Coverstory 22-05 Mag 22-05

Composable Business

Geschrieben von E-3 Magazin

Der neue Trend in der ERP-Szene ist Composability. Ein Entwurfsprinzip, das sich mit den Wechselbeziehungen von Komponenten befasst. Das Konzept ist richtig, aber nicht neu: In der Antike war es die Steuermannskunst, auch bekannt unter dem systemischen Begriff Kybernetik. SAP-Partner KPS zeigt, wie Composable Business zu 80 Prozent im ERP-Standard funktionieren kann. 20 Prozent der Geschäftsprozesse dürfen nach strengen Regeln – Advokatenkonzept – individuell ausgeformt sein

Mit komplexen Systemen umzugehen hat die SAP-Community in den vergangenen 50 Jahren gelernt – aber kompliziert darf es nicht werden. Zwei KPS- Referenzkunden beweisen, dass der Ansatz mit einer Plattformstrategie gelingen kann. Bei The KaDeWe Group beweist Michael Peterseim, dass zwei Kaufhauskonzerne mit sehr verschiedener Vorgeschichte auf S/4 Hana konsolidiert werden können, und beim Hersteller von Duft- und Geschmacksstoffen Symrise zeigt Stefan Tittel, warum auch im B2B eine Customer Experience sehr wichtig wird.

Das E-3 Magazin hat im Vorfeld mit Stefan Tittel, Symrise, Michael Peterseim, KaDeWe, Mario Zillmann, Partner und Analyst bei Lünendonk und Hossenfelder, sowie von KPS mit Katrin Wischhusen und Philipp Krueger ein virtuelles Round-Table-Gespräch geführt. Die Aufzeichnung des Videostreams ist kostenfrei auf dem E-3 YouTube-Kanal abrufbar. Das Gespräch umfasst die wesentlichen Herausforderungen einer digitalen Transformation mit dem praktischen Ansatz einer 80/20-Regel und was dieses Entwurfsprinzip für eine S/4-Einführung bei KaDeWe und Customer Experience, CX, bei Symrise bedeuten wird.

Wenn auch auf den ersten Blick die IT-Herausforderungen von Michael Peterseim und Stefan Tittel sehr verschieden erscheinen mögen, im Kern sind beide Aufgabenstellungen – S/4 und CX – ein Teil der digitalen Transformation, in der es um neue Geschäftsprozesse und die Beherrschung der Komplexität geht. Damit erfüllen die Projekte die Notwendigkeit eines Composable Business. Auf Wikipedia ist zum Begriff Composability nachzulesen: Es ist ein Entwurfsprinzip, das sich mit den Wechselbeziehungen von Komponenten befasst. Ein hochgradig zusammensetzbares System bietet Komponenten, die in verschiedenen Kombinationen ausgewählt und zusammengebaut werden können, um spezifische Benutzeranforderungen zu erfüllen.

Best of Breed und KPS-Plattformen

Das Denken in Komponenten und Modulen ist den SAP-Bestandskunden seit R/2 geläufig. Die Technik des Cloud Computing und die zahlreichen Zukäufe und Übernahmen durch SAP in den vergangenen Jahren haben die Idee von zusammensetzbaren Systemen weiter vorangetrieben. Damit jedoch dieser spezifische Best-of-Breed-Ansatz nicht zusammen- oder auseinanderfällt und mit individuellen Einzelentscheidungen unreparierbar wird, braucht der SAP-Bestandskunde eine oder mehrere Plattformen und ein systemisches Konzept, das ihn im Standard hält.

Das Vermögen von KPS ist die Kombination eines Composable Business mit einem Ansatz der 80/20-Regel. Michael Peterseim erklärte im Gespräch, wie er mit einem Advokatenkonzept den ERP-Standard hochhält und nur in verifizierten Ausnahmesituationen auch Modifikationen zulässt, siehe auch Seite 49. SAP nennt es: Keep the Core clean. Damit soll bei zukünftigen S/4-Systemen der Wildwuchs an Abap-Modifikation im Z-Namensraum vermieden werden. Diese Forderung hören die SAP-Bestandskunden sehr wohl, allein ohne Entwurfsprinzip – Composability – ist die Umsetzung eine Sisyphusarbeit. KPS hat dafür jedoch Plattformkonzepte entwickelt, die Katrin Wischhusen und Philipp Krueger im E-3 Round-Table-Gespräch vorstellen und auf den folgenden Seiten nachgelesen werden können.

Philipp Krüger, KPS
Philipp Krueger von KPS weiß alles über Customer Experience im Back- und Frontoffice. Mit einer Composable Architektur unterstützt er Symrise beim Aufbau eines CX/CRM-Systems.

