MAG 15-11 Szene

Das S/4- und Cloud-Desaster

2015
Geschrieben von E-3 Magazin

DSAG-Vorstandsvorsitzender Marco Lenck verpackte die bittere Wahrheit sorgfältig, sodass diese vielleicht von SAP-Technikvorstand Bernd Leukert nicht wahrgenommen wurde – denn eine Reaktion darauf gab es nicht.

Es ist dennoch eine Tatsache – auch wenn Walldorf nicht darauf reagiert: S/4 Hana und Cloud Computing sind im deutschsprachigen Teil der SAP-Community weitgehend irrelevant.

Auf die Frage, wie denn nun die DSAG-Mitglieder mit dem Thema S/4 Hana in ihren Unternehmen umgingen, antworteten über die Hälfte der 357 Befragten mit einem symbolischen „Nein“ (siehe Tortengrafik).

Die Gewichtung und Verortung von S/4 Hana ist somit überwiegend negativ. Ähnlich verhält es sich mit der strategischen Relevanz (siehe Balkengrafik). Während 70 Prozent der Befragten die klassische SAP Business Suite 7 (S/7) für hoch strategisch erachten, sagen gleichzeitig 80 Prozent, dass S/4 Hana in der Cloud nur niedrige Relevanz für ihr Unternehmen hat.

Winshuttle

Mit diesen Umfrageergebnissen bekommt SAP eine doppelte Ohrfeige: Einerseits wird Cloud Computing aus Walldorf gnadenlos abgestraft, andererseits traut man S/4 noch nicht allzu viel zu. Nach der strategischen Relevanz von S/4 als On-premise-Lösung antwortete jeweils ein Drittel der 357 Befragten mit hoch, mittel und niedrig.

Absage an die Cloud als strategische ERP-Lösung ist somit ein Ergebnis der auf dem Jahreskongress 2015 präsentierten DSAG-Umfrage. Eine ganz klare Vorstellung haben die Befragten allerdings von der klassischen Business Suite als strategisches ERP-Rückgrat im Unternehmen. Die Cloud-Lösungen fallen dagegen in den unteren einstelligen Bereich.

„DSAG-Mitglieder haben großes Know-how im Bereich der Business Suite aufgebaut und vertrauen darauf, damit ihre Prozesse heute und in Zukunft effizient und möglichst vollständig abzubilden. Trotz innovativer Produkte muss die Zukunftssicherheit bei der Business Suite bestehen bleiben“

lautet die Forderung seitens der DSAG.

Das bedeutet, auch bestehende SAP-Produkte müssen Digitalisierungsstrategien der Unternehmen unterstützen und sich dahin gehend erweitern lassen bzw. weiterentwickelt werden.

Mit S/4 Hana hat SAP sich aufgestellt, um Lösungsansätze für die Digitalisierung von Geschäftsprozessen aufzuzeigen. Unter den DSAG-Mitgliedern zeigt sich aktuell noch ein zweigeteiltes Bild:

Etwa 37 Prozent der Befragten fehlt der unternehmerische Mehrwert, etwa 11 Prozent haben sich noch nicht mit S/4 beschäftigt. Dem gegenüber stehen 6,2 Prozent, die ein Projekt gestartet haben. 4 Prozent der Unternehmen haben Lizenzen erworben.

Rund 37 Prozent sind gerade dabei, sich zu informieren (siehe Tortengrafik). Was DSAG-Mitglieder aktuell benötigen, um einen Einsatz von S/4 besser abwägen zu können, sind konkrete Informationen, welche Funktionen die Lösung abdeckt. Für 72 Prozent der Befragten ist dies das wichtigste Entscheidungskriterium.

„Der Erfolg eines ERP für Kunden wird sich über die Funktionalität entscheiden. Sie ist der Schlüssel für Digitalisierungsvorhaben“

erläutert der DSAG-Vorstandsvorsitzende Marco Lenck ein wesentliches Ergebnis des Realitäts-Checks.

„SAP stellt diese Informationen derzeit noch nicht ausreichend zur Verfügung.“

Weiterhin fehlen, laut DSAG-Umfrage, konkrete Aussagen zum Geschäftsnutzen, zum Lizenzmodell und Informationen zu den Voraussetzungen, wie Unternehmen auf S/4 Hana migrieren können. Aus diesen Gründen ist eine gewisse Zurückhaltung und Skepsis unter den Mitgliedern zu spüren.

In der Schweiz ergibt sich ein differenzierteres Bild: S/4 Hana wird ein zunehmend wichtigeres Thema. Die Zahl der Unternehmen, die sich bereits intensiv mit S/4 auseinandersetzen, ist mittlerweile deutlich höher als die Zahl derer, die bislang noch keinen Mehrwert für sich erkennen können.

Ebenso wird die strategische Relevanz von SAP-Lösungen wie Hana On-Premise, On-Demand oder auch HEC (Hana Enterprise Cloud) von den Schweizer Unternehmen deutlich höher eingeschätzt als in der gesamten DSAG-Mitgliederbasis.

Dazu Christian Zumbach, DSAG-Vorstand für die Schweiz:

„Das bestätigt einen Trend, der sich bereits über die letzten Jahre abgezeichnet hat, dass in der Schweiz IT-Innovationen schneller akzeptiert und angenommen werden als in Deutschland oder Österreich.“

Unter den österreichischen DSAG-Mitgliedern genießt Hana nach Einschätzung von Wolfgang Honold im Vergleich zur DACH-Region aktuell ebenfalls einen höheren Stellenwert.

„Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei aller Innovation z. B. die Weiterentwicklung der SAP-Lösung für das Personalwesen innerhalb von SAP ERP bzw. S/4 für die österreichischen Unternehmen von essenzieller Bedeutung ist“

so der DSAG-Vorstand für Österreich.

Eine Ablösung von SAP Human Capital Management durch SuccessFactors wäre nur dann vorstellbar, wenn die reibungslose Integration gewährleistet und die landesspezifischen Anforderungen in der Lohnabrechnung umgesetzt sind.

Die digitale Transformation hält bei den Mitgliedsunternehmen der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe Einzug: 15 Prozent der Befragten sind dabei, Projekte zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen aktiv umzusetzen.

Fast jedes dritte Unternehmen evaluiert Themen wie Internet of Things (IoT) und Industrie 4.0. Die andere Hälfte der Umfrageteilnehmer ist noch zurückhaltend und sieht derzeit noch keinen Bedarf.

DSAG-Vorstandsvorsitzender Marco Lenck rechnet in den kommenden Monaten mit einem weiteren Schub zu diesem Thema:

„In vielen Branchen kann es wettbewerbs­entscheidend sein, Geschäftsmodelle an den Markt anzupassen. Daher gilt es, Geschäftsprozessanforderungen schnell, flexibel und möglichst einfach umzusetzen.“

Die Möglichkeiten kann und sollte SAP liefern, sowohl mit neuen als auch mit bestehenden Lösungen. Die Umfrage wurde im Sommer 2015 durchgeführt. Befragt wurden IT-Leiterinnen und IT-Leiter sowie Unternehmensvertreter aus DSAG-Mitgliedsunternehmen.

Insgesamt haben 357 Anwenderunternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus sämtlichen Branchen und Unternehmensgrößen teilgenommen. Pro Mitgliedsunternehmen wurde eine Person befragt.

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Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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