Mag 22-03 Szene

Component-Based Architecture

[shutterstock_382889905-Profit_Image]

Die anlaufende S/4-Conversion entspricht den Anforderungen der digitalen Transformation. Am Ende des Wegs könnte auch eine Component-Based Architecture stehen, erklärt Roland Roudny von Q_Perior

Mit Roland Roudny, Partner und verantwortlich für den Bereich SAP bei Q_Perior, diskutierte Peter M. Färbinger die Herausforderungen des laufenden ERP-Releasewechsels in der SAP-Community. Am Ende des Gesprächs eine Hoffnung und Chance für die SAP-Bestandskunden: Der Monolith ERP könnte in unabhängige Komponenten filetiert und diese über Schnittstellen miteinander gekoppelt werden. Somit können sich Partner auf Basis dieser Infrastruktur mit Lösungen einbringen.

E-3: Digitale Transformation bedeutet beim Thema SAP S/4 mehr als nur einen Releasewechsel. Welchen Mehrwert bieten Sie einem SAP-Bestandskunden und was ist zu tun, um diesen Mehrwert zu bekommen?

Roland Roudny: S/4 Hana verfolgt einen völlig anderen Ansatz, Unternehmensprozesse technisch umzusetzen. Damit ergeben sich neue Möglichkeiten, Prozesse effizienter und effektiver aufzusetzen und komplett neu zu gestalten. Das gelingt aber nur, wenn der Wille zur Veränderung – also zum Neudenken von Abläufen – vorhanden ist. Wir sehen uns daher auch nicht als reine SAP- oder Technologieberatung, sondern bilden die Schnittstelle zwischen Management, Fachbereichen und der IT-Organisation. Unsere erste Frage ist also nicht: Welche technischen Voraussetzungen braucht ein Kunde für den Releasewechsel? Wir analysieren vielmehr, welche Mehrwerte ein Unternehmen durch den Wechsel potenziell realisieren kann. 

E-3: Welche Werkzeuge werden für eine Hana-Conversion und einen S/4-Releasewechsel verwendet?

Roudny: SAP bietet eine ganze Reihe von Standardwerkzeugen für den Wechsel an. Dazu gehören zum Beispiel der Readiness Check, das Migration Cockpit oder der Software Update Manager. Darüber hinaus bringen wir eigene Werkzeuge und Projektbeschleuniger ein, die einen Release- und Datenbankwechsel zusätzlich unterstützen und deutlich vereinfachen. So archivieren oder löschen wir im Vorfeld der eigentlichen Migration mit unseren Werkzeugen Daten DSGVO-konform oder überprüfen Finanzdaten, was die eigentliche Migration ebenfalls vereinfacht und beschleunigt. Zudem setzen wir – etwa beim Thema Berechtigungen – spezifische Werkzeuge unserer Partner ein. 

E-3: Eine wesentliche Komponente der digitalen Transformation sind die Geschäftsprozesse. Was passiert mit den kundenindividuellen Abap-Entwicklungen und Modifikationen?

Roudny: Die Analyse von Geschäftsprozessen steht bei unseren S/4-Projekten im Mittelpunkt. Hier liegt das eigentliche Nutzenpotenzial für unsere Kunden. Prozessanalysetools wie SAP Spotlight geben dabei einen Einblick über die aktuelle Nutzung der Standardprozesse und erste Hinweise auf mögliche Ansatzpunkte zur Optimierung.

E-3: Wo passiert das?

Roudny: Das kann auch schon auf der bestehenden ECC-Plattform zur Vorbereitung der eigentlichen S/4-Migration genutzt werden. Die SAP-Best-Practice-Prozesse im S/4 sind dann der nächste Schritt, um die aktuellen Prozesse zu analysieren. Wir empfehlen – wenn möglich –, die vorkonfigurierten Lösungen zu verwenden. Erst jetzt kann eine Beurteilung der bestehenden Kundenerweiterungen oder Modifikationen vorgenommen werden. In vielen Fällen sind diese historisch gewachsenen Erweiterungen nicht mehr notwendig, da sie durch den aktuellen Standard gut abbildbar sind oder sie seit Jahren nicht mehr verwendet werden.