„Composable Business ist in der Wirtschaft noch nicht flächendeckend, da es ein Umdenken in den Unternehmen erfordert“, so Analystin Monika Sinha von Gartner in einem Bericht Ende vergangenen Jahres. „Traditionelles unternehmerisches Denken betrachtet Veränderungen als Risiko, während Composable Thinking – kompositionsfähiges Denken – das Mittel ist, um das Risiko eines beschleunigten Wandels zu meistern und neuen Geschäftswert zu schaffen.“ CIOs, die eine Com-posable Architektur umsetzen, erkennen, dass sich die geschäftlichen Bedingungen häufig ändern, von den Kundenanforderungen bis hin zu den Finanzmodellen, und befähigen ihre Teams, die am nächsten am Geschehen sind, auf diese neuen Bedingungen zu reagieren und sich neu zu formieren.

In einer Studie von Lünendonk und Hossenfelder wird es anders, dem Sinn nach aber gleich definiert: Der wertsteigernde Einsatz der IT zur Erfüllung von Kunden- und Business-Bedürfnissen steht in den kommenden Jahren im Fokus. Der Um- und Ausbau kundenzentrischer Prozesse wird dazu führen, dass Technologien wie künstliche Intelligenz oder Robotic Process Automation verstärkt zum Einsatz kommen, um Abläufe zu automatisieren und zu optimieren. „Digitale Technologien führen zu mehr Geschwindigkeit und Flexibilität, etwa um schneller auf Kundenbedürfnisse zu reagieren. Ein effizienter Kundenservice kann einen klaren Wettbewerbsvorteil schaffen und Kunden begeistern“, erklärt Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk und Hossenfelder und Studienautor. Bei 78 Prozent der Unternehmen steht die Automatisierung von Kundenprozessen mittels digitaler Technologien bis zum Jahresende 2022 daher im Fokus.

Mario Zillmann, Lünendonk
Mario Zillmann, Partner und Analyst bei Lünendonk, beobachtet seit vielen Jahren die SAP-Szene. Aus seiner Studie stammt auch die Grafik auf der gegenüberliegenden Seite.

Das Gemeinsame all dieser Bemühungen ist die Kybernetik, diese Wissenschaft beschäftigt sich mit der Steuerung und dem Informationsfluss von komplexen Systemen. Hierbei geht es um die Funktionalität eines vernetzten Systems – ähnlich wie es aktuell durch den Begriff Composability definiert wird. Diese systemische Organisation und Steuerung brauchen naturgemäß eine Basis, die im theoretischen Bereich das generische ERP-Modell von S/4 ist und im praktischen Bereich das Plattformangebot von KPS.

KPS hat basierend auf 20 Jahren Erfahrung auf einzelne Branchen zugeschnittene Plattformen entwickelt, die KPS Instant Platforms. Auf der Plattform sind alle E2E-
Business-Szenarien einer Branche mit rund 50 Use Cases als S/4-Hana- und Customer-Experience-Lösungen vorhanden. „Direkt im System erlebbar, integriert, getestet und nach gängigen Normen und Standards dokumentiert“, erklärt Katrin Wischhusen. Grundlage ist der SAP-ERP-Standard, einige spezifische, individuell ausgeprägte Use Cases für die Branche sind ebenso enthalten. Für die Visualisierung bis auf die Ebene einzelner Prozessschritte verwendet KPS das SAP-Angebot Signavio. Für die Dokumentation oder Online-Click-Anleitungen das SAP-Werkzeug EnableNow. Die KPS Instant Platforms sind zum Festpreis erhältlich.

Katrin Wischhusen
Katrin Wischhusen ist bei KPS die Expertin für das S/4-Hana-Customizing. Ihre Werkzeuge sind die KPS-Plattformen, die eine effiziente Conversion nach der 80/20-Regel garantieren.

Digital Experience Services

Marketing- und Vertriebsverantwortliche setzen laut der Lünendonk-Studie „Der Markt für Digital Experience Services in Deutschland“ im Zuge ihrer Digitalisierungsstrategien verstärkt auf die Vermarktung von Produkten und Services über digitale Kanäle. Das ist auch der Aufgabenbereich, wo Stefan Tittel von Symrise mit Philipp Krueger von KGS erfolgreich zusammenarbeitet. 83 Prozent der von Lünendonk befragten Unternehmen legen in diesem Jahr den Investitionsschwerpunkt auf den Auf- und Ausbau digitaler Marketing-, Kommunikations- und Vertriebskanäle. Wettbewerber, die bereits eine gute Customer Experience aufweisen und ihren Kunden einen einfachen Zugang zu Produkten und Services ermöglichen, werden dadurch von vielen Unternehmen als große Bedrohung gesehen. Die aktuelle Studie zu Digital Experience Services (DXS) des Marktforschungs- und Analystenunternehmens Lünendonk und Hossenfelder ist auf der Website des Analysten kostenfrei verfügbar.

Stefan Tittel, Symrise
Stefan Tittel, CIO und Corporate VP Group IT bei Symrise, baut gemeinsam mit Philipp Krueger, KPS, ein CX/CRM-System für optimale B2B- Kommunikation mit den Symrise-Kunden.

