Editorial MAG 21-10

Cloud Exit

Editorial

Während SAP kämpft, die Bestandskunden in die Cloud zu bekommen, fehlt es in der SAP-Community an Organisation und Lizenzrechtssicherheit für eine möglicherweise notwendige Cloud-Exitstrategie.

Es ist ein Dilemma und Paradoxon zugleich: Cloud Computing wird den SAP-Bestandskunden als ultimative Freiheit und Flexibilität angetragen. Nach qualvollen Jahren im eigenen Rechenzen-trum soll die Cloud das befreite Durchatmen ermöglichen. Fehlende Flexibilität der eigenen Infrastruktur soll in der Cloud durch grenzenlose Ressourcen kompensiert werden – aber einen Weg aus der Cloud bietet kaum jemand an. Was passiert, wenn Unternehmensteile verkauft oder stillgelegt werden? Wie kann man Daten, Prozesse und Businessobjekte aus der Cloud herauslösen und dennoch weiterverwenden?

Eine Cloud-Exitstrategie muss mehr sein als ein Download in einen Data Lake, denn dieses Repository besitzt keine Algorithmen. Die Daten ohne Geschäftsprozesse sind wertlos. Die Lizenzen liegen in der Cloud und für diese gibt es bei SAP keine Download-Funktion. Eine Exitstrategie muss demnach eine Exportfunktion für Businessobjekte sein, oder?

Die Cloud-Wahrheit liegt demnach wo anders, denn alle technischen und organisatorischen Argumente der Hyperscaler und SAP sind korrekt. Das Cloud-Dilemma sind die viel zu hohen betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie die unflexiblen und teuren Lizenzkosten beziehungsweise Subskriptionsgebühren. Es ist paradox, dass alle Cloud-Anbieter inklusive SAP von hohen Einsparungswerten sprechen und diese mit den operativen Hardwarebetriebskosten rechtfertigen, aber kaum jemand von den exorbitanten Subskriptionsgebühren und der fehlenden Exitmöglichkeit spricht.

SAP versucht das rigide und teure On-prem-Lizenzmodell in der Cloud sogar zu übertreffen. Anlässlich eines SAP-Lizenzvortrags wurde die rhetorische Frage gestellt: Wie will SAP-Finanzvorstand Luka Mucic in den kommenden Jahren die von ihm prognostizierte Umsatzsteigerung realisieren? Mittels Neukunden wird das versprochene Wachstum nicht möglich sein. Größere Übernahmen und Zukäufe und damit zu erzielende Umsatzsteigerungen schlossen SAP-Chef Christian Klein und Luka Mucic aus. Was bleibt, sind die SAP-Bestandskunden.

Das On-prem-Lizenzmodell mit seiner jährlichen Pflegegebühr ist für SAP sehr profitabel, aber kaum mehr ausbaubar. Eine neuerliche Anhebung des Prozent-satzes der zu zahlenden Pflegegebühr in Abhängigkeit vom Lizenzlistenpreis ist kaum vorstellbar, weil SAP kontinuierlich das Leistungsangebot im On-prem-ERP/ECC-6.0-Bereich reduziert. Schon seit einiger Zeit gibt es Proteste bezüglich des schlechten Preis-Leistungs-Verhältnisses. Für SAP scheint das On-prem-Szenario ein Auslaufmodell zu sein.

Aber mehr als die Hälfte der befragten DSAG-Mitglieder will on-prem bleiben. Die Vorbehalte gegenüber der SAP-Cloud scheinen gewaltig zu sein. SAP betreibt die eigene Cloud ähnlich den existierenden On-prem-Blackboxes. Das aktuelle Szenario wirkt wie ein R/3 im Wolkenkuckucksheim. Die angebliche Cloud-Flexibilität begräbt SAP unter den eigenen Lizenzbedingungen – am Ende der Vertragslaufzeit hat der SAP-Cloud-Kunde nur die Möglichkeit einer Verlängerung, zu welchem Preis auch immer! Eine Exitstrategie gibt es nicht und damit auch keine Option auf Preisverhandlungen. Wählt der Bestandskunde also ein Subskriptionsmodell (Con-tract oder Product Conversion), scheint er auf ewig SAP ausgeliefert zu sein.

Nach Jahren des Experimentierens – Jugend forscht – gibt es für den operativen SAP-Betrieb hinreichend nutzbare Cloud-Infrastruktur bei SAP selbst und den Hyperscalern. Somit ist vorerst gegen das Einnorden Richtung Cloud nichts einzuwenden, wären da nicht die inakzeptablen Lizenzmodelle ohne Exitstrategie. Bereits bei den On-prem-Modellen war es SAP nicht möglich, „atmende“ Systeme anzubieten. Der spektakulärste Fall war ein mögliches SAP-System für die Deutsche Bundeswehr: Im Einsatzfall braucht es viele Lizenzen, im Friedensfall wesentlich weniger. Eine Stilllegung von Lizenzen ist bei SAP immer schwierig, weil bei neuerlicher Aktivierung die Gefahr der Nachlizenzierung besteht.

Die All-in-Cloud-Verträge sind somit eine mathematische Trapdoor-Funktion – eine Einwegfunktion. Es gibt nur eine Richtung: hinein in die Cloud. Raus kommt hier kein Bestandskunde! Der theoretische Mathematiker würde auf eine Primzahlenzerlegung hoffen, die in der Kryptografie funktioniert, sicher aber nicht im ERP. Wer kennt eine Cloud-Exitstrategie und ein dazu passendes On-prem-/Cloud-Lizenzmodell?

Über den Autor

Peter M. Färbinger, E-3 Magazin

Peter Färbinger, Herausgeber & Chefredakteur E-3 Magazin
B4Bmedia.net AG, Freilassing, Deutschland.
Erreichbar unter [email protected] | Tel.: +49(0)8654 77130-21

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