E-3: Und was passiert mit dem Rest?

Roudny: Entwicklungen, die weiterhin notwendig sind und nicht durch den Standard abgedeckt werden können, sollten dann auf die Möglichkeit zur Portierung auf die Business Technology Plattform hin geprüft werden – „Keep the Core Clean“. Damit erreicht man eine saubere Trennung zwischen dem SAP Core und den Individual-Entwicklungen, was den späteren Betrieb deutlich vereinfacht.

E-3: Und für das Business Process Reengineering – also Process Mining: Was empfiehlt Q_Perior? Celonis oder Signavio?

Roudny: Derzeit gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Celonis ist eine führende Lösung für Process Mining. Signavio verfolgt einen breiteren Ansatz und umfasst Process Management – also Modellierung –, Process Mining und Process Governance, den Workflow. Dazu kommt ein Portal zur kollaborativen Bearbeitung von Prozessen.

E-3: Was ist wichtig?

Roudny: Die Prozesskollaboration ist eine zentrale Funktion zur Überwindung des Gaps zwischen Business und IT, der in vielen Unternehmen noch stark ausgeprägt ist. Während früher Abläufe durch das Business beschrieben und anschließend durch die IT umgesetzt wurden, können heute beide Seiten eine einheitliche Darstellung nutzen, welche zudem mit Echtdaten aus dem Process Mining hinterlegt ist. Dabei sind die Prozessmodelle nicht auf den Funktionsumfang des SAP-Portfolios beschränkt: Über Adapter lassen sich zahlreiche andere Standardapplikationen einbinden und selbst Individualentwicklungen können mit Anpassungen integriert werden.

E-3: Wohin geht die S/4-Reise?

Roudny: Letztlich ist es eine strategische Entscheidung, ob man den Ansatz Best-of- Brand oder Best-of-Breed verfolgt. Unabhängig davon gilt auch hier, dass beide Tools ihr Potenzial nur dann entfalten können, wenn die Zusammenarbeit zwischen Business und IT eng und die Bereitschaft zu Veränderungen gegeben ist. Hierzu können beide Tools durch die Bereitstellung von Fakten beitragen.

E-3: Nicht nur die Algorithmen gehören überarbeitet und optimiert, auch viele Daten aus den R/3- und ERP/ECC-6.0-Systemen sind zu konsolidieren und zu archivieren. Welche Lösungen bietet Q_Perior für die Daten-Compliance?

Roudny: Generell ist die Datenthematik ein wesentlicher Inhalt der ersten Gespräche mit unseren Kunden. Bei einem Brownfield-Ansatz ist das Thema Archivierung abhängig vom Systemzustand ein wesentliches Thema, während beim Greenfield-Ansatz der Fokus auf der Datenbereinigung liegt. Bei der Datenbereinigung wird vielen Kunden die Bedeutung des Master-Data-Managements bewusst. Dies ist kein einmaliger Aufwand, sondern erfordert eine Prozessbetrachtung im Bereich des Data-Managements, da sonst die Datenqualität nach kurzer Zeit auf das alte Niveau sinken würde. Zur Erarbeitung eines optimalen und pragmatischen Ansatzes haben wir eine Methodik entwickelt, in welcher wir sowohl Tools der SAP als auch eigene Werkzeuge wie das Data Reduction Framework abhängig von der jeweiligen Situation integrieren.

E-3: Wie erklären Sie das Konzept Rise with SAP und welche Komponenten aus diesem Konzept könnten relevant sein?