Die seit vielen Monaten bestehenden Herausforderungen in Industrie und Handel verändern die Kundenanforderungen und fördern das Omnichannel-Management: Daraus resultiert eine stärkere Nutzung digitaler Kanäle und Angebote. Kunden erwarten daher online dieselbe Qualität und Verfügbarkeit von Angeboten, die sie aus der Offline-Welt kennen – ein Thema, mit dem sich sowohl Michael Peterseim von The KaDeWe Group als auch Stefan Tittel von Symrise auseinandersetzen. „Eine nahtlose Integration der Online- und Offline-Angebote im Sinne eines Omnichannel-Managements ist essenziell, um ein hochwertiges Kundenerlebnis zu erreichen“, erklärt Mario Zillmann als Autor der Studie.

Touchpoints und Omnichannel

Drei Viertel der von Lünendonk Befragten sehen die Fragmentierung der Kunden-Touchpoints und des dadurch notwendigen Aufbaus von Omnichannel-Strategien eher oder gar als sehr herausfordernd an. Doch nur 22 Prozent schätzen sich selbst bei der Verknüpfung aller Kundeninteraktionspunkte hin zu einer 360-Grad-
Gesamtsicht als weit fortgeschritten ein. „Für uns ist zentral, dass das Kerngeschäft möglichst schnell und sauber abgebildet wird“, ergänzt Michael Peterseim, Geschäftsführer für Finanzen, Operations und Digitalisierung bei der KaDeWe Group, die Aussagen der Lünendonk-Studie und er präzisiert: „Die Business Continuity muss gewährleistet sein, während gleichzeitig Omnichannel-Qualitäten ausgebaut, Touchpoints über alle Kanäle hinweg harmonisiert sowie die Customer Experience optimiert werden.“ (Siehe auch Seite 46 dieser Coverstory.)

Michael Peterseim, KaDeWe
Dr. Michael Peterseim, Geschäftsführer bei der KaDeWe Group, wird mit Unterstützung von Katrin Wischhusen, KPS, bei den KaDeWe-Häusern und bei Globus ein S/4 Hana customizen.

Mario Zillmann schreibt im Vorwort zur zitierten Studie: Die hohe Geschwindigkeit der digitalen Transformation und die Adaption neuer digitaler Technologien stellen für 77 Prozent der Unternehmen eine Herausforderung dar. Ebenso erschwert der Mangel an Digitalexpertinnen und -experten die Digitalisierung – ein Dauerbrennerthema. Hier setzt KPS mit der erwähnten 80/20-Regel an: Ein schneller Einstieg in die neue ERP-Welt kann gelingen, wenn nahe am Standard das Customizing erfolgt, was naturgemäß eine Individualisierung nicht ausschließt, aber unter großer Sorgfaltspflicht zu erfolgen hat.

Composability durch Wandel

Im digitalen Zeitalter müssen Unternehmensarchitekturen für Ungewissheit und ständigen Wandel ausgelegt sein. Anstatt auf Effizienz zu optimieren, optimiert die kompositionsfähige Organisation auf Anpassungsfähigkeit. Systeme, Prozesse und Mitarbeiter dienen nicht mehr nur einem bestimmten Anwendungsfall oder Zweck. „Digitale Geschäftsinitiativen scheitern, wenn die Geschäftsleitung Projekte bei der IT-Organisation in Auftrag gibt und sich dann vor der Verantwortung für die Implementierungsergebnisse drückt, indem sie es als ein weiteres IT-Projekt behandelt“, so Analystin Monika Sinha von Gartner. „Stattdessen setzen Unternehmen mit hoher Composability auf eine verteilte Verantwortlichkeit für die digitalen Ergebnisse, was einen Wandel widerspiegelt, den die meisten CIOs schon seit einigen Jahren anstreben, sowie auf die Schaffung multidisziplinärer Teams, die Geschäfts- und IT-Einheiten zusammenführen, um den Geschäftserfolg voranzutreiben.“

Auch Katrin Wischhusen erkennt den Wandel zur Composability deutlich. Im E-3 Round Table meint sie, dass natürlich die Erfahrungen aus der Vergangenheit helfen würden, nun mit einer erhöhten Disziplin und nahe am Standard in die nächste ERP-Generation zu gehen. Jedoch braucht es dafür auch die passenden Werkzeuge und Konzepte wie etwa die 80/20-Regel. 

Bei der systematischen Nutzung von Daten steht ein großer Teil der Unternehmen noch am Anfang. Frage: Wie sehen Sie Ihr Unternehmen bei den folgenden technologischen Themen aufgestellt? Skala von 1 = „ganz am Anfang“ bis 4 = „weit fortgeschritten“; Häufigkeitsverteilung; n = 107. Lünendonk®-Marktsegmentstudie 2021: Der Markt für Digital Experience Services in Deutschland.

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

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