Die Meinung der SAP-Community Lünendonk - Kolumne MAG 1907

Das Rückgrat der digitalen Transformation

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Noch nie war der Druck zur Veränderung größer als heute. Die mittlerweile nicht mehr so ganz neuen Anforderungen führen zu der Notwendigkeit einer digitalen Transformation.

Neue Technologien, neue Kundenanforderungen, kürzere Marktzyklen, Daten- und Plattform-Ökonomie und der Erfolg rein digitaler Geschäftsmodelle zeigen in einigen Branchen bereits die schnelle Vergänglichkeit traditioneller Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen. Das ist zwar an sich nichts Neues, aber in vielen Top-Etagen großer Unternehmen noch nicht sehr lange als dringendes Handlungsfeld erkannt.

Change Management

Von notwendigen Veränderungsprozessen sind die Unternehmensstrategien und die Produktentwicklung genauso betroffen wie die Aufbau- und Ablauforganisation sowie die IT-Landschaft.

Radikale Veränderungen müssen her, ohne Rücksicht auf jahrzehntelang bewährte Strukturen und Abläufe. Damit man Mitarbeiter, Führungskräfte und Kunden sowie Partner nicht vor den Kopf zu stößt, ist Change-Management und viel Empathie für die alternativlosen Schritte dringend empfohlen.

Fujitsu

Gerade im Kontext der ERP-Modernisierung und der Ablösung der ERP-6.0-Version durch S/4 Hana, aber auch die Microsoft-Strategie, ihre ERP- und CRM-Systeme mittelfristig in die Dynamics-365-Welt zu überführen, ergeben sich einschneidende Veränderungen. Denn eine ERP-Transformation ist nicht nur eine technische Migration auf eine neue Version.

Mit dem Übergang in die neue Cloud-Welt verändern sich auch die Prozesse und Abläufe – beziehungsweise sollten sie sich verändern. Mit einer rein technischen Migration werden Unternehmen die Anforderungen der Digitalisierung nicht bewältigen können, da die bisherigen Unternehmensprozesse auf die alten ERP-Strukturen ausgerichtet sind und in der Regel das genaue Gegenteil von Agilität und Flexibilität darstellen.

Aber genau das braucht es, um in der Plattform-Ökonomie künftig eine Chance zu haben. Es gibt also eine Reihe offener Baustellen, die es möglichst gleichzeitig abzuarbeiten gilt. Aber so einfach ist das in der Realität natürlich nicht.

Stecker ziehen geht nicht

Während Start-ups den großen Vorteil haben, ihre Prozesse und IT-Landschaft auf einer „grünen Wiese“ aufbauen zu können, müssen Unternehmen aus der Old Economy zunächst die digitale Transformation mit einer gewachsenen Prozess- und IT-Landschaft bewältigen.

Dabei sind die IT-Systeme in der Regel auf die individuellen Prozessanforderungen ausgerichtet und nicht komplett auf die Anforderungen der Kunden. Sichtbar wird dies bei digitalen Geschäftsmodellen, beispielsweise im E-Business.

So bilden viele Lösungen im E-Business die meistens sehr komplexe, historisch gewachsene und verschachtelte Prozesslandschaft ab und eben nicht die Anforderungen der Kunden an durchgängige, kundenorientierte und einfache Prozesse. Customer Experience und User Experience geht definitiv anders und besser!

Start-ups und die großen Internetkonzerne (Amazon, Google etc.) haben den großen Vorteil, dass sie ihre Business- und Operating-Modelle von Anfang an auf Agilität, Kundenzentrierung und Datenanalyse aufgebaut haben.

Ihre Geschäftsprozesse sind modular aufgebaut und miteinander eng verzahnt, über Microservices und APIs können sie Plattform-Geschäftsmodelle aufbauen und Drittanbieter (Zahlungsdienstleister, ergänzende Servicefunktionen, Chatbots etc.) nahtlos an ihre IT-Systeme andocken, aber vor allem stehen ihnen Unmengen an Daten zur Verfügung, die sie mit einer hohen Analytics- Kompetenz auch auswerten können.