Roudny: Rise with SAP rückt die Frage nach dem generellen Cloud-Ansatz in den Mittelpunkt. Wie steht ein Unternehmen zur Cloud – nicht nur für S/4? Will es dezidierte Cloud-Produkte wie Ariba, SuccessFactors und andere Cloud-Lösungen nutzen? Diese Diskussion hat am Ende viel mit der grundsätzlichen Ausrichtung der zukünftigen Architektur zu tun, die von Anfang an geklärt sein sollte, um aufwändige Anpassungen zu vermeiden. Die konkrete Umsetzung, wie etwa die Wahl des Hyperscalers, ist dann der nächste Schritt, bei dem wir dann auch detailliert auf das Rise with SAP-Konzept eingehen.

E-3: Wie knapp werden 2022 die Ressourcen für Consulting und Conversion?

Roudny: Obwohl das Wartungsende für SAP ERP ursprünglich bei Ende 2025 lag, war es ungewöhnlich ruhig bei den Unternehmen. Zum Glück hat SAP das Wartungsfenster verlängert. Sonst wäre es sehr eng für viele geworden. Wir merken deutlich, dass S/4-
Hana-Anfragen zunehmen und der Beratermarkt angespannter wird. Darauf weisen auch Studien schon einige Zeit hin. Daher empfehle ich dringend, sich zeitnah um dieses Projekt zu kümmern und die benötigten Ressourcen sicherzustellen. Was wir derzeit beobachten und eigentlich nicht die Lösung des Termindrucks sein darf: Unternehmen setzen von Beginn an auf einen Brownfield-Ansatz, nur um schneller und risikofreier bis 2027 oder 2030 transformieren zu können. Ich denke, damit verpassen sie die einmalige Chance, notwendige Veränderungen im Bereich Prozesse und Organisation im System zu verankern.

E-3: Welche SAP-Themen werden 2022 das meiste Gewicht haben und im Fokus der Anwender stehen?

Roudny: Die Transformation zu S/4 Hana wird die Diskussion dominieren. Damit einher geht die Frage nach der Cloud-Architektur innerhalb des Unternehmens. Dazu kommen die Themen rund um die Datenanalyse, wozu auch Machine-Learning-Ansätze oder Predictive Analytics zählen. Aus Sicht der Anwender in den einzelnen Industrien spielt zudem immer die Frage eine große Rolle, wie sie neue Lösungen speziell für ihre Branche integrieren oder weiterentwickeln können. Als Querschnittsthema wird zudem Fiori wichtig sein, da es allen SAP-Anwendern hilft, die Anwendungen intuitiver zu nutzen. Dies ist besonders für SAP-Neueinsteiger eine große Hilfe.

E-3: Erwartet sich Q_Perior von SAP im kommenden Jahr besondere Schwerpunkte und Innovationen oder auch eine adaptierte, strategische Ausrichtung?

Roudny: Aus meiner Sicht steht die grundsätzliche strategische Ausrichtung bei SAP. Und die heißt: Cloud. Auf dieses Thema zahlen dann Initiativen wie Rise with SAP, Industry Clouds oder Weiterentwicklungen in der Cloud ein. Wir sehen bei unseren Kunden, dass diese strategische Ausrichtung auch gewünscht ist. Was spannend werden könnte, sind die Auswirkungen der strategischen Partnerschaft mit Microsoft und natürlich die Innovationen, die Gartner als Component-Based Architecture bezeichnet. SAP zerlegt den großen Monolithen ERP in unabhängige Komponenten, die über Schnittstellen miteinander gekoppelt sind. Somit können sich Partner auf Basis dieser Infrastruktur mit Lösungen einbringen. Wir versprechen uns davon viele gute Ansätze für unsere Kunden.

E-3: Danke für das Gespräch.

Über den Autor

Roland Roudny, Q_Perior

Ronald Roudny verstärkt als Partner Q_Perior am Standort Österreich

Über den Autor

E-3 Magazin

Information und Bildungsarbeit von und für die SAP-Community.

Hinterlassen Sie einen Kommentar