskunden bleiben verwirrt zurück – ein ähnliches Produkt wie von Signavio steht seit vielen Jahren auf der SAP-Preisliste (PKL) und wird von Celonis geliefert.

Die Cloud-Story scheint momentan die größte Baustelle zu sein, weil neue SAP-Kunden naturgemäß zum anfangs preiswerten Cloud-Modell greifen. Aber finanztechnisch wäre es für SAP wichtig, nicht nur einen schnellen S/4-Releasewechsel zu vollziehen, sondern ihre Bestandskunden auch in die Cloud zu heben.

Ein weiterer Deadlock: Cloud ist die Story, aber die langjährigen Anwender verharren im On-premises. Langfristig erscheint die Cloud als zu teuer und zu unflexibel. Und ähnlich, wie SAP keine Antwort auf AnyDB nach 2025 hat, gibt es auch keine überzeugende Cloud-Exit-Strategie. Wer aber nicht weiß, wie er wieder rauskommt, will offensichtlich auch nicht hinein – ein weiterer Deadlock.

Die Liste der Ungereimtheiten lässt sich fast beliebig fortsetzen: Den SAP-Bestandskunden wird eine No-Code/Low-Code-Anwendung nach der anderen präsentiert. Vor einigen Jahren beschloss SAP eine Übereinkunft mit der Siemens-Tochter Mendix. Vergangenes Jahr präsentierte Technikvorstand Jürgen Müller Ruum als SAP-eigenes Low-Code-Angebot.

Vor wenigen Wochen erklärte SAP-Chef Christian Klein den SAP-Bestandskunden die Übernahme des Berliner Start-ups Signavio für den geplanten Schwerpunkt Process Mining, aber auch inklusive einer No-Code-Anwendung. Mitte Februar verlautete SAP die Übernahme des No-Code-Entwicklers AppGyver. Somit sollten sich im nächsten Quartal auf der PKL (Preis- und Konditionenliste) vier No-Code/Low-Code-Anbieter
wiederfinden – der SAP-Bestandskunde hat die Qual der Wahl.

Was zu Beginn der CEO-Karriere von Christian Klein noch einfach, wie der Satz des Pythagoras, aussah, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zum Jahrhundertproblem ähnlich dem Satz von Fermat. Wenn es in dieser Richtung weitergeht, wird SAP zum Stillstand kommen und der Deadlock ist endgültig.

Hoffnung gibt jedoch der SAP-Vorstand als Ganzes. Die Mischung mit den Neuzugängen von Microsoft, Sabine Bendiek und Julia White, ist nahezu perfekt. Wenn jetzt Christian Klein auch noch ein Teamspieler wird, ohne übermäßige Lust am Controlling, könnte alles wieder gut werden.

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
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