Das Problem von Legacy-Prozessen und Legacy-IT kennen sie nicht, ebenso wie historisch gewachsene IT-Monolithen, die genau das Gegenteil von schnittstellenoffen, flexibel, hochskalierbar und agil sind – die Old Economy jedoch schon.

ERP-Wildwuchs

Lünendonk hat in einer aktuellen Studie in Zusammenarbeit mit den Beratungsunternehmen Arvato Systems, Kobaltblau und Warth & Klein Grant Thornton he­rausgefunden, dass die meisten großen mittelständischen Unternehmen und Konzerne deutlich über zehn verschiedene ERP-Systeme im Einsatz haben.

Das ist per se kein Problem, allerdings sind in der Regel die einzelnen ERP-Systeme sehr stark auf unternehmensspezifische Prozesse und fachliche Anforderungen ausgerichtet und vom Standard weit entfernt.

Die Customizing-Industrie der letzten Jahrzehnte, besonders im SAP-Umfeld, hat dafür gesorgt, dass aus vielen Standardlösungen faktisch komplexe Individualanwendungen geworden sind, die man am besten gar nicht mehr anfasst, um Störungen im Betriebsablauf zu vermeiden.

Der Druck auf CIOs, ihre IT-Landschaft und Prozesse nun endlich besser auf die Anforderungen der Fachbereiche sowie auf neue Kundenanforderungen bei digitalen Geschäftsmodellen auszurichten, ist in den letzten Monaten enorm gestiegen.

Themen wie Prozessautomatisierung, E-Business und Business Apps für mobiles Arbeiten sind dabei wichtige Anforderungen aus den Fachbereichen. Eine hohe Customer Experience ist bei digitalen Produkten und neuen Geschäftsmodellen mittlerweile eine Kernanforderung und eine wichtige Voraussetzung für die Skalierung von digitalen Geschäftsmodellen.

Obwohl CIOs schon seit Jahren auf die drängenden Probleme der Integrations­fähigkeit von neuen digitalen Lösungen hinweisen, wurden oft die notwendigen Budgets nicht bewilligt. Denn Transformation kostet Geld und viele Top-Manager haben gehofft, dass der Wind der Digitalisierung schon irgendwie vorbeizieht.

Als Konsequenz dieses fatalen Nichthandelns kämpfen nun viele Unternehmen damit, dass die IT-Landschaften in den letzten Jahren noch komplexer und heterogener geworden sind, da eine Vielzahl an neuen digitalen Lösungen aus Bereichen wie IoT, E-Business und Digital Marketing hinzugekommen sind.

Luenendonk 1907

Gibt es in Ihrem Unternehmen eine Strategie zur Modernisierung der Legacy-Systeme (Bestandssysteme) beziehungsweise zur Migration von Anwendungen in der Cloud? n = 117, Quelle: Lönendonk

IT-Modernisierung notwendig

Das Festhalten an alten Zöpfen und die Besitzstandswahrungsmentalität in vielen Unternehmen führten in vielen Fällen dazu, dass die Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben häufig nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat, weil die Kunden mit den Ergebnissen nicht zufrieden waren und so ein Umdenkprozess in den oberen Führungsebenen angestoßen wurde.

Das Bewusstsein, dass eine moderne und vor allem schnittstellenoffene IT-Landschaft sowie eine zentrale Data Governance und konsistente (Stamm-)Daten die Grundvoraussetzungen für die digitale Transformation sind, ist mittlerweile auch in den obersten Führungsebenen vorhanden.

So beobachtet Lünendonk am Markt ein stark zunehmendes Interesse am Thema „S/4 Hana Transformation“. Dies wird dadurch gestützt, dass alle von Lünendonk in der Studie „Fit für die digitale Transformation“ befragten CIOs und IT-Leiter konkrete Pläne haben, um ihre ERP-Landschaft zu modernisieren und auf veränderte Abläufe und Geschäftsprozesse neu auszurichten.

Allerdings unterscheiden sich die Unternehmen hinsichtlich der Wahl der Modernisierungsstrategien deutlich. Während die eine Hälfte auf die Konsolidierung der ERP-Systeme setzt beziehungsweise diese bereits abgeschlossen hat, hält die andere Hälfte der CIOs von einer Konsolidierung Abstand – vermutlich, weil die Systeme in die Cloud umziehen werden und in die S/4-Hana- oder die Microsoft-Dynamics-Welt übergehen.

Aber auch andere ERP-Hersteller folgen dem Markttrend, den die ERP-Giganten vorgeben, und bieten Lösungen zunehmend cloudbasiert an, allerdings vorsorglich immer mit der Möglichkeit, diese auch on-premises zu betreiben. Dass es sich dann dabei um keine echte, sondern nur eine technische Cloud handelt, spielt in vielen Marketingabteilungen keine große Rolle.

Cloud First

So sind sich die befragten Unternehmen auch bei der Frage einig, ob sie ihre ERP-Systeme in die Cloud migrieren. 65 Prozent der befragten IT-Entscheider setzen auf die Migration in die Cloud, während weitere 16 Prozent je nach ERP-Anwendung eine Cloud-Migration oder die Fortsetzung des On-premises-Betriebs bevorzugen.

Besonders hoch ist der Anteil der Unternehmen, die mit ihren ERP-Systemen in die Cloud migrieren, bei den befragten Konzernen mit mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz: Acht von zehn der befragten IT-Entscheider haben sich für die Strategie der Cloud-Migration entschieden.

Aber auch bei den mittelgroßen Unternehmen ist der Anteil jener, die eine Cloud-Migrationsstrategie bei ihrer ERP- Modernisierung verfolgen, groß. Allerdings sind viele dieser Vorhaben derzeit noch in Planung, was beispielsweise durch die geringe Zahl der Implementierungen von S/4 Hana deutlich wird.

Dagegen steigen die Aktivitäten der Unternehmen im Bereich der Vorstudien und ROI-Betrachtungen sichtlich an, was sich auch an der Geschäftsentwicklung der IT-Dienstleister und Managementberater ablesen lässt. Diese sind nämlich derzeit stark ausgelastet, wenn es um die Vorbereitung von IT-Modernisierungsprojekten, speziell im SAP-Bereich, geht.

Fazit

Customer Experience und Customer Cen­tricity sind zwei wesentliche Faktoren, warum die digitalen und datenbasierten Geschäftsmodelle von Start-ups und der GAFAs (Google, Amazon, Facebook, Apple) gut skalieren.

Beide Faktoren hängen sehr stark mit einer auf Microservices und APIs basierenden IT-Landschaft zusammen, mit der sich Plattformen vergleichsweise einfach aufbauen und skalieren lassen.

Den Vorteil der „grünen Wiese“ haben die traditionellen Unternehmen der Old Economy nicht, da sie nicht einfach den Stecker ziehen und ein Jahr pausieren können. Der Greenfield Approach hilft sicher im SAP-Bereich, für einzelne Bereiche ein altes ERP „plattzumachen“ und ein neues aufzusetzen, aber für das gesamte Unternehmen ist das logischerweise keine Option, da der laufende Betrieb gewährleistet sein muss.

Der ERP-Markt wird sich künftig sehr stark verändern, da aufwändiges Customizing voraussichtlich seltener durchgeführt wird und Unternehmen im Standard bleiben – hoffentlich, da sonst auch die Cloud-Benefits sich nicht einstellen werden.

Externe Unterstützung und neue strategische Partnerschaften sind für die meisten Unternehmen eine wichtige Vo­raussetzung, um ihre IT ins digitale Zeitalter zu führen. Auch das wird den Markt verändern und stark beschäftigen, da der Mangel an IT-Fachkräften, speziell mit Cloud-Background, und der Zeitdruck, die Digitalisierung voranzutreiben, enorm hoch sind.

Über den Autor

Mario Zillmann, Lünendonk

Angestellt als Partner bei der Lünendonk GmbH